Musiktheater und Konzert

Es geschah am 25. Juli 1981. Damals war ich 15 Jahre jung, lebte in einer deutschen Kleinstadt im Rheinland und verbrachte an diesem Tag sechs Stunden voller Faszination vor dem Radio: Wagners „Tristan“ live von den Bayreuther Festspielen – mit René Kollo in der Titelpartie. Noch heute spüre ich in mir, wie ich seinerzeit als blutjunges Mädchen Tristans Fieberträume und Isoldes Liebestod im dritten Akt erlebte. In diesen Stunden fiel die Entscheidung, meinen Lebensweg in diese Richtung zu lenken ...


Unmittelbar nach meinem geisteswissenschaftlichen Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dessen Mittelpunkt Philosophie und Musikwissenschaft standen, ermöglichte mir ein seinerzeit hervorragend dotierter Auftrag den Weg in die Selbständigkeit, den ich seit nunmehr fast drei Jahrzehnten erfolgreich fortsetzen konnte.


Insbesondere danke ich Familie Schessl und dem wunderbaren Team von „münchenmusik“ für eine langjährige vertrauensvolle und erfüllende Zusammenarbeit.


Darüber hinaus arbeitete bzw. arbeite ich u.a. für

  • Wiener Konzerthaus
  • Richard-Strauss-Institut Garmisch-Partenkirchen
  • Carpe artem
  • Pro Events
  • Nationaltheater Weimar
  • Bayerische Staatsoper München
  • Münchner Philharmoniker
  • Österreichische Bundestheater
  • Mozarteum Salzburg
  • Bayerischer Rundfunk
  • WDR Köln
  • Deutschlandradio

Im Mittelpunkt meines Interesses steht dabei immer die ganzheitliche Betrachtung der Musikgeschichte – Musik als Medium gesellschaftlicher Strömungen und philosophischer Diskurse. Hier ein kleines Beispiel aus meiner essayistischen Arbeit in diesem Bereich anlässlich des 250 Geburtstages von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020:

 

 

Beethoven für das 21. Jahrhundert

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – keine Frage: Mit diesem Vokabular befinden wir uns mittendrin in den aktuellen gesellschaftlichen, philosophischen und politischen Diskussionen 2020 – das Jahr, in dem die Welt des 250. Geburtstages eines Künstlers gedenkt, der dank seines Mediums, der universell verständlichen Weltsprache Musik, zu einer globalen Ikone der Menschheitsgeschichte werden konnte: Ludwig van Beethoven. 1770 im rheinischen Bonn, damals eine kleine kurfürstliche Residenzstadt, geboren, fand der junge Musiker schnell seinen Weg heraus aus der Provinz nach Wien, die Kaiserstadt an der Donau, die als Zentrum der habsburgischen Monarchie seinerzeit neben Paris die bedeutendste Kulturmetropole Europas war. Die Weltstadt Wien, ihre unverwechselbare kulturelle Identität und gleichzeitige ideelle Vielfalt machten Beethoven zum Weltbürger – was an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert natürlich keine globale Präsenz bedeutete, sondern vielmehr eine geistige Orientierung umschrieb, deren Ausrichtung einer individuellen Verarbeitung und Interpretation der aktuellen philosophischen Ideen und internationalen gesellschaftshistorischen Prozesse folgte. In Beethovens Verständnis derselben dominierten mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Idealen der französischen Revolution, und einem in der symphonischen Begrifflichkeit der „Pastorale“ formulierten Naturverständnis Begriffe, die den eingangs erwähnten des 21. Jahrhunderts mehr als nahestehen – Worte und Gedanken, die ähnliche Lösungsansätze für gleiche Fragestellungen und Probleme implizieren. Die Auseinandersetzung mit Beethoven zeigt, dass die großen Themen der Vergangenheit auch die der Zukunft sind. Die Zeit und die Schauplätze mögen sich verändert haben, aber das Stück – die Tragödie? – in den Kulissen des 21. Jahrhunderts berührt die gleichen Themen, die die Menschheit immer begleiteten und die immer aktuell bleiben werden. Dabei werden Fragen gestellt und Probleme thematisiert, die unabhängig von Raum und Zeit sind und die daher auch dementsprechender Lösungen – globaler Lösungen – bedürfen: Wie schaffen wir eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihre Potenziale zu leben und ihrem Dasein auf dieser Welt einen Sinn und ein Ziel zu verleihen – und mit diesem sinnerfüllten Leben genau das zu finden, was wir Glück nennen …

 

„Alle Menschen werden Brüder"

 

1823 vertonte Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne. 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU. Die Hymne symbolisiere dabei nicht nur die Europäische Union, sondern Europa im weiteren Sinne.

Auch die deutsche Bundesregierung erinnert in ihrem Webauftritt noch heute an jenes denkwürdige Konzert im ehemaligen Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vom 25. Dezember 1989, als der amerikanische Dirigent und Komponist Leonard Bernstein Beethovens Neunte mit einem internationalen Ensemble mit Musikern aus Ost und West dirigierte und der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall ein musikalisches Denkmal setzte: „Freiheit, schöner Götterfunken“ hieß es in dieser denkwürdigen und geschichtsträchtigen Aufführung, in der in Beethovens „Ode an die Freude“ das Wort „Freude“ jedes Mal durch „Freiheit“ ersetzt war.

Schillers Ideal einer Verbrüderung der Menschheit war eine Vision, die Beethoven teilte, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. „Alle Menschen werden Brüder“ – Schiller und Beethoven sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Sie sprechen von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen. „Diesen Kuss der ganzen Welt“ – Schiller und Beethoven präsentieren mit ihrem europäisch-humanistischen Ansatz eine globale Lösung …

 

„… geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“

 

Nicht nur Leonard Bernstein demonstrierte 1989 im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung  mit dem Schlusssatz der Neunten die gesellschaftspolitische Botschaft der Beethovenschen Musik. 2017 markierte Beethovens 6. Symphonie, die „Pastorale“, die zentrale symbolische Botschaft der 23. Weltklimakonferenz in Bonn und wurde zur Initiale des aktuellen „Beethoven Pastoral Project“, das im Rahmen dieses Gipfels vorgestellt wurde. „Es lag nichts näher, als ein Projekt zu entwickeln, das auf diesem Stück [gemeint ist die „Pastorale“] basiert. Es ist ein Porträt der Natur mit ihrem unermesslichen Reichtum und ihrer Vielfalt“, umschrieb der Musikwissenschaftler Luis Gago das Projekt, das unter der Schirmherrschaft von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, steht.

Beethovens „Pastorale“ spricht vom Verhältnis von Mensch und Natur, von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, die eine intakte Natur im Menschen zu wecken vermag – seinerzeit erfahrungsbasierte Vorstellungen, heute mit molekularbiologischen Methoden auf empirisch-wissenschaftlicher Basis nachgewiesenes allgemeingültiges Wissen. Beethoven liebte die Natur. „Wie froh bin ich einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich – geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“, schrieb der Komponist in seinem „Heiligenstädter Testament“. Schon damals im frühen Industriezeitalter wurden erste Veränderungen, die die beginnende Industrialisierung mit sich brachte, thematisiert. Freilich, damals war es vorrangig noch der Lärm der Pferdekutschen auf dem innerstädtischen Kopfsteinpflaster, vor dem die Großstädter aufs Land flüchteten, und auch Beethoven genoss seine legendären ausgedehnten Spaziergänge und Wanderungen in der vielfältigen Landschaft des Wiener Walds und der Weinberge vor den Toren der Stadt. Der hymnische Gestus im Finale der „Pastorale“ aber geht ganz im Sinne Beethovenscher Absolutheit über das persönliche Empfinden weit hinaus und gelangt zu einer metaphysischen Darstellung universeller Naturgesetze, deren Allgemeingültigkeit sich auch das menschliche Handeln in all seinen Facetten weder widersetzen noch entziehen kann: Beethovens „Pastorale“ als tönende Mahnung an die Welt gerät so zu einem frühen künstlerischen Manifest der aktuell dominierenden Diskussionen um den Klimaschutz.

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – das Vokabular des 21. Jahrhunderts war auch jenes dessen, der vor 250 Jahren zur Welt kam: Ludwig van Beethoven …