ZukunftDenken für Mensch und Tier - Weblog

"Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben!"

(Albert Einstein)

 

In  "ZukunftDenken" gibt's regelmäßig Gedanken und Perspektiven aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Fragen, die unsere Zukunft bestimmen ... vielfältig, aber stets aus dem Blickwinkel von Verantwortung und (Menschen-)Würde ... Einen Schwerpunkt bildet dabei unser Zusammenleben mit andersartigem Leben - hier mit unseren Hunden, zu denen wir eine enge Bindung haben. Diese Bindung aus neuen oder ungewohnten Blickwinkeln zu betrachten ist ein Thema, das unserem Zukunftsbild möglicherweise sehr verwandt ist und in diesem Zusammenhang durchaus wertvolle Akzente setzen kann.

 

Die beliebten Buchtipps findet Ihr ab sofort in einem eigenen Buchblog auf der Seite ZukunftLesen!

 

16. September 2022

Schlafende Hunde weckt man nicht

Schlaf und Traum beeinflussen Gedächtnisleistung und vieles mehr


In dem altbekannten Sprichwort, dass man keine schlafenden Hunde wecken sollte, steckt einiges an Wahrheit, denn der Schlaf ist für unsere vierbeinigen Freunde ebenso wie für uns selbst unverzichtbar und die wichtigste Regenerationsphase des Organismus.

Dass Hunde weit länger schlafen als Menschen, ist allgemein bekannt. 17 bis 20 Stunden Ruhe und Schlaf pro Tag sind unseren Vierbeinern ein natürliches Bedürfnis – für Welpen und betagte Senioren sind 20 Stunden sogar eher ein Mindest- denn ein Höchstmaß der Ruhezeit, die nur von kurzen Aktivitätsphasen unterbrochen wird. Darin ist das für Mensch und Hund gleichermaßen entspannende gemeinsame Kuscheln auf dem Wohnzimmersofa ebenso enthalten wie der echte Tiefschlaf und die Zeit lebhafter Traumsequenzen. Manch zweibeinige Hundeeltern fragen sich immer wieder, wovon ihr Liebling wohl gerade träumen mag oder welche Bilder in seinem Kopf entstehen, wenn seine Bewegungen im Schlaf an den Spurt einer Jagdsequenz erinnern oder ein sanftes Jaulen uns wie die zufriedene Antwort auf Zuwendung und Anerkennung scheint.

 

Schlafphasen und Traumsequenzen

 

Tatsächlich hat die Wissenschaft bis heute bereits einige Antworten auf Fragen rund um das Schlafverhalten unserer Hunde und die Funktion ihrer Traumsequenzen.  Bereits 1977 konnten Forscher nachweisen, dass Hunde ganz ähnlich wie Menschen den Schwerpunkt ihrer Schlafphasen während der Dunkelheit erleben und dabei mehrfach verschiedene Schlafphasen durchlaufen. Aufzeichnungen der Hirnaktivität zeigten schon damals, dass Hunde  im Verlauf von 24 Stunden 44% der Zeit im Wachzustand, 21% in einer Leicht-Schlafphase, 23% im Tiefschlaf und 12% im REM-Schlaf verbrachten. Die Abkürzung REM steht dabei für die englische Bezeichnung Rapid Eye Movement (dt. schnelle Augenbewegungen) und bezeichnet die Schlafphase, in der die Augen bei geschlossenen Lidern hin und her wandern und in der zugleich Atemfrequenz und Blutdruck ansteigen – beim Menschen die Zeit der bizarren Träume in der zweiten Nachthälfte, an die wir uns beim Aufwachen oft erinnern ... 

Dass auch Hunde während der REM-Schlafphase lebhaft träumen, davon ist nicht nur Stanley Coren, Psychologie-Professor der University of British Columbia, überzeugt, sondern auch Forscher des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge konnten schon 2001 an schlafenden Ratten dokumentieren, dass ihre Hirnaktivitäten denen des Menschen beim Träumen sehr ähnlich sind. Zudem fanden die Forscher während der REM-Schlafphasen der Ratten Aktivitätsmuster in ihrem Gehirn, die denen entsprachen, die sie auch während der Bewegungsaktivitäten in ihren Wachphasen zeigten. Die Forscher schlossen daraus, dass die Tiere ihre Wachaktivitäten im REM-Schlaf wieder erlebten, und werteten ihre Ergebnisse als Hinweis, dass Träume natürlicher und häufiger Bestandteil der Hirnaktivität schlafender Säugetiere sind. Dass sich die Aktivitätsmuster dabei zwischen dem Tiefschlaf- und der REM-Schlafphase deutlich unterschieden, werteten die Wissenschaftler als Bestandteil des Lernens und der Gedächtnisbildung, die im Schlaf gefördert wird. Demnach scheint der Tiefschlaf die Aktivitäten des Tages zu ordnen und zu speichern, während das Gehirn in der REM-Phase versucht, Verbindungen zwischen Dingen und Erinnerungen zu finden, die bisher in keinem Zusammenhang standen. „Das bizarre Schlafbild von REM-Träumen könnte eine Manifestation dieses tieferen Prozesses sein“, sagen die Forscher.

 

„Hunde träumen Hundethemen“

 

Coren zufolge dauert die REM-Schlafphase bei Hunden etwa zwei bis drei Minuten. Aufmerksame Besitzer können jetzt beobachten, dass die Atmung des Tieres unregelmäßiger wird, und vor allem bei Welpen und sehr alten Hunden sind nun deutliche Muskelzuckungen zu bemerken. Dafür ist bei Hunden ebenso wie beim Menschen ein Teil des Hirnstamms, unter anderem die sogenannte Brücke, verantwortlich, die die Muskulatur während des Schlafes hemmt und so verhindert, dass wir unsere Träume ausleben. Dieser Teil des Gehirns ist bei Welpen noch in der Entwicklung begriffen und funktioniert bei alten Hunden möglicherweise nicht mehr so effizient, vermuten der Wissenschaftler – genau wie bei sehr jungen und sehr alten Menschen. Studien, in denen die hemmende Funktion der Brücke vorübergehend deaktiviert wurde, waren bisher die einzige Möglichkeit, in hundliche Träume zu schauen, denn wenn die Brücke ausgeschaltet ist, beginnen Hunde ihre Träume auszuleben – ganz ähnlich wie Menschen mit einer REM-Schlafstörung. „Im Grunde haben wir gefunden, dass Hunde von Hundethemen träumen“, sagt Coren und verweist auf die Ähnlichkeit der Traummuster bei Hunden und Menschen. Deirdre Barrett, Psychologie-Professorin an der Harvard Medical School, geht noch einen Schritt weiter: „Da Hunde im Allgemeinen extrem an ihren menschlichen Besitzern hängen, ist es wahrscheinlich, dass der Hund von ihrem Gesicht und ihrem Geruch träumt“, vermutet die Schlafforscherin, die im Bereich der Evolutionspsychologie arbeitet und sich dabei auch mit dem Schlaf nicht-menschlicher Säugetiere beschäftigte.

 

Schlaf fördert Gedächtnisleistung

 

Wir alle kennen den guten alten Rat, die Lerninhalte am Vorabend einer Prüfung nochmals zu rekapitulieren und dann frühzeitig und entspannt schlafen zu gehen. Dass Schlaf die Gedächtnisleistung nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Hund nachhaltig verbessert, ist das Ergebnis einer Studie aus Ungarn, die mittels verschiedener nicht-invasiver Aufzeichnungsmethoden die Hirnaktivität schlafender Hunde analysierte, um Inhalt und Funktion ihres Schlafes zu erforschen. Hier wurde vor allem der Einfluss des Schlafs auf die Gedächtnisleistung und das Lernen untersucht – auf die sogenannte „Gedächtniskonsolidierung“, die im Gehirn Informationen zusammenführt und in Erinnerungen packt, die künftig als Erfahrungspotenzial verwendet werden können. Das Forscherteam rund um Anna Kis von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften kam zu zwei bemerkenswerten Ergebnissen: Der Schlaf beeinflusste nicht nur das Lernen der Hunde, sondern die gemessenen Hirnaktivitäten sprachen auch für eine Zunahme der Schlaftiefe nach dem Lernen. „Dies deutet darauf hin, dass die neu gewonnenen Informationen im Schlaf erneut verarbeitet und konsolidiert werden“, erklärt Kis und erkennt in der Korrelation zwischen der Leistungsverbesserung nach dem Schlafen und bestimmten EEG-Mustern „einen starken Hinweis darauf, dass die Veränderungen im Schlaf-EEG, die wir nach dem Lernen beobachten, funktionell mit der Gedächtniskonsolidierung zusammenhängen“. (EEG ist die Abkürzung für Elektroenzephalographie. Dies ist eine nicht-invasive Untersuchungsmethode, die die elektrische Aktivität des Gehirns aufzeichnet und so schnell und unkompliziert einen Überblick über die Hirnaktivität bietet.

Wie beim Menschen so scheinen auch beim Hund während des Schlafens neue Verbindungen zwischen den Hirnzellen zu entstehen, wodurch sich gelernte Gedächtnisinhalte festigen.

Diese Erkenntnisse in die Hundeausbildung einzubeziehen, könnte sich für den Trainingserfolg durchaus als vielversprechend erweisen, und die Forscherin empfiehlt: „Um langfristig den höchsten Erfolg zu erzielen, sollte dem Lernen eines neuen Befehls eine Aktivität folgen, die diese neue Erinnerungsspur nicht beeinträchtigt, z.B. schlafen, laufen oder spielen – aber nicht andere Dinge lernen.“ Dass spielerische Aktivität nach dem Lernen die Gedächtnisleistung verbessert, konnte auch die Verhaltensmedizinerin Dr. Nadja Affenzeller (Veterinärmedizinische Universität Wien) in einer aktuellen Studie mit Labrador Retrievern nachweisen.

 

Guter Schlaf hält gesund …

 

Darüber hinaus beeinflusst ein gesunder und erholsamer Schlaf auch andere Regelsysteme des Organismus positiv. So unterstützt eine gute Steuerung der inneren biologischen Uhr auch die nächtliche Arbeit des Immunsystems, Zellschäden zu beseitigen und mögliche Kopierfehler, die sich während der Zellteilung in die DNS (Biomoleküle, die die gesamten Erbinformationen eines Organismus enthalten) eingeschlichen haben, zu reparieren. Ein lebenswichtiger Mechanismus, denn eine  optimale Funktion der Reparaturgene gehört zu den wirkungsvollsten körpereigenen Schutzmechanismen vor der Entstehung einer Krebserkrankung. Ausreichend erholsamer Schlaf lässt zudem den körpereigenen Cortisolspiegel absinken und steigert die Stoffwechselrate, womit Appetit und Hungergefühle reguliert werden.

 

… und jung!

 

Zudem hat sich die Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten intensiv mit dem Einfluss von chronischem Stress und verminderter Schlafqualität auf die Zellalterung beschäftigt, die letztlich das biologische Alter des gesamten Organismus bestimmt. Dabei steht sie wiederum in engem Zusammenhang mit dem Immunsystem, dessen Zellen schneller altern und damit weniger effizient arbeiten, wenn sie dem Stresshormon Cortisol ausgesetzt sind. Ein erholsamer Schlaf aber reduziert das Cortisol im Organismus!

Auch wenn es in diesen Bereichen noch kaum Forschungsarbeiten gibt, die sich unmittelbar mit dem Hund beschäftigen, so kann man wegen der biologischen Ähnlichkeiten bei Mensch und Hund doch von einer Vergleichbarkeit dieser Mechanismen ausgehen. Zweifellos Grund genug, das Schlafbedürfnis unserer Hunde zu beachten und in unsere Tages- und Aktivitätsplanung einzubeziehen!

 

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8. August 2022

Unser Einfluss auf die Gene

Wertvolles Wissen aus der Epigenetik für Hundehaltung und Zucht

 

Als Charles Darwin, einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler der Neuzeit, Mitte des 19. Jahrhunderts sein berühmtes Buch „Über die Entstehung der Arten“ veröffentlichte, revolutionierte dieses Werk weite Teile der Biologie und veränderte die Sicht auf die Entstehung des Lebens. Heute ist es u. a. der noch relativ junge Wissenschaftszweig der Epigenetik, der einen Teil der Theorien Darwins ins Wanken bringt.

Die Epigenetik erforscht die Kommunikation der Gene mit der Umwelt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Heute wissen wir, dass die unterschiedlichsten Umweltbedingungen einen weit größeren Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung eines individuellen Organismus haben, als man lange Zeit annahm, denn die Umwelt kann die Funktion der Gene über verschiedene Mechanismen steuern. Und da ein Teil dieser einmal im Genom abgespeicherten Steuerungselemente unter bestimmten Bedingungen auch vererbbar ist, determinieren Umwelteinflüsse und unsere Lebensweise nicht nur die Abläufe im eigenen Organismus, sondern können auch Wesen, Verhalten und gesundheitliche Konstitution bei den Nachkommen beeinflussen. Das Gleiche gilt für unsere Hunde. Betrachtete Darwin noch einzelne genetische Veränderungen oder Mutationen als die Grundlage der Selektion, so spricht die moderne Biologie den epigenetischen Mechanismen heute einen wesentlichen Anteil an der Evolutionsgeschichte zu.

 

Der klassische genetische Ansatz und das neue Bild der Epigenetik

 

Dem klassischen genetischen Ansatz zufolge codieren die Gene die Proteine, die in tausenden spezialisierten Varianten für alle strukturellen Merkmale und Funktionen der Zellen und des Organismus verantwortlich sind. Dabei ging man davon aus, dass die Proteine ausschließlich entsprechend den Aufbauanweisungen der Gene gebildet werden. Auf diesen abgeschlossenen Mechanismus, sozusagen auf die „fertigen“ Proteine, träfen dann verschiedene Umwelteinflüsse – Temperatur, Licht, Ernährung, Bewegung, Kommunikation –, und aus der Gesamtheit dieser Interaktion zwischen Organismus und Umwelt ginge der Phänotyp hervor. Der Genotyp eines Individuums bliebe demnach ein Leben lang gleich und würde ebenso unverändert von den Eltern an den Nachwuchs weitergegeben.

Jetzt aber kommt die Epigenetik ins Spiel, die sich in erster Linie mit den Eigenschaften beschäftigt, die bei einer einzelnen Zellteilung auf die Tochterzellen vererbt werden, die aber nicht im eigentlichen ursprünglichen Erbgut des Individuums verankert sind. Daraus ergibt sich ein neues, verändertes Bild von der Entwicklung des Phänotyps: Umwelteinflüsse greifen zusätzlich zu ihrer oben beschriebenen Interaktion mit den fertigen Proteinen bereits in deren Bauphase ein, indem sie durch verschiedene biochemische Vorgänge Gene sozusagen ein- und ausschalten können oder aber verhindern, dass die genetische Information, die zum Bau des entsprechenden Proteins notwendig wäre, abgelesen wird. Nicht ohne Folgen, denn keine Information bedeutet kein entsprechendes Protein! Somit können Umwelteinflüsse bestimmte Gene aktivieren bzw. deaktivieren, ohne dass das Genom bzw. das eigentliche Erbgut der DNA dadurch unbedingt verändert würde. Die Genetikerin Irene Sommerfeld-Stur fasst dieses scheinbar komplizierte Wechselspiel so zusammen: „Der genetische Code sagt dem Organismus, welche Proteine er grundsätzlich bauen kann. Der epigenetische Code sagt dem Organismus, wann und wo und in welcher Menge die genetisch codierten Proteine gebaut werden sollen.“

 

Die DNA – ein kleiner Prozentsatz Gene und ein gewaltiger Steuerungsapparat

 

Betrachtet man den gesamten langen Faden der DNA, machen die eigentlichen Gene nur einen sehr geringen Anteil desselben aus. Heute weiß man, dass wiederum nur ein kleiner Teil dieser Gene der Mendel’schen Vererbungslehre folgt, nämlich die Gene, die beständig aktiv sind und die für die unveränderlichen zentralen Eigenschaften eines Lebewesens stehen. Obwohl die großen Bereiche des DNA-Fadens zwischen den Genen sich aus den gleichen vier Nukleinbasen wie die Gene selbst, aus Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C) zusammensetzen, ging man lange Zeit davon aus, dass diese Abschnitte keinerlei spezifische Informationen enthalten würden und bezeichnete sie als mehr oder weniger überflüssige Junk-DNA. Heute hingegen weiß man, dass der weitaus größte Teil des Genoms relevante Informationen beinhaltet und damit auch eine spezifische Funktion ausübt. Die seinerzeit abgewertete Junk-DNA hat somit beträchtlichen Einfluss auf das Leben eines Organismus, und wahrscheinlich muss man davon ausgehen, dass diesen Abschnitten im Genom zusätzlich zu den heute bereits bekannten noch weitere Funktionen zukommen. Die eigentlichen Gene, die die Proteine codieren, machen nur einen kleinen Prozentsatz der DNA aus, der weitaus größere Teil ist ein gewaltiger Steuerungsapparat, in dem sich Sequenzen befinden, die die jeweils nachfolgenden Gene regulieren. Hier fällt die Entscheidung, ob und in welcher Intensität das nachfolgende Gen abgelesen und das entsprechende Protein produziert wird. Ob ein einzelnes Gen aktiviert wird oder nicht, ob sein codiertes Merkmal für den Organismus zum Tragen kommt oder nicht, wird somit über diese regulierenden Sequenzen der DNA gesteuert. Der größte Teil des Erbguts ist also nicht mit der Produktion von Proteinen beschäftigt, sondern mit der Frage, ob und wann diese Proteine hergestellt werden.

Diese regulierenden Sequenzen der DNA unterliegen den unterschiedlichsten Einflüssen und dienen u. a. als Bindungsstellen für sogenannte Steuerproteine, die entweder aus der Zelle selbst, von anderen Orten des Organismus oder auch aus der Umwelt kommen können. In der Interaktion des Organismus mit der Umwelt kann es so zu den unterschiedlichsten „Besetzungen“ dieser DNA-Sequenzen kommen, beispielsweise auch, wenn ein Organismus mit bestimmten Viren in Berührung kommt. Diese teils umweltbedingten Veränderungen funktionieren ganz ähnlich wie ein Ein-/Aus-Schalter und aktivieren oder blockieren das nachfolgende Gen.

Epigenetische Mechanismen sind darüber hinaus auch eine wesentliche Grundlage der Ausdifferenzierung von Stammzellen zu differenzierten Zellen mit einer bestimmten festgelegten Aufgabe und Funktion. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts ging der Biologe Hans Spemann davon aus, dass einzelne Zellen im Laufe ihrer Entwicklung immer mehr Informationen deaktivieren und sich gerade so zunehmend differenzieren können. Obwohl alle Zellen eines Organismus denselben Genotyp haben, entwickeln sie sich so zu höchst unterschiedlichen und vielfältigen Formen und Funktionen.

Jeder Organismus durchlebt mit der Organentwicklung während der Embryonalzeit, der Zeit der Primärsozialisation und der Pubertät besonders sensible Phasen für epigenetische Modifikationen. Aber auch außerhalb dieser Entwicklungsstufen können Umwelteinflüsse über die gesamte Lebensspanne hinweg diese Modifikationen immer wieder verändern. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu den irreversiblen Punktmutationen auf der DNA: Hier ist der genetische Code selbst an einer bestimmten Stelle durch eine Mutation verändert, d. h. der genetische Code gibt eine falsche Aufbauanleitung für die Aneinanderreihung der die Proteine aufbauenden Aminosäuren. Folglich wird lebenslänglich immer ein falsches oder auch gar kein entsprechendes Protein produziert. Epigenetische Modifikationen am Genom hingegen bleiben zeitlebens variabel und können sich beispielsweise mit Anpassungen des Lebensstils auch immer wieder verändern.

 

Epigenetische Mechanismen

 

Proteine übernehmen in einem Organismus bis in die kleinste Zellstruktur hinein die vielfältigsten Funktionen und Aufgaben und sind die Garanten für dessen Funktionalität und Lebensfähigkeit. Dabei werden die einzelnen Zellen sozusagen zur „Fabrik“ der von den Genen codierten Proteine. Damit der erste Schritt der Proteinproduktion, die Transkription, stattfinden kann, muss sich der Doppelstrang der DNA aufspalten können. Nur dann kann der genetische Code auf die Messenger-RNA (Boten-RNA) kopiert werden, die die genetische Information nun aus dem Zellkern hinaus zu den Ribosomen im Zellplasma trägt. Dort werden in einem zweiten Produktionsschritt entsprechend den Anweisungen der Messenger-RNA die von den einzelnen Basentripletts codierten Aminosäuren zu Proteinen verknüpft. Die benötigten Aminosäuren werden dafür von spezifischen Transfer-RNAs zu den Ribosomen gebracht.

Heute kennen wir drei epigenetische Mechanismen, die diesen physiologischen Prozess der Proteinsynthese beeinflussen bzw. an bestimmten Stellen verhindern können: die Methylierung, die Histonmodifikation und die RNA-Interferenz.

Bei der Methylierung setzen sich kleine Methylgruppen an bestimmten Positionen des genetischen Codes auf der DNA fest und verhindern damit den Vorgang der Transkription. Wie kleine Schlösser werden sie in das Erbgut eingebaut, das Ablesen des betroffenen Genabschnittes ist nicht mehr möglich. Die Folge ist, dass das entsprechende von diesem Abschnitt codierte Protein nicht produziert werden kann. Allerdings ist dieser Vorgang durchaus umkehrbar, denn die Methylgruppen können sich auch von der DNA lösen und das entsprechende Gen wieder freigeben. Dann steht einer erneuten Produktion dieses Proteins nichts mehr im Wege.

In der Histonmodifikation sorgen bestimmte biochemische Mechanismen dafür, dass die DNA im Zellkern derart dicht aufgerollt ist, dass sie sich nicht aufspalten und in der Folge auch nicht abgelesen werden kann. Ist keine Aufspaltung möglich, fehlt die notwendige Voraussetzung für die Transkription.

Bei der RNA-Interferenz wird die Messenger-RNA auf ihrem Weg zu den Ribosomen im Zellplasma von spezifischen, auf ihren Code passenden Micro-RNAs abgefangen und blockiert. Auch so wird die Produktion des entsprechenden Proteins verhindert. Die epigenetische Forschung geht heute davon aus, dass auch diese Micro-RNAs von den Abschnitten der DNA codiert werden, die noch vor einigen Jahrzehnten als „Abfall“ galten.

Diese epigenetischen Mechanismen bilden die biochemische Grundlage dafür, dass Umwelteinflüsse Genwirkungen modifizieren und Gene OHNE eine eigentliche Veränderung der Gensequenz aktivieren bzw. deaktivieren können. Wissenschaftler bezeichnen die Epigenetik folgerichtig denn auch als „die Sprache, in der das Genom mit der Umwelt kommuniziert“ (Peter Spork).

 

Konsequenzen für die Hundezucht?

 

Die Auseinandersetzung mit epigenetischen Mechanismen und Veränderungen hat für den Hund zwei wesentliche Konsequenzen. Zum einen verändert sich im Hinblick auf den immer wieder geforderten verantwortungsvollen Umgang mit der Erbgesundheit in der Rassehundezucht und für eine entsprechende Zuchtplanung absolut nichts! Epigenetik ist keine Ausrede für genetisch bedingte Krankheiten, denn „Gene, die nicht vorhanden sind, können auch nicht ein- oder ausgeschaltet werden“ – so Irene Sommerfeld-Stur, die in diesem Zusammenhang den Organismus mit einem Computer vergleicht: „Der genetische Code stellt die Hardware dar, der epigenetische Code das Betriebssystem und die Programme. Und jeder weiß: Wenn der PC defekt ist, nützt einem die tollste Software nichts.“

Aber bereits dem heutigen Wissensstand zufolge lautet die zweite für Züchter und Hundebesitzer gleichermaßen wichtige Botschaft der Epigenetik: Der Umwelt kommt eine noch größere Bedeutung zu als bisher gedacht – insbesondere in den angesprochenen sensiblen Lebensphasen.

Verschiedene Gelenkserkrankungen, die in vielen Hunderassen wegen genetischer Prädispositionen weitverbreitet sind, werden als multifaktoriell bezeichnet. Das bedeutet, dass zusätzlich zu den ererbten und im Genom verankerten Mutationen, die ursächlich für diese Erkrankungen verantwortlich sind, Aspekte der Aufzucht und des Heranwachsens eine bedeutende Rolle spielen. Einen jungen Hund rechtzeitig auf ein weniger energiereiches Futter umzustellen und damit das Wachstum zu verlangsamen bzw. in bestimmten Wachstumsphasen auf eine zu extensive Bewegung zu verzichten, kann die individuelle Ausbildung einiger dieser aufgrund der genetischen Ausstattung des Individuums möglichen Erkrankungen verringern oder ein phänotypisches Auftreten gar verhindern. Im Grunde ein längst bekannter Aspekt, dessen genauen Wirkungsmechanismus die epigenetische Forschung vielleicht eines Tages erklären kann!

 

Umwelteinflüsse höher als gedacht

 

Zu den Umwelteinflüssen von epigenetischer Bedeutung zählen bei Mensch und Tier gleichermaßen vor allem die Ernährung, unterschiedliche Stressfaktoren und Bewegung, aber auch die Interaktion des Organismus mit chemischen Stoffen. Letzteres mag zunächst vielleicht sehr theoretisch klingen und scheinbar außerhalb unseres Einflussbereichs liegen, hat aber in der Hundehaltung dennoch praktische Relevanz. Denken wir beispielsweise nur an die in vielerlei Plastikspielzeug – das beliebte Welpen-Bällebad (!) – oder in der inneren Beschichtung von Hundefutterdosen oft enthaltenen Weichmacher, die die notwendige Deaktivierung bestimmter Sequenzen der DNA verhindert können. Bereits 2008 sprach mit Andreas Gies einer der Wissenschaftler des deutschen Umweltbundesamtes von den negativen epigenetischen Auswirkungen dieser Substanzen auf die Gesundheit des Menschen. Demzufolge können derartige Stoffe nicht nur bereits in kleinsten Mengen Veränderungen im Gehirn bewirken, sondern ähnlich wie das Hormon Östrogen beispielsweise zu einer vergrößerten Prostata oder Veränderungen im Brustgewebe führen. Die Humanmedizin spricht inzwischen von einem Zusammenhang zwischen dem Weichmacher Bisphenol A und hormonbedingtem Brustkrebs, und ein entsprechendes Risiko könnte auch für die Hündin gegeben sein.

Einflüsse, denen ein Individuum während der wichtigen Entwicklungsphasen ausgesetzt war, können ein Leben lang wirksam bleiben: Ist die Mutterhündin während der Trächtigkeit mit besonderem Stress konfrontiert, bereitet sie den Nachwuchs molekularbiologisch sozusagen auf ein gefährliches Leben vor. Chronischer Stress führt über umfangreiche biochemische Mechanismen zu ängstlichen, vorsichtigen und zurückhaltenden Nachkommen, was evolutionsbiologisch betrachtet durchaus sinnvoll erscheint: Sind die Nachkommen auf ein gefährliches Leben vorbereitet, wird Angst vor potenziellen Gefahren zum unverzichtbaren Überlebensgaranten. Stress während der Trächtigkeit und in den ersten Lebenswochen führt bei den Nachkommen nachweislich zu einem schwächeren Nervenkostüm und einer höheren Anfälligkeit für psychische Probleme.

Darüber hinaus können epigenetische Modifikationen Grundlage verschiedenster Erkrankungen sein: Ob Onkogene, die ein Tumorwachstum fördern, aktiviert oder deaktiviert sind, ob Tumorsuppressorgene, die dieses Wachstum hemmen, ein- oder ausgeschaltet sind, kann ein mitentscheidender Faktor sein, ob das betreffende Individuum im Laufe seines Lebens bestimmte Tumorerkrankungen entwickelt oder nicht.

 

Neues Wissen bedeutet neue Verantwortung

 

Obwohl in den Keimzellen ein sogenanntes epigenetisches Reset stattfindet, können einige der umweltbedingten Modifikationen ungelöscht bleiben und an die Nachkommen weitergegeben werden. Erworbene Genaktivitäten können also durchaus an die nächste Generation vererbt werden, womit den Lebens- und Haltungsbedingungen von Zuchthunden – das gilt für Hündin und Rüden gleichermaßen (!) – eine noch höhere Bedeutung zukommt.

Auch wenn in der Wissenschaft noch viele Fragen offen sind: Die Auseinandersetzung mit epigenetischen Erkenntnissen ermöglicht eine stärkere Einflussnahme auf die individuelle Entwicklung des Hundes, insbesondere im Hinblick auf sein Wesen, seine Gesundheit und seine Langlebigkeit, als bisher belegbar war. Eine der wichtigsten und wegweisenden Botschaften der Epigenetik lautet denn auch, dass der Organismus in vielerlei Hinsicht seinem Erbgut nicht einfach ausgeliefert ist – das gilt für den Menschen und ebenso für den Hund! Gene bestimmen die Vorgänge im Organismus nicht allein, sondern ihre Aktivität ist steuerbar – nicht zuletzt durch unseren Lebenswandel bzw. durch das Leben, das wir unseren Hunden bieten. Das öffnet uns viele bislang unterschätzte Möglichkeiten, das körperliche und seelische Wohlergehen zu steuern – unser eigenes und das unserer Freunde auf vier Pfoten –, und das gibt uns über Generationen hinweg gleichzeitig eine neue Form von Verantwortung dem Leben gegenüber ... eine Verantwortung, die Besitzer und Züchter gleichermaßen wahrzunehmen haben.

 

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30. Juni 2022

 

Von der heilenden Kraft der Liebe – Achtung! KEIN esoterisch angehauchter Text

 

Tierbesitzer erwarten und fordern heute vollkommen zurecht einen ganzheitlich orientierten Therapieansatz für ihren vierbeinigen Patienten. Der Weg dorthin aber führt nicht über vermeintliche Wundermittel und ihre unkalkulierbaren Risiken, sondern über eine konsequente und in allen Bereichen evidenzbasierte Herangehensweise an den Patienten. Den größten Erfolg werden wir erzielen, wenn wir uns dabei auf erwiesenermaßen effiziente Therapien, deren Wirkungsmechanismen bekannt und belegt sind, und in den begleitenden Ansätzen auf alles, was den Lebenswillen unseres vierbeinigen Partners stärkt, konzentrieren. Liebe und Harmonie sind wesentlich wirksamer, um die tief in jedem Organismus lodernde Flamme eines unbedingten Lebenswillens zu erhalten, als vermeintliche Wundermittel. Wirklich „gefährlich“ werden Homöopathie, Tarantula und Co dann, wenn sie als echte Alternative propagiert werden, wenn sie als vermeintlich gleichwertiger Ersatz einer evidenzbasierten Therapie gelten, angepriesen und verstanden werden. Im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sind die im Internet vielerorts aufzufindenden Glaubenstheorien spätestens, wenn die regelmäßige Verfütterung zerkleinerter hochgiftiger Aprikosenkerne als B17-Lieferant und daher angeblich hochpotentes Tumormittel empfohlen wird, wenn als Ersatz für erprobte und sichere veterinärmedizinische Schmerzmedikamente Hundekeksrezepte mit gesetzlich verbotenen Suchtmitteln verbreitet werden und wenn fernab des geringsten Verständnisses für medizinische und biologische Zusammenhänge die Gabe von Schmerzmedikamenten aus dem humanmedizinischen Bereich angepriesen wird, die für Hunde möglicherweise hochtoxisch sind.

 

Ähnliches gilt für unzählige Wundermittel, die angeblich das Immunsystem stärken und verbessern. Stattdessen könnte zumindest ein Teil der Hundebesitzer sehr viel kostengünstiger sehr viel größere Effekte erzielen: Passivrauchen begünstigt Tumorwachstum – auch bei Haustieren! Die Weltgesundheitsorganisation WHO beziffert die weltweiten Todesfälle durch Passivrauchen pro Jahr auf 600.000, allein in Österreich sterben zwei bis drei Personen täglich als Folge des Passivrauchens. Forscher der Medizinischen Universität Wien und des Wiener Messerli Forschungsinstituts konnten erstmals eine der Hauptursachen für das durch Passivrauchen verursachte Versagen der Immunabwehr gegen Tumoren identifizieren. Über den sogenannten Seitenstromrauch wird beim Rauchen die organische Verbindung Acrolein freigesetzt. Acrolein unterdrückt Teile der Immunantwort und kurbelt so das Tumorwachstum an – nicht nur während des Rauchens bzw. Passivrauchens, sondern auch danach, denn Acrolein haftet an Kleidung und Einrichtungsgegenständen und kann so auch noch nach dem eigentlichen Rauchen über die Haut aufgenommen werden – von Mensch und Hund gleichermaßen.

 

Wenn Sie sich selbst dabei ertappen, in den scheinbar unversiegbaren virtuellen Quellen des Internets immer wieder nach vermeintlichen „Wundermitteln“ zu suchen und versucht sind, eines nach dem anderen möglicherweise zum Schaden Ihres Hundes zu erproben, dann halten Sie einen Moment inne und fragen Sie sich nach den Beweggründen für Ihr Tun. Ist es ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Diagnose ausgeliefert zu sein? Ein Empfinden der Ohnmacht einer scheinbar übermächtigen Krankheit gegenüber? Der Glaube, nicht alles im Bereich des Möglichen Liegende für den vierbeinigen Freund getan zu haben? All die offenen Fragen, die sich aus diesen Empfindungen und Überlegungen ergeben, sind Themen, die Sie mit dem Tierarzt, dem Sie das Leben Ihres besten Freundes anvertrauen, beim nächsten Besuch sofort ausführlich besprechen sollten! Am besten, Sie beenden Ihre diesbezügliche Internetrecherche noch in diesem Moment und stellen stattdessen eine Liste mit allen offenen Fragen und Punkten für diesen Termin zusammen.

 

Darüber hinaus vergegenwärtigen Sie sich: Ja, es stimmt, viele unserer vierbeinigen Freunde sterben an Krebs. Diese ebenso traurige wie einfache Wahrheit belegen nicht nur die Statistiken, die beim Hund ein noch weit häufigeres Auftreten von Tumorerkrankungen als beim Menschen feststellen, sondern das erkennen wir auch selbst in unserer alltäglichen Kommunikation mit anderen Hundebesitzern und in der beständigen Auseinandersetzung mit Themen rund um den Hund. Wie viele dieser Hunde aber sterben deswegen an der Erkrankung, weil ihnen keine angemessene Therapie zuteilwurde? Wie viele könnten überleben, könnten vielleicht noch Jahre eines lebenswerten Hundelebens führen, wenn das Wissen um und das Vertrauen in die Möglichkeiten der modernen tiermedizinischen Onkologie größer wären als die Angst und der irrationale Glaube an verschiedenste wirkungslose Substanzen? Wenn ein Mastzelltumor frühzeitig behandelt wird und mit einem optimal geplanten und besten klinischen Standards entsprechenden chirurgischen Eingriff vollständig und mit genügend Sicherheitsabstand im gesunden Gewebe entfernt wurde, dann war dieser Eingriff kurativ – und unser vierbeiniger Tumorpatient ist geheilt. Auch wenn Sie ihm jetzt regelmäßig das oftmals scheinbar unvermeidliche Tarantula verabreichen: Die Gründe dafür, dass er über Jahre hinweg tumorfrei ist und bleibt, waren die erfolgreiche OP und ein pathohistologischer Befund, der keinen weiteren Therapiebedarf erkennen ließ. Sind die Ergebnisse dieser Befunde und die daraus folgenden Prognosen aber weniger positiv und optimistisch, dann ist echte Vorsicht geboten, denn unser vierbeiniger Freund braucht jetzt die zuverlässige und umfassende Betreuung der veterinärmedizinischen Onkologie: eine effektive, standardisierte und zielorientierte Therapie und ganz sicher keine Experimente! Es ist unsere Verantwortung und unsere ethische Verpflichtung, das uns anvertraute Leben zu schützen ...

 

In der oftmals emotional geführten Diskussion über die Möglichkeiten der sogenannten Schulmedizin und anderer Heilmethoden spielt der Begriff der „Alternative“ immer wieder eine große Rolle. Alternativen aber beinhalten Abgrenzungen, und so wird die sogenannte Alternativmedizin als vermeintlich „sanfte Medizin“ immer wieder als Gegenentwurf zur oftmals als kalt und mechanisch empfundenen Schulmedizin verstanden. Eine systematische Unterscheidung oder Definition der beiden Richtungen findet dabei in den seltensten Fällen statt. Man kann es provokativ formulieren und sagen, Alternativmedizin sei nicht nützlich, sondern gesundheitsschädlich, weil sie die Anwendung evidenzbasierter Therapien verzögert. Man kann aber auch, wie beispielsweise der deutsche Radioonkologe Martin Bleif, mit der Medizin als angewandter Naturwissenschaft argumentieren: „Medizin ist, methodisch betrachtet, eine angewandte Naturwissenschaft und unterliegt erkenntnistheoretisch dem Regelwerk der empirischen Wissenschaften. Wissenschaft, und damit auch Medizin, zeichnet sich durch klar definierte Regeln und Normen für die Aufstellung, Überprüfung, Widerlegung oder Bestätigung von Hypothesen aus. Der große gemeinsame Nenner der Schulmedizin ist die Verpflichtung auf ein naturwissenschaftliches Weltbild – nicht mehr, nicht weniger.“ Naturgesetze sind von universeller Gültigkeit, und der Erfolg jeder Heilmethode, ob schulmedizinisch oder als „alternativ“ bezeichnet, muss sich an ihnen messen. Insofern gibt es keine Alternative, sondern nur eine Medizin – eben die, die sich an diesem Maßstab messen und als hilfreich erkennen lässt. „Wenn die im Erdenmaßstab geltenden Naturgesetze universell gültig sind (...), kann es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen schul- und alternativmedizinischen Verfahren geben. Dann gibt es lediglich wirksame Therapien, unwirksame Therapien und solche, über deren Wirksamkeit noch nicht entschieden werden konnte. (...) Keines der heute propagierten alternativen Verfahren hat je einen halbwegs überzeugenden Hinweis abgeliefert, dass es in der Lage wäre, die eine oder andere Krebsform zurückzudrängen oder gar zu heilen.“

 

Eine ganzheitliche Wahrnehmung und Behandlung unseres vierbeinigen Patienten ist sinnvoll und entspricht darüber hinaus unseren Wünschen und Emotionen, mit denen wir ihn in der Phase der Krankheit begleiten wollen. Ganzheitlich aber bedeutet nicht alternativ oder gar esoterisch, sondern ganzheitliche Therapien entsprechen den neurophysiologischen Grundlagen des Seins im Sinne einer Mind-and-Body-Medizin. Sie verbinden im Idealfall eine umfassende evidenzbasierte Therapie mit einem Umfeld, in dem Vertrauen, Harmonie und Liebe dominieren, und aktivieren die Heilungsmechanismen, die tief in allem Lebendigen verankert sind. Liebe wirkt Wunder ...

 

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15. Mai 2022

Wenn der beste Freund auf vier Pfoten erkrankt 

Persönliche Erfahrungen und Grundsätze

 

Der Lebenspartner auf vier Pfoten ist erkrankt. Für viele zweibeinige Hundeeltern ist das eine äußerst belastende Situation und je nachdem, um welche Erkrankung es sich handelt, ein traumatisches Erlebnis. Unser ureigenes Fühlen und Denken, unsere persönlichen Erfahrungen und die Art und Weise, wie wir dem Leben und seinen Herausforderungen begegnen, bestimmen jetzt unser Handeln und gehören neben einer am neuesten Wissensstand der Tiermedizin orientierten Therapie zu den bedeutendsten Faktoren, die einen positiven Einfluss auf die Genesung unseres vierbeinigen Freundes ausüben können. Vieles, was zu seinem Wohle geschehen kann, was sein Leben erhält und schützt, liegt in unserer Hand und in unserem Umgang mit den Gegebenheiten. Wir selbst sind es, die für das Leben, das sich uns anvertraut, bestmögliche Entscheidungen treffen müssen.

Heute nach einem langen Lernprozess in diesem Bereich bin ich absolut überzeugt, dass die wesentliche Basis für gute Entscheidungen im Sinne unseres Hundes ausschließlich eine vernunftbasierte Herangehensweise an die jeweils aktuelle Fragestellung ist. Dazu bedarf es insbesondere einer bewussten Kanalisation und Selbstkontrolle unserer Emotionen. Um gerade in einer so schwierigen und emotional belastenden Situation wie der Betreuung eines erkrankten Hundes gute und ethisch vertretbare Entscheidungen zu treffen, ist vor allem eines notwendig: eine frühzeitige offene Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der modernen Tiermedizin, die uns im gegebenen Fall die notwendige Orientierung bietet, im Interesse unseres vierbeinigen Lebenspartners zu handeln.

 

Ich möchte Euch von Aurora erzählen. Diese Boxerhündin und die Monate, die ich sie während ihrer Erkrankung begleiten durfte, haben mein Denken und Tun – und damit mein Leben – wie kein anderes Ereignis verändert und geprägt. Aurora stammte aus dem ersten Wurf meiner ehemaligen Boxerzucht. Somit verdanke ich ihr Leben einer Zeit, in der ich mich von einer für mich damals absolut neuen, unbekannten Leidenschaft für Zucht und Hundesport, die mein damaliger Freundeskreis begeistert lebte, mitreißen ließ. Gut zehn Jahre lang war ich scheinbar zu Hause in einer Welt, von der mich gedanklich oft Lichtjahre trennten. Trotz vieler schöner Momente und Begegnungen, von denen einige zu echten Freundschaften führten, entwickelten sich über die Jahre hinweg ganz unterschiedliche Entfremdungsprozesse: Zuerst entfernte ich mich in meinem anfänglichen Enthusiasmus von meinen eigenen ethischen Überzeugungen und Vorstellungen einer erfüllenden Mensch-Tier-Beziehung, später konnte ich mich auf dem Weg zurück zu mir selbst mit diesem Umfeld und seinen Reglements immer weniger identifizieren. Dennoch betrachte ich meine damalige Zugehörigkeit zu einem FCI-anerkannten Zuchtverein und die vielen Stunden, die ich in eine umfassende Gebrauchshundeausbildung investierte, mit all den damit verbundenen Begegnungen keineswegs als verlorene Zeit. Diese Jahre boten mir Lebenserfahrungen, die ich in dieser Form wahrscheinlich nirgends anders hätte machen können.

 

Auroras Erkrankung in den Jahren 2010 und 2011 aber markierte nicht nur das Ende meiner kleinen, jungen Boxerzucht, in der zwischen 2004 und 2009 insgesamt drei Würfe auf die Welt kamen, sondern wischte nahezu alles, was in den letzten Jahren scheinbar so wichtig schien, aus meinem Leben. Noch lebten ihre Töchter Braganza und Cordelia mit mir. Braganzas Gesundheit und Wohlbefinden erforderten aufgrund ihrer Allergien und hochgradigen Spondylosen zeitlebens ein umfassendes Management. Cordelia schien ganz anders: die geborene Zuchthündin – temperamentvoll, lernfreudig, kerngesund. Hier und da fragte ich mich, ob ich sie angesichts der Veränderungen in meinem Leben und des daraus folgenden Abbruchs ihrer Ausbildung nicht um ihr Leben betrügen würde – Gedanken, die sich angesichts ihres frühen Todes einen Tag vor Vollendung ihres sechsten Lebensjahres im Nichts verloren. Apoll, Auroras Bruder, durfte das für einen Boxer außergewöhnliche Alter von fast 14 Jahren erreichen. Trotz einer Vielzahl gravierender gesundheitlicher Probleme lebte er bis zu seiner letzten Stunde in jedem Moment sich selbst – mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit, mit einer umfassenden medizinischen Betreuung und beispiellosem menschlichen Einsatz durch die Universitätsklinik in Wien sowie mit der Pflege und Unterstützung, die mein Mann und ich ihm über Monate hinweg nahezu rund um die Uhr bieten konnten. Liebe wirkt Wunder!

 

Meine Boxer haben mich lange und intensiv gelehrt, dass nicht der perfekt funktionierende Körper das Leben ausmacht, sondern unsere Fähigkeit, das Leben auch in schwierigen Situationen anzunehmen und zu meistern. Leben heißt mehr als perfekt Funktionieren – mehr als im Hundesport erfolgreich zu sein oder gemeinsam auf der Wiese herumzutollen. Leben bedeutet auch, eine Aufgabe zu erfüllen. Leben ist Lieben – und das Gefühl, geliebt zu werden. Aurora, Braganza und Apoll ließen mich ein neues Wissen um die menschliche Pflicht gewinnen, das Lebensrecht unserer Freunde auf vier Pfoten auch in Zeiten einer unheilbaren Erkrankung bedingungslos anzuerkennen und ihnen mit allen verfügbaren Möglichkeiten eine optimale Lebensqualität zu bieten.

Die Therapiemöglichkeiten der Tiermedizin gehen heute um ein Vielfaches über das hinaus, was vor zehn oder zwanzig Jahren denkbar gewesen wäre. Diese Chancen und Potenziale zu nutzen, gehört angesichts der Stellung, die unsere Hunde als Familienmitglieder an unserer Seite einnehmen, zu unserer Verantwortung ihrem Leben gegenüber. Daneben steht die ethische Verpflichtung, die Grenzen des Möglichen zu erkennen und zu akzeptieren und dem geliebten Wesen an unserer Seite ein würdiges Ende zu bereiten, wenn der Tag gekommen ist. Ebenso wichtig wie Grenzen anzuerkennen aber ist das Wissen, dass Grenzen nicht unverrückbar sind. Wo das Limit der medizinischen Möglichkeiten heute erreicht ist, öffnen sich morgen neue Wege mit neuen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen – Visionen, die Grenzen verschieben ...

 

Ich weiß gut um die Unsicherheiten, um die Skepsis mancher Tierbesitzer in diesem Bereich – um die vielen, oft scheinbar unüberwindbaren Ängste, die Methoden und Möglichkeiten der modernen Tiermedizin für das Leben des eigenen Hundes zu nutzen. Mögen die Gedanken in diesem Buch Sie ermutigen, diese Wege mit Ihrem besten Freund auf vier Pfoten im Ernstfall zu gehen und Ihnen die notwendige Kraft für die eigene Entscheidung zum LEBEN mit dem kranken Hund geben ... Dabei stellen sich unzählige Fragen, für die ohne jeden Zweifel immer der Tierarzt des Vertrauens der erste Ansprechpartner sein sollte. So selbstverständlich das auch klingen mag, die Realität sieht heute oft anders aus, denn das vermeintliche Wissen von „Doktor Google“ und „Professor Facebook“ kann das so unersetzliche Vertrauensverhältnis zwischen dem besorgten Hundehalter und seinem erfahrenen Tierarzt mehr oder weniger massiv belasten und ins Wanken bringen. Mögen Sie den Mut zu einem eigenverantwortlichen, vernunftbestimmten und rationalen Handeln finden und viele seit Jahrzehnten überlieferte oder auf Social-Media-Kanälen omnipräsente vermeintliche Standards kritisch und selbstbewusst hinterfragen. Sich von zahllosen Irrtümern, die auch durch beständige Wiederholung nichts an Wahrheitsgehalt gewinnen, zu distanzieren, kann gerade in der heutigen Gegenwart einer zunehmend vernetzten Welt ein wichtiger Beitrag zur Gesunderhaltung des geliebten Vierbeiners an unserer Seite sein. An die Stelle sinnloser und zeitraubender Onlinediskussionen können weit effizientere Beschäftigungen treten, sei es, sich das notwendige Wissen und die unverzichtbaren Fähigkeiten anzueignen, um verlässlich zwischen wertvollen und sinnlosen Informationen differenzieren zu können – oder sei es auch „nur“, um die gewonnene Zeit in die Beziehung zu unserem vierbeinigen Freund zu investieren und mit ausgedehnten Streifzügen durch die Natur seine Bindung an uns zu festigen und nicht zuletzt unser beider physische und psychische Gesundheit damit zu stärken.

 

Seit vielen Jahren begleitet mich neben einer intensiven Kommunikation mit Medizinern, denen mein absolutes Vertrauen gehört, vor allem die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Themen aus Genetik und Epigenetik, mit dem aktuellen Wissen über Zellbiologie und Tumorerkrankungen sowie über die Naturgesetze, die die Grundlagen des Lebens darstellen. Immer vertrauter schienen mir im Laufe der Zeit die so planvoll und logisch ablaufenden Vorgänge, die die Lebensfähigkeit eines Organismus im Großen und eines Zellverbands im Kleinen erhalten. Begriffe und eine Sprache, die mir noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt völlig fremd schienen und mir damals Angst und Unbehagen einflößten, wurden zur Selbstverständlichkeit. Eine neue Vertrautheit machte sich breit ...

Gleichzeitig führte ich unzählige Gespräche und Diskussionen mit befreundeten, bekannten oder auch gänzlich fremden Hundebesitzern, die mir einen ungeschönten Einblick in die Realität des alltäglichen Umgangs mit der Krankheit des besten Freundes auf vier Pfoten gaben. Wenn ich den ein oder anderen während dieser Zeit ein Stück weit begleiten durfte, empfand ich das als ein besonderes Vertrauen, aber auch als eine große Verantwortung, die immer im Raum steht, wenn man in einer besonders sensiblen Phase einen Blick in das Leben eines anderen Menschen werfen darf. Viele Geschichten, denen ich dabei begegnete, machen mich glücklich, weil ich dabei die Intensität einer großen Liebe zwischen Hund und Mensch spüren durfte, aber ich muss auch zugeben, dass viele Schicksale mich unendlich traurig stimmten – vor allem dann, wenn weniger die Erkrankung des Hundes als vielmehr die unterschiedlichsten Begleitumstände im Umfeld des Patienten dazu führten, dass ihm die Chance auf eine angemessene Therapie und damit auf ein weiteres lebenswertes Leben verwehrt blieb. Angemessene Therapien sind finanziell zumeist sehr kostenintensiv, und aus materiellen Gründen auf eine lebensrettende Therapie für den vierbeinigen Lebensbegleiter verzichten zu müssen, kann zu einem höchst belastenden ethischen Problem für den Besitzer werden. Ich bin überzeugt, dass mit der heutigen Stellung des Hundes im Familienverbund und den fortschreitenden Möglichkeiten der Veterinärmedizin eine Krankenversicherung für den Hund ebenso selbstverständlich sein sollte wie die heute übliche und gesetzlich vorgeschriebene Haftpflichtversicherung.

 

Neben der wirtschaftlichen Seite aber ist ein weiterer Aspekt von entscheidender Bedeutung: die Suche nach einer optimalen tierärztlichen Betreuung für unseren Patienten. Hier muss die Kommunikation immer von gegenseitigem Vertrauen und Offenheit geprägt sein, zwischen allen Beteiligten: uns zweibeinigen Hundeeltern, dem Tierarzt und dem vierbeinigen Patienten selbst. Wie oft musste ich in Gesprächen mit unzähligen Hundebesitzern zu diesem Thema erkennen, dass dieses Vertrauen als wichtigste Grundlage einer Zusammenarbeit im Sinne des Patienten nicht einmal ansatzweise vorhanden war! Ein weiteres Problem: Viele Menschen betrachten den Tierarzt noch immer als den medizinischen „Allrounder“, der in Personalunion den Kreuzbandriss zu operieren und die onkologische Betreuung vorzunehmen hat – nichts ahnend, welches Potenzial für das Leben des Hundes damit verloren geht. Die Tiermedizin hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte zu einem derart umfangreichen Fachgebiet entwickelt, dass Fachärzte und auf bestimmte Fragestellungen spezialisierte Experten hier heute ebenso selbstverständlich zur Verfügung stehen wie in der Humanmedizin. Keiner von uns sucht mit einem orthopädischen Problem den Augenarzt auf oder vertraut die onkologische Betreuung einer Krebserkrankung allein dem Hausarzt im Nachbardorf an. Vielleicht mag dies allzu selbstverständlich und banal klingen, aber wir sollten diesen Aspekt auch bei der Suche nach einer optimalen medizinischen Betreuung für unseren vierbeinigen Patienten berücksichtigen.

 

Immer wieder – oft auch in Gesprächen mit Menschen, die uns familiär nahestehen oder freundschaftlich verbunden sind – müssen wir uns bei all diesen Themen ganz bewusst der Herausforderung des eigenständigen Denkens stellen, um einerseits die traditionelle anthropozentrische Denkweise „das ist ja nur ein Hund“ oder auf der anderen Seite den kraftraubenden Nebel esoterisch angehauchten Gedankenguts nicht an uns heranzulassen. Natürlich: Unsere ehrlichen und ganz selbstverständlichen Emotionen dürfen und müssen wir in jedem Moment zulassen, Gefühlsduselei aber nutzt niemandem. Sie raubt uns Energie und gedanklichen Raum, den wir dringend für unseren Patienten benötigen, und führt letztlich ausschließlich in einen Zustand von Mut- und Hoffnungslosigkeit. Das kann dem besten Freund an unserer Seite im schlimmsten Fall wertvolle Lebenszeit kosten. Eine vernunftbasierte Herangehensweise an die fundamentalen Fragen um Leben und Gesundheit, um Krankheit und Tod sind der zuverlässigste Garant dafür, dass wir am Ende nicht nur „das Beste“ für unseren vierbeinigen Lebensgefährten tun WOLLTEN, sondern es auch tatsächlich getan HABEN – nach Möglichkeit ein Leben lang!

 

Sachlichkeit und fundiertes Wissen sind die wichtigsten Grundlagen dafür, in jeder Situation informierte Entscheidungen für das uns anvertraute Lebewesen, den Hund an unserer Seite, zu treffen. Die Vielfalt der deutschen Sprache schenkt uns mit den Worten „Meinung“, „Glauben“ und „Wissen“ drei Begriffe, die es sorgfältig voneinander abzugrenzen gilt. Gesicherte Ergebnisse aus Wissenschaft und Statistik sind keine Meinungsäußerungen! Im Gegensatz dazu sind die pseudomedizinischen Diskussionen im virtuellen Sprechzimmer von „Professor Facebook“ in weiten Teilen ausgesprochen reich an Meinung. Da die dort bevorzugten Themen gesundheitlich von einiger Relevanz für unsere vierbeinigen Freunde sind, möchte ich immer wieder appellieren, den Blick auf das evidenzbasierte Wissen zu lenken, das der verantwortungsbewusste Tierarzt uns vermitteln wird. Und immer – egal in welchem Bereich – sollten wir gerade im Zeitalter von Fake News einen wichtigen Grundsatz verinnerlichen: Wenn wissenschaftlich gesicherte Fakten einer Meinung widersprechen, sollte dies ein guter Grund dafür sein, diese Meinung noch einmal zu überdenken!

Zweifellos: Manchmal ist es eine große Aufgabe, diese eigene Orientierung konsequent zu leben und sich damit auch dem vermeintlichen Mainstream der deutschsprachigen sozialen Medien entgegenzustellen. Die Loslösung von falschen Glaubenssätzen aber ist eine der grundlegenden Voraussetzungen dafür, den eigenen Weg zu finden und selbstständige Entscheidungen im Bewusstsein der vollen Verantwortung für das Leben unseres vierbeinigen Partners zu treffen. Wenn wir die Aufgabe, unseren Hund durch seine Krankheit zu begleiten, auf dieser Basis akzeptieren, werden unsere lähmenden Ängste sich schnell in kraftvolle Hoffnung transformieren. Wir werden einen Punkt erreichen, an dem wir ganz bewusst die Liebe zu unserem vierbeinigen Partner leben und dieses Leben in einer Ganzheit betrachten, zu der der Tod ganz selbstverständlich dazugehört. Genauso wie die Geburt ist auch der Tod ein Teil des Lebens – und damit eigentlich ein Teil dessen, was wir lieben. Aus diesem Bewusstsein erwächst unsere Verpflichtung, auch dem Ende des Lebens, das zu LEBEN unser Hund ebenso das Recht hat wie wir, mit Würde, Respekt und Größe zu begegnen.

 

Dieses Denken, mit dem wir unsere Hundepatienten erfolgreich durch die gemeinsame Lebenszeit führen können, ist wie ein Mosaik, das sich aus vielen einzelnen, kleinen Bestandteilen und Schritten zusammensetzt – ein ganzes Hundeleben lang. Gedanken aus dem Bereich der Tierethik sowie neue Erkenntnisse der Kognitionsbiologie und der aktuellen Hirnforschung sind die wissenschaftliche Basis dessen, dass der Hund eben nicht „nur“ ein Hund ist, sondern ein denkendes und fühlendes Lebewesen. Natürlich – die liebende „Hundemama“ wusste das schon immer, aber für eine umfassende gesellschaftliche Diskussion zu dieser Thematik reicht es nicht aus, über die eigenen individuellen Empfindungen zu sprechen. Hier kann nur ein durch wissenschaftliche Arbeit und Methodik generiertes Wissen die Argumentation bestimmen und entsprechende Prozesse initiieren.

Die rasante Entwicklung der Lebenswissenschaften macht auch vor unseren Hunden nicht halt. Mit neuem Wissen aber steigt immer auch die menschliche Verantwortung – nicht zuletzt für die Gesundheit unserer Hunde und in Zeiten der Krankheit auch für den Erhalt ihrer Lebensqualität über den längst möglichen Zeitraum hinweg. Neben einer evidenzbasierten und am neuesten Wissensstand orientierten medizinischen Betreuung durch den Tierarzt sind dazu vor allem wir selbst die wichtigste Voraussetzung. Ja, Liebe wirkt Wunder – auf der Basis neurophysiologischer Vorgänge, die die Gesundheit fördern! Der Glaube an die Kraft der Liebe mag in uns allen tief verwurzelt sein, und die biologischen Hintergründe – Harmonie und Liebe können über verschiedene biochemische Mechanismen in zahlreiche Körperfunktionen des einzelnen Individuums entscheidend eingreifen – rechtfertigen eine entsprechende Lebensweise. Und fordern uns darüber hinaus bedingungslos auf, unserer ethischen Verpflichtung unseren Hunden gegenüber auch und gerade in den vielleicht weniger alltäglich verlaufenden Zeiten des Lebens gerecht zu werden!

 

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29. März 2022

Aus aktuellem Anlass! 

Der Weg zur sicheren Narkose für unsere vierbeinigen Partner

 

Es ist ein tragischer Vorfall, der sich jüngst in einer ganz alltäglichen Situation in einer ganz normalen Haustierarztpraxis ereignete: Balou, ein zweijähriger stattlicher Boxer, zeigte seit einigen Tagen ein deutlich verändertes Gangbild. Die besorgte Besitzerin stellte den Rüden der Haustierärztin vor, die die Verdachtsdiagnose „Spondylose“ in den Raum stellte und ein Spondylose-Röntgen vorschlug, um die klinische Vermutung abzusichern. Das Unglück nahm seinen Lauf: zunächst mit der absolut unbegründeten Entscheidung, die Röntgenbilder in Narkose anzufertigen, denn der Rüde verhielt sich durchaus kooperativ und litt keinesfalls unter so großen Schmerzen, dass eine Röntgenuntersuchung im Wachzustand unzumutbar gewesen wäre. Der zweite fatale Fehler: Der Boxer wurde ohne vorangegangenes Blutbild für die Röntgenuntersuchung narkotisiert. Die Untersuchung selbst verlief ohne Zwischenfälle, aber zuhause verweigerte Balou jegliche Nahrungsaufnahme, erbrach und wurde zusehends schwächer. Die Vermutung der Tierärztin, dass ihm die Schmerzmedikamente nicht bekämen und, konnte nicht zutreffen, da der Rüde diese auf Grund der absoluten Nahrungsverweigerung überhaupt nicht eingenommen hatte. 36 Stunden nach der Narkose brachte die Besitzerin den Rüden in die nächste Notdienst-Klinik, wo ein Nierenversagen diagnostiziert wurde. Offensichtlich litt Balou an einer bereits länger bestehenden versteckten Infektion, die die Arbeit der Nieren beeinträchtigt hatte. Die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für eine noch dazu vollkommen überflüssige Narkose, die dazu geführt hatte, dass die infektiös bedingte unerkannte Nierenfunktionsstörung fatal endete! Ein einfaches Blutbild im Vorfeld hätte diese Situation unmittelbar aufgezeigt ... Der Boxer hat den darauf folgenden dreitägigen Kampf um sein Leben verloren …

 

Balous Geschichte ist tragisch – und wenn auch nicht an der Tagesordnung, so dennoch leider kein Einzelfall. Insofern mag die Sorge, die uns rund um die Anästhesie unseres vierbeinigen Freundes begleitet, in gewisser Weise berechtigt sein, aber als informierte Besitzer können wir andererseits sehr viel dazu beitragen, derartige Vorkommnisse zu verhindern. Denn die bedachte Auswahl der Mediziner, denen wir das Leben unseres Hundes anvertrauen, und ein optimales Management der Situation können die Risiken der Narkose auf ein absolutes Minimum reduzieren und im Gegenzug die Sicherheit um ein Vielfaches erhöhen.

 

Existentiell wichtig und unersetzbar: das Vorgespräch mit dem Anästhesisten

Gehen wir davon aus, dass es sich bei der bevorstehenden Narkose unsere Hundes nicht um einen Notfall, der ohnehin in einer dafür eingerichteten Klinik versorgt werden muss, sondern um eine geplante Untersuchung oder Operation handelt: Es reicht keinesfalls aus, die Narkose als selbstverständlichen Nebeneffekt der Behandlung zu betrachten und zu akzeptieren, sondern wir sollten die Vorgehensweise im Vorfeld genauestens hinterfragen. Ist während der Untersuchung bzw. Operation ein Mediziner zugegen, der ausschließlich und nur für die Narkose verantwortlich ist? Wie wird die Narkose bei meinem Hund überwacht? Wird es intubiert? Steht der lebenswichtige Sauerstoff zum Beatmen zur Verfügung? – Als Tierbesitzer sollte man vor einer geplanten Operation immer den direkten Kontakt zum für die Narkose verantwortlichen Tierarzt suchen und genau diese Fragen stellen! Im Idealfall schildert der Anästhesist in diesem Vorgespräch den genauen Ablauf und die verschiedenen Aspekte der Narkoseüberwachung. Zudem nimmt er die entsprechenden Voruntersuchungen insbesondere der Herz- und Nierenfunktion vor. Auf das vor JEDER Narkose unbedingt notwendige aktuelle Blutbild – und aktuell bedeutet in standardsetzenden Kliniken maximal zehn Tage alt – darf keinesfalls verzichtet werden! Das gilt wie Balous Schicksal zeigt auch für das alltägliche HD-Röntgen oder andere diagnostische Maßnahmen, die eine Sedierung erfordern. Nach diesem Vorgespräch und den abgeschlossenen Voruntersuchungen, die zu einer erheblichen Verringerung von Narkosezwischenfällen beitragen, dürfen wir die Klinik zweifellos weitgehend beruhigt verlassen und können dem Tag der Operation gelassen entgegenblicken.  

 

Zumindest bei jeder größeren OP: Anästhesie gehört in die Hände eines Fachtierarztes

 

Angesichts der zentralen Bedeutung der Anästhesie für eine gelungene Operation, verwundert es kaum, dass mit den Möglichkeiten der modernen Tiermedizin auch die Anästhesie zunehmend aus ihrem früheren Schattendasein heraustritt. Große Kliniken verfügen heute zunehmend über Spezialisten für die Narkose, die langjährige Ausbildungen in den Bereichen Anästhesie, Schmerzmanagement und Intensivmedizin durchlaufen haben. Allein die individuelle Auswahl der für den jeweiligen Patienten optimalen Medikamente erfordert ein umfangreiches Fachwissen.

Die Leistungen des Chirurgen sind unersetzlich und stehen zumeist im Vordergrund der Wahrnehmung, aber prinzipiell ist der Anästhesist derjenige, der den Gesamtüberblick behält und der erst die Voraussetzungen dafür schafft, dass der Chirurg überhaupt arbeiten kann. Eine lückenlose Betreuung des Patienten durch einen auf Narkose spezialisierten Fachtierarzt während der Operation ist angesichts der fortgeschrittenen an humanmedizinischen Standards orientierten Möglichkeiten der modernen tierärztlichen Anästhesie die einzige Alternative, die unserem Patienten auch wirklich jene Sicherheit bietet, die heute Standard ist und die sein Leben auch in schwierigen und unvorhergesehenen Situationen sichern kann. Der Anästhesist stellt sicher, dass der Hund den Eingriff überlebt. Moderne Narkosegeräte ermöglichen eine lückenlose und vollständige Überwachung des Patienten. Dazu gehören neben der Kontrolle einiger wesentlicher Blutwerte die Überwachung der Atemgase sowie der Sauerstoffsättigung des Blutes, ein Dauer-EKG, eine beständige Blutdruckmessung sowie ein besonderes Augenmerk auf die Körpertemperatur. Gegebenenfalls sichern medikamentöse Anpassungen und Eingriffe das Überleben auch in kritischen Situationen. Eine Dauerinfusion für den Patienten ist im Idealfall ebenso selbstverständlich wie die Intubation, die die Atemwege sichert und ein beständiges Sauerstoffangebot ermöglicht. Viele Tierärzte und Kliniken arbeiten heute bereits standardmäßig mit einer schonenden Inhalationsanästhesie. Dabei dient der Sauerstoff nicht nur als Trägersubstanz für die Medikamente, sondern leistet gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zur Narkosesicherheit, denn Sauerstoff ist einer der wichtigsten Faktoren für den Organismus, um die Stoffwechsel- und Kreislauffunktionen aufrechtzuerhalten.

 

Auch zuhause sind einige Vorbereitungen notwendig

 

Neben der optimalen medizinischen Betreuung durch die behandelnden Tierärzte sind wir selbst gefordert, mit einem optimalen Management unseres Patienten die bestmögliche Narkosesicherheit zu gewährleisten. Dazu gilt es bereits am Vortag der Operation einige Dinge zu beachten. Es bringt nichts, alle Gedanken beim Zeitpunkt des Eingriffs enden zu lassen, sondern schon jetzt sollte vor allem die Heimkehr mit dem vierbeinigen Patienten genau geplant werden, damit eine stressfreie Umgebung für den frisch operierten Hund garantiert ist. Dazu gehören auch eventuelle organisatorische Notwendigkeiten, beispielsweise andere im Haushalt lebende Tiere fernzuhalten, um eine möglicherweise zu erwartende stürmische Begrüßung zu unterbinden. Die Vorbereitung eines ruhigen, warmen Liegeplatzes für den vierbeinigen Patienten in der Nähe seines Menschen ist unerlässlich, damit er sich auch nach seiner Entlassung aus klinischer Pflege ungestört erholen kann und gleichzeitig unter Aufsicht ist.

 

Hunde müssen ebenso wie Menschen für die Narkose nüchtern sein. Genaue Zeitangaben der Tierärzte müssen exakt eingehalten werden. Somit empfiehlt es sich, am Vortag des geplanten Eingriffs die gewohnte Abendmahlzeit möglichst frühzeitig zu verabreichen und danach alles Essbare aus der Reichweite des Hundes zu entfernen. Bekommt der Hund regelmäßig Medikamente, wie dies beispielsweise bei Herzpatienten, bei Diabetikern oder im Rahmen einer dauerhaften Schmerztherapie der Fall ist, muss deren Verabreichung im Umfeld der geplanten Narkose ebenfalls genauestens mit den behandelnden Tierärzten und Anästhesisten besprochen werden.

 

Der Tag der Operation

 

Am Morgen des OP-Tages sollte der Wecker rechtzeitig klingeln, um jede unnötige Stresssituation zu vermeiden. Ein eventueller Stau auf dem Weg in die Klinik sollte in der Zeitplanung berücksichtigt werden, denn auch dort hat man sich optimal auf unseren Patienten vorbereitet, und unsere Pünktlichkeit trägt wesentlich zu einem routinierten und reibungslosen Ablauf bei. Bevor wir unseren vierbeinigen Freund der Obhut der Klinik und den Pflegern, die ihn bereits liebevoll erwarten, übergeben, sollte ein kurzer Spaziergang ihm die Möglichkeit bieten, sich noch einmal zu entleeren. Auch wenn es manchmal möglich ist, den Hund bis zur Einleitung der Narkose zu begleiten, sollten Sie es immer vertrauensvoll akzeptieren, wenn das behandelnde Ärzteteam der Klinik eine andere Vorgangsweise empfiehlt oder für notwendig erachtet. Dies ist keine Missachtung Ihrer Gefühle oder des Wohlbefindens Ihres Patienten, sondern im Gegenteil zumeist ein sicheres Anzeichen dafür, dass Ihr Hund unmittelbar nach der Übergabe von einem professionellen Team medizinisch optimal versorgt wird. Und genau das erwarten Sie sich jetzt für Ihren Liebling! Diese Vorgangsweise mag vielleicht nicht die alltäglich praktizierte sein, in jedem Fall aber ist sie die sicherste und professionellste. Jedes andere Procedere muss und sollte daher immer kritisch hinterfragt werden.

Nach einigen Stunden kommt nun der Anruf, dass alles plangemäß verlaufen ist: Unser Patient hat die Operation und die Aufwachphase, während der Atmung, Puls, Herzfrequenz und Kreislauffunktion selbstverständlich noch kontrolliert werden müssen, bestens überstanden! So erklärt es sich von selbst, dass diese Aufwachphase keinesfalls am Heimweg im Auto erfolgen sollte, sondern nach einer Narkose muss der Hund die Klinik vollkommen wach, geh- und stehfähig verlassen. Er muss ohne jedes Wenn und Aber solange in ärztlicher Betreuung bleiben, bis dieser Zustand sicher erreicht ist – und im Idealfall ein paar Stunden darüber hinaus, denn eine an die Narkose anschließende Infusionstherapie erleichtert unserem Patienten und damit auch uns die erste Phase nach der Operation enorm.

 

Mit einem derartigen Vorgehen werden mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch in den ersten Stunden und Tagen zuhause keine Probleme auftreten. Dennoch: Sollte der vierbeinige Patient entgegen der Erwartung das Futter verweigern, erbrechen oder sich abgesehen vom normalen Erholungsschlaf auffällig ruhig verhalten, ist das NICHT „normal nach einer Narkose“, sondern eine Notwendigkeit, unverzüglich eine (not-)tierärztliche Kontrolle vornehmen zu lassen.

 

Konsequent entscheiden im Sinne der Sicherheit

 

Ängste rund um die Narkose des geliebten Partners auf vier Pfoten führen immer wieder zu fragwürdigen Entscheidungen. Die Absage einer eigentlich notwendigen Therapie kostet unserem Hund dabei aber möglicherweise wertvolle Lebenszeit: Bei einem über zehnjährigen Vertreter einer brachyzephalen Rasse wegen des Narkoserisikos beispielsweise auf die eigentlich lebenswichtige chirurgische Entfernung eines Tumors zu verzichten, ist nur ein alltägliches Beispiel von vielen in diesem Zusammenhang. Dabei bieten moderne Anästhesie- und Überwachungstechniken heute auch in der Tiermedizin größtmögliche Sicherheit und können das Narkoserisiko entscheidend verringern. Unsere Bedenken und Sorgen sollten uns nicht von der notwendigen Therapie abhalten, sondern Anlass sein, den modernen Standard der Tiermedizin konsequent zu suchen und kompromisslos zu nutzen – auch wenn die vertraute Haustierpraxis um die Ecke das nicht bieten kann.

 

Unverzichtbare Voraussetzungen für die Sicherheit unseres besten Freundes in der Narkose sind

  • eine Voruntersuchung mit aktuellem Blutbild,
  • eine Person, der während der Operation ausschließlich für die Überwachung und das Management der Narkose verantwortlich ist und im Idealfall auf dieses Fachgebiet spezialisiert ist, d.h., das ist zumindest bei jedem größeren Eingriff NICHT gleichzeitig der Chirurg und NICHT die Sprechstundenhilfe,
  • die notwendige klinische Ausstattung für die wesentlichen Bestandteile einer sicheren Narkoseüberwachung,
  • und die Gewährleistung, dass unser Hund erst dann aus klinischer Obhut entlassen wird, wenn er vollkommen wach und damit absolut geh- und stehfähig ist.

Unter diesen Bedingungen sollte einer entspannten Zeit unmittelbar nach der Operation und der baldigen Genesung unseres vierbeinigen Partners nichts mehr im Wege!

 

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28. Februar 2022

„In Memoriam“: Strauss’ „Metamorphosen“

 

In der aktuell so irreal erscheinenden Weltsituation stellt sich nahezu täglich die Frage: Lesen wir ein Geschichtsbuch oder tatsächlich die aktuelle Tagespresse? Die Reflektionen über die Kriegsgeschehnisse sind dabei voneinander kaum zu unterscheiden ...

 

Richard Strauss, 1864 im humanistisch geprägten Bayern der Wittelsbacher geboren und 1949 in der jungen Bundesrepublik Deutschland gestorben, macht es der Nachwelt nicht leicht, sein Gesamtwerk in die allgemein gültigen musikwissenschaftlichen Kategorien und Epochen einzuordnen. Immer wieder spricht die Literatur vom „letzten Romantiker“, die Szene der Klytämnestra in „Elektra“ aber verlässt die Grenzen der Tonalität und nähert sich dem freien harmonischen Raum Arnold Schönbergs. An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde der junge erfolgreiche Komponist als „Neutöner“ und „Wegbereiter der Moderne“ gefeiert, die „Vier letzten Lieder“ aus dem Jahr 1948 aber erscheinen wie Klänge aus einer längst versunkenen Welt von Schönheit und Größe, als letztes Zeugnis spätromantischen Kunstverständnisses in einer neuen, fremden Zeit. Dabei war der junge „Neutöner“ Strauss hinsichtlich seines künstlerischen Credos kein anderer als der von Lebenserfahrung und Altersweisheit geprägte „konservative“ Strauss der 1940er Jahre.

München 1942: Kriegsereignisse bestimmen den Alltag – Bombennächte und Luftangriffe, Angst um das Leben von Freunden und Verwandten an der Front, Sorgen um die eigene Existenz. Inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs fand am 28. Oktober 1942 im Münchner Nationaltheater eine Uraufführung statt: „Capriccio“, ein Konversationsstück für Musik von Clemens Krauss und Richard Strauss. „Der Strom der Töne trug mich fort“ – fort aus der Realität des Kriegsjahres 1942 hinein in eine kunstästhetische Diskussion um das Wesen der Oper, jener Kunstform, die Richard Strauss ein Leben lang begleitet hatte, und die Mittelpunkt eines langen schöpferischen Lebens gewesen war.


„Capriccio“ sollte sein „musikalisches Testament“ werden, und ist tatsächlich der krönende Abschluss seines musiktheatralischen Gesamtwerks, doch der Arbeit an „Capriccio“ sollten noch eine ganze Reihe Instrumentalkompositionen, die „Metamorphosen“ und die „Vier letzten Lieder“ folgen – „Der Strom der Töne trug mich fort“ …

 

„Deutschland 1945: „So ist der Leib zwar tot, der Geist aber ist das Leben.“ (Luther) –
Am 12. März fiel auch die herrliche Wiener Oper den Bomben zum Opfer. Aber vom 1. Mai ab ging die schrecklichste Periode der Menschheit, 12-jährige Herrschaft der Bestialität, Ignoranz und Unbildung unter den größten Verbrechern zu Ende, in der 2000-jährige Kulturentwicklung Deutschlands zugrunde gerichtet und unersetzliche Baudenkmäler und Kunstwerke durch eine verbrecherische Soldateska zerstört wurden. – Fluch der Technik!“

 

Im April 1945 richtete Richard Strauss sein legendäres künstlerisches Vermächtnis an Karl Böhm, den damaligen Wiener Operndirektor und langjährigen Freund und Wegbegleiter des Komponisten: „Lieber Freund! Es war rührend von ihnen, nach der furchtbaren Wiener Katastrophe sofort meiner zu gedenken. Meinen Schmerz können Sie sich wohl vorstellen. (...) Da nach neuesten Nachrichten ein Aufbau in Wien nicht ohne Aussicht ist, [möchte] ich Ihnen hierzu mit meinen innigsten Wünschen so eine Art Testament: mein künstlerisches Vermächtnis wenigstens schriftlich [geben], da es mir wohl kaum mehr möglich sein wird, Sie bei ihrer großen bevorstehenden Kulturarbeit in persona zu unterstützen! Von Johann Sebastian Bach wurde die deutsche Musik erschaffen, die Geburt der Mozart’schen Melodie ist die Offenbarung der von allen Philosophen gesuchten menschlichen Seele. Das von Joseph Haydn erschaffene, mit Sprache begabte – von Weber, Berlioz und Richard Wagner vollendete Orchester ermöglichte im Musikdrama die höchsten Kunstleistungen des Menschengeistes als oberste Gipfel und Abschluss einer 2000-jährigen Kulturentwicklung. (...)“

 

Im März 1945, einen Tag nach der Zerstörung der Wiener Oper, hatte Strauss mit der Ausarbeitung seiner Partitur der „Metamorphosen“ begonnen, jenem Nekrolog auf die europäische Kultur- und Geistesgeschichte, die von der Verzweiflung und Trauer des Komponisten um die Zerstörung seiner künstlerischen und ideellen Heimat geprägt ist. In den Schlusstakten der „Metamorphosen“ erklingt in den Bässen das „Trauermarsch“-Motiv aus Beethovens „Eroica“. „In Memoriam“ schrieb Strauss unter das kurze Motiv, das „ihm einfach so in die Feder geflossen sei ...“

 

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21. Januar 2022

Zeitgenössische Klassik reflektiert große Themen unserer Zeit

 

Klassische Meisterwerke oder die große Kunst der Klassik … wir verwenden den Begriff „Klassisch“ ganz verschieden für die griechische Antike ebenso wie für den Höhepunkt abendländischer Kunstgeschichte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder aber auch ganz allgemein für ein Werk von besonderer Bedeutung für das kulturelle Erbe der Menschheit. So unterschiedlich wir den Begriff auch anwenden, eines ist Klassik immer: GEGENWÄRTIG – und hat damit folgerichtig auch immer eine Zukunft, denn jede Zukunft wird eines Tages Gegenwart sein.

 

Es ist die beständige und unmittelbare Gegenwärtigkeit, die große musikalische Meisterwerke klassisch werden lässt – das gilt für Beethovens Symphonien ebenso wir für zeitgenössische Kompositionen, di die großen Probleme unserer Zeit reflektieren und eine unmissverständliche Positionierung in existentiellen Fragen der Gegenwart ermöglichen. Zwei Beispiele:

 

Im Gedenken der Opfer des Ukraine-Konflikts: Lobodas „Requiem“

 

Der georgische Geiger und Komponist Igor Loboda wurde in Tiflis geboren, wo er bereits ab seinem siebenten Lebensjahr Violinunterricht erhielt. Von 1974 bis 1979 studierte er Komposition an der Musikhochschule Tiflis in St. Petersburg. Als Preisträger renommierter Kompositionswettbewerben in Tiflis und Moskau galt er bereits in den letzten Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts als einer der großen Gegenwartskomponisten seiner georgischen Heimat. Igor Loboda ist Mitglied des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt und vereinigt in seinem inzwischen über 140 Werke umfassenden kompositorischen Schaffen die Traditionen seiner slawischen Heimat mit Einflüssen westlicher Klangwelten. So finden sich in seinen Werken neben Reminiszenzen an die georgische und russische Folklore immer wieder beispielsweise auch Rhythmen und harmonische Wendungen des Jazz.

 

Das Requiem für Violine solo, das den Opfern des Ukraine-Konflikts 2014 gewidmet ist, ist nicht nur ein Stück Gegenwartsmusik, sondern vor allem bewegendes Zeugnis künstlerischer Reaktionen und gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart unserer Zeit. Loboda schrieb das Stück 2014 als Auftragswerk der ebenfalls aus Georgien stammenden Violinvirtuosin Lisa Batiashvili, die anlässlich eines eigenen Konzertauftritts mit diesem Kompositionsauftrag für eine Zugabe ein ebenso elegantes wie unmissverständliches politisches Statement abgab, als sie die hochemotionale Klage im Juni 2014 in der Berliner Philharmonie uraufführte. Lobodas leidenschaftliche Klangwelt basiert auf der Melodie eines alten ukrainischen Volksliedes über den Fluss Dnepr, der ca. 200 Kilometer von Moskau entfernt entspringt, auf seinem Weg zum Schwarzen Meer die Ukraine durchzieht und Teil nationaler Identität ist.

 

Vom Ende des Golfstroms? Polevayas „Gulf Stream“

 

Victoria Polevaya stammt aus der Ukraine. 1962 in Kiew als Tochter eines Komponisten geboren, wuchs sie umgeben von musikalischen Eindrücken auf und studierte später am Konservatorium ihrer Heimatstadt, wo sie ab 1990 auch lehrte und am Institut für Musikinformationstechnologien tätig war. Seit 2005 ist sie als freischaffende Komponistin tätig und wurde in den vergangenen Jahren mit zahlreichen bedeutenden Kunst- und Kulturpreisen der Ukraine ausgezeichnet. Ihre Werke umfassen mit Symphonik, Chorkompositionen und Kammermusik ein weites musikalisches Spektrum. Folgte sie in ihrem Frühwerk noch der Ästhetik der Avantgarde und suchte in ihrem polystilistischen Arbeiten nach einem eigenen Weg, so wandte sie sich Ende der 1990er Jahre zunehmend dem Minimalismus zu. Heute sind ihre Kompositionen fester Bestandteil zeitgenössischen Repertoires renommierter Orchester, Dirigenten und Solisten in den internationalen Musikzentren. 2011 war die Komponistin auf Einladung von Gidon Kremer Composer-in-Residence des 30. Kammermusikfestivals in Lockenhaus. Bereits ein Jahr zuvor war „Gulf Stream“, ein kurzes Stück für Violine und Violoncello, entstanden, das Victoria Polevya eigens für Gidon Kremer und die litauische Cellistin Giedrė Dirvanauskaitė schrieb. Die suggestiv dahinfließende Bewegung der beiden Instrumente öffnet einen weiten assoziativen Raum für den Hörer. Spricht Polevaya in der drückenden Atmosphäre der Klangwelt dieser Miniatur von der Sorge um das durch die zunehmende Erderwärmung mögliche Ende des Golfstroms, das fatale Folgen für Europa und weite Teile der Welt hätte? …

 

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27. Dezember 2021

Humanistische Botschaft der Menschheitsliebe

Zum Jahreswechsel - mit Beethovens Neunter

 

Silvester! Kaum ein Tag im Jahr weckt so vielschichtige, manchmal gegensätzliche, immer aber intensive Emotionen wie der 31. Dezember. Melancholisch verträumt im Rückblick, hoffnungsfroh und voller Tatendrang den Blick nach vorn gerichtet – beide Richtungen charakterisieren die alljährliche Janusköpfigkeit des Silvesterabends, zumeist begleitet von Beethovens Neunter, jener symphonischen Botschaft des Humanismus, deren zentrale Aussage uns nicht nur in der Neujahrsnacht, sondern weit darüber hinaus begleiten möge.

 

"Freiheit, schöner Götterfunken"

 

In seiner bisherigen Symphonik hatte Beethoven der strengen klassischen Formalität die ideelle Aussagekraft zur Seite gestellt. In der 9. Symphonie nahm er schließlich die menschliche Stimme in seine Klangsprache auf, womit zum einen der Endpunkt einer großen klassischen Tradition erreicht war, andererseits aber der „Anfang einer Neubestimmung der Instrumentalmusik durch die Verschmelzung mit der Vokalmusik“ (Richard Wagner) gesetzt wurde. Der Plan zu einer Vertonung von Friedrich Schillers Ode „An die Freude“, deren Verse dem vierten Satz der Neunten zugrunde liegen, reicht bei Beethoven bis in die Jugendzeit zurück. Jetzt endlich erkannte er in diesem hymnischen Ausruf der Freude zugleich sein Medium für die Botschaft der Freiheit. Die politische Botschaft der Freiheit drückt sich in der 9. Symphonie durch dieses von Beethoven implizierte Synonym von Freiheit und Freude aus, ein Gedanke, der 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer bei einer Aufführung der 9. Symphonie im Berliner Schauspielhaus von Leonard Bernstein verwirklicht wurde: „Freiheit, schöner Götterfunken“ hieß es im Rahmen dieses Konzerts.

Im kaiserlich-königlichen Wien Metternichs, der 1814 beim Wiener Kongress im Zuge der Restaurationsbestrebungen der habsburgischen Monarchie die Wiederherstellung der alten, vorrevolutionären Gesellschaftsordnung durchgesetzt hatte, freilich wären derartige Gedanken auf unüberwindbaren Widerstand gestoßen. „Was mich anbelangt, so ist auf geraume Zeit meine Gesundheit erschüttert, wozu auch unser Staatszustand nicht wenig beiträgt“, kommentierte Beethoven diese zweite große politische Enttäuschung seines Lebens, obwohl er selbst als Wiener Institution, der man durchaus eine Sonderstellung einräumte, von Metternichs Spitzeln verschont blieb.

 

"Freunde, nicht diese Töne"

 

Verschiedene Pläne zu einer d-moll-Symphonie skizzierte Beethoven schon während der Arbeit an der 7. und 8. Symphonie, die sich dann zunächst 1817 durch einen Kompositionsauftrag von der Londoner Philharmonic Society zu konkretisieren begannen. Obwohl Beethoven den Auftrag zunächst annahm, zögerte er die Arbeit immer wieder hinaus, bis es im Juni 1822 schließlich zu einer weiteren Vereinbarung kam, deren neu fixierten Termin für März 1823 Beethoven allerdings auch nicht einhalten konnte. Sein Adlatus und erster Biograph Anton Schindler berichtet über die Arbeit an der 9. Symphonie im Herbst 1822: „Erst mit den letzten ihrem Winteraufenthalte zufliegenden Zugvögeln kam unser Meister diesmal wieder nach Wien zurück; es war bereits Ende Oktober. Er bezog diesmal eine Wohnung in der Ungargasse nahe dem Stadttore. Die neue Symphonie war bis auf den vierten Satz fertig, d.h. im Kopfe, die Hauptgedanken aber festgehalten in den Skizzenheften. Gegen seine Gewohnheit ließ er manches über diese neue Schöpfung fallen, so auch, dass er mit dem vierten Satze noch nicht einig mit sich selber sei; zunächst hinsichtlich der zu wählenden Strophen aus Schillers Ode ,An die Freude‘. Mit außerordentlichem Fleiße hielt er sich an der Ausarbeitung der ersten Sätze der Partitur, die wohl unter allen seinen anderen Partituren als Muster von Sauberkeit und Deutlichkeit gelten kann; nicht minder zeichnet sie sich aus durch eine äußerst geringe Anzahl von Korrekturen. An die Ausarbeitung des vierten Satzes gekommen, begann ein selten bemerkter Kampf. Es handelte sich um Auffindung eines geschickten Modus zur Einführung der Schillerschen Ode. Eines Tages ins Zimmer tretend rief er mir entgegen: ,Ich habs! Ich habs!‘ Damit hielt er mir das Skizzenbuch vor, wo notiert stand: ,Lasst uns das Lied des unsterblichen Schiller singen‘, worauf eine Solostimme unmittelbar den Hymnus ,An die Freude‘ begann. Allein diese Idee musste später einer unstreitig zweckentsprechenderen weichen, nämlich: ,Freunde, nicht diese Töne, Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!‘ (…)

 

Schon im Monat Februar des Jahres 1824 war diese kolossale Schöpfung bis zum letzten Feile fertig, und der Meister fing wieder an, besserer Laune zu werden, ja sogar Stunden der Erholung sich zu gönnen; man sah ihn wieder durch die Straßen schlendern, mit seinem am schwarzen Bändchen hängenden Stecher die schönen Auslagekästen belorgnettieren und manchen Bekannten oder Freund nach langer Zeit wieder einmal im Vorbeigehen begrüßen.“ In London traf die fertige Partitur dann allerdings erst im September 1824 ein, und obwohl Beethoven von der Philharmonic Society ein beachtliches Honorar für das Recht auf die Uraufführung bekommen hatte, erklang die Neunte erstmals am 7. Mai 1824 in Wien im k.k. Hoftheater nächst dem Kärntnertore, am Ort der heutigen Staatsoper. Über die Uraufführung berichtet wieder Anton Schindler: „Am Abend der Uraufführung zeigte das Haus sich in allen Räumen überfüllt, nur eine Loge blieb unbesetzt, die kaiserliche, obgleich der Meister in meiner Begleitung persönlich die Einladung bei allen anwesenden Gliedern der Kaiserfamilie gemacht und einige versprochen hatten zu kommen. Kaiser und Kaiserin waren nicht in der Residenz anwesend, der Erzherzog Rudolph zur Zeit noch in Olmütz. Was den künstlerischen Erfolg dieses denkwürdigen Abends betrifft, so konnte er wohl mit jedem bis dahin in diesen altehrwürdigen Räumen erlebten einen Vergleich aushalten. Leider, dass der allverehrte Mann, dem er gegolten, nichts davon gehört hatte. Er zeigte dies, indem er bei dessen Ausbruch am Schlusse der Aufführung der begeisterten Versammlung den Rücken zukehrte. Da hatte Caroline Unger den guten Gedanken, den Meister nach dem Proszenium umzuwenden und ihn auf die Beifallsrufe des Hüte und Tücher schwenkenden Auditoriums aufmerksam zu machen. Durch eine Verbeugung gab er seinen Dank zu erkennen. Dies war das Signal zum Losbrechen eines kaum erhörten, lange nicht enden wollenden Jubels und freudigen Dankgefühls für den gehabten Hochgenuss …“

 

Humanismus als Land Utopia?

 

Ob die politische Botschaft des Komponisten, die die Musikdramaturgie einschließt, verstanden wurde? Im ersten Satz schildert Beethoven die „verzweiflungsvollen Zustände“ der Metternichzeit, beantwortet diese „wüsten Zeiten“ mit dem Trauermarsch der Coda. Entgegen der klassischen Anordnung folgt nun bereits mit dem zweiten Satz das Scherzo, und damit der letztlich nicht zielführende Freudentaumel eines dionysischen Rausches. Das Adagio des dritten Satzes baut ein Gegenbild dazu auf: Beethoven beschwört die Sphäre des Erhabenen und das „Goldene Zeitalter“, Atlantis, das Land Utopia oder das antike Elysium. Doch dieser Zustand stellt sich keineswegs von selber ein, sondern muss – wie der Humanismus im „Fidelio“ – im Finale der Symphonie errungen werden: Zunächst bestimmen Reminiszenzen an das vorangegangene thematische Material den vierten Satz. Schließlich erinnert eine akkordische Initiale noch einmal an die „wüsten Zeiten“, bevor die menschliche Stimme einsetzt:

 

O Freunde, nicht diese Töne!

Sondern lasst und angenehmere

Anstimmen und freudenvollere!

Freude! Freude!

 

Die Stimme der Freiheit – die erkannte Beethoven in den 1785 in Loschwitz bei Dresden entstandenen Versen Friedrich Schillers. Bezeichnend ist vor allem seine Auswahl der Strophen für die Symphonie, an deren Beginn die neue Weltordnung des „Goldenen Zeitalters“, die humanistische Menschheitsverbrüderung, steht:

 

Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken,

Himmlische, dein Heiligtum!

Deine Zauber binden wieder,

was die Mode streng geteilt;

Alle Menschen werden Brüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

 

Sodann fällt der Blick auf das private, individuelle Glück. Die große Weltharmonie entspricht der harmonischen Gestaltung einzelner zwischenmenschlicher Beziehungen:

 

Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein;

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

Ja, wer auch nur eine Seele

Sein nennt auf dem Erdenrund!

Und wer’s nie gekonnt, der stehle

Weinend sich aus diesem Bund.

 

Auch, wenn Beethoven hier sein persönliches biographisches Schicksal impliziert haben sollte, für Trostlosigkeit bleibt kein Raum, übernimmt doch letztlich „Mutter Natur“ die Aufgabe eines universalen, kraftspendenden Mediums:

 

Freude trinken alle Wesen

An den Brüsten der Natur;

Alle Guten, alle Bösen

Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,

Einen Freund, geprüft im Tod;

Wollust ward dem Wurm gegeben,

Und der Cherub steht vor Gott.

 

Der Blick wendet sich nun aufwärts: auf die Existenz einer natürlichen Weltordnung als Grundlage menschlichen Seins:

 

Froh, wie seine Sonnen fliegen

Durch des Himmels prächt’gen Plan,

Laufet, Brüder, eure Bahn,

Freudig, wie ein Held zum Siegen.

 

Die allumfassende und verbindende Kraft einer übergeordneten Institution erscheint in der humanistischen Botschaft einer universellen Menschheitsliebe. Am Ende erfolgt die Hinwendung zu einer absoluten moralischen Instanz ...

 

Seid umschlungen, Millionen.

Diesen Kuss der ganzen Welt!

Brüder! Überm Sternenzelt

Muss ein lieber Vater wohnen.

 

Ihr stürzt nieder, Millionen?

Ahnest du den Schöpfer, Welt?

Such’ ihn überm Sternenzelt!

Über Sternen muss er wohnen.

 

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Kommentare

  • Marlene (Freitag, 11. Februar 2022 15:25)

    Ich liebe Dein Beethoven-Bild :)

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1. November 2021

Verbiete Dir die Liebe nicht

Wenn der geliebte vierbeinige Begleiter uns für immer verlässt

 

Jedes Leben wird einmal enden. Der Umgang mit dem ersten Schock des Verlustes und die unersetzliche Trauerarbeit werden bei jedem anders aussehen und so vielfältig und unterschiedlich sein, wie die Menschen selbst sind. Trauer ist eine Lebenserfahrung, der jeder von uns früher oder später in seinem Dasein begegnen wird. Wenn wir die belastenden Emotionen dieser Zeit bewusst leben und gleichzeitig unsere Gefühle und Empfindungen reflektieren, dann kann Trauerarbeit auch zu einem wertvollen Bestandteil unseres eigenen Lebens werden und uns zu einer neuen inneren Harmonie führen, in der wir das Erbe jener, die uns verlassen haben, in Liebe LEBEN ...

 

Eines Tages passiert das Unausweichliche. Wir wissen, dass jedes Leben endlich ist und dass unsere vierbeinigen Familienmitglieder uns nur eine kurze Zeit durch unser Leben begleiten. Dennoch ist der Tod ein Schock – umso mehr, je unvorbereiteter und unerwarteter er unserem Freund begegnet. Der Verlust ist ein traumatisches Erlebnis, und die Herausforderung, der Macht dieser unumkehrbaren Endgültigkeit zu begegnen, weckt die elementare Kraft unserer Emotionen, denen wir uns stellen müssen. Auch wenn es in den ersten Stunden und vielleicht Tagen keinen Trost zu geben vermag, so können wir doch die mitfühlenden Gedanken unseres Umfelds wahrnehmen. Es hilft, die stützende Gegenwart der Menschen, die uns nun unmittelbar begegnen und die uns nahestehen, zu erkennen und in Offenheit anzunehmen.

 

„Der Tod riecht süß“ – das war nur eines der allegorischen Bilder, das diese eigene Mischung des Geruchs des soeben aus dem Leben geschiedenen Körpers und der eigenen Tränen in mir weckte, und das ich plötzlich in mir trug, als ich seinerzeit fassungslos vor meiner gänzlich unerwartet verstorbenen, jungen Hündin stand ... Schnell könnten sich nun die ersten Fragen nach dem Warum einstellen: Warum jetzt? Was geschah in diesen Momenten – vielleicht einigen Stunden – vor seinem Tod im Körper unseres Hundes? War es der richtige Moment, dass wir gerade jetzt entschieden haben, das Ende mit einer Euthanasie zu erleichtern? Aber nein! Wir brauchen diesen quälenden Fragen gerade dann keinen Raum zu geben, wenn wir gerade in den letzten Tagen alle Entscheidungen in bedingungsloser Konsequenz und Klarheit getroffen haben. Wir haben alles denkbar Mögliche für unseren vierbeinigen Lebensgefährten getan, wir wissen mit absoluter Gewissheit, dass wir gemeinsam mit den Medizinern, denen wir vertrauen, in jedem Moment reflektiert und im vollen Bewusstsein der Verantwortung gehandelt und entschieden haben. Wir haben mit letzter Sicherheit gesehen, dass es keine Chance mehr gab, das Leben unseres Freundes zu erhalten, und konnten ihn ohne jedes quälende Fragezeichen am Ende gehen lassen. Die Konsequenz, mit der wir zuvor die notwendigen Therapieentscheidungen getroffen und entsprechend gehandelt haben, schenkt uns nach seinem Ende das sichere und jetzt unermesslich wertvolle Wissen, gleichermaßen in Verantwortung und Liebe gehandelt zu haben. Die vergangenen Wochen und Monate, die Zeit der Therapie, waren von Hoffnung und Zuversicht geprägt. Aber wir sind auch jetzt nicht um diese Hoffnung betrogen worden, denn – so der tschechische Dramatiker, Essayist und Politiker Václav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

 

Trauerarbeit ist Gedankenarbeit, die Zeit erfordert und Muße braucht. Schaffen wir uns diese Inseln der Stille in unserem Alltag, um zu begreifen, was da in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist! Wenn wir uns diesem Prozess bewusst stellen und uns der Trauer nicht durch vordergründige Ablenkungen und künstlich erzeugte Aktivität entziehen, werden wir vieles an Erfahrungen hinzugewinnen. Wir werden erkennen, wie unser Denken und die Perspektive, aus der heraus wir das Geschehene betrachten, auch unseren emotionalen Umgang mit dem erlittenen Verlust lenken und leiten kann. Lassen wir wie damals zu Beginn der Therapie unseres besten Freundes auch jetzt in der Konzentration auf unsere Trauer sinnlosem (Selbst-)Mitleid keinen Raum, und wir werden bald ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir mit allem, was uns genommen wird, auch etwas bekommen. Leben und Tod sind keine Gegensätze! Und plötzlich gelingt es uns, in diesen Tagen der Trauer die Größe – die Großartigkeit – des Lebens, dessen Ende ein substanzieller Bestandteil seiner selbst ist, nicht aus den Augen zu verlieren – vielleicht sogar in einer besonderen Intensität zu empfinden und wahrzunehmen. Jedes Leben bringt Kraft und Liebe in diese Welt. Das ist es, was für immer bleibt – ein großartiges Erbe, das geliebtes Leben uns am Ende als letztes Geschenk hinterlässt ...

 

Die tiefe emotionale Basis all dessen, was wir denken und tun – während der Zeit der Krankheit und Therapie unseres Freundes ebenso wie jetzt nach seinem Tod –, ist die Liebe. Diese Erkenntnis wird uns ein Lächeln schenken – so, wie uns die wärmenden Sonnenstrahlen, die uns aus tiefblauem Himmel treffen, Geborgenheit und Harmonie spüren lassen. Geben wir den vorwurfsvollen Gedanken keinen Raum, die uns in diesem neuen, zarten Erwachen von Dankbarkeit und stillem Glück nun unweigerlich daran erinnern wollen, dass unser Freund doch gerade erst gegangen ist – vor ein paar Tagen, ein paar Wochen ... nein! Eine Trauer voller Licht und Liebe zu empfinden und zu leben, ist kein Gegensatz. Es sind zwei Seiten der gleichen Medaille, wenn wir dem Ende des Lebens begegnen. Unsere einzige Aufgabe ist es auch jetzt, diesem Leben einen Sinn zu geben – in jedem so wunderbar wertvollen und einzigartigen Moment. Liebe wirkt Wunder – auch über den Tod hinaus. Verbiete Dir die Liebe nicht! ... in diesem gleißenden Licht der untergehenden Abendsonne ...

 

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24. Oktober 2021

Die große Kraft

Von ärztlicher Kunst und bedingungslosem Lebenswillen

 

Medizin ist eine Kunst, die auf Wissenschaft basiert. Diese Definition ist in der Literatur weitverbreitet und bezieht sich nicht zuletzt auf eines der berühmtesten Statements des kanadischen Mediziners und Historikers Sir William Osler.

 

Diese heute einmal höchst persönlichen Gedanken und der damit verbundene folgende Wunsch gelten für Mensch und Tier gleichermaßen und sind in meinem Denken unverzichtbarer Bestandteil unserer eigenen „Lebensversicherung“ und ebenso der unserer vierbeinigen Patienten, auf die wir uns nun konzentrieren: Mögen Sie in der Tierarztpraxis Ihres Vertrauens oder in fachärztlicher Betreuung, die der Erkrankung Ihres vierbeinigen Gefährten entspricht, vor Menschen stehen, denen Sie – und Ihr Patient (!) – ein Vertrauen entgegenbringen, das die viel beschworene „zweite Meinung“ überflüssig macht, das jeden einzelnen Moment mit Ruhe und Sicherheit erfüllt.

 

An sicherer Hand durch das Grenzland des Lebens

 

Der Arzt, dem Sie das Leben Ihres besten Freundes anvertrauen, vereint im Idealfall den Einsatz des State of the Art der gegenwärtigen Tiermedizin mit dem, was „ärztliche Kunst“ ausmacht: Neben aktuellem medizinischem Wissen stehen Weitblick und Visionen, die Entscheidungen mit beeinflussen. Neben der bedingungslosen Orientierung an evidenzbasiertem Denken steht eine ganzheitliche und von Empathie getragene Betrachtung des Patienten. Der Arzt, der über sein medizinisches Wissen hinaus die ärztliche Kunst beherrscht, weiß um die Grenzen der Medizin, um die immer verbleibenden letzten und unvermeidbaren Unzulänglichkeiten von Diagnose und Therapie, die es weiterzuentwickeln gilt. Er thematisiert auch das, was heute noch nicht möglich ist – und zieht gerade aus diesem Wissen die Motivation für die Forschung von morgen und die Bereitschaft, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Wege, für die aber auch die Patienten – und wir! – die notwendigen Voraussetzungen mitbringen müssen: eine unbeugsame Entschlossenheit, diese Möglichkeiten anzunehmen und den Weg mitzugehen, die Fähigkeit, jedwede Zweifel hinter uns zu lassen, ein bedingungsloses Urvertrauen zu entwickeln und vor allem das eine und alles Entscheidende zu aktivieren: einen grenzenlosen Lebenswillen, der vieles möglich macht – der, wenn er brach liegt und zu erlöschen droht, aber auch alles verhindern kann. Ein Arzt, dessen Kommunikation von sachlicher Information und einer Ihrer emotionalen Situation angemessenen Empathie bestimmt ist, weiß, wann Sie genug über die Risiken wissen und es an der Zeit ist, die Chancen zu thematisieren. „Was können wir tun?“ – Er weiß, welche Antworten er Ihrer entschlossenen Frage schuldig ist, er wird im gegebenen Fall kein Heilungsversprechen machen, sondern Ihrem vierbeinigen Patienten gerade am Ende mit einem schier unerschöpflich scheinenden Füllhorn palliativmedizinischer Möglichkeiten die notwendige Fürsorge zuteilwerden lassen. Die Frage „Wie heilen wir das?“ wandelt sich in die Fragestellung „Wie gehen wir damit um?“. Seine Worte lassen medizinische Fakten zu lebendigen Informationen werden: klar, durchsichtig und verständlich. Gemeinsam mit uns wird er unseren vierbeinigen Freund mit sicherer Hand durch das Grenzland des Lebens führen ...

 

Triumphzug des Lebens ...

 

Alles über den Wert des Lebens und die unverzichtbare Kraft eines bedingungslosen Lebenswillens lehrten mich mit Aurora, Braganza und unserem fast 14-jährigen Apoll drei der für mein Denken und Tun wegweisenden und wichtigsten Persönlichkeiten – ja, ich verwende diesen Begriff hier sehr bewusst und in seiner vollkommenen und umfassenden Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung hat in vielerlei Hinsicht eine neue ethische Sichtweise in mir reifen lassen und mir Einsichten in den Sinn des Lebens geschenkt, die vieles verändert haben und für die ich immer dankbar sein werde. Krankheit ist auch eine Chance, zu einem tiefen Wissen um den Wert des Lebens zu gelangen, zu einem bewussteren Umgang mit dem Leben, dem Körper, den eigenen Gefühlen und den Empfindungen anderer Individuen zu finden.

Ihnen war die besondere Gabe gegeben, ihre Krankheit und ihre Behinderungen mit einem unbändigen und durch nichts zu brechenden Lebenswillen, mit Stolz und Anmut zu leben, was mir bis heute höchsten Respekt abverlangt. Mir bleibt nur mehr die Aufgabe, ihr Erbe zu leben. Alles, was in diesem Zusammenhang geschieht, alles, was ich heute versuche, für unsere Hunde zu tun, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit! Meinen Boxern gelang etwas, was nur schwer vorstellbar sein mag: Ihr Ende verwandelte die Trauer in einen TRIUMPHZUG DES LEBENS ...

Sie schenkten mir Erfahrungen und Einsichten, die ich vielleicht in keiner anderen Lebenssituation hätte gewinnen können. Die Monate, die ich sie in ihrer Krankheit begleiten durfte, wurden zu den prägendsten Phasen meines Lebens. Nie habe ich die Welt, das Leben um mich herum bewusster wahrgenommen. Sie gaben mir die Kraft, Dinge zu beenden, neuen Empfindungen Raum zu geben, die Liebe an sich als ein Geschenk zu leben, das bedingungslos sich selbst genügt. Sie lehrten mich, große Begriffe – Vertrauen, Respekt und Liebe – mit neuem Leben zu füllen und sie zu unverzichtbaren Begleitern zu machen in diesem TRIUMPHZUG DES LEBENS ...

Alles, was wir in den letzten Monaten ihres Lebens miteinander erlebt, gedacht und gefühlt haben, die Liebe, die uns durch diese Zeit getragen hat und die uns in jedem Moment ein Lächeln des Glücks in den Augen schenkte, – all das ist heute unverändert gegenwärtig und meine Kraft, meine Energie, meine Motivation. Tag für Tag und Stunde für Stunde in diesem TRIUMPHZUG DES LEBENS ...

Das Erbe, das sie mir hinterließen, lässt für Trauer und Schwermut keinen Raum. Jeder Gedanke an sie ist von dankbarer Erinnerung und einem tiefen Wissen um den Wert des Lebens und die Kraft der Liebe getragen ... jeder Gedanke ein TRIUMPHZUG DES LEBENS ...

 

... ein TRIUMPHZUG DES LEBENS, der in die Zukunft führt – ganz im Sinne des amerikanischen Psychologen Gordon Livingston: „Was wir als Hoffnung ansehen, ist dies: dass die Menschen [und Tiere, möchte ich ergänzen], die wir verloren haben, eine Liebe in uns wach werden ließen, die wir uns gar nicht zugetraut hätten. Und diese bleibende Veränderung ist ihr Vermächtnis, das Geschenk, das sie uns hinterlassen. Uns obliegt es nun, diese Liebe jenen entgegenzubringen, die uns noch brauchen.“ …

 

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6. September 2021

Auch Hunde träumen

 

Dass Hunde weit länger schlafen als Menschen, ist allgemein bekannt. 17 bis 20 Stunden Ruhe und Schlaf pro Tag sind unseren Vierbeinern ein natürliches Bedürfnis – für Welpen und betagte Senioren sind 20 Stunden sogar eher ein Mindest- denn ein Höchstmaß der Ruhezeit, die nur von kurzen Aktivitätsphasen unterbrochen wird. Darin ist das für Mensch und Hund gleichermaßen entspannende gemeinsame Kuscheln auf dem Wohnzimmersofa ebenso enthalten wie der echte Tiefschlaf und die Zeit lebhafter Traumsequenzen. Manch zweibeinige Hundeeltern fragen sich immer wieder, wovon ihr Liebling wohl gerade träumen mag oder welche Bilder in seinem Kopf entstehen, wenn seine Bewegungen im Schlaf an den Spurt einer Jagdsequenz erinnern oder sanfte Laute uns wie die zufriedene Antwort auf Zuwendung und Anerkennung scheinen.

 

Tatsächlich hat die Wissenschaft bis heute bereits einige Antworten auf Fragen rund um das Schlafverhalten unserer Hunde und die Funktion ihrer Traumsequenzen. Bereits 1977 konnten Forscher nachweisen, dass Hunde ganz ähnlich wie Menschen den Schwerpunkt ihrer Schlafphasen während der Dunkelheit erleben und dabei mehrfach verschiedene Schlafphasen durchlaufen. Aufzeichnungen der Hirnaktivität zeigten schon damals, dass Hunde im Verlauf von 24 Stunden 44 Prozent der Zeit im Wachzustand, 21 Prozent in einer Leicht-Schlafphase, 23 Prozent im Tiefschlaf und 12 Prozent im REM-Schlaf verbrachten. Die Abkürzung REM steht dabei für die englische Bezeichnung Rapid Eye Movement (dt. schnelle Augenbewegung) und bezeichnet die Schlafphase, in der die Augen bei geschlossenen Lidern hin- und herwandern und gleichzeitig Atemfrequenz und Blutdruck ansteigen – beim Menschen die Zeit der bizarren Träume in der zweiten Nachthälfte, an die wir uns beim Aufwachen oft erinnern ...

 

Dass auch Hunde während der REM-Schlafphase lebhaft träumen, davon ist nicht nur Stanley Coren, Psychologie-Professor der University of British Columbia, überzeugt, sondern auch Forscher des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge konnten schon 2001 an schlafenden Ratten dokumentieren, dass ihre Hirnaktivitäten denen des Menschen beim Träumen sehr ähnlich sind. Zudem fanden die Forscher während der REM-Schlafphasen der Ratten Aktivitätsmuster in ihrem Gehirn, die denen entsprachen, die sie auch während der Labyrinthläufe in ihren Wachphasen zeigten. Die Forscher schlossen daraus, dass die Tiere ihre Wachaktivitäten im REM-Schlaf wieder erlebten und werteten ihre Ergebnisse als Hinweis, dass Träume natürlicher Bestandteil der Hirnaktivität schlafender Säugetiere sind. Dass sich die Aktivitätsmuster dabei zwischen dem Tiefschlaf- und der REM-Schlafphase deutlich unterschieden, interpretierten die Wissenschaftler als Bestandteil des Lernens und der Gedächtnisbildung, die im Schlaf gefördert wird. Demnach scheint der Tiefschlaf die Aktivitäten des Tages zu ordnen und zu speichern, während das Gehirn in der REM-Phase versucht, Verbindungen zwischen Dingen und Erinnerungen zu finden, die bisher in keinem Zusammenhang standen. Die REM-Träume könnten eine Manifestation dieses tieferen Prozesses sein.

 

Coren zufolge dauert die REM-Schlafphase bei Hunden etwa zwei bis drei Minuten. Aufmerksame Besitzer können jetzt beobachten, dass die Atmung des Tieres unregelmäßiger wird, und vor allem bei Welpen und sehr alten Hunden sind nun deutliche Muskelzuckungen zu bemerken. Dafür ist bei Hunden ebenso wie beim Menschen ein Teil des Hirnstamms, u. a. die sogenannte Brücke, verantwortlich, die die Muskulatur während des Schlafes hemmt und so verhindert, dass wir unsere Träume ausleben. Dieser Teil des Gehirns ist bei Welpen noch in der Entwicklung begriffen und funktioniert bei alten Hunden möglicherweise nicht mehr so effizient, vermutet der Wissenschaftler – genau wie bei sehr jungen und sehr alten Menschen. Studien, in denen die hemmende Funktion der Brücke vorübergehend deaktiviert wurde, waren bisher die einzige Möglichkeit, in hundliche Träume zu schauen, denn wenn die Brücke ausgeschaltet ist, beginnen Hunde ihre Träume auszuleben – ganz ähnlich wie Menschen mit einer REM-Schlafstörung. „Im Grunde haben wir gefunden, dass Hunde von Hundethemen träumen“, sagt Coren und verweist auf die Ähnlichkeit der Traummuster bei Hunden und Menschen. Deirdre Barrett, Psychologie-Professorin an der Harvard Medical School, geht noch einen Schritt weiter: „Da Hunde im Allgemeinen extrem an ihren menschlichen Besitzern hängen, ist es wahrscheinlich, dass der Hund von ihrem Gesicht und ihrem Geruch träumt“, vermutet die Schlafforscherin, die im Bereich der Evolutionspsychologie arbeitet und sich dabei auch mit dem Schlaf nicht-menschlicher Säugetiere beschäftigte.

 

Schlaf fördert Gedächtnisleistung und hält gesund

 

Wir alle kennen den guten alten Rat, die Lerninhalte am Vorabend einer Prüfung nochmals zu rekapitulieren und dann frühzeitig und entspannt schlafen zu gehen. Dass Schlaf die Gedächtnisleistung nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Hund nachhaltig verbessert, ist wiederum das Ergebnis einer Studie aus Ungarn, die mittels verschiedener nicht-invasiver Aufzeichnungsmethoden die Hirnaktivität schlafender Hunde analysierte, um Inhalt und Funktion ihres Schlafes zu erforschen. Hier wurde vor allem der Einfluss des Schlafes auf die Gedächtnisleistung und das Lernen untersucht – auf die sogenannte Gedächtniskonsolidierung, die im Gehirn Informationen zusammenführt und in Erinnerungen packt, die künftig als Erfahrungspotenzial verwendet werden können. Das Forscherteam rund um Anna Kis von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften kam zu zwei bemerkenswerten Ergebnissen: Der Schlaf beeinflusste nicht nur das Lernen der Hunde, sondern die gemessenen Hirnaktivitäten sprachen auch für eine Zunahme der Schlaftiefe nach dem Lernen. Dies deutet Kis zufolge darauf hin, dass die neu gewonnenen Informationen im Schlaf erneut verarbeitet und konsolidiert werden. Die Forscherin erkennt in der Korrelation zwischen der Leistungsverbesserung nach dem Schlafen und bestimmten EEG-Mustern einen starken Hinweis darauf, dass die Veränderungen im Schlaf-EEG, die nach dem Lernen zu beobachten sind, funktionell mit der Gedächtniskonsolidierung zusammenhängen. Wie beim Menschen so scheinen auch beim Hund während des Schlafens neue Verbindungen zwischen den Hirnzellen zu entstehen, wodurch sich gelernte Gedächtnisinhalte festigen.

 

Diese Erkenntnisse in die Hundeausbildung einzubeziehen, könnte sich für den Trainingserfolg durchaus als vielversprechend erweisen, und die Forscherin empfiehlt, der Lernsequenz eine Aktivität wie Laufen oder Spielen oder eine Schlafphase folgen zu lassen, um langfristig den höchsten Lernerfolg zu erzielen. (Dass spielerische Aktivität nach dem Lernen die Gedächtnisleistung verbessert, konnte auch die Verhaltensmedizinerin Nadja Affenzeller von der Veterinärmedizinischen Universität Wien in einer Studie mit Labrador Retrievern nachweisen.)

Darüber hinaus beeinflusst ein gesunder und erholsamer Schlaf auch andere Regelsysteme des Organismus positiv. So unterstützt eine gute Steuerung der inneren biologischen Uhr die nächtliche Arbeit des Immunsystems, Zellschäden zu beseitigen und mögliche Kopierfehler, die sich während der Zellteilung in die DNA eingeschlichen haben, zu reparieren: ein lebenswichtiger Mechanismus, denn eine optimale Funktion der Reparaturgene gehört zu den wirkungsvollen körpereigenen Schutzmechanismen vor der Entstehung einer Krebserkrankung. Ausreichend erholsamer Schlaf lässt zudem den körpereigenen Cortisolspiegel absinken, was aus neurophysiologischer Sicht vielerlei positive Auswirkungen auf den Organismus hat und eventuell sogar das biologische Alter senken kann.

 

Auch wenn es in diesen Bereichen noch kaum Forschungsarbeiten gibt, die sich unmittelbar mit dem Hund beschäftigen, so kann man auf Grund der biologischen Ähnlichkeiten von Mensch und Hund doch von einer Vergleichbarkeit dieser Mechanismen ausgehen. Zweifellos Grund genug, das Schlafbedürfnis unserer Hunde zu beachten und in unsere Tages- und Aktivitätsplanung einzubeziehen!

 

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5. August 2021

Tierschutz im Alltag

Was wirklich jeder und jede tun kann ...

 

Tierschutz ist ein populäres und von den weitaus meisten Menschen bereitwillig aufgenommenes Thema. Das ist wunderbar und zeugt nicht nur von Verantwortungsbewusstsein, sondern auch von Respekt vor andersartigem Leben. Wir alle dürfen stolz darauf sein, in einem Land wie Österreich zu leben, in dem die Überzeugung weit verbreitet ist, dass jedes Tier ein Recht auf Leben und auf menschlichen Schutz vor den Auswirkungen unseres Lebensstils hat.

 

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.“

Mahatma Ghandi

 

Dabei sind es nicht nur die großen Themen, die hinsichtlich der Tierrechte relevant sind, sondern wir alle, jeder einzelne von uns, kann tagtäglich einen kleinen Beitrag zum Tierschutz leisten, dabei seine eigenen Ideale und Überzeugungen verwirklichen – und gleichzeitig Leben retten!

Hier ein paar Anregungen …

  • Muss man wirklich immer die gesamte Rasenfläche im Garten mähen? Wäre nicht eine bunte Blumenwiese nicht eine bunte Blumenwiese oder kleine Blumeninseln, die vom Mähen eine Weile verschont bleiben, eine besondere Bereicherung? Wir könnten uns plötzlich wieder an der Farbenpracht und Vielfalt der heimischen Flora erfreuen und würden zugleich eine wertvolle Nahrungsquelle für Bienen und Heimat für andere nützliche Insekten schaffen.

 

Igeltod durch Mähroboter

Sämtliche Schneide- und Mähgeräte stellen eine große Gefahr für Igel und andere Gartentiere dar. Zur häufigsten tödlichen Falle aber werden die zunehmend favorisierten Mähroboter, die zum Schutz von Kindern und Haustieren vornehmlich nachts zum Einsatz kommen. Dieses berechtigte Schutzbedürfnis geht dabei auf Kosten des Lebens von Igeln und vielen anderen nachtaktiven Tieren, von Amphibien, Spinnentieren oder kleinen Säugetieren. Der Stoßsensor des Roboters ist meist nicht ausreichend empfindlich, um dem Gerät einen Zusammenstoß mit diesen Tieren zu signalisieren. Sie erleiden schwerste Verletzungen und ziehen sich in einen dunklen Unterschlupf zurück, um qualvoll zu sterben. Abhilfe schaffen kann beispielsweise ein ausreichend großes Gerät, das die Mäharbeit innerhalb kürzester Zeit am Tag schaffen kann und damit zu keiner nennenswerten Einschränkung der familiären Lebensqualität führt, oder entsprechende Schutzvorrichtungen wie die sogenannte Apfelschürze am Mähroboter, die der spezialisierte Fachhandel bereithält ... für einen achtsamen Umgang mit andersartigem Leben - wie das Foto oben es zeigt ... 

 

  • Die Bäume und Sträucher sind heuer vermutlich auch bei Ihnen längst geschnitten? Ganz sicher haben Sie das rechtzeitig Ende Februar oder in den ersten Märztagen gemacht, bevor die ersten Vogelnester im dichten Gehölz entstanden sind und dem Schnitt zum Opfer fielen. Für den Umgang mit dem Schnittgut gibt es zwei Möglichkeiten: Möchte man es wegräumen, sollte das sobald als möglich geschehen, bevor sich dort Tiere einnisten, die dann zwangsläufig mit „entsorgt“ würden. Vielleicht gibt es aber auch bei Ihnen eine Gartenecke, wo Totholz langfristig liegen bleiben und manchen Kleintieren Unterschlupf bieten kann? Totholz ist zudem unverzichtbarer Lebensraum sowie Nahrungs- und damit Überlebensgarantie unzähliger wertvoller Mikroorganismen. In der Natur gibt es keinen Abfall – im Gegenteil: Alles wird wieder verwertet.

 

  • Sie lieben laue Sommerabende im Freien? Mit dem betörenden Duft von Sommerblüten, dem zauberhaften Flimmern der Glühwürmchen und dem ein untrügliches Gefühl von Lebendigkeit vermittelnden Summen unterschiedlichster Insekten? Ein längst vergangener Kindheitstraum? Nicht ganz, denn noch können wir einen Teil davon zurückholen: Das Anbringen von Insektenhotels ist eine wunderbare Möglichkeit: Richtig angebracht, ziehen dort schnell die unterschiedlichsten Gäste ein: Ob Wildbienen oder Schwebfliegen, Hummeln oder Florfliegen – sie alle helfen uns auch als Bestäuber oder natürliche Verwerter ungebetenen Getiers bei der Gartenarbeit.

 

  • Viele Hundebesitzer stellen fest, dass die Anzahl von Krebserkrankungen auch bei den vierbeinigen Familienmitgliedern stetig steigt. Dabei können wir selbst einiges zur Vorsorge beitragen: Hunde, die in einem Haushalt mit regelmäßigem Pestizideinsatz leben, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an Lymphdrüsenkrebs zu erkranken. Ein wichtiger und effektiver Schritt der Krebsvorsorge für Mensch und Tier wäre demnach, all diese im Haushalt eventuell vorhandenen Chemikalien, Pflanzenschutzmittel, Insekten- und Unkrautvernichter dem Sondermüll zu übergeben und auf ihren Einsatz zu verzichten!

 

  • Last not least für jeden Autofahrer: Tempo drosseln rettet Leben! Menschliches und tierisches …

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  • Sonja (Donnerstag, 05. August 2021 09:59)

    Klasse! Danke 🙏

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28. Juni 2021

An sicherer Hand durch das Grenzland des Lebens

Wenn wir nicht "nur" einen Arzt, sondern einen Menschen brauchen ...

 

Der Arzt, dem wir das Leben unseres vierbeinigen Freundes – oder auch unser eigenes – anvertrauen, vereint im Idealfall den Einsatz des State of the Art der gegenwärtigen Medizin mit dem, was „ärztliche Kunst“ ausmacht: Neben aktuellem medizinischen Wissen stehen Weitblick und Visionen, die Entscheidungen mit beeinflussen. Neben der bedingungslosen Orientierung an evidenzbasiertem Denken steht eine ganzheitliche und von Empathie getragene Betrachtung des Patienten.

Der Arzt, der über sein medizinisches Wissen hinaus die ärztliche Kunst beherrscht, weiß um die Grenzen der Medizin, um die immer verbleibenden letzten und unvermeidbaren Unzulänglichkeiten von Diagnose und Therapie, die es weiterzuentwickeln gilt. Er thematisiert auch das, was heute noch nicht möglich ist – und zieht gerade aus diesem Wissen die Motivation für die Forschung von morgen und die Bereitschaft, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Wege, für die aber auch die Patienten –wir! – die notwendigen Voraussetzungen mitbringen müssen: eine unbeugsame Entschlossenheit, diese Möglichkeiten anzunehmen und den Weg mitzugehen, die Fähigkeit, jedwede Zweifel hinter uns zu lassen, ein bedingungsloses Urvertrauen zu entwickeln und vor allem das eine und alles Entscheidende zu aktivieren: einen grenzenlosen Lebenswillen, der vieles möglich macht – der, wenn er brach liegt und zu erlöschen droht, aber auch alles verhindern kann.

Ein Arzt, dessen Kommunikation von sachlicher Information und einer unserer emotionalen Situation angemessenen Empathie bestimmt ist, weiß, wann wir genug über die Risiken gehört haben und es an der Zeit ist, die Chancen zu thematisieren. „Was können wir tun?“ – Er weiß, welche Antworten er unserer entschlossenen Frage schuldig ist, er wird im gegebenen Fall kein Heilungsversprechen machen, sondern seinen Patienten gerade am Ende mit einem schier unerschöpflich scheinenden Füllhorn palliativmedizinischer Möglichkeiten die notwendige Fürsorge zuteilwerden lassen. Die Frage „Wie heilen wir das?“ wandelt sich in die Fragestellung „Wie gehen wir damit um?“. Seine Worte lassen medizinische Fakten zu lebendigen Informationen werden: klar, durchsichtig und verständlich. Auf der Basis von Vertrauen und Zusammenarbeit wird er seine Patienten mit sicherer Hand durch das Grenzland des Lebens führen ...

 

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31. Mai 2021

LEBEN ist mehr als perfekt funktionieren … Zur Diskussion über den Einsatz der modernen Tiermedizin

 

„Intensivmedizin für Haustiere“ – Immer wieder und regelmäßig kommt die deutsche Presselandschaft auf eines ihrer offensichtlichen „Lieblingsthema“ zurück, das auch von renommierten Medien dabei zumeist mehr oder weniger unreflektiert aufgegriffen wird. Da ist die Rede von Tieren, die einem „schmerzvollen Siechtum“ ausgesetzt seien, von Tierbesitzern, „die nicht loslassen können“, von Tierärzten, „die daran verdienen, Therapien zu verkaufen“. „Für Fiffi nur das Beste – Tiermedizin de Luxe“ hieß ein TV-Beitrag bereits vor einigen Jahren, der trotz einer sachlichen Darstellung moderner tiermedizinischer Chirurgie, Onkologie und Physiotherapie auf einen leicht ironischen Unterton nicht verzichtete. „Spiegel Online“ titelte unverkennbar provokant mit „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ einen Beitrag, der vornehmlich die wirtschaftliche Seite des Themas betrachtete, aber dennoch die Potenziale der Tierorthopädie und einmal mehr der Onkologie zumindest tendenziell in Frage stellte. Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen ähnliche Ergüsse. Leider wird in den meisten Beiträgen dieser Art nicht einmal exakt erläutert, welche Definition des Begriffs „Intensivmedizin“ den Überlegungen der Autoren zugrunde liegt. Die notwendige Erstversorgung von Schockpatienten in der Notaufnahme einer großen Tierklinik? Die Anästhesieüberwachung und perioperative Intensivbehandlung nach humanmedizinischem Vorbild? Allgegenwärtig in diesen Beiträgen sind jedoch die in der veterinärmedizinischen Onkologie längst etablierten und erfolgreich eingesetzten Optionen der Chemo- und Strahlentherapie, zumeist dargestellt als exotisch anmutende Extravaganzen exaltierter Tierbesitzer und materiell orientierter Tierärzte. Das gleiche Schicksal trifft orthopädische Hilfsmittel und physiotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten wie beispielsweise die Unterwassertherapie oder Massagen. Immer wieder fixieren sich die Diskussionen auf das Thema Schmerz, sprechen vom vermeintlichen Elend der nach dem Standard der modernen Veterinärmedizin behandelten Tiere. Mit diesen medizinisch-wissenschaftlich unhaltbaren und an der klinischen Realität absolut vorbeigehenden Argumentationsversuchen scheint die gegenwärtige mediale Auseinandersetzung mit diesem Thema ebenso hilflos wie unzeitgemäß.

 

Die Realität sieht anders aus

 

Derartige Darstellungen haben mit der Realität in großen und standardsetzenden Tierkliniken wenig gemeinsam: Chemo- und Strahlentherapie sind neben der Chirurgie als unverzichtbare Bestandteile aus der tiermedizinischen Onkologie nicht mehr wegzudenken. Die regelmäßig postulierte ethische Problematik in diesem Zusammenhang betrifft nicht die Therapieformen an sich, sondern weit eher die in weiten Teilen unsachliche oder überhaupt fehlende Aufklärung und Information der Tierbesitzer über die Möglichkeiten, die ihrem Freund auf vier Pfoten auch bei der Diagnose „Krebs“ noch Lebenszeit bei bester Lebensqualität schenken könnten.  Obwohl unzählige Menschen dieser Therapie ihr Überleben verdanken, ist der Begriff „Chemotherapie“ aus der humanmedizinischen Erfahrungswelt oft ausschließlich negativ besetzt und wird ohne weitere Hinterfragung auf den veterinärmedizinischen Bereich übertragen – ungeachtet der Tatsache, dass eine tiermedizinische Chemotherapie unter vollkommen anderen Vorzeichen geplant wird und abläuft. Die Nebenwirkungen sind aufgrund der geringeren Dosierung mit den aus der Humanmedizin bekannten Schweregraden nicht vergleichbar: „Internationale Studien belegen, dass chemotherapeutische Behandlungen in der Veterinäronkologie nur bei weniger als fünf Prozent der Patienten schwerwiegende Nebenwirkungen zur Folge haben. Bei den meisten Krebspatienten können die Nebenwirkungen bereits durch Präventivmaßnahmen vermieden werden oder sind als milde Nebenwirkungen zu bewerten und damit sehr gut behandelbar“, erklärt Dr. Michael Willmann, Onkologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

 

Chancen und Risiken der modernen Tiermedizin und insbesondere der Onkologie sind viel diskutiert. Das größte Risiko aber besteht darin, die Chancen nicht zu nutzen!

 

Dabei darf das Potenzial dieser Therapieformen, einen krebskranken Hund eventuell zu heilen, keinesfalls unerwähnt bleiben, denn auch die Diagnose „Krebs“ muss für unsere vierbeinigen Freunde heute längst kein Todesurteil mehr bedeuten. Früherkennung ist wie bei jeder anderen Erkrankung der Schlüssel zur Heilung. Abwarten und darauf hoffen, dass der Knoten eventuell gutartig sein könnte, ist heute keine tierärztliche Empfehlung mehr. Angesichts der Tatsache, wie viele Hunde ihr Leben lassen müssen, weil ihren Besitzern wegen mangelnder Aufklärung über alle Therapieoptionen die Möglichkeiten einer bewussten Entscheidung FÜR den Hund gar nicht erst gegeben wurde, sei die Überlegung erlaubt, an welcher Stelle wir es hier wirklich mit einem ethischen Problem zu tun haben. Eine adäquate Schmerztherapie ist gegenwärtig nicht nur medizinisch möglich, sondern im Tierschutzgesetz explizit vorgeschrieben, und es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Kliniken, die eine medizinische Betreuung nach dem aktuellen State of Art – je nach Definition also „Intensivmedizin“ – anbieten, auch mit Selbstverständlichkeit eine optimale Schmerztherapie durchführen. Schmerzen zu beklagen und gleichzeitig die gerade im orthopädischen Bereich besonders effektiven Therapiemöglichkeiten wie Massage oder Akupunktur abzulehnen, zeugt nicht gerade von einem vertieften Verständnis der Zusammenhänge in der medialen Berichterstattung. Unerwähnt bleibt, dass all diese optimalen und am neuesten medizinischen Wissensstand orientierten Therapien das Leben des individuellen Patienten schützen! Im Idealfall kann die Erkrankung geheilt werden, sicher aber kann über einen längeren Zeitraum hinweg eine optimale Lebensqualität für den Patienten erhalten werden. Dabei ist die prognostizierte Überlebenszeit durchaus relativ zu betrachten. Ein Jahr mag gemessen am menschlichen Lebenszyklus wenig erscheinen, für den Hund hingegen bedeutet ein Jahr eine lange Zeit – Leben, das gelebt werden kann und will! Therapie schützt Leben und ist damit in letzter Konsequenz aktiver Tierschutz!

 

„Ein denkendes, fühlendes und sensibles Lebewesen …“

 

Auf der Suche nach Argumenten gegen den Einsatz moderner medizinischer Therapien bei Tieren macht es ebenso wenig Sinn, heute noch auf das „Gnadenbrot“ zu verweisen, mit dem so mancher Wach- und Arbeitshund früherer Zeiten, der seiner Aufgabe nicht mehr nachkommen konnte, seinen Lebensabend fristen musste. Tempora mutantur … Die Zeiten ändern sich, und dem Hund kommt dank des gesellschaftlichen Wandels in unserer Gegenwart eine veränderte Position im Familiengefüge zu. Das Tier wird heute als ein „denkendes, fühlendes und sensibles Lebewesen, das Partner des Menschen ist“ betrachtet, wie der Wiener Kognitionsbiologe Prof. Dr. Ludwig Huber immer wieder betont.  

Der richtige Moment für die Euthanasie eines Haustieres hängt von vielen individuellen Faktoren ab: von der Mensch-Tier-Beziehung, vom Alter des Tieres, von der Prognose. Jede konkrete Situation erfordert dabei eine individuelle Entscheidung, aber die einseitige auf wirtschaftliche und materielle Faktoren bezogene Interpretation dieser ethischen Fragen greift entschieden zu kurz und übersieht die Kehrseite der Medaille: Auch mangelnde Aufklärung des Besitzers über alle therapeutischen Möglichkeiten nimmt dem Tier die Chance auf Leben, dem Besitzer die Fähigkeit, sich eines Tages mit dem Unabwendbaren abzufinden – eine Situation, die gerade unter ethischen Aspekten nachdenklich stimmt …

 

Vom ethischen Konflikt des Tierbesitzers

Ein kleiner Teil der Lunge war auf dem Bild rein zufällig noch zu sehen: nicht schwarz, wie sich die Luft in einer gesunden Lunge am Röntgenbild darstellt, sondern weiß gefleckt. Viel Weiß mit kleinen schwarzen Zwischenräumen. Der Tierarzt machte ein besorgtes Gesicht, sprach von Lungenkrebs. – „Was tun?“ – „Keine Chance! Gar nichts tun!“ – „Wie lange noch?“ – „Vielleicht drei Wochen, vielleicht vier. “ – „Es muss doch eine Möglichkeit geben! Ich werde einen Termin in der Universitätsklinik vereinbaren.“ – „Warum? Wollen Sie dem Hund die vielen Kilometer antun? Machen Sie ihr lieber eine schöne Zeit.“ – „Aber vielleicht gibt es noch eine Chance! Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Chemotherapie?“ – „Chemotherapie? Aber ich bitte Sie! Wollen Sie Ihrem Hund das wirklich ANTUN?“ – – – Warum blieb damals nur dieser eine Satz in mir hängen? Warum ließ ich mich davon derart lähmen – gegen mein Gefühl und inneres Wissen? Warum habe ich nichts getan, was meinem Mädchen vielleicht noch geholfen hätte? Was uns eventuell noch einige Wochen, Monate, vielleicht ein Jahr Leben geschenkt hätte? Niemand weiß das, mit Sicherheit aber hätten weitere Schritte zumindest mehr Klarheit in die gesamte Situation und eine eindeutige Diagnose gebracht. Heute – einige Jahre später und mit dem Wissen, dass es sich bei Annas sogenanntem Lungenkrebs mit hoher Wahrscheinlichkeit um Metastasen einer anderen Tumorerkrankung im Körper handelte und dass eine umfassende, dem heutigen medizinischen Standard entsprechende Krebstherapie einem Hund nichts „ANTUT“, sondern auch in diesem Krankheitsstadium noch sinnvoll sein kann – heute schäme ich mich ob meiner damaligen Tatenlosigkeit, meiner Mutlosigkeit und Unentschlossenheit. Dabei ist mir umso mehr bewusst, dass trotz aller notwendigen medizinischen Überlegungen immer das Herz im Mittelpunkt stehen muss, die unbedingte Liebe zu unseren vierbeinigen Partnern, die ihr Leben vertrauensvoll in unsere Hände legen. Gerade deshalb ist es unsere wichtigste Aufgabe, für jeden von ihnen – bewusst, individuell und im Vertrauen auf eine lückenlose Beratung durch den behandelnden Tierarzt – die richtigen Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, die den medizinischen Möglichkeiten und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand unserer Zeit entsprechen. Entscheidungen, die uns erlauben, unseren Hunden ins Gesicht zu schauen! Auch über ihren Tod hinaus!

 

Zukunftsvisionen

 

Die Frage nach dem veränderten Umgang mit dem alternden und chronisch erkrankten Tier erörterte auch der Wiener Tierethiker Prof. Dr. Herwig Grimm. An die Stelle der früher in vielen Fällen selbstverständlichen Euthanasie treten heute Überlegungen nach Therapiemöglichkeiten: „Wo Normen aufbrechen, ist neue Orientierung nötig.“ Diese ethische Aufgabe der Neuorientierung kann aber nicht bedeuten, neue Wege, neue Entwicklungen in Frage zu stellen oder gar abzulehnen, sondern ihr Ziel muss stets ein den veränderten Umständen angepasster Umgang mit den Möglichkeiten der Gegenwart und der Zukunft sein.

Das vergangene Jahrzehnt war mit Sicherheit eines der wichtigsten für die Weiterentwicklung der Tiermedizin. Bleiben wir bei der nur allzu gerne mystifizierten Onkologie, denn Krebs ist auch bei unseren Haustieren inzwischen eine der häufigsten Todesursachen, deren Anteil bei einigen Rassen nahe einer Größenordnung von 50 Prozent liegt. In manchen Fällen spielen genetische Prädispositionen eine Rolle, aber züchterische Lösungen dieser Problematik liegen in weiter Ferne. So sind neben der Früherkennung, die bei unseren Haustieren genauso wie beim Menschen das größte Heilungspotenzial beinhaltet, der Einsatz etablierter und erwiesenermaßen erfolgreicher Therapien sowie die Auseinandersetzung mit neuen Therapieansätzen das Gebot der Stunde. Die Entwicklung neuer Medikamente für den tiermedizinischen Bereich machte in den vergangenen Jahren Fortschritte, mit denen zu Beginn dieses Jahrtausends noch niemand gerechnet hätte. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin, die vergleichende Onkologie, die zur Zulassung modernster Medikamente für die Behandlung krebskranker Hunde führte. In der gemeinsamen Krebsforschung ist und bleibt der Hund ein wertvolles Individuum, ein Patient mit einer Tumorerkrankung, dem der neueste wissenschaftliche und medizinische Kenntnisstand der Onkologie zuteil wird. Dass heute in der Tiermedizin die ersten zielgerichteten Medikamente (Targeted Therapies) zur Verfügung stehen, ist das für sich selbst sprechende Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Ein Großteil der aktuellen Medienberichte handelt die Annäherung von Tier- und Humanmedizin lediglich mit dem Hinweis auf eine unzulässige „Vermenschlichung“ des Tieres ab und geht damit an den substanziellen Inhalten der komparativen Medizin vollends vorbei, ignoriert Potenziale, die unter den unterschiedlichsten Aspekten einen wesentlichen Beitrag zum Tierschutz leisten und ebenso dem Wohle des Menschen zugutekommen.  

 

Vom LEBEN mit dem kranken Hund

 

All den mehr oder weniger artifiziell erscheinenden Diskussionen um die ethische Bedeutung der modernen Tiermedizin, all den medizinisch-wissenschaftlich und emotional in Bezug auf die Mensch-Tier-Beziehung entschieden zu kurz greifenden Medienkommentaren möchte ich mein Resümee aus inzwischen 35 Jahren Boxer-Haltung – bekannterweise eine Rasse mit starker Präsenz in den Tierkliniken, die mir entsprechende Erfahrungswerte schenkte – gegenüberstellen: Wenn wir eines Tages mit einer Diagnose konfrontiert werden, die von einer chronischen oder unheilbaren Erkrankung unseres Hundes spricht, dann ist es in erster Linie UNSER Verhalten, UNSER Umgang mit den veränderten Gegebenheiten, der auch das Verhalten des Hundes prägen wird. Versuchen wir, uns von der Vorstellung zu befreien, dass es unserem besten Freund auf vier Pfoten jetzt schlecht gehen MUSS! Er ist kein armer Hund – es sei denn, ihm wird eine optimale Therapie verwehrt –, sondern er wird ganz selbstverständlich diese neue Lebensform mit uns leben. Wenn es uns gelingt, diese Zeit mit ihm zusammen offen und neugierig als eine Aufgabe, vielleicht gar als eine Bereicherung zu betrachten, wird eine ganz eigene Heiterkeit uns und unseren Freund in diesen Wochen und Monaten – Jahren? – seiner Krankheit begleiten. Vielleicht ist es ein langer Weg des Abschiednehmens. Aber beginnt dieser Weg des Abschieds nicht in dem Moment, in dem die Hundemama uns unmittelbar nach der Geburt zum ersten Mal erlaubt, den Welpen im Arm zu halten? Wenn sie dieses kleine schuldlose Wesen nicht zuletzt unserer Pflege und Obhut anvertraut? Voller Neugier und Vertrauen wird der Welpe den Weg ins Leben finden, von dem wir alle wissen, dass es wie jedes Leben auf dieser Welt begrenzt ist. Vielleicht beginnt der lange Weg des Abschiednehmens schon in diesem Moment – und denken wir jemals darüber nach? Nein, wir LEBEN diesen „Abschied“ mit aller Selbstverständlichkeit, die das Leben ausmacht. Warum sollten wir jetzt, im Moment einer schwerwiegenden Diagnose damit aufhören? Machen wir uns zusammen weiter auf den Weg dieses gemeinsamen LEBENS – in einen neuen Abschnitt, ja sicher, aber in einen Teil, in dem nicht Angst und Traurigkeit unser Denken und unsere Emotionen bestimmen, sondern Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Vielleicht erleben wir nun Tage und Wochen, die uns manches bewusster wahrnehmen lassen als je zuvor und die uns eine neue Qualität der Verbundenheit, der innigen Zusammengehörigkeit schenken.

 

Leben heißt mehr als perfekt Funktionieren

 

Und noch einen ganz wesentlichen Aspekt wird diese Zeit uns lehren: Wir werden sehen und erkennen, mit welcher Selbstverständlichkeit unser Hund seine Krankheit annimmt. Wenn wir die kleinen oder auch größeren Probleme, die der Alltag jetzt mit sich bringen kann, gemeinsam mit unserem Patienten optimal meistern und kein allzu großes Aufhebens um die ein oder andere Einschränkung machen, wird auch unser Freund die neuen Gegebenheiten schnell als selbstverständlich annehmen und verstehen. Tiere haben uns Menschen gegenüber den großen Vorteil, nicht an das Morgen zu denken. Sie leben im Hier und Jetzt, in diesem Augenblick der Gegenwart. War die krankheitsbedingte Einschränkung gerade noch spürbar, so kommt unser Freund in der nächsten Sekunde schon freudig auf uns zu oder schenkt uns auch „nur“ ein Lächeln aus seinen Augen. Vergessen scheint die Einschränkung, schon lebt er diesen neuen Moment, seine Gegenwart. Beobachten wir ihn, wie er von Tag zu Tag lernt, mit eventuellen körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen besser umzugehen, wie es ihm geschickt und erfindungsreich gelingt, seine Flexibilität und Beweglichkeit, seine Spiel- und Lebensfreude zu erhalten! Machen wir uns diesen Prozess bewusst – und wir werden einen tiefen und ehrlichen Respekt vor diesem Leben in uns spüren und erkennen, dass wir so unendlich viel von unseren Tieren lernen können. Denn Leben heißt mehr als perfekt Funktionieren. Leben bedeutet, eine Aufgabe zu erfüllen. Leben ist Lieben – und das Gefühl, geliebt zu werden.

 

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1. April 2021

Freiheit – ein altes Menschheitsthema

 

Freiheit! In welchem Zusammenhang auch immer wir von diesem wundervollen, essentiellen Lebensgefühl sprechen, der Begriff kommt uns, die wir das unschätzbare Glück haben, in einem freien und demokratischen Land zu leben, immer wieder vollkommen selbstverständlich über die Lippen. Selbstverständlich, und damit oftmals auch ein wenig unreflektiert, weswegen es sich durchaus lohnt, den Begriff ein wenig näher zu beleuchten.

Bereits in der Antike spielte der Freiheitsbegriff eine entscheidende Rolle und galt nicht nur im altgriechischen Mythos des Prometheus als die wesentliche und entscheidende Voraussetzung der Entwicklung einer menschlichen Kultur. Das Aischylos-Drama vom „gefesselten Prometheus“ handelt vom Streit und von der Versöhnung des göttlichen Weltherrschers Zeus mit dem Titanen Prometheus, der sich der Sage nach einst gegen den Willen des Gottes für die Erhaltung des Menschengeschlechts eingesetzt und diesem befreit aus göttlicher Determination durch die Vermittlung des Feuers zum Aufbau einer eigenen Kultur verholfen hatte.

Die Freiheit des menschlichen Geistes blieb seither durch viele Jahrhunderte hindurch eines der großen Charakteristika abendländischen Denkens. Die Ideen der europäischen Aufklärung basierten spätestens seit Galilei ebenso wie das Aufblühen der Naturwissenschaften auf einem von der Utopie geistiger, religiöser und politischer Freiheit geprägten Gedankengut. 1823 vertonte Ludwig van Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner Neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne, 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU.

Schillers Vision basierte auf einer humanistisch-aufgeklärten Grundhaltung und manifestierte die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen. Der Dichter spricht hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Er spricht von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums.

Heute wissen wir – nicht zuletzt dank der aktuellen Möglichkeiten neurophysiologischer Forschung –, dass die Entfaltung von Kreativität und das ungerichtete Denken neuer Ziele und Möglichkeiten ein Höchstmaß individueller Freiheit brauchen, um sich entfalten zu können, durchaus auch, um sich den großen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen und Lösungsansätze zu entwickeln. Umso wesentlicher ist es, diesen Freiheitsbegriff gleichzeitig immer wieder zu reflektieren und so zu definieren, dass er Verantwortung – und Verantwortungsfähigkeit ist das entscheidende Kriterium des Menschseins! – beinhaltet. Schlicht und einfach formuliert: Freiheit bedeutet keineswegs, einfach zu tun, was man gerade will. Und so forderte auch nicht zuletzt der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck 2013 in seiner berühmt gewordenen Rede über die Freiheit diese Verantwortung ein: „Die Freiheit des Individuums als Grundelement des in der Aufklärung wurzelnden Liberalismus kann eben nur so weit gehen, wie sie nicht die Freiheit anderer oder gar das Überleben des Planeten gefährdet.“ Bereits im 18. Jahrhundert hat der große deutsche Philosoph Immanuel Kant es so wunderbar treffend zusammengefasst: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Freiheit und Selbstbestimmung beinhalten immer auch Pflichten – daran hat sich im Prinzip vom antiken Mythos des Prometheus bis in die Gegenwart hinein nicht viel verändert. Wirkliche Freiheit bedeutet in letzter Konsequenz, den Herausforderungen des Lebens verstandesorientiert und verantwortungsbewusst zu begegnen! Diesen Freiheitsbegriff zu leben und dabei die eigene Menschlichkeit und den individuellen Weg zu Kreativität und Lebensglück zu finden bedeutet ganz sicher nicht zuletzt auch, einen unschätzbaren Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.

 

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10. März 2021

Geballte negative Emotionen – Bildung als ein Ausweg?

 

Aktuell konzentrieren sich gesellschaftliche und mediale Diskussionen auffällig auf geballte negative Emotionen: Der Eindruck entsteht, dass man nurmehr von Angst, von Wut und von Hass redet … von Menschen, die getrieben von diesen negativen Emotionen den Herausforderungen der Krise kaum gewachsen sind – was vielfältige Gründe hat und zweifellos nur äußerst selten in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Vielmehr scheinen es einige zentrale und wesentliche Strukturen der Gesellschaft, die traditionell überliefert seit Jahrzehnten einer Reform harren, und die unzweifelhaft mit dafür verantwortlich sind, dass ein durchaus unübersehbarer Teil der europäischen Bevölkerung sich aktuell so verhält, wie wir es tagtäglich beobachten. Würde man derzeit das legendäre psychologische Experiment des Marshmallow-Tests großflächig in der Gesellschaft durchführen, wäre das Ergebnis vermutlich erschreckend.

Wenig wird hingegen über ein anderes negatives Gefühl gesprochen, das zweifellos in einem ebenso großen, allerdings weniger lauten Teil der Menschen dominiert: Enttäuschung! Enttäuschung gerade angesichts des teilweise dramatisch infantilen Verhaltens der Gesellschaft und Enttäuschung darüber, dass die Wurzeln von Humanismus und Aufklärung in Europa so wenig Früchte tragen. Auch ich persönlich hätte mir da sehr viel mehr erwartet.

Wenn man nun aber dankenswerterweise zu den Menschen gehört, die weder zu Depressionen noch zu Resignation neigen und die stattdessen die Möglichkeiten und Chancen sehen, Strategien zu entwickeln, derartige Probleme im Keim zu ersticken, stellt sich folgerichtig die Frage, wie diese gesellschaftliche Gesamtsituation verbessert werden kann. Wie kann denjenigen, die sich überfordert fühlen, geholfen werden? Auf Augenhöhe! Wie kann den Wurzeln von Angst, Wut und Hass begegnet werden? Kollektives Mentaltraining? Zumindest ein wesentlicher Ansatz liegt im Bildungssystem, das einer völligen Neuorientierung bedarf: weg von einer Wissensansammlung hin zu einer Erziehung, in deren Mittelpunkt emotionale Intelligenz, Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Medienkompetenz stehen. Denn vielmehr als bloßes Wissen sind es unsere Emotionen und Empfindungen, die als Eingangstor einer neuen Wahrnehmung, eines neuen Denkens oder eines neuen menschlichen Selbstverständnisses dienen, und die durch Bildungsangebote im Idealfall angesprochen werden sollten.

Bildung hat viele Facetten. Sie ist eine der bedeutendsten Grundlagen, sich in einer rasant verändernden Zeit zurechtzufinden, denn sie vermittelt Orientierung und damit Sicherheit. Dies gilt insbesondere für ein Bildungsverständnis, das sich nicht auf abrufbares Schulwissen beschränkt, sondern das echtes Verstehen von komplexen Zusammenhängen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens und Daseins ermöglicht. Bildung im Sinne von Kommunikations- und Medienkompetenz ist zudem die beste „Impfung“ gegen das Fake-News-Virus oder gegen Verschwörungstheorien aller Art. Bildung fördert Fähigkeiten, die integraler und unverzichtbarer Bestandteil einer reifen Gesellschaft in einer liberalen Demokratie sind, und Bildung ist einer der wesentlichen Faktoren, die Würde des Menschen zu sichern - die Würde jedes einzelnen.

 

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2. März 2021

Hunde verbessern menschliche Gesundheit – und sind damit in höchstem Maße gesellschaftsrelevant

 

Die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund ist im Idealfall für beide Seiten gleichermaßen beglückend und erfüllend – und dabei auch aus medizinischer Sicht durchaus keine Einbahnstraße. Hochsoziale Säugetiere, zu denen Menschen und Hunde gleichermaßen zählen, brauchen aufgrund der neurobiologischen Konstellation ihrer Organismen emotionale Bindungen. Mit den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen unserer Zeit, der Auflösung traditioneller Familiensysteme und eines zunehmend individualistisch geprägten großstädtischen Lebensstils übernehmen Hunde auch neue Aufgaben in der menschlichen Gesellschaft und gehören zu den wertvollsten Präventionsmaßnahmen und Therapeuten moderner Zivilisationskrankheiten wie Depressionen oder Übergewicht. Weniger Krankschreibungen und schnellere Genesungszeiten bei Hundehaltern sowie ein besseres Lernverhalten bei Kindern, zu deren Familie ein Hund zählt, sind nur einige der diesbezüglichen Erkenntnisse der letzten Jahre. Laut einer Studie über den Wirtschaftsfaktor der Heimtierhaltung der Universität Göttingen aus dem Jahr 2014 könnte die Hundehaltung dem deutschen Gesundheitssystem so jährlich zwischen eineinhalb und drei Milliarden (!) Euro sparen.

Seit Jahren bestätigen Untersuchungen und Datenauswertungen diese Ergebnisse und zeigen, dass Haustiere den Gesundheitszustand ihrer Halter positiv beeinflussen können. Regelmäßig erscheinen neue Studien zu dieser Thematik. So fanden Forscher vom Psychologischen Institut des Manhattanville College in New York beispielsweise heraus, dass Tierhalter mit dem eigenen Leben zufriedener sind als Menschen, die ohne Haustier leben. Dabei beurteilen Hundehalter ihre Gefühlswelt als besonders positiv und empfinden noch weniger negative Emotionen als die Besitzer von Katzen. Eine andere Studie der University of East Anglia in Großbritannien beweist einmal mehr: Ein Hund hält vor allem ältere Menschen fit, denn Hundebesitzer sind weit aktiver als Menschen vergleichbaren Alters ohne Hund. Durchschnittlich sitzen sie beispielsweise täglich 30 Minuten weniger – unabhängig vom Wetter! Dass regelmäßige Bewegung hilft, die körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten und altersbedingten Krankheiten vorzubeugen, ist allgemein bekannt. Somit ist auch diese Studie ein neuerlicher Hinweis auf die gesellschaftsrelevante Bedeutung des Hundes – nicht zuletzt eben im Hinblick auf die Kosten des Gesundheitssystems.

 

Hunde schützen vor Stress

 

Eine Studie der Entwicklungspsychologin Dr. Kathryn A. Kerns von der Kent State University, dass Hunde Kinder auch in emotionalen Stresssituationen nachhaltig unterstützen können. Die Forscher unterzogen 99 Kinder aus Familien mit Hunden einem standardisierten Stresstest: Sie sollten eine kurze Rede vorbereiten und diese anschließend vor zwei unbekannten Erwachsenen vortragen. Die Hälfte der Kinder war in Begleitung des Familienhundes, die andere Hälfte war auf sich allein gestellt. Im Anschluss an den Vortrag sollten die Kinder ihren Zustand bewerten und anhand einer Skala mitteilen, wie „aufgeregt“, „glücklich“, „entspannt“ und „stolz“ oder wie „nervös“, „einsam“ oder „ängstlich“ sie sich fühlen.  Darüber hinaus wurde während der gesamten Zeit die Herzfrequenz der Kinder gemessen und aufgezeichnet. „Unsere erste Erkenntnis war, dass die Anwesenheit eines Hundes positive Emotionen hervorruft“, sagt die Psychologin zu den Ergebnissen. Zudem stellten die Forscher fest, dass Körperkontakt mit dem Hund die Selbstsicherheit der Kinder noch verstärkte. Die aktuellen Beobachtungen entsprechen bereits bekannten Forschungsergebnissen, denen zufolge beim Körperkontakt mit einem Hund das Wohlfühlhormon Oxytocin freigesetzt wird, das seinerseits zu einer Reduktion des Stresshormons Cortisol führt.

 

Hunde beeinflussen menschliche Psyche in kürzester Zeit

 

Zahlreiche Studien zeigten schon bisher, dass Hunde eine positive Wirkung auf die Stimmung des Menschen haben. Forscher der University of British Columbia konnten zudem über den Einfluss von Therapiehunden auf Studenten nachweisen, dass bereits ein einmaliger Kontakt mit einem Hund einen deutlich messbaren Effekt auf die Psyche hat. Die Wissenschaftler befragten 246 Studenten, die an einer Therapiestunde mit Hunden teilnahmen. Direkt nach der Sitzung berichteten die Teilnehmer, dass sie sich weniger gestresst und glücklicher fühlten und berichteten außerdem von einem höheren Energielevel. Noch zehn Stunden später hielten einige dieser Effekte an. „Die Ergebnisse waren bemerkenswert. „Sogar zehn Stunden später berichteten die Studenten noch, dass sie etwas weniger negative Gefühle hatten als sonst. Sie fühlten sich besser unterstützt und weniger gestresst als Studenten, die nicht an der Therapiestunde teilgenommen haben“, sagt Studienautor Stanley Coren und verweist damit auf die Studenten, die der Kontrollgruppe angehörten und ohne vorherigen Kontakt zu Hunden von den Forschern im gleichen Zeitrahmen befragt wurden.

 

Hundehalter leben länger

 

Dass Haustiere im Allgemeinen und Hunde im Besonderen einen positiven Einfluss auf die Gesundheit ihrer Besitzer haben, ist heute unumstritten. Wissenschaftler der Universität Uppsala bestätigten in einer landesweiten Kohortenstudie in Schweden einmal mehr in beeindruckender Form, dass Hundehaltung sich positiv auf die Lebenserwartung auswirkt. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind international die häufigste Todesursache und machen in Europa 45 Prozent aller Todesfälle des Menschen aus. Für die aktuelle Studie verarbeiteten Prof. Dr. Tove Fall und sein Team die Daten von 3,4 Millionen schwedischen Bürgern und 34.000 Interviews mit Studienteilnehmern. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Hunde ihre Halter möglicherweise vor lebensbedrohlichen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und vor Schlaganfällen bewahren können und fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen: „Hundehaltung geht mit einem geringeren Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen in Ein-Personen-Haushalten und mit einer geringeren Mortalität in der Gesamtbevölkerung einher.“ Die Todesrate der Hundehalter lag im Studienzeitraum um 13,1 Prozent unterhalb der der Nicht-Hundehalter. Insbesondere die Gesundheit allein lebender Menschen profitiert von der Hundehaltung, denn die vierbeinigen Partner fördern die Bewegung und verringern die negativen Effekte von Einsamkeit.

 

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26. Januar 2021

Chronischer Stress schadet Mensch und Hund

 

Eigentlich wissen wir es alle: Ein Leben in Harmonie und Achtsamkeit fördert unsere Gesundheit und die von uns anvertrautem Leben. Heute ist dies längst keine nostalgische Sehnsucht mehr, sondern die Zusammenhänge sind neurophysiologisch erklärbar, und es gibt viele gute Gründe, den eigenen Lebensstil diesbezüglich zu hinterfragen und gegebenenfalls die ein oder andere Anpassung vorzunehmen.

Generell hat eine effiziente Stressreduktion weitreichende Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden, denn chronischer Stress, den Mediziner auch als toxischen – giftigen – Stress bezeichnen, bedeutet einen beständig erhöhten Cortisolspiegel im Organismus. Physiologisch blockiert Cortisol die Gene, die für die Abwehrreaktion des Organismus notwendige Immunbotenstoffe codieren, verhindert also deren Aktivierung und unterbricht damit eine effektive Abwehrreaktion des Immunsystems. Eine beständige, durch chronische Stressfaktoren hervorgerufene Cortisolproduktion in den Nebennieren kann die körpereigene physiologische Balance zwischen Immunsystem und Stresssystem empfindlich stören und die optimale Arbeit des Immunsystems entscheidend einschränken. Darunter leidet nicht nur die alltägliche Infektionsabwehr, sondern beispielsweise auch die Fähigkeit des Immunsystems, tumorverdächtige Zellen zu erkennen und unmittelbar zu eliminieren. Maßnahmen zur Vermeidung von chronischem Stress sind somit auch aktive Tumorprävention – bei Mensch und Tier! Darüber hinaus beschleunigen die epigenetischen Veränderungen, die durch chronischen Stress und eine daraus folgende beständig erhöhte Cortisolproduktion hervorgerufen werden, den Alterungsprozess. Ende 2015 konnten Forscher diesen Zusammenhang in einer groß angelegten humanbiologischen Studie molekulargenetisch nachweisen und zeigen, wie Stresshormone den genetischen Code steuern und das Aktivitätsmuster des Genoms entscheidend verändern. Gleichzeitig war in dieser Arbeit erkennbar, dass derartige Veränderungen insbesondere die Gene betreffen, die mit typischen Alterserkrankungen in Zusammenhang gebracht werden.

Zudem hat sich die Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten intensiv mit dem Einfluss von chronischem Stress auf die Telomeren beschäftigt. Als Telomere bezeichnet man die Enden der Chromosomen, die wir uns ganz ähnlich wie die Endkapseln von Schnürsenkeln vorstellen können: Telomere schützen die Chromosomen und den Erhalt der DNA, werden aber mit jeder Zellteilung ein wenig kürzer, womit sie die Zellalterung maßgeblich beeinflussen. Die Telomerforschung geht heute davon aus, dass diese Schutzkappen der Chromosomen, für deren Ausbildung ein bestimmtes Enzym, die Telomerase, unverzichtbar ist, sich in einem dynamischen Prozess verändern: Ihre Verkürzung kann sich beschleunigen oder verlangsamen und eventuell sogar rückgängig gemacht werden. Und damit kann sich auch der Alterungsprozess beschleunigen oder verlangsamen – und eventuell sogar ein Stück weit rückgängig gemacht werden? –, denn die Zellalterung ist das entscheidende Kriterium für das biologische Alter eines Organismus und steht dabei auch wiederum in engem Zusammenhang mit dem Immunsystem. Wenn die Telomere der Immunzellen sich verkürzen und die Zellen altern, verlieren sie auch einen Teil ihrer Fähigkeit, eine starke Immunreaktion auszulösen. „Das ist ein Grund dafür, dass Menschen mit alternden Zellen – einschließlich älterer Menschen und Menschen, die chronischem Stress ausgesetzt sind – so krankheitsanfällig sind und weshalb sie oftmals Krankheiten wie Grippe oder Lungenentzündung erliegen“, schreibt denn auch die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn, die zu den führenden Persönlichkeiten der internationalen Telomerforschung gehört. Bereits heute konnten zahlreiche Studien an Menschen und Tieren nachweisen, dass toxischer Stress einen unmittelbaren Einfluss auf diese Prozesse hat, indem er die Telomeraseproduktion hemmt und damit zu kürzeren Telomeren führt. Zudem konnte eine Studie explizit zeigen, dass der Telomerasespiegel in Immunzellen, die dem Stresshormon Cortisol ausgesetzt sind, sinkt. Ein erholsamer Schlaf aber kann beispielsweise wesentlich dazu beitragen, den Cortisolspiegel im Organismus zu senken. So konnten zahlreiche Studien an Menschen und Tieren nachweisen, dass chronischer Stress und eine verminderte Schlafqualität unmittelbaren Einfluss auf den Alterungsprozess haben, indem sie die Telomeraseproduktion hemmen und damit zu kürzeren Telomeren führen.

 

Stressniveau des Hundes hängt vom Menschen ab

 

Auch wenn es in diesen Bereichen noch kaum Forschungsarbeiten gibt, die sich unmittelbar mit dem Hund beschäftigen, so kann und muss man aufgrund der biologischen Ähnlichkeiten davon ausgehen, dass all diese Mechanismen bei Mensch und Hund weitgehend vergleichbar sind – und so beeinflussen auch die Ausgeglichenheit im Mensch-Hund-Team sowie die Persönlichkeit und Bindungsfähigkeit des Hundehalters das individuelle Stressmanagement des Hundes. Freundliche Menschen haben zumeist nicht nur freundliche, sondern auch entspannte Hunde. Hundebesitzer kennen diese Alltagserfahrung, die man auf der Hundewiese ebenso wie im städtischen und kommunikativen Miteinander tagtäglich beobachten kann. Ein Team des Departments für Verhaltensbiologie der Universität Wien konnte einen Teilaspekt dieser Beobachtungen mit wissenschaftlichen Methoden bestätigen, indem die Forscher den Zusammenhang zwischen biopsychologischen Parametern und Stressmanagement von Haltern und ihren Hunden untersuchten. Dabei zeigt sich, dass die Charaktereigenschaften des Halters und das gelebte Beziehungsmuster das Stressmanagement des Hundes deutlich beeinflussen – genauso wie umgekehrt die Eigenschaften des Hundes den Halter beeinflussen. Die teilnehmenden Mensch-Hund-Teams wurden mit unterschiedlichen Testsituationen konfrontiert. Jeweils vorher und nachher wurden Speichelproben von Hund und Mensch genommen, um die Cortisolkonzentration zu messen.

Die Produktion von Cortisol ist Teil der physiologischen Stressreaktion, mit der der Organismus auf Stresssituationen unterschiedlichster Art reagiert. Der Hypothalamus, die wichtigste Steuerzentrale des Hormonsystems im Gehirn, koordiniert die biochemischen Voraussetzungen dafür, dass das Individuum die Herausforderung bewältigen kann. Dazu gehört u. a. die vermehrte Produktion von Cortisol in den Nebennieren und dessen Ausschüttung in den Organismus.

Der Anstieg bzw. Abfall der Cortisolkonzentration während einer Stresssituation alleine ist aber noch nicht wirklich aussagekräftig, sondern entscheidend ist die Variabilität, die zeigt, wie flexibel der Organismus in der Lage ist, die Cortisolproduktion rauf- und runterzuregulieren. Diese Veränderungen sind ein wesentlicher Hinweis auf die Anpassungsfähigkeit des Individuums an verschiedene Stresssituationen. Die Ergebnisse dieser Forschungen zeigten schließlich, dass eine höhere Cortisolvariabilität einem besseren Stressmanagement entspricht. Hunde und Menschen mit einer höheren Cortisolvariabilität erreichen insgesamt eher niedrigere Cortisolwerte. Ganz offensichtlich kann ihr Organismus die Produktion dieses Stresshormons besser regulieren. Darüber hinaus zeigte diese Studie auch andere Faktoren, die die Cortisolvariabilität beeinflussen: Halter, deren eigene Persönlichkeit von Optimismus und Offenheit geprägt ist, haben Hunde, die eine höhere Cortisolvariabilität und damit ein besseres Stressmanagement zeigen – im Gegensatz zu eher pessimistischen und verschlossenen Besitzern. Zudem zeigte diese Studie, dass selbst unsere Beziehungen zu anderen Menschen unsere Hunde beeinflussen: Hunde, deren Menschen in ihren eigenen Beziehungen zu anderen Menschen Unsicherheiten zeigen, Trennungsangst haben oder anderen Menschen nicht vertrauen, haben ein schlechteres Stressmanagement. Und natürlich spielt darüber hinaus auch die Bindung zwischen Mensch und Hund eine entscheidende Rolle, denn Bindungsmuster beeinflussen, wie wir Partnerschaften leben und wie wir interagieren: Hunde, die eine sichere Bindung an ihren Menschen zeigen, haben ein besseres Stressmanagement. Die Arbeit der Wissenschaftler ergab, dass Hunde mit einer hohen Bindung an ihren Menschen eine niedrigere Cortisolausschüttung haben und im Spiel mit dem Halter einen Abfall der Cortisolkonzentration zeigen. Spiel wirkt im Idealfall also stressreduzierend!

Grund genug vielleicht, die Lebensform unserer Hunde und damit zugleich auch unsere eigene unter diesem Blickwinkel einmal zu überdenken und vielleicht den ein oder anderen individuellen Schluss daraus zu ziehen ...

 

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4. November 2020

2020 – Eine Begegnung

 

Wien, irgendwo an der Heiligenstädter Straße. Es ist einer jener heißen Sommertage, an denen der seidenblaue Himmel durch die graue Dunstschicht schimmert, die die Stadt bedeckt, an denen sengende Sonnenstrahlen den schwarzen Asphalt aufheizen. Der Stau, in dem in diesen Nachmittagsstunden diejenigen aufeinandertreffen, die das Glück haben, den Hitzezentren der Millionenstadt entfliehen zu können, beginnt sich langsam aufzubauen … Teresa steht an der Trambahnstation, wartet auf den D-Wagen, dankbar für den beständigen Wiener Wind, der auch heute von der Donau her sanft durch die Häuserzeilen streift und die Abgaswolken ein wenig schneller an Teresa vorbeiziehen lässt. Ihr zufriedenes Lächeln und ihre vor Lebensfreude strahlenden Augen fallen auf in dieser Umgebung, in der den meisten der ebenfalls wartenden oder vorbeihastenden Menschen der Stress ins Gesicht geschrieben scheint. Die junge Musikstudentin, gerade Mitte zwanzig, liebt die Stadt und ihre inspirierende Atmosphäre. Sie liebt das bunte Bild und das vielsprachige Stimmengewirr, das ihr gleichsam wie ein Kaleidoskop dieser Welt erscheint, in dem Raum und Zeit ihre Grenzen verlieren …

 

An Tagen wie heute nahm Teresa den legendären Wiener Wind als so wohltuend wahr wie einen erfrischenden Luftstrom, der weit weg im Süden von der Meeresküste her ins Land streicht. Und die brennende Sonne über der Millionenstadt schien ihr das strahlend-gleißende Licht mediterraner Mittagshitze zu spenden … Teresa träumt … bis sie plötzlich den durchdringenden Blick eines stattlichen, dunkel gekleideten Mannes verspürte, sich von der ersten Begegnung ihrer beider Augenpaare magisch angezogen fühlte. Irgendwie fremdartig schien die Gestalt dieses Mannes mit seiner wirren Frisur und seinen strengen Gesichtszügen, aus denen Teresa eine eigenartige Mischung überlegenen Wissens und hilfloser Orientierungslosigkeit las. Wie aus der Zeit gefallen wirkte der Fremde auf Teresa, dessen Erscheinung ihr vielleicht gerade deswegen das Gefühl schenkte, diesen Menschen bereits ein Leben lang zu kennen – als wäre er ein Teil von ihr. Unverändert ruhte der Blick des Mannes auf Teresa – ein Blick voller Güte und Warmherzigkeit, gepaart mit einem Funken Leidenschaft … Teresa ist Künstlerin. Sie ist es gewohnt, ihrer Umgebung ganz selbstverständlich mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Und so folgt sie ihrer inneren Stimme, die sie überdeutlich drängt, sich dem Fremden zu nähern … „Kann ich Ihnen helfen?“, sprach sie ihn an, und füllte das überraschte Innehalten des Mannes zugleich mit einem halb erklärenden, halb entschuldigenden Nachsatz: „Mir scheint, Sie suchen etwas …?“ – „Ich sehe, Sie sprechen, aber ich höre Sie nicht.“ … Teresa war für einen Moment verwirrt – und zugleich erstaunt über die brüchige Unsicherheit dieser Stimme, die wie aus einer fernen Zeit zu ihr klang – ein Eindruck, der sich im nächsten Moment verfestigte, als der Fremde ihr ein Schreibheft und einen Stift in die Hand drückte … „Schreiben Sie, ich höre Sie nicht.“ … Teresa verstand: Der Fremde litt ganz offensichtlich unter dem Verlust seines Gehörs. Warum er dann kein Hörgerät trage, fragte sie sich, nahm aber bereitwillig die angebotenen Schreibutensilien zur Hand und brachte ihre gesprochenen Worte zu Papier. Der Fremde las. „Ja“, lautete seine Antwort, „ich suche …“ Sein Blick wanderte über die Autoschlange, die auf das Grünlicht der Ampel wartet, traf die Menschen, die sich am Einstieg der Tram drängen, die Teresa eigentlich hätte nehmen wollen … Jetzt stand sie hier, fasziniert von dieser unwirklichen Begegnung und neugierig, mehr über diesen seltsamen Menschen zu erfahren, der ihr so ungreifbar und gleichzeitig so nah schien. „Früher war das hier eine ländliche Gegend …“ Teresa war erstaunt. Sie befanden sich an einer der Hauptverkehrsadern einer der großen Metropolen Europas – wann war das eine ländliche Gegend gewesen? Erst jetzt fragte sie sich nach dem Alter ihres Gegenübers … Schwer zu sagen, vielleicht Mitte vierzig? Teresa war unsicher, der Fremde erschien ihr viel eher tatsächlich zeitlos, als dass sie sich gedanklich auf eine Zahl hätte festlegen können … „Spielen Sie Pianoforte?“, drang die Stimme wieder an Teresas Ohr und klang plötzlich verändert. Die Unsicherheit schien einem neugierigen Ton gewichen, und Teresa erkannte, während sie noch verwundert die ungewohnte Wortwahl wahrnahm, ein eigenartiges Leuchten in den Augen des Fremden, als er auf den Notenband deutete, den sie unter dem Arm trug. Teresa nickte und lächelte. Ob er auch Musiker sei – sie trug die Frage auf den Lippen, aber der Fremde fiel ihr ins ungesprochene Wort. „Sie sind Musikerin!“ Wieder nickte Teresa bejahend und spürte von einem Moment auf den anderen eine unerklärliche Vertrautheit, die der Fremde ihr plötzlich entgegenzubringen schien. „Tragen Sie dieses Schicksal wie eine Auszeichnung!“ – Fast erschrak Teresa ob der Festigkeit und Respekt gebietenden Strenge, die die Stimme des Fremden ihr jetzt vermittelte. „Tragen Sie es mit Würde und Verantwortung, denn Musik ist die Sprache, die die Welt versteht. Wenn die Musik Ihre Sprache ist, gehören Sie zu jenen Menschen, die die Verpflichtung haben, das Wissen um das Menschsein in Töne zu fassen und dieses Wissen in Klängen der Welt zu schenken – so wie …“ Der Fremde unterbrach seinen Redefluss, ließ Teresa aber nur einen verschwindend kurzen Augenblick, der nicht ausreichte, ihrer Verwirrung Raum zu geben. Stattdessen zogen seine Worte sie weiter ihren Bann: „Seien Sie sich Ihrer Verantwortung für diese Welt und die Menschheit bewusst …“ Eindringlich wiederholte er seine Gedanken. „Sie sprechen die Sprache, die jeder Mensch versteht, Sie allein sprechen die universale Sprache, die die Schönheit und Größe einer goldenen Zeit beschreiben kann, in der das, was uns einmal als erstrebenswerte Vision schien, Wirklichkeit wird.“ Der Fremde hielt inne, sah sich um, und die Orientierungslosigkeit, die Teresa zu Beginn der Begegnung wahrgenommen hatte, war vollends gewichen. Dieser Mann schien das Erbe, das Wissen von Jahrhunderten in sich zu tragen ... „Sehen Sie … erinnern Sie sich an andere Zeiten?“ Fast kritisch streifte sein Blick Teresa von der Seite … „Nein, Sie sind viel zu jung. Damals hatte man um Freiheit, um Gleichheit, um Brüderlichkeit gekämpft … feierte die ersten Erfolge, wohl wissend, dass der Menschheit noch ein langes Ringen bevorstünde, bis diese Ideale vollends verwirklicht seien. Damals …“ – Teresa fragte sich längst, von welchem Damals der Unbekannte sprach – „… damals herrschten verzweiflungsvolle Zustände, und es galt ebenso wüste Zeiten zu überstehen – bis irgendwann an einem Punkt der Zeit Jahre kamen, in denen unsere Visionen, die Ideale sich zu erfüllen schienen … Jahre, in denen man glaubte, die Festen der Demokratie seien unverrückbar etabliert. Niemand würde jemals mehr an ihrer Gegenwärtigkeit rütteln, an diesem goldenen Zeitalter … das goldene Zeitalter der Demokratie …“ Der Fremde unterbrach sich selbst mit einem verächtlichen Lachen, das sich unmittelbar in Mitleid zu wandeln schien. Fast zärtlich, fast bedauernd streifte sein Blick über seine nächste Umgebung und die vorbeihastenden Menschen. „Das goldene Zeitalter … das goldene Zeitalter der wahren Demokratie – getragen von Menschlichkeit … getragen von einem verpflichtenden moralischen Tun jedes Einzelnen, für das er selbst Verantwortung übernehmen kann. Die Verantwortung, dass eines jeden Taten als Grundlage eines allgemein gültigen Gesetzes die Garanten dieser Menschlichkeit sind ... Haben Sie Kant gelesen?“ Teresa vermochte die Frage kaum zu realisieren, glaubte die Stimme des Fremden für einen Moment nur mehr wie aus einem fernen Raum zu vernehmen, bis sich zunehmend Trauer und Enttäuschung in seinen Tonfall mischten. „Unsere Ideen schienen wahr zu werden – und doch … die Menschheit ist noch nicht reif dafür. Das goldene Zeitalter … Erinnern Sie sich?“ Der Fremde musterte Teresa. Seine durchdringenden Blicke trafen auf das Selbstbewusstsein der jungen Frau, die die kritische Distanz des Mannes deutlich spürte und gerade diese Distanz zugleich als eine von Respekt und Achtsamkeit getragene Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit empfand. „Sie sind vermutlich in diesen Zeiten aufgewachsen“, fuhr er fort, noch bevor Teresa ihre Gedanken vollends zu ordnen vermochte. „Sie sind in Ordnungsgebilden groß geworden, in denen die Freiheit selbstverständlich schien – so selbstverständlich, dass man in gewisser Weise vielleicht sogar vergaß, sie vor sich selbst zu schützen … Heute sprechen Sie von Grundrechten – und das mit einer menschenverachtenden Hybris, die die höchststehenden dieser Rechte, diejenigen auf Leben und Unversehrtheit, in Frage stellt – einer vermeintlichen Freiheit des Individuums willen … aber lassen wir das.“ Der Fremde unterbrach seinen Redefluss, Resignation schien der Fassungslosigkeit zu folgen, die seine Stimme offenbarte. Teresa war verwirrt – in welchen Dimensionen dachte und sprach dieser Mann? Gleichzeitig fühlte sie eine eigenartige Hingezogenheit, fast eine Geistesverwandtschaft … vermochte er ebenso wie sie örtliche und zeitliche Begrenzungen zu ignorieren und gerade daraus zu jener Weitsicht zu gelangen, die Teresa trotz ihrer Jugend bereits heute als eine der bedeutendsten Charaktereigenschaften des Künstlertums verstand. War der Fremde ein Philosoph? War er Musiker? Zweifellos beides! Teresa war sicher … Gegenwartsvergessen hing sie an seinen Lippen, saugte jedes einzelne seiner Worte in sich ein. Der Fremde machte eine Pause, schien die unmittelbare Umgebung für einen Moment ganz bewusst wahrzunehmen. „Wo leben Sie heute?“, fragte er, offenkundig keine Antwort erwartend. „Ich höre nichts, aber ich sehe und fühle … ich sehe nur Grau: der versiegelte Boden unter den Füßen, der kein Leben mehr durchlässt, die Luft über uns, die den blauen Himmel verdeckt und das Leben erstickt … ich sehe Menschen, die sich einander missachtend begegnen und ihren Blick statt auf das Gegenüber in irreale Räume richten … ich sehe die Gefahr, dass der Schritt von Missachtung zu Verachtung nur ein kleiner ist … ich empfinde die Unsicherheit und Angst, die dieser oder jener hier orientierungslos in sich trägt. Und ich fühle wieder die verzweifelte Suche nach Freiheit, nach Gerechtigkeit … die gleiche Suche wie damals, wir nannten es Brüderlichkeit, Sie verstehen … Sie sind Musikerin, Künstlerin … Nutzen Sie Ihre Sprache, der Welt den Weg zu weisen, jedem Einzelnen hier den Wert des goldenen Zeitalters aufzuzeigen … so wie ich es …“ – Er unterbrach sich, griff nach dem Notenband, den Teresa unter dem Arm trug und schlug die erste Seite auf, auf der Teresas Name stand. „Sie heißen … Theres!“ Wie ein Aufschrei drang ihr Name aus seinem Mund. Erschrocken und eigenartig berührt hob Teresa den Blick … „Theres … “ – Eilig drückte der Fremde Teresa die Noten zurück in die Hand, drehte ihr den Rücken zu und verschwand im Taumel vorbeihastender Jugendlicher in den weiten Armen der Großstadt.

 

Teresa hatte Mühe, sich zu beruhigen. Zu sehr hatte diese Begegnung, hatte der Klang ihres Namens aus dem Mund dieses Fremden sie aufgewühlt und eine Saite tief in ihrem Inneren berührt. Niemals hatte irgendjemand ihren Namen mit solch glühender Leidenschaftlichkeit und zärtlicher Wärme zugleich ausgesprochen … Ziellos begann sie, durch die Stadt zu streifen … und erreicht dennoch – wie von einem inneren Kompass geführt – den Ort, an dem sich die junge Musikstudentin zu Hause fühlte, an dem ihre Kunst ihr Sicherheit und Heimat schenkte … Sie schlendert an den hitzegetränkten Mauern vorbei, hinter denen sich eines der berühmtesten Konzertpodien der Welt befindet. Ein Plakat kündigt das heutige Programm an: „Zum 250. Geburtstag: Ludwig van Beethoven, 1770–1827 …“ Teresa ersteht eine der begehrten restlichen Karten und findet sich kurz darauf im Inneren des ehrwürdigen Hauses wieder. Gedankenverloren durchblättert sie das Programmheft des Abends, ihre Augen bleiben an einem Absatz hängen: „In Briefen und Schriften schildert Beethoven die ,verzweiflungsvollen Zustände‘ und ,wüsten Zeiten‘ der Metternichzeit. Symphonisch umschreibt er sie am Ende des ersten Satzes mit einem Trauermarsch. Entgegen der klassischen Anordnung folgt nun bereits das Scherzo, und damit der letztlich nicht zielführende Freudentaumel eines dionysischen Rausches. Das Adagio schließlich baut ein Gegenbild dazu auf: die Sphäre des Erhabenen, das ,Goldene Zeitalter‘, Atlantis, das Land Utopia. Beethoven teilte Schillers Ideale, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die ,Idee Europa‘ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. ,Alle Menschen werden Brüder‘ – Beethoven und Schiller sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie. Sie sprechen von nichts weniger als von Freiheit und Menschenrechten und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen.“

 

In Teresas Kopf rasten die Gedanken nur so dahin. Hatte der Fremde ihr heute nicht eine ganz ähnliche Geschichte erzählt? Das Konzert hatte längst begonnen. Die Musik umgab sie mit der in ihrer Fülle kaum zu begreifenden und doch unmissverständlichen Botschaft, dass die humanistischen Ideale am Ende alternativlos bleiben. Gleichsam einem Appell drang die metrische Härte machtvoller Bläserklänge an ihr Ohr. Die symphonische Energie kumulierte, und Teresa fühlte sich hinweggetragen von einem machtvoll dahindrängenden musikalischen Duktus, der ihr keine Möglichkeit des Entrinnens ließ, der sie mitriss in einem übermächtigen Strom dem apotheotischen Klangmeer des Finales entgegen: Von Freiheit und Humanität sprach die Musik … Jetzt plötzlich schien es real – unwiderruflich: das goldene Zeitalter! „So wie ich es … geschrieben habe?“ War es das, was der Fremde ihr hatte sagen wollen? … Und trug nicht jene junge ungarische Comtesse, die einst Beethovens Klavierschülerin war und in der die Musikgeschichte immer wieder jene unbekannte Schöne zu erkennen glaubte, an die der legendäre überlieferte Brief an die „unsterbliche Geliebte“ gerichtet war, ihren Namen? Theres …

 

Das Konzert war längst zu Ende gegangen. Noch immer trug Teresa den Notenband unter dem Arm, aus dem der Fremde am Nachmittag ihren Namen gelesen hatte. Zu Hause angekommen, zog es sie magisch an die Tasten. Teresa schlug den Notenband auf und verlor sich in die scheinbar unendlich dahinströmenden Klänge, die sie dem Instrument entlockte – ihre Sprache sprechend, die der Fremde heute mit so fesselnden Worten beschrieben hatte … die Sprache, die die ganze Welt verstand, in der Raum und Zeit ihre Grenzen verloren und die jene universelle Gegenwart zu erreichen vermochte, in der Teresa ihm heute begegnet war: jenem Musiker, der vor 250 Jahren geboren wurde und dessen künstlerische Botschaft einer humanistischen Menschheitsliebe in der demokratischen Grundordnung des „goldenen Zeitalters“ für immer die ihrige sein würde …

 

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  • Marlene (Dienstag, 15. Dezember 2020 11:13)

    Ein bisschen autobiographisch??? --- Jedenfalls superschön, danke!!

12. Oktober 2020

Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung: eine Neuorientierung

 

Fragen der Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung bewegen sich in einem weiten Spannungsfeld und regen gerade auf der Basis gegenwärtiger interdisziplinärer Forschung und Diskussionen zu einer umfassenden Reflexion an. Neue biomedizinische Erkenntnisse und philosophische Diskurse laden zum Nachdenken ein: zum Nachdenken über die Achtung der Würde nicht-menschlichen Lebens, über die Abgrenzung tierischen und menschlichen Lebens und Leidens, über die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze zwischen ethischem Anspruch und Realität.

Unübersehbar leben wir in einer Zeit, in der Tiere aufgewertet werden – ein Gedanke, der bei unseren Haustieren, die ihr Leben als Familienmitglieder mit uns teilen, eine Selbstverständlichkeit zu beinhalten scheint, und der dennoch immer wieder kontrovers diskutiert wird. Was dem einen ethische Verpflichtung ist, empfindet der andere als unangemessene Zuwendung. Gegensätzliche Positionen und oftmals ideologisch gefärbte Argumentationen kennzeichnen eine inhaltlich umfassende und emotional intensiv geführte gesellschaftliche Diskussion. Immer öfter stellen dabei neue Erkenntnisse biologischer Grundlagen und Zusammenhänge die jahrtausendealte, gesellschaftlich und kulturell ausgeprägte klare Trennung zwischen Tier und Mensch infrage. Kommt eine Angleichung des Tieres an den Menschen dabei einer Entwürdigung des Menschen gleich? Auf diese und ähnliche Fragen sucht der noch junge Wissenschaftszweig der Tierethik in philosophischen und wissenschaftlichen Diskussionen nach neuen Antworten, denn wo gesellschaftliche Prozesse in Gang geraten, wo überlieferte Grundwerte und Normen sich verändern, ist es Aufgabe und Ziel der Ethik, neue Antworten auf neue Fragen zu geben und neue Orientierung zu bieten.

 

„Können sie leiden?“

 

Die moralphilosophische Auseinandersetzung mit Tieren ist durchaus nicht neu und reicht bis zu den Ursprüngen abendländischen Denkens in der Antike zurück. Der griechische Naturforscher und Philosoph Theophrast, der an der Schwelle vom vierten zum dritten vorchristlichen Jahrhundert lebte und einer der bedeutendsten Schüler des Aristoteles war, wandte sich beispielsweise entschieden gegen Tieropfer. In seinen Schriften griff er auf bereits weitreichende Tierschutzgedanken seiner Vorgänger zurück, formulierte aber erstmals konsequent eine biologische Grundlage für einen ethisch verantwortbaren Umgang mit Tieren. Theophrast verwies auf die enge Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier und die Ähnlichkeit ihrer Emotionen – rund zweieinhalbtausend Jahre vor den heutigen bahnbrechenden Forschungsergebnissen der Kognitionsbiologie und der Neurowissenschaften! Er stellte nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt und gilt somit als einer der Vordenker dafür, die Differenz zwischen Mensch und Tier in der Anthropologie zu verringern.

Im 18. Jahrhundert folgte die berühmt gewordene Fußnote des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832), der 1789 in seiner Schrift „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ anmerkte: „Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindungsfähiges Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. – Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht ,Können sie denken?‘ oder ,Können sie reden?‘, sondern ,Können sie leiden‘?“ – soweit Jeremy Bentham am Ende der Aufklärung.

 

„Was dagegen über allen Preis erhaben ist, (...) das hat eine Würde“

 

Das Mensch-Tier-Verhältnis ist heute insbesondere durch die Stellung, die unsere Haustiere als Familienmitglieder einnehmen, und durch die Auseinandersetzung über unseren Umgang und unsere Beziehung zu jenen Tieren, die wir für unsere Ernährung nutzen (was uns noch lange nicht das Recht gibt, von „Nutztieren“ zu sprechen), von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung. Bildung, emotionale Intelligenz und Respekt gegenüber Mensch, Tier und Umwelt dienen in diesem Zusammenhang als unersetzliche Orientierungshilfen und sind der Schlüssel zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Rechte andersartigen Lebens. Tom Regan (1938–2017) war nur einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, der analog zu den Menschenrechten verbriefte Rechte für Tiere forderte. Regan definierte Tiere als „empfindende Subjekte eines Lebens mit eigenem inhärenten Wert“, die somit einen Anspruch darauf haben, ihre eigene Identität zu leben und keinen Schaden zu erleiden. Von diesem Gedanken eines „eigenen inhärenten Werts“ führt der Weg unmittelbar weiter zum Begriff der Würde. Mit Immanuel Kant verband einer der bedeutendsten Philosophen der europäischen Aufklärung die Frage nach dem Preis mit dem Begriff der Würde: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent gestattet, das hat eine Würde“ ... Bereits hier hat die philosophisch-ethische Reflexion dieser Thematik einen Punkt erreicht, der gerade in unserer Gegenwart lebhafteste Diskussionen hervorruft ...

 

Die vierte Kränkung der Menschheit?

 

Wie aber kann der Weg dieser wissenschaftlichen Theorien und ethischen Normen in die gesellschaftliche Realität aussehen? Denken wir in diesem Zusammenhang zunächst einmal an die „drei großen Kränkungen“ der Menschheit, die der Wiener Neurowissenschaftler und Psychologe Sigmund Freud bereits 1917 formulierte und dabei zugleich die Frage in den Raum stellte, ob gar eine weitere bevorsteht.

In seiner Schrift „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ legte Freud die drei Kränkungen dar: Die Menschheit erlebte erstens den Wechsel zum heliozentrischen Weltbild bei Nikolaus Kopernikus und erkannte, dass die Erde und damit auch der Mensch nicht der Mittelpunkt des Universums seien. Zweitens die Manifestation der Evolution im gesellschaftlichen Denken durch Charles Darwin, die die Vorstellung des Menschen als von Gott erschaffenem Wesen durch die biologische Abstammung vom Affen ersetzte. Hier wird der Humanmediziner Freud überdeutlich und geht bereits damals – 1917 (!) – weit über die Grenzen des herkömmlichen Gesellschaftsbildes hinaus: „Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwicklung zum Herren über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber mit dieser Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft zwischen ihrem und seinem Wesen zu legen. Er sprach ihnen die Vernunft ab und legte sich eine unsterbliche Seele bei, berief sich auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band der Gemeinschaft mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. Es ist merkwürdig, dass diese Überhebung dem kleinen Kinde wie dem primitiven und dem Urmenschen noch ferne liegt. Sie ist das Ergebnis einer späteren anspruchsvollen Entwicklung. (...) Wir wissen es alle, dass die Forschung Ch. Darwins, seiner Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten näher, anderen ferner verwandt. Seine späteren Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen gegeben sind.“

Als dritte Kränkung nannte Freud seine eigene Arbeit der Psychoanalyse und den existenziellen Nachweis des Unbewussten, was der legendäre Neurowissenschaftler selbst durchaus provokant formulierte und zusammenfasste: „Das Ich fühlt sich unbehaglich, es stößt auf Grenzen seiner Macht in seinem eigenen Haus, (...).“

Renommierte Wissenschaftler ergänzten die Liste der Kränkungen in den nachfolgenden Jahrzehnten. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins beispielsweise sprach vom Menschen als „Genhülle“ und davon, dass wir, ohne es zu wissen, nach der Pfeife unserer Gene tanzen würden – eine Vorstellung, die in den letzten Jahrzehnten durch die neue Forschungsrichtung der Epigenetik allerdings wieder nachhaltig infrage gestellt wurde. Epigenetische Mechanismen und Auswirkungen betreffen alle Lebewesen gleichermaßen: die Pflanze, die am falschen Ort bei falschen Licht- und Temperaturverhältnissen nicht gedeihen kann, den Hund, der insbesondere während der Welpenzeit und Pubertät aus epigenetischer Sicht ähnlich sensible Phasen durchläuft wie der Mensch. Und auch wir können unser vollständiges Potenzial nur dann wirklich entfalten, wenn die biologischen und sozialen Rahmenbedingungen passen – ein schier unüberschaubares Feld gesellschaftlicher Diskussionen!

Aktueller denn je scheint auch die von verschiedenen Seiten formulierte „ökologische Kränkung“, die Erkenntnis der Abhängigkeit des Menschen von einer globalen Biosphäre, die er zwar massiv beeinflussen, aber nicht kontrollieren kann. „Steht nun eine weitere Kränkung durch die mit den Tieren geteilte Würde bevor?“, fragt der Wiener Ethiker Martin Huth. „Sind wir mit der Angst konfrontiert, dass die Aufwertung der Tiere zu einer Abwertung des Menschen werden könnte?“ ... Fragen, die das Potenzial zu hitzigen Debatten in sich tragen ...

 

Naturwissenschaftliche Basis ethischer Diskussionen

 

„Menschen sind unseres Wissens die einzigen Tiere, die über sich und andere nachdenken. Und das nicht nur im Heute, sondern auch über gestern und morgen. Blöderweise. Denn aus diesem Grund müssen wir wohl oder übel Verantwortung übernehmen.“ Der Wiener Biologe und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal fasst sein Fazit zur Mensch-Tier-Beziehung in dem zentralen Begriff der Verantwortung zusammen und zeichnet mit seinen Gedanken ein umfassendes Bild aus biologischem und evolutionsgeschichtlichem Wissen, das der aktuellen Richtung tierethischer Diskussionen eine naturwissenschaftliche Basis gibt. Kotrschal skizziert die Zukunft der Mensch-Tier-Beziehung denn auch als eine integrative Gesellschaft, in der Integration nicht nur zwischen verschiedenen menschlichen Gruppen von Bedeutung sei, sondern ebenso zwischen Tieren und Menschen. Der Verhaltensforscher fordert Städteplaner auf, darüber nachdenken, wie sie hundegerechte Städte bauen könnten, denn eine hundegerechte Stadt sei eine menschengerechte Stadt – und umgekehrt. Das Bewusstsein für einen gemeinsamen Lebensraum wächst. Nach Kotrschal erfüllt eine integrative Gesellschaft mit Tieren das Menschenrecht auf Leben in einer intakten Natur. Der Wissenschaftler betont nicht zuletzt in seinem vielsagenden Buch zur Mensch-Tier-Beziehung unter dem Titel „Einfach beste Freunde“ immer wieder die Vorreiterrolle der Forschung in diesen Fragen: „Die gegenwärtigen Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit kommen mitten aus der Wissenschaft, nicht aus irgendwelchen romantisch-spirituellen ,Zurück-zur-Natur‘-Ideologien.“ Und weiter: „An den Universitäten und von den Eliten wird eine Ethik diskutiert, welche die Tiere zunehmend mit einschließt. Noch sind das Brückenköpfe eines neuen Denkens. (...) Diese aufkeimende pragmatische Sicht von Welt und Mensch ist durch empirische Ergebnisse belegbar, etwa jenes zur weitgehenden Ähnlichkeit der sozialen Gehirne der Wirbeltiere.“ Tatsächlich verfügt neben entsprechenden Verhaltensstudien insbesondere die Hirnforschung über ein großes Potenzial, derartige Zusammenhänge aufzuzeigen, und auch Kotrschal bestätigt, dass das Wissen um ähnlich funktionierende Gehirne ein anderes Bewusstsein von Gemeinsamkeit schafft als der Gedanke, dass ein Hund ein Hund - ein Tier ein Tier - und ein Mensch eben ein Mensch ist. Die Grenzen verschieben sich Schritt für Schritt ...

 

Vom Welfare-Gedanken zur Würde

 

... und stellen die Gesellschaft damit vor neue ethische Herausforderungen: Fragen, die natürlich im Nutztierbereich zu diskutieren sind, aber durchaus auch Fragen, die sich im alltäglichen Leben mit unseren vierbeinigen Familienmitgliedern stellen. Wenn wir zunehmend erkennen, dass Tiere uns weit ähnlicher sind, als wir bisher dachten, und dass sie hinsichtlich ihrer sozialen und kognitiven Fähigkeiten eine Komplexität erreichen, die ihnen jahrtausendelang abgesprochen wurde, muss man natürlich darüber nachdenken, welchen Einfluss dieses Wissen auf unseren Umgang mit Tieren hat. Die philosophische Tierrechtsidee „ist eng an personale Fähigkeiten und kognitive Komplexität geknüpft“, erläutert die renommierte Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg in diesem Zusammenhang. „Wenn wir Tiere als nicht-menschliche Personen bezeichnen – was immer das genau heißt –, sind sie sicher wesentlich besser beschrieben als als Sache. ,Person‘ ist eine philosophische Kategorie, ,Mensch‘ eine biologische. Was eine Person ausmacht, hängt auch von komplexen Fähigkeiten und Bedürfnissen ab. Inzwischen gibt es eine von zahlreichen Wissenschaftlern unterschriebene Forderung nach Personenrechten für bestimmte Tiere, die den Menschenrechten verwandt sind: die Rechte auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche Unversehrtheit.“

Aus derartigen Überlegungen ergeben sich zahllose Fragen im Umgang mit dem Tier, die auch in der alltäglichen Praxis relevant sind – mit verstörender Selbstverständlichkeit in der Massentierhaltung, aber durchaus auch in einigen noch immer gängigen Praktiken des Hundewesens. In allen Bereichen der Hundehaltung und des Umgangs mit Hunden kommt den Welfare-Argumenten heute eine außerordentliche Bedeutung zu. Fragen, ob der Hund sich in der jeweiligen Situation wohlfühlt und den Anforderungen seiner Umwelt gewachsen ist oder ob Verhaltensstörungen auftreten können, gehören nicht nur in Hundeschulen zum Alltag. Diese Fragen setzen sich mit der Empfindungs- und Leidensfähigkeit von Tieren auseinander. Auch, wenn hier längst nicht alles perfekt ist, so sehen wir in den weitaus meisten Konstellationen zumindest bei unseren Haustieren doch zunächst einmal Situationen, in denen man guten Gewissens sagen kann, dass es dem Tier gut geht und dass seine grundlegenden Lebensbedürfnisse optimal erfüllt scheinen. Erst in weitergehenden Betrachtungen folgen die schwierigen Fragen nach komplexen ethischen Konzepten, nach der Würde und dem inhärenten Eigenwert des Tieres – dem oft eine Instrumentalisierung gegenübersteht, die wir im ersten Moment vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen, die wir aber keinesfalls übersehen dürfen und derer wir uns ehrlicherweise bewusst sein sollten. Diese Probleme der Entwürdigung sind weit weniger offensichtlich und schwieriger zu fassen als vordergründige Welfare-Probleme. Erst ihre emotionale und umfassende kognitive Erfassung scheint den Schlüssel zu echten Lösungen zu bieten, um vor allem das Leiden jener Mitgeschöpfe, die uns ernähren, durch unser so entstandenes MitGEFÜHL zu beenden.  

Für den einen mögen all diese Gedankenansätze eine neuartige Sichtweise darstellen, vielleicht gar eine Einladung und Ermunterung, in neue Erfahrungswelten aufzubrechen. Für den anderen ist es eventuell nur ein Ansatz, das eigene Erleben, die individuell und persönlich gelebte Ethik in Worte zu fassen und ihr gedankliche Präsenz zu verleihen – je nachdem, an welcher Stelle wir selbst uns gerade auf dem Weg zwischen ethischem Anspruch und gelebter Realität befinden ...

 

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21. September 2020

Wissenschaftliche Basis von Mentaltraining und Mind-Body-Medizin

 

Noch vor nicht allzu langer Zeit fristeten Mental- und Achtsamkeitstraining, Meditation, Imagination und viele andere Techniken, die die Arbeit des Gehirns nachhaltig beeinflussen, ebenso wie die Ansätze der Mind-Body-Medizin ein Schattendasein im pseudowissenschaftlichen Bereich. Diese Fehleinschätzung hatte sich auf Grund einer jahrzehntelangen Trennung von Hirnforschung und Psychologie entwickelt, die ihrerseits auf die Arbeit Sigmund Freuds zurückging. Freud wandte sich nicht zuletzt auf Grund mangelnder Fortschritte in der Hirnforschung, für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die technischen und methodischen Ressourcen fehlten, in seiner neurologischen Arbeit dem klinischen Bereich zu und begründete die Psychoanalyse. Erst Ende des 20. Jahrhunderts eröffnete eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Entwicklungspsychologen, Hirnforschern und Psychotherapeuten einen neuen Zugang zu diesen Themen und Fragestellungen und zeichnete ein ganzheitliches Bild des Gehirns. Wesentlichen Einfluss auf die Zunahme valider Forschungsergebnisse hatte dabei insbesondere die Untersuchungsmethode der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT), die einen unmittelbaren Blick in die Arbeit des Gehirns ermöglicht.

Mit dieser neuen ganzheitlichen Betrachtung entstand die wissenschaftliche Basis für die Techniken des Mentaltrainings und auch für die Mind-Body-Medizin, die die frühere oft ein wenig hilflos wirkende Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen einer umfassenden Neubewertung unterzieht und damit große Chancen für die Medizin des 21. Jahrhunderts öffnet. Der ganzheitliche Ansatz der Mind-Body-Medizin, der Emotionen, Denkmuster und körperliche Funktionen in einem engen Zusammenhang betrachtet, ist heute längst Teil der evidenzbasierten Medizin geworden.

 

Das menschliche Gehirn besteht aus ca. 100 Milliarden Nervenzellen, die die Grundlage all dessen sind, was wir denken, fühlen und tun. Jede einzelne dieser Nervenzellen kann zwei Zustände aufweisen: Sie kann aktiv oder inaktiv sein! Eine einzelne Nervenzelle verfügt über diese zwei Möglichkeiten. Zwei Nervenzellen verfügen damit bereits über vier Kombinationen dieser Möglichkeiten. Die Anzahl der Zustandsmöglichkeiten steigt also exponentiell mit der Anzahl der Nervenzellen und übersteigt letztlich die Anzahl der Atome im Universum um ein Vielfaches. Das Potenzial des menschlichen Gehirns ist somit faktisch unendlich.

In diametralem Gegensatz zu diesem Potenzial steht der minimale Anteil der Informationen, die auch tatsächlich ins Bewusstsein gelangen. Die Informationen, die die Sinnesorgane dem Gehirn beständig vermitteln, und zusätzlich diejenigen, die unmittelbar aus dem Organismus kommen und die verschiedenen Körperfunktionen betreffen, ergeben in Summe etwa 50 Millionen Bit pro Sekunde! Der Teil davon, der tatsächlich ins Bewusstsein gelangt, liegt im Millionstelbereich und beträgt nur etwa 40 bis 100 Bit pro Sekunde.

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Hirnregionen ist ausschließlich der dorsolaterale präfrontale Cortex direkt willentlich steuerbar. Hier sind u.a. die Fähigkeiten einer inneren Kontrolle der Aufmerksamkeit sowie die Planung und Organisation komplexer motorischer und kognitiv-intellektueller Handlungsabläufe beheimatet. Diesem an sich kleinen Bereich des Gehirns kommt allerdings eine große Bedeutung zu, denn die Arbeit des dorsolateralen Kortex kann beispielsweise durch eine bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit Perspektiven verändern und damit indirekt auch weite Teile des Unbewussten beeinflussen.

Gleichzeitig liegt hier einer der vorrangigen Gründe dafür, dass Veränderungen im Denken und Tun den Menschen vor große Herausforderungen stellen, denn die Kapazitäten des präfrontalen Kortex sind begrenzt und begrenzen damit auch die Willenskraft, Veränderungen einzuleiten und zu leben. Veränderungen, die ausschließlich über die Willenskraft zustande kommen und damit auf der Zusammenarbeit des dorsolateralen Kortex und des orbitofrontalen Kortex, wo die emotionalen  Aspekte einer Entscheidung und die entsprechenden Motivationen verhandelt werden, wo Impulskontrolle, Empathie und das Abschätzen der Konsequenzen des eigenen Verhaltens beheimat sind, basieren, sind schwer durchzuhalten. Der erfolgreiche Weg zu Veränderungen führt ebenso wie erfolgreiches Lernen in weiten Teilen über das Unbewusste.

 

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31. August 2020

Musik für das 21. Jahrhundert: Mahlers 4. Symphonie

Gedanken zu einem zeitlosen Dokument in der Weltsprache Musik

 

Mahlers 4. Symphonie entstand in den Jahren 1899/1900 und wurde 1901 in München uraufgeführt. Publikum und Kritik standen der neuen Partitur lange verständnislos gegenüber: „Alles Technik, Berechnung und innere Verlogenheit, eine kindliche Übermusik“, stand seinerzeit in der Presse zu lesen – und der Rezensent hatte bei allem offensichtlichen Unverständnis doch einige grundlegende Aspekte erkannt, die Mahlers Symphonie auszeichnen und sie zu einem an Janusköpfigkeit kaum zu überbietenden Meisterwerk machen. Mahler verlässt den seit Mozarts Jupitersymphonie und dem Kosmos der Beethovenschen Symphonien oftmals beschrittenen Weg, das Finale als Ziel der dramaturgischen Entwicklung der Symphonie zu deuten. Der Schlusssatz gerät hier vielmehr zur Pointe des Gesamtwerks und damit zugleich zum magischen Ausgangspunkt des Ganzen. Es ist eine doppelbödige Musiksprache, die Mahler hier spricht, und so ist es keineswegs verwunderlich, dass die Symphonie quasi rückwärts konzipiert wurde. Der Vertonung des bayerischen Kinderliedes vom himmlischen Schlaraffenland aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – dort unter dem Titel „Wir genießen die himmlischen Freuden“ zu finden, von Mahler „Das himmlische Leben“ überschrieben – war ursprünglich als Finale für die 3. Symphonie geplant, wurde nun aber Ausgangspunkt einer neuen Symphonie. Hinter der Maske kindlicher Naivität gelang es Mahler mehr Hintergründigkeit zu vermitteln, als „erwachsene“ Kunst es jemals zugelassen hätte. Im gebrochenen Licht des beginnenden 20. Jahrhunderts klingt in dieser Symphonie alles so „als ob“ – so bezeichnet Dietmar Holland diese Symphonie denn auch als eine „Musik in Anführungszeichen“, in der tatsächlich nichts so klingt, wie es gemeint ist –, ein ästhetisches Spiel, das sich bin in die innermusikalischen Strukturen hinein verfolgen lässt. Mahler selbst kommentiert den 1. Satz der G-Dur-Symphonie: „Der erste Satz beginnt, als ob er nicht bis drei zählen könnte, dann aber geht es gleich ins große Einmaleins, und zuletzt wird schwindelnd mit Millionen und Abermillionen gerechnet.“ Die gebrochene Heiterkeit des ersten Satzes wird im zweiten von einem zwielichtigen Totentanz abgelöst. „Schreiend und roh“ – so Gustav Mahler – sei der Klang der extra um einen Ton höher gestimmten Solovioline, die tatsächlich den Eindruck eines makabren Tanzes des Knochenmanns erwecken sollte und Assoziationen an das „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“ des Schweizer Malers Arnold Böcklin weckt. Nach dem Spiel von Leben und Tod dieser ersten beiden Sätze scheint der 3. Satz nunmehr die Frage nach dem tieferen Sinn des Ganzen zu stellen und mündet am Ende in einem visionären Durchbruch in der Motivik des Liedfinales, das wie die neue Dimension des „himmlischen Lebens“ erscheint. „Im letzten Satz erklärt das Kind, wie alles gemeint sei“ – so Gustav Mahler. „Doch das kindliche Paradies enthüllt sich hier als das Gegenteil von positiven Jenseits-Vorstellungen. Ein Schlaraffenland, in dem Blut und Gewalt ihr Wesen treiben, in dem eine Musik ertönt, die zwar der irdischen nicht vergleichbar ist, aber den Menschen nicht hörbar gemacht werden kann. Am Ende der letzten Strophe bleibt die ersehnte Lösung aus, denn die Musik schläft ein – paradox zum Textinhalt, dass ,alles für Freuden erwacht‘ – und versinkt in der falschen Tonart E-Dur. Dass keine Metaphysik sei, ist die Botschaft!“ so der Musikwissenschaftler Dietmar Holland.

Mahlers Erläuterungen zu seiner Musik verändern den Blickwinkel ein wenig: Spricht der Künstler nicht eher von der Unzulänglichkeit des alltäglichen menschlichen Seins, die Reinheit und Größe des Universums in seiner sprichwörtlichen Un-Vorstellbarkeit zu fassen? Vom Menschen als Störfaktor eines unberührten harmonischen Weltklangs, dessen Gelüste auch den „himmlischen“ Frieden zunichtemachen? Von der menschlichen Unfähigkeit, eine existenzsichernde, universale Weltordnung anzunehmen und ihr statt mit genussvoller Ausbeutung mit verantwortungsbewusster Achtung zu begegnen?

„Was mir vorschwebte, war ungemein schwer zu machen. Stell Dir das ununterschiedene Himmelblau vor, das schwieriger zu treffen ist als alle wechselnden und kontrastierenden Tinten. Dies ist die Grundstimmung des Ganzen. Nur manchmal verfinstert es sich und wird spukhaft schauerlich: Doch nicht der Himmel selbst ist es, der sich trübt, er leuchtet fort in ewigem Blau. Nur uns wird er plötzlich grauenhaft, wie einen am schönsten Tage im lichtübergossenen Wald oft ein panischer Schreck überfällt.“ So umschrieb Mahler die Arbeit an seiner Vierten und gab darüber hinaus noch einen wesentlich deutlicheren Hinweis auf die verschiedenen Wahrnehmungsebenen dieser Partitur: „Heute hat sich mir etwas Merkwürdiges ereignet. Durch die zwingende Logik einer Stelle, die ich umwandeln musste, verkehrte sich mir alles Darauffolgende derart, dass ich plötzlich zu meinem Erstaunen gewahrte, ich befinde mich in einem völlig anderen Reiche: wie wenn du meinst, in blumigen elysischen Gefilden zu wandeln und siehst dich mitten in die nächtlichen Schrecken des Tartaros versetzt, dass dir das Blut in den Adern gefriert ...“ „Meine Zeit wird kommen“ – war einer der Glaubenssätze Gustav Mahlers. Musik für das 21. Jahrhundert ...

 

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24. Juli 2020

Ein Sommer ohne Bayreuth ... Wagners Plädoyer für Freiheit und Liebe

 

Nein, der Covid-Sommer 2020 ist kein „Sommer wie damals“ … Meine erste intuitive Reaktion auf die Ereignisse im März 2020 war die Überzeugung, mich in einer anderen Welt wiederzufinden, in der die Gesetze, die letzte Woche noch das Leben bestimmten, ihre Gültigkeit verloren hatten. Inzwischen sehe ich meine damalige Überzeugung sowohl in meinem persönlichen Umfeld als auch im gesellschaftlichen Kontext vielfach bestätigt. Auch wenn sich aktuell viele Aspekte vielleicht negativ darstellen und manche gesellschaftlichen Entwicklungen international mit Sorge zu betrachten sind, kann all das meinen unerschütterlichen Glauben an das Gute – im Menschen lasse ich weg, das wäre zu einschränkend – nicht zerstören. In diesen Tagen, in denen normalerweise die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele ihre Tore öffnen, sind mir Gedanken zu Richard Wagner gerade besonders gegenwärtig, Gedanken, die ich teils seit Jahrzehnten in mir trage und die einem deutschnationalen Interpretationsverständnis des Wagnerschen Gesamtwerks durch Teile der Nachwelt stets diametral entgegenstanden, Gedanken, die stattdessen die Utopie einer künftigen Gesellschaft zeichnen – einer Gesellschaft, in der Würde, Freiheit und Menschenliebe das Handeln bestimmen …

 

Werfen wir einen Blick in Wagners „Ring“ und lassen unsere Gedanken ein wenig auf die Wanderschaft gehen: Im Moment ihrer Vereinigung mit Siegfried verliert Brünnhilde ihre Göttlichkeit. Sie ist verwundbar geworden und hat ihre schützende Eingebundenheit in Wotans Welt durch eine neue an Tristan und Isolde gemahnende „unio mystica“ mit Siegfried ersetzt: „So wärst du Siegfried und Brünnhild´? – Wo ich bin, bergen sich beide.“ In ihrer Begegnung mit Waltraute in der „Götterdämmerung“ beginnt nun Brünnhildes Kampf um die neue Weltordnung der Liebe, die fortan jede Göttermacht überstrahlen soll. Aber noch scheitern die neuen Ideale an der bestehenden Gesellschaft. Noch machen Intrigen und menschliche Unreife die große Idee zunichte, und Brünnhilde wird zur scheinbar betrogenen Frau.

Die Wandlung der Göttertochter in ein Menschenweib stellte auf dem Weg zur Verwirklichung der freien Liebe und des Reinmenschlichen einen entscheidenden Schritt dar, aber die Idee einer neuen Menschheit, für die Siegfried und Brünnhilde stellvertretend stehen, muss an der bestehenden Gesellschaft noch scheitern. Erst müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden …bis schließlich die „freieste Tat“ am Ende der „Götterdämmerung“ für Brünnhildes Verwirklichung einer großen allgemeinen Menschheitsliebe steht! Auch wenn Wagner selbst zunächst zwischen zwei unterschiedlichen gedanklichen Konzeptionen zu schwanken, so spricht das musikalische Ende des „Rings“ doch eine deutliche Sprache – und schon 1852 dichtete er jene unmissverständlichen Verse, die in der endgültigen Komposition der universal verständlichen Weltsprache der Musik vorbehalten blieben:

 

„Ihr, blühenden Lebens

bleibend´ Geschlecht:

was ich nun euch melde,

merket es wohl! -

Saht ihr vom zündenden Brand

Siegfried und Brünnhild´ verzehrt;

saht ihr des Rheines Töchter

zur Tiefe entführen den Ring:

nach Norden dann

blickt durch die Nacht!

Erglänzt dort am Himmel

ein heiliges Glühn,

so wisset all,

dass ihr Walhalls Ende gewahrt! -

 

Verging wie Hauch

der Götter Geschlecht,

lass´ ohne Walter

die Welt ich zurück:

meines heiligsten Wissens Hort

weis´ ich der Welt nun zu. -

Nicht Gut, nicht Gold,

noch göttliche Pracht;

nicht Haus, nicht Hof,

noch herrischer Prunk;

nicht trüber Verträge

trügender Bund,

noch heuchelnder Sitte

hartes Gesetz:

selig in Lust und Leid

lässt – die LIEBE nur sein!“

 

Diese Verse, die nicht zuletzt eine Welt in geistiger Freiheit verkünden, ersetzte Wagner später 1856 durch einen schopenhauerisch gefärbten Schluss, in dem Brünnhilde das Bild einer künftigen Menschheit zeichnet, die im Sinne des Philosophen nicht durch Liebe, sondern durch Entsagung erlöst wird:

 

„... Aus Wunschheim zieh ich fort,

Wahnheim flieh ich auf immer;

des ew´gen Werdens

off´ne Tore

schließ´ ich hinter mir zu:

nach dem wunsch- und wahnlos

heiligsten Wahlland,

der Weltwanderung Ziel,

von Wiedergeburt erlöst,

zieht nun die Wissende hin.

Alles Ew´gen

sel´ges Ende,

wisst ihr, wie ich´s gewann?

Trauernder Liebe

tiefstes Leiden

schloss die Augen mir auf:

enden sah ich die Welt.“

 

Keine dieser Fassungen wurde letztlich vertont, aber zumindest musikalisch entschied sich Wagner im Ring für die optimistisch-freiheitlich orientierte Fassung des Jahres 1852. Nicht Machtstreben und Herrschaftsdenken, sondern die Liebe ist die Siegerin dieser widerstreitenden Prinzipien im „Ring“. Zurück bleibt eine Anarchie im wörtlichen – im besten Sinne: eine Herrschaftslosigkeit, aber keine Gesetzlosigkeit! Das Gesetz der Liebe regiert. Brünnhildes an Antigone gemahnender Opfertod wird so zu einem Ende im Zeichen menschheitsumfassender Liebe im Schillerschen-Beethovenschen Sinne. Brünnhilde stirbt am Ende der „Götterdämmerung“ als Mensch für Menschen, und Wagner erkannte in diesem Opfertod jene Moral, die die Hoffnung auf einen Neubeginn zuließ. Wie einst in der „Walküre“ Siegfrieds Leben verkündet wurde, so beschreiben die Violinen am Ende des „Rings“ diese Hoffnung und den Glauben an das ewig Neue mit ihrem Plädoyer für Freiheit und Liebe ...

 

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7. Juli 2020

Impfen als ethische Verpflichtung

Vorsorge als Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft

 

Kein medizinisches Thema ist weltweit derzeit aktueller als die Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 – mit allen damit verbundenen öffentlichen Stellungnahmen mehr oder meistens weniger relevanter Meinungen. Wissenschaft aber lässt sich per definitionem dankenswerter Weise nur durch eines widerlegen: durch neue wissenschaftliche Ergebnisse, die sich als richtiger erwiesen haben! Nicht durch Fakes, nicht durch Meinungen und Verschwörungstheorien in den Sozialen Medien und auch nicht durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Die Grundaussagen des folgenden Artikels gelten selbstverständlich artübergreifend für jede Spezies und jede Impfung – für die regelmäßige Gesundheitsvorsorge bei unseren Haustieren ebenso wie für die künftige Impfung des Menschen gegen Covid-19 …

 

Eine Impfung schützt nicht nur das einzelne Individuum, sondern die Impfung als eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin bewirkt weit mehr als gemeinhin angenommen wird: Je mehr Individuen einer Population geimpft sind, desto größer ist auch der Schutz für Nichtgeimpfte! Das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen und zeigt, dass die Entscheidung FÜR die Impfung mehr ist als Privatsache. Impfen ist ein Akt der Solidarität und Menschlichkeit, denn mit der Entscheidung zum Impfen kommen wir unserer Verantwortung nach: zum Schutz des uns anvertrauten Lebens und darüber hinaus zum Schutz der Gemeinschaft und all jener, die aus Alters- oder medizinischen Gründen nicht impffähig sind. Und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ist eine, wenn nicht die entscheidende Komponente, die den Menschen definiert und damit in letzter Konsequenz seine Menschlichkeit ausmacht.

 

Impfen ist Lebensschutz

 

In der Humanmedizin geht man davon aus, dass eine Durchimpfungsrate der Bevölkerung nicht 100% betragen muss, um einen nahezu hundertprozentigen Krankheitsschutz aller zu erreichen, denn die Impfung des Einzelnen schützt auch die Immunität der anderen. Das ist bei unseren vierbeinigen Lebensgefährten ganz genauso und schützt auch hier ebenso wie beim Menschen vor allem jene Individuen, die nicht geimpft werden können – weil sie entweder zu jung oder zu alt sind und infolgedessen oder auch wegen einer Erkrankung an einer Immunsuppression leiden. In diesen Fällen kann und darf man nicht zwingend davon ausgehen, dass das geschwächte Immunsystem eine Infektion – oder auch eine Impfung – abwehren bzw. verarbeiten könnte. So erklärt der verantwortungsvolle Arzt immer wieder aufs Neue, dass im Sinne des Populationsschutzes so viele Menschen respektive Tiere wie möglich geimpft werden sollten, aber das einzelne Individuum entsprechend der jeweils aktuellen Richtlinien so wenig wie möglich!

 

Geimpfte Individuen schützen die Gemeinschaft

 

Jede Impfung bedeutet eine doppelte Schutzmaßnahme: Zum einen kann der Geimpfte selbst nicht ernsthaft erkranken und zum anderen sinkt damit das Risiko, dass er ein anderes Individuum ansteckt, um ein Vielfaches. Denn wenn viele Individuen der Gesamtpopulation geimpft sind, können sich die Krankheitserreger nur mehr sehr eingeschränkt ausbreiten. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass immer weniger Krankheitserreger in die Umwelt gelangen und infolgedessen das Infektionsrisiko für alle Individuen – auch die Ungeimpften! – sinkt.

 

Impfen hat sozialen Aspekt

 

Impfdiskussionen sind Wohlstandsdiskussionen. Darüber hinaus bestätigte eine jüngere Studie der Universität Erfurt, dass die Impfbereitschaft im Humanbereich beispielsweise in asiatischen Ländern generell höher ist. Die Forscher erklären diesen Unterschied mit soziologischen Unterschieden, denn in vielen asiatischen Gesellschaften hat die Gemeinschaft einen sehr viel höheren Stellenwert als in westlichen Ländern, in denen in weiten Teilen der Gesellschaft das individuelle Wohlergehen des Einzelnen im Mittelpunkt des Interesses steht.

Dieser soziale Aspekt der Impfbereitschaft sollte gerade Tierhalter besonders ansprechen, denn Gemeinschaftssinn und Solidarität werden auf der Hundewiese oder im virtuellen Katzenforum intensiv gepflegt. Wir haben auch bei unseren Haustieren, die wir heute als Teil unserer menschlichen Gemeinschaft betrachten, den darwinistischen Ansatz, dass nur die Stärksten ein Lebensrecht haben, längst hinter uns gelassen und wissen um unsere Verantwortung als Teil unseres Menschseins. Jeder geimpfte Hund schützt den entzückenden kleinen Welpen, den ergrauten weisen Senior oder den erkrankten Hund unserer besten Freundin, der nicht impffähig ist. Impfen hat somit einen sozialen Effekt und ist gelebte Verantwortung.

Und dieser soziale Aspekt bedarf in Zeiten von Covid-19 für die menschliche Gemeinschaft keiner weiteren Erklärung.

 

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29. Juni 2020

Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit

 

Gedanken aus Philosophie und Ethik, Kognitionsbiologie und Hirnforschung – Viele Erkenntnisse, die die aktuelle Forschung gerade in diesen Bereichen bietet, stellen das jahrtausendealte anthropozentrische Weltbild, das den Menschen als Maß aller Dinge zum Mittelpunkt des Universums hochstilisiert, zunehmend infrage.

Renommierte Wissenschaftler wie der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht oder der österreichische Kognitionsbiologe und Wolfsforscher Kurt Kotrschal sprechen immer wieder vom Menschen als einem „anderen Tier“, das sich letztendlich vielleicht nur mehr durch seine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, von anderen verwandten Tieren unterscheidet. Der Mensch als ein Tier mit Verantwortungsfähigkeit ... dieser Gedanke mag heute für manche Ohren noch provokant klingen, aber in einem fernen Morgen? Es sind immer die großen Visionen, die Menschheitsgeschichte schreiben und die die Gesellschaft voranbringen – umso mehr, wenn diese Ideen und Vorstellungen auf Naturgesetzen basieren. „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird“, schrieb schon Oscar Wilde.

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren“

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden. (...) In der gegenwärtigen Moral und Rechtsordnung ist der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch größer als jener zwischen Schimpanse und Blattlaus.“ So definiert mit Richard David Precht einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum in seinem Standardwerk „Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ die beiden Lebensformen Mensch und Tier, deren Verhältnis zueinander weit über das Zusammenleben mit unserem geliebten Vierbeiner hinaus untrennbar mit dem Schicksal unseres Planeten verbunden ist.

Der genetische Unterschied zwischen Schimpansen und Menschen ist mit maximal 1,6 Prozent verschwindend gering. Zwischen Argumenten aus Philosophie und Theologie auf der einen Seite und denen des biologischen Hightech-Labors auf der anderen hinterfragt Precht immer wieder die überlieferten gültigen Definitionen des Menschseins. Dass gerade die monotheistischen Religionen das dualistische Weltbild einer strengen Trennung in Mensch und Tier manifestierten, ist für den Intellektuellen, der dem Menschen die Krone der Schöpfung immer wieder pointiert verweigert, auch Grundlage seiner religionskritischen Sicht: „Doch es spricht nicht allzu viel dafür, dass der Mensch und sein Tun das Ziel der Evolution sind. Bedenkt man die fortgeschrittene Zerstörung des Planeten durch Homo sapiens zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ist es schon etwas befremdlich, das Ziel des mutmaßlichen Schöpfergottes in der Zerstörung seines Werks zu sehen.“

 

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15. Juni 2020

Zum BEETHOVEN-Jahr 2020

Beethoven für das 21. Jahrhundert

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – keine Frage: Mit diesem Vokabular befinden wir uns mittendrin in den aktuellen gesellschaftlichen, philosophischen und politischen Diskussionen 2020 – das Jahr, in dem die Welt des 250. Geburtstages eines Künstlers gedenkt, der dank seines Mediums, der universell verständlichen Weltsprache Musik, zu einer globalen Ikone der Menschheitsgeschichte werden konnte: Ludwig van Beethoven. 1770 im rheinischen Bonn, damals eine kleine kurfürstliche Residenzstadt, geboren, fand der junge Musiker schnell seinen Weg heraus aus der Provinz nach Wien, die Kaiserstadt an der Donau, die als Zentrum der habsburgischen Monarchie seinerzeit neben Paris die bedeutendste Kulturmetropole Europas war. Die Weltstadt Wien, ihre unverwechselbare kulturelle Identität und gleichzeitige ideelle Vielfalt machten Beethoven zum Weltbürger – was an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert natürlich keine globale Präsenz bedeutete, sondern vielmehr eine geistige Orientierung umschrieb, deren Ausrichtung einer individuellen Verarbeitung und Interpretation der aktuellen philosophischen Ideen und internationalen gesellschaftshistorischen Prozesse folgte. In Beethovens Verständnis derselben dominierten mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Idealen der französischen Revolution, und einem in der symphonischen Begrifflichkeit der „Pastorale“ formulierten Naturverständnis Begriffe, die den eingangs erwähnten des 21. Jahrhunderts mehr als nahestehen – Worte und Gedanken, die ähnliche Lösungsansätze für gleiche Fragestellungen und Probleme implizieren. Die Auseinandersetzung mit Beethoven zeigt, dass die großen Themen der Vergangenheit auch die der Zukunft sind. Die Zeit und die Schauplätze mögen sich verändert haben, aber das Stück – die Tragödie? – in den Kulissen des 21. Jahrhunderts berührt die gleichen Themen, die die Menschheit immer begleiteten und die immer aktuell bleiben werden. Dabei werden Fragen gestellt und Probleme thematisiert, die unabhängig von Raum und Zeit sind und die daher auch dementsprechender Lösungen – globaler Lösungen – bedürfen: Wie schaffen wir eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihre Potenziale zu leben und ihrem Dasein auf dieser Welt einen Sinn und ein Ziel zu verleihen – und mit diesem sinnerfüllten Leben genau das zu finden, was wir Glück nennen …

 

„Alle Menschen werden Brüder“

 

1823 vertonte Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne. 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU. Die Hymne symbolisiere dabei nicht nur die Europäische Union, sondern Europa im weiteren Sinne.

Auch die deutsche Bundesregierung erinnert in ihrem Webauftritt noch heute an jenes denkwürdige Konzert im ehemaligen Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vom 25. Dezember 1989, als der amerikanische Dirigent und Komponist Leonard Bernstein Beethovens Neunte mit einem internationalen Ensemble mit Musikern aus Ost und West dirigierte und der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall ein musikalisches Denkmal setzte: „Freiheit, schöner Götterfunken“ hieß es in dieser denkwürdigen und geschichtsträchtigen Aufführung, in der in Beethovens „Ode an die Freude“ das Wort „Freude“ jedes Mal durch „Freiheit“ ersetzt war.

Schillers Ideal einer Verbrüderung der Menschheit war eine Vision, die Beethoven teilte, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. „Alle Menschen werden Brüder“ – Schiller und Beethoven sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Sie sprechen von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen. „Diesen Kuss der ganzen Welt“ – Schiller und Beethoven präsentieren mit ihrem europäisch-humanistischen Ansatz eine globale Lösung …

 

„… geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“

 

Nicht nur Leonard Bernstein demonstrierte 1989 im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung  mit dem Schlusssatz der Neunten die gesellschaftspolitische Botschaft der Beethovenschen Musik. 2017 markierte Beethovens 6. Symphonie, die „Pastorale“, die zentrale symbolische Botschaft der 23. Weltklimakonferenz in Bonn und wurde zur Initiale des aktuellen „Beethoven Pastoral Project“, das im Rahmen dieses Gipfels vorgestellt wurde. „Es lag nichts näher, als ein Projekt zu entwickeln, das auf diesem Stück [gemeint ist die „Pastorale“] basiert. Es ist ein Porträt der Natur mit ihrem unermesslichen Reichtum und ihrer Vielfalt“, umschrieb der Musikwissenschaftler Luis Gago das Projekt, das unter der Schirmherrschaft von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, steht.

Beethovens „Pastorale“ spricht vom Verhältnis von Mensch und Natur, von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, die eine intakte Natur im Menschen zu wecken vermag – seinerzeit erfahrungsbasierte Vorstellungen, heute mit molekularbiologischen Methoden auf empirisch-wissenschaftlicher Basis nachgewiesenes allgemeingültiges Wissen. Beethoven liebte die Natur. „Wie froh bin ich einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich – geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“, schrieb der Komponist in seinem „Heiligenstädter Testament“. Schon damals im frühen Industriezeitalter wurden erste Veränderungen, die die beginnende Industrialisierung mit sich brachte, thematisiert. Freilich, damals war es vorrangig noch der Lärm der Pferdekutschen auf dem innerstädtischen Kopfsteinpflaster, vor dem die Großstädter aufs Land flüchteten, und auch Beethoven genoss seine legendären ausgedehnten Spaziergänge und Wanderungen in der vielfältigen Landschaft des Wiener Walds und der Weinberge vor den Toren der Stadt. Der hymnische Gestus im Finale der „Pastorale“ aber geht ganz im Sinne Beethovenscher Absolutheit über das persönliche Empfinden weit hinaus und gelangt zu einer metaphysischen Darstellung universeller Naturgesetze, deren Allgemeingültigkeit sich auch das menschliche Handeln in all seinen Facetten weder widersetzen noch entziehen kann: Beethovens „Pastorale“ als tönende Mahnung an die Welt gerät so zu einem frühen künstlerischen Manifest der aktuell dominierenden Diskussionen um den Klimaschutz.

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – das Vokabular des 21. Jahrhunderts war auch jenes dessen, der vor 250 Jahren zur Welt kam: Ludwig van Beethoven …

 

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Gesundheit und Wohlbefinden bedingen einander -

Herausforderung für die Medizin des 21. Jahrhunderts

24. Mai 2020

 

„Gesundheit ist das höchste Gut“ ist eine berechtigte und in uns allen zutiefst verankerte Überzeugung, der wir in vielerlei sprichwörtlichen Redewendungen Ausdruck verleihen. „Gesundheit ist alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit“ ist ebenso ein immer wieder verwendetes Statement und eine der häufigsten Glückwunschformulierungen.

 

„Gesundheit ist alles“ - und tatsächlich weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Eine umfassende Definition orientiert sich heute mehr denn je an einer ganzheitlichen Betrachtung des Organismus und geht deutlich über offensichtliche medizinische Belange hinaus. Wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" definiert, wird dem traditionell primär auf die körperlichen Funktionen bezogenen Begriff eine weitere Kategorie zur Seite gestellt: Gesundheit beinhaltet Wohlbefinden aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus betrachtet, körperliche Gesundheit wiederum ist unabdingbarer Teil des Wohlbefindens, das darüber hinaus auch psychische Aspekte und emotionale Empfindungen einbezieht. Beide – Gesundheit und Wohlbefinden – bedingen einander! Der gesunde Organismus kann emotional unausgeglichen sein, mentales Wohlbefinden hingegen kann körperliche Einschränkungen lindern und erträglicher machen. Diese Zusammenhänge ziehen eine Vielzahl praktischer Konsequenzen nach sich: nicht nur für die Medizin und die Begegnung zwischen Patient und Arzt, sondern vor allem auch für uns selbst und unsere ureigenen und alltäglichen Möglichkeiten, Gesundheit zu fördern und zu erhalten – bei uns selbst und natürlich ganz genau so bei unseren Lebenspartnern auf vier Pfoten, deren Leben unserer Obhut anvertraut ist.

 

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in die Geschichte des Abendlandes und die Anfänge wissenschaftlichen Denkens im antiken Griechenland ... Damals, einige Jahrhunderte vor Christus, gab es keinen Arzt im heutigen Sinne, keinen Fachmann für die Funktionen des Organismus, sondern „Ärzte“ waren in erster Linie Universalgelehrte, die aus philosophischen Überlegungen praktische Konsequenzen zogen. Auf dieser Grundlage versuchten sie, das Wohlbefinden wiederherzustellen und Körper und Seele aus ihrem Ungleichgewicht, das sich dem antiken Verständnis zufolge in Schmerzen, Fieber und anderen Symptomen zeigte, heraus zu holen. Nicht Gesundheit in unserem heutigen Sinne war das Ziel – die altgriechische Sprache hat nicht einmal ein Wort für „Gesundheit“ im ausschließlich medizinischen Sinn – sondern man strebte etwas anderes an: „Harmonie“ – jene Harmonie, die die Lebenswissenschaften heute als Zustand der Kohärenz, als ausgewogener Zustand verschiedener Aspekte des Lebens bzw. Funktionen des Organismus beschreiben. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen verstehen diese Harmonie zunehmend als grundlegende Voraussetzung körperlicher Gesundheit und Langlebigkeit.

 

Heute aber haben wir die Chance, nicht „nur“ Harmonie und Wohlbefinden zu finden, sondern mit dem biologischen und medizinischen Wissen des 21. Jahrhunderts auch die körperliche Gesundheit mit effizienten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sicherzustellen. Der Idealzustand, beide Aspekte auf der Basis von Wissenschaft und Forschung und auf der Grundlage evidenzbasierten Wissens miteinander zu verbinden, ist wahrscheinlich eine der großen Herausforderungen für die Medizin des 21. Jahrhunderts – bei Mensch und Tier gleichermaßen.

 

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ZukunftDenken - für die Zeit NACH der aktuellen Covid-19-Krise

16. Mai 2020

Uns allen ist bewusst: Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche und Veränderungen, die wohl niemand von uns noch vor zweieinhalb oder drei Monaten für möglich gehalten hätte. Wir leben in einer wahrhaft dramatischen Zeit – und das im vollständigen Sinne des Wortes, denn dramatische Momente zeichnen sich immer durch Widersprüche aus: Tragik beinhaltet immer auch Perspektiven.

 

Noch sind wir in der Gegenwart umgeben von zahlreichen krisenhaften Zuständen mit vielen individuellen Facetten und Tragödien, aber es wird auch ein „Danach“ geben, eine Zukunft nach der aktuellen Krise. In die Zukunft denken heißt Perspektiven schaffen, heißt Wege aufzeichnen, heißt Zuversicht und Hoffnung leben … Krisen beinhalten Chancen, weil die Tragik neue Perspektiven öffnet.

 

Wir alle ziehen auf unserem Lebensweg an unzähligen Wegweisern vorüber. Allzu oft aber lassen wir diese Hinweise unbeachtet am Rande liegen, allzu oft nehmen wir nur einen kleinen, sehr begrenzten Teil dessen, was uns an und auf diesem Lebensweg begegnet, wirklich bewusst wahr. Irgendwann stehen wir alle – jeder für sich auf seinem ganz individuellen Weg – unweigerlich vor einem unübersehbaren Stopp-Schild, das uns kompromisslos Einhalt gebietet, das zum Innehalten und Nachdenken zwingt, und das uns nicht zuletzt die Möglichkeit der freien Entscheidung für oder gegen eine Richtungsänderung bietet. Das Außergewöhnliche ist, dass dieses unsichtbare, maximal 160 Nanometer große Virus zu einem kollektiven Stopp-Schild für uns alle wurde und zu einer jähen Unterbrechung des gewohnten Lebens auf allen Ebenen führte.

 

In der Zeit NACH Corona wird niemand von uns in die Normalität VOR Corona zurückkehren. Das hat erst einmal gar nichts mit gewohnter oder neuer Normalität, mit behördlichen Regeln oder Sicherheitsmaßnahmen zu tun, sondern vielmehr mit den neuen Erfahrungen, die wir alle gemacht haben: Wir haben existentielle Ängste kennengelernt, die viele von uns sicher in dieser Form nicht kannten, wir haben außergewöhnliche Situationen gelebt, die niemand sich hätte vorstellen können, und wir haben in all diesen Veränderungen vielleicht auch ungeahnte Möglichkeiten erkannt … All das fließt in unsere eigene Lebensgeschichte ein und ist jetzt ein neuer Teil von uns selbst, unserer Lebensgeschichte, unseres Denkens und unserer Persönlichkeit geworden. Und so steht jeder von uns ganz für sich und damit wir alle gemeinsam am Anfang einer neuen Zeit NACH Corona. Das stellt viele zweifellos für große Herausforderungen, das birgt zahllose Schwierigkeiten – und gleichzeitig eröffnet es Chancen und Möglichkeiten, die zu suchen und zu nutzen unser aller große Aufgabe sein wird. Vergessen wir auch angesichts der größten Probleme nie, dass das in letzter Konsequenz durchaus etwas sehr Positives sein kann, etwas, was unser Leben auch reicher macht. Denken wir an einen der bekanntesten Verse des großen Schweizer Dichters Hermann Hesse: „… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“ …

 

Die Bilder, die Nachrichten, die Situationen der letzten Wochen und Monate waren und sind eindringlich, prägend und unvergesslich für alle Generationen, die sie gerade in den unterschiedlichsten Lebensphasen erleben: Was können wir mitnehmen? Was bleibt? Wo können wir in der Tragik die Perspektive finden?

 

Wir sind den einzig sinnvollen und verantwortbaren Weg gegangen und haben uns auf breitest denkbarer gesellschaftlicher Übereinkunft entschieden, zuerst kompromisslos die Gesundheit und das Leben in den Mittelpunkt der Krisenbewältigung zu stellen und damit das demokratische Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen – auch wenn andere Grundrechte dafür für einen begrenzten Zeitraum scheinbar in den Hintergrund treten mussten. Mit dieser Vorgangsweise haben wir zugleich ein bedingungsloses und richtungsweisendes Bekenntnis zur Menschenwürde abgelegt …

 

Wir tragen die verstörenden Bilder der Militärkolonnen in uns, die die Leichen aus dem norditalienischen Bergamo Richtung Süden transportierten – und gleichzeitig die Bilder der italienischen Küsten, wo Delfine ihren Lebensraum zurückerobern, und das glasklare Wasser, das uns erstmals den LEBENSgrund der venezianischen Kanäle sehen ließ …

 

Wir hören die Nachrichten aus österreichischen Spitälern: von unendlichem menschlichem Leid, wenn Sterbende und ihre Familien auf Grund der Infektionsgefahr nicht voneinander Abschied nehmen können – und ebenso Berichte, dass junge Mütter und Neugeborene sich deutlich schneller erholen und die medizinischen Komplikationen im Wochenbett signifikant abgenommen haben, auf Grund der Ruhe und Konzentration auf die in diesem Moment wesentlichen Dinge, die das Besuchsverbot mit sich brachte …

 

Wie selten zuvor haben wir die positiven Aspekte und den praktischen Nutzen der Digitalisierung gesehen. Wir konnten (und können) viele Dinge des alltäglichen Gebrauchs in den Online-Shops österreichischer Unternehmen bestellen und damit den notwendigen Richtlinien zur Eindämmung des Virus entsprechend handeln. Wir konnten über Bildtelefon und zahllose Kommunikationskanäle Kontakt zu Freunden und Familie halten und das Social Distancing manchmal auf ein Physical Distancing – noch immer herausfordernd genug – reduzieren. Auf der anderen Seite stehen Fake News und Verschwörungstheorien, die in dieser Pandemie kein Spiel sind, sondern Leben kosten, und die sich nur auf Grund der digitalen Kommunikation und der sozialen Medien in dieser existenzbedrohenden Form und Geschwindigkeit verbreiten können. Überdeutlich erkennen wir darin, wir wichtig für unser Zusammenleben ein umfassendes Kommunikationsverständnis ist, das Verstehen grundlegender Zusammenhänge der Logik, aber auch Empathie und Mitgefühl und wie wesentlich diese Fähigkeiten für unser aller Zukunft sind …

 

Viele von uns haben auf einmal Zeit – scheinbar im Überfluss und vor allem völlig unfreiwillig. In vielen Bereichen können wir unseren Beruf, der uns neben einer gesicherten Existenz auch Erfüllung und Befriedigung bot, aktuell – und in manchen Branchen voraussichtlich noch über Monate hinweg – nicht ausführen. Und gleichzeitig sehen wir: Wenn alte Strukturen wegbrechen, entsteht zugleich Raum für Neues. Aber erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse in materieller Hinsicht abgesichert sind, können wir diese Chancen sehen und mit Kreativität füllen. Erst dann ist der Kopf frei, und wir können diese Zeit, die Teil unserer wertvollen Lebenszeit ist, nutzen, um neue Wege einzuschlagen, neue Potenziale zu entdecken, mit denen sich ein ebenso kreativer wie nachhaltiger Beitrag zu unserem gemeinsamen Dasein auf dieser Welt gestalten lässt …

 

Nutzen wir die Zeit – zum ZukunftDenken! Um Perspektiven einer Zukunft zu entwickeln, in der wir ganz selbstverständlich genauso wie durch unser lebensrettendes Verhalten in den letzten Wochen unser Bekenntnis zur Menschenwürde tagtäglich leben ...

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  • Bärbel Backhove (Sonntag, 17. Mai 2020 05:58)

    Wie immer hervorragend. Alles auf den Punkt gebracht.

  • Margarete Bayer (Samstag, 16. Mai 2020 21:11)

    So wertvolle Gedankenanregungen!