ZukunftDenken - Weblog

"Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben!"

(Albert Einstein)

 

In  "ZukunftDenken" gibt's regelmäßig Gedanken und Perspektiven aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Fragen, die unsere Zukunft bestimmen ... vielfältig, aber stets aus dem Blickwinkel von Verantwortung und (Menschen-)Würde ...

 

Die beliebten Buchtipps findet Ihr ab sofort in einem eigenen Buchblog auf der Seite ZukunftLesen!

 

12. Oktober 2020

Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung: eine Neuorientierung

 

Fragen der Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung bewegen sich in einem weiten Spannungsfeld und regen gerade auf der Basis gegenwärtiger interdisziplinärer Forschung und Diskussionen zu einer umfassenden Reflexion an. Neue biomedizinische Erkenntnisse und philosophische Diskurse laden zum Nachdenken ein: zum Nachdenken über die Achtung der Würde nicht-menschlichen Lebens, über die Abgrenzung tierischen und menschlichen Lebens und Leidens, über die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze zwischen ethischem Anspruch und Realität.

Unübersehbar leben wir in einer Zeit, in der Tiere aufgewertet werden – ein Gedanke, der bei unseren Haustieren, die ihr Leben als Familienmitglieder mit uns teilen, eine Selbstverständlichkeit zu beinhalten scheint, und der dennoch immer wieder kontrovers diskutiert wird. Was dem einen ethische Verpflichtung ist, empfindet der andere als unangemessene Zuwendung. Gegensätzliche Positionen und oftmals ideologisch gefärbte Argumentationen kennzeichnen eine inhaltlich umfassende und emotional intensiv geführte gesellschaftliche Diskussion. Immer öfter stellen dabei neue Erkenntnisse biologischer Grundlagen und Zusammenhänge die jahrtausendealte, gesellschaftlich und kulturell ausgeprägte klare Trennung zwischen Tier und Mensch infrage. Kommt eine Angleichung des Tieres an den Menschen dabei einer Entwürdigung des Menschen gleich? Auf diese und ähnliche Fragen sucht der noch junge Wissenschaftszweig der Tierethik in philosophischen und wissenschaftlichen Diskussionen nach neuen Antworten, denn wo gesellschaftliche Prozesse in Gang geraten, wo überlieferte Grundwerte und Normen sich verändern, ist es Aufgabe und Ziel der Ethik, neue Antworten auf neue Fragen zu geben und neue Orientierung zu bieten.

 

„Können sie leiden?“

 

Die moralphilosophische Auseinandersetzung mit Tieren ist durchaus nicht neu und reicht bis zu den Ursprüngen abendländischen Denkens in der Antike zurück. Der griechische Naturforscher und Philosoph Theophrast, der an der Schwelle vom vierten zum dritten vorchristlichen Jahrhundert lebte und einer der bedeutendsten Schüler des Aristoteles war, wandte sich beispielsweise entschieden gegen Tieropfer. In seinen Schriften griff er auf bereits weitreichende Tierschutzgedanken seiner Vorgänger zurück, formulierte aber erstmals konsequent eine biologische Grundlage für einen ethisch verantwortbaren Umgang mit Tieren. Theophrast verwies auf die enge Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier und die Ähnlichkeit ihrer Emotionen – rund zweieinhalbtausend Jahre vor den heutigen bahnbrechenden Forschungsergebnissen der Kognitionsbiologie und der Neurowissenschaften! Er stellte nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt und gilt somit als einer der Vordenker dafür, die Differenz zwischen Mensch und Tier in der Anthropologie zu verringern.

Im 18. Jahrhundert folgte die berühmt gewordene Fußnote des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832), der 1789 in seiner Schrift „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ anmerkte: „Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindungsfähiges Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. – Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht ,Können sie denken?‘ oder ,Können sie reden?‘, sondern ,Können sie leiden‘?“ – soweit Jeremy Bentham am Ende der Aufklärung.

 

„Was dagegen über allen Preis erhaben ist, (...) das hat eine Würde“

 

Das Mensch-Tier-Verhältnis ist heute insbesondere durch die Stellung, die unsere Haustiere als Familienmitglieder einnehmen, und durch die Auseinandersetzung über unseren Umgang und unsere Beziehung zu jenen Tieren, die wir für unsere Ernährung nutzen (was uns noch lange nicht das Recht gibt, von „Nutztieren“ zu sprechen), von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung. Bildung, emotionale Intelligenz und Respekt gegenüber Mensch, Tier und Umwelt dienen in diesem Zusammenhang als unersetzliche Orientierungshilfen und sind der Schlüssel zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Rechte andersartigen Lebens. Tom Regan (1938–2017) war nur einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, der analog zu den Menschenrechten verbriefte Rechte für Tiere forderte. Regan definierte Tiere als „empfindende Subjekte eines Lebens mit eigenem inhärenten Wert“, die somit einen Anspruch darauf haben, ihre eigene Identität zu leben und keinen Schaden zu erleiden. Von diesem Gedanken eines „eigenen inhärenten Werts“ führt der Weg unmittelbar weiter zum Begriff der Würde. Mit Immanuel Kant verband einer der bedeutendsten Philosophen der europäischen Aufklärung die Frage nach dem Preis mit dem Begriff der Würde: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent gestattet, das hat eine Würde“ ... Bereits hier hat die philosophisch-ethische Reflexion dieser Thematik einen Punkt erreicht, der gerade in unserer Gegenwart lebhafteste Diskussionen hervorruft ...

 

Die vierte Kränkung der Menschheit?

 

Wie aber kann der Weg dieser wissenschaftlichen Theorien und ethischen Normen in die gesellschaftliche Realität aussehen? Denken wir in diesem Zusammenhang zunächst einmal an die „drei großen Kränkungen“ der Menschheit, die der Wiener Neurowissenschaftler und Psychologe Sigmund Freud bereits 1917 formulierte und dabei zugleich die Frage in den Raum stellte, ob gar eine weitere bevorsteht.

In seiner Schrift „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ legte Freud die drei Kränkungen dar: Die Menschheit erlebte erstens den Wechsel zum heliozentrischen Weltbild bei Nikolaus Kopernikus und erkannte, dass die Erde und damit auch der Mensch nicht der Mittelpunkt des Universums seien. Zweitens die Manifestation der Evolution im gesellschaftlichen Denken durch Charles Darwin, die die Vorstellung des Menschen als von Gott erschaffenem Wesen durch die biologische Abstammung vom Affen ersetzte. Hier wird der Humanmediziner Freud überdeutlich und geht bereits damals – 1917 (!) – weit über die Grenzen des herkömmlichen Gesellschaftsbildes hinaus: „Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwicklung zum Herren über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber mit dieser Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft zwischen ihrem und seinem Wesen zu legen. Er sprach ihnen die Vernunft ab und legte sich eine unsterbliche Seele bei, berief sich auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band der Gemeinschaft mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. Es ist merkwürdig, dass diese Überhebung dem kleinen Kinde wie dem primitiven und dem Urmenschen noch ferne liegt. Sie ist das Ergebnis einer späteren anspruchsvollen Entwicklung. (...) Wir wissen es alle, dass die Forschung Ch. Darwins, seiner Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten näher, anderen ferner verwandt. Seine späteren Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen gegeben sind.“

Als dritte Kränkung nannte Freud seine eigene Arbeit der Psychoanalyse und den existenziellen Nachweis des Unbewussten, was der legendäre Neurowissenschaftler selbst durchaus provokant formulierte und zusammenfasste: „Das Ich fühlt sich unbehaglich, es stößt auf Grenzen seiner Macht in seinem eigenen Haus, (...).“

Renommierte Wissenschaftler ergänzten die Liste der Kränkungen in den nachfolgenden Jahrzehnten. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins beispielsweise sprach vom Menschen als „Genhülle“ und davon, dass wir, ohne es zu wissen, nach der Pfeife unserer Gene tanzen würden – eine Vorstellung, die in den letzten Jahrzehnten durch die neue Forschungsrichtung der Epigenetik allerdings wieder nachhaltig infrage gestellt wurde. Epigenetische Mechanismen und Auswirkungen betreffen alle Lebewesen gleichermaßen: die Pflanze, die am falschen Ort bei falschen Licht- und Temperaturverhältnissen nicht gedeihen kann, den Hund, der insbesondere während der Welpenzeit und Pubertät aus epigenetischer Sicht ähnlich sensible Phasen durchläuft wie der Mensch. Und auch wir können unser vollständiges Potenzial nur dann wirklich entfalten, wenn die biologischen und sozialen Rahmenbedingungen passen – ein schier unüberschaubares Feld gesellschaftlicher Diskussionen!

Aktueller denn je scheint auch die von verschiedenen Seiten formulierte „ökologische Kränkung“, die Erkenntnis der Abhängigkeit des Menschen von einer globalen Biosphäre, die er zwar massiv beeinflussen, aber nicht kontrollieren kann. „Steht nun eine weitere Kränkung durch die mit den Tieren geteilte Würde bevor?“, fragt der Wiener Ethiker Martin Huth. „Sind wir mit der Angst konfrontiert, dass die Aufwertung der Tiere zu einer Abwertung des Menschen werden könnte?“ ... Fragen, die das Potenzial zu hitzigen Debatten in sich tragen ...

 

Naturwissenschaftliche Basis ethischer Diskussionen

 

„Menschen sind unseres Wissens die einzigen Tiere, die über sich und andere nachdenken. Und das nicht nur im Heute, sondern auch über gestern und morgen. Blöderweise. Denn aus diesem Grund müssen wir wohl oder übel Verantwortung übernehmen.“ Der Wiener Biologe und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal fasst sein Fazit zur Mensch-Tier-Beziehung in dem zentralen Begriff der Verantwortung zusammen und zeichnet mit seinen Gedanken ein umfassendes Bild aus biologischem und evolutionsgeschichtlichem Wissen, das der aktuellen Richtung tierethischer Diskussionen eine naturwissenschaftliche Basis gibt. Kotrschal skizziert die Zukunft der Mensch-Tier-Beziehung denn auch als eine integrative Gesellschaft, in der Integration nicht nur zwischen verschiedenen menschlichen Gruppen von Bedeutung sei, sondern ebenso zwischen Tieren und Menschen. Der Verhaltensforscher fordert Städteplaner auf, darüber nachdenken, wie sie hundegerechte Städte bauen könnten, denn eine hundegerechte Stadt sei eine menschengerechte Stadt – und umgekehrt. Das Bewusstsein für einen gemeinsamen Lebensraum wächst. Nach Kotrschal erfüllt eine integrative Gesellschaft mit Tieren das Menschenrecht auf Leben in einer intakten Natur. Der Wissenschaftler betont nicht zuletzt in seinem vielsagenden Buch zur Mensch-Tier-Beziehung unter dem Titel „Einfach beste Freunde“ immer wieder die Vorreiterrolle der Forschung in diesen Fragen: „Die gegenwärtigen Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit kommen mitten aus der Wissenschaft, nicht aus irgendwelchen romantisch-spirituellen ,Zurück-zur-Natur‘-Ideologien.“ Und weiter: „An den Universitäten und von den Eliten wird eine Ethik diskutiert, welche die Tiere zunehmend mit einschließt. Noch sind das Brückenköpfe eines neuen Denkens. (...) Diese aufkeimende pragmatische Sicht von Welt und Mensch ist durch empirische Ergebnisse belegbar, etwa jenes zur weitgehenden Ähnlichkeit der sozialen Gehirne der Wirbeltiere.“ Tatsächlich verfügt neben entsprechenden Verhaltensstudien insbesondere die Hirnforschung über ein großes Potenzial, derartige Zusammenhänge aufzuzeigen, und auch Kotrschal bestätigt, dass das Wissen um ähnlich funktionierende Gehirne ein anderes Bewusstsein von Gemeinsamkeit schafft als der Gedanke, dass ein Hund ein Hund - ein Tier ein Tier - und ein Mensch eben ein Mensch ist. Die Grenzen verschieben sich Schritt für Schritt ...

 

Vom Welfare-Gedanken zur Würde

 

... und stellen die Gesellschaft damit vor neue ethische Herausforderungen: Fragen, die natürlich im Nutztierbereich zu diskutieren sind, aber durchaus auch Fragen, die sich im alltäglichen Leben mit unseren vierbeinigen Familienmitgliedern stellen. Wenn wir zunehmend erkennen, dass Tiere uns weit ähnlicher sind, als wir bisher dachten, und dass sie hinsichtlich ihrer sozialen und kognitiven Fähigkeiten eine Komplexität erreichen, die ihnen jahrtausendelang abgesprochen wurde, muss man natürlich darüber nachdenken, welchen Einfluss dieses Wissen auf unseren Umgang mit Tieren hat. Die philosophische Tierrechtsidee „ist eng an personale Fähigkeiten und kognitive Komplexität geknüpft“, erläutert die renommierte Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg in diesem Zusammenhang. „Wenn wir Tiere als nicht-menschliche Personen bezeichnen – was immer das genau heißt –, sind sie sicher wesentlich besser beschrieben als als Sache. ,Person‘ ist eine philosophische Kategorie, ,Mensch‘ eine biologische. Was eine Person ausmacht, hängt auch von komplexen Fähigkeiten und Bedürfnissen ab. Inzwischen gibt es eine von zahlreichen Wissenschaftlern unterschriebene Forderung nach Personenrechten für bestimmte Tiere, die den Menschenrechten verwandt sind: die Rechte auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche Unversehrtheit.“

Aus derartigen Überlegungen ergeben sich zahllose Fragen im Umgang mit dem Tier, die auch in der alltäglichen Praxis relevant sind – mit verstörender Selbstverständlichkeit in der Massentierhaltung, aber durchaus auch in einigen noch immer gängigen Praktiken des Hundewesens. In allen Bereichen der Hundehaltung und des Umgangs mit Hunden kommt den Welfare-Argumenten heute eine außerordentliche Bedeutung zu. Fragen, ob der Hund sich in der jeweiligen Situation wohlfühlt und den Anforderungen seiner Umwelt gewachsen ist oder ob Verhaltensstörungen auftreten können, gehören nicht nur in Hundeschulen zum Alltag. Diese Fragen setzen sich mit der Empfindungs- und Leidensfähigkeit von Tieren auseinander. Auch, wenn hier längst nicht alles perfekt ist, so sehen wir in den weitaus meisten Konstellationen zumindest bei unseren Haustieren doch zunächst einmal Situationen, in denen man guten Gewissens sagen kann, dass es dem Tier gut geht und dass seine grundlegenden Lebensbedürfnisse optimal erfüllt scheinen. Erst in weitergehenden Betrachtungen folgen die schwierigen Fragen nach komplexen ethischen Konzepten, nach der Würde und dem inhärenten Eigenwert des Tieres – dem oft eine Instrumentalisierung gegenübersteht, die wir im ersten Moment vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen, die wir aber keinesfalls übersehen dürfen und derer wir uns ehrlicherweise bewusst sein sollten. Diese Probleme der Entwürdigung sind weit weniger offensichtlich und schwieriger zu fassen als vordergründige Welfare-Probleme. Erst ihre emotionale und umfassende kognitive Erfassung scheint den Schlüssel zu echten Lösungen zu bieten, um vor allem das Leiden jener Mitgeschöpfe, die uns ernähren, durch unser so entstandenes MitGEFÜHL zu beenden.  

Für den einen mögen all diese Gedankenansätze eine neuartige Sichtweise darstellen, vielleicht gar eine Einladung und Ermunterung, in neue Erfahrungswelten aufzubrechen. Für den anderen ist es eventuell nur ein Ansatz, das eigene Erleben, die individuell und persönlich gelebte Ethik in Worte zu fassen und ihr gedankliche Präsenz zu verleihen – je nachdem, an welcher Stelle wir selbst uns gerade auf dem Weg zwischen ethischem Anspruch und gelebter Realität befinden ...

 

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21. September 2020

Wissenschaftliche Basis von Mentaltraining und Mind-Body-Medizin

 

Noch vor nicht allzu langer Zeit fristeten Mental- und Achtsamkeitstraining, Meditation, Imagination und viele andere Techniken, die die Arbeit des Gehirns nachhaltig beeinflussen, ebenso wie die Ansätze der Mind-Body-Medizin ein Schattendasein im pseudowissenschaftlichen Bereich. Diese Fehleinschätzung hatte sich auf Grund einer jahrzehntelangen Trennung von Hirnforschung und Psychologie entwickelt, die ihrerseits auf die Arbeit Sigmund Freuds zurückging. Freud wandte sich nicht zuletzt auf Grund mangelnder Fortschritte in der Hirnforschung, für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die technischen und methodischen Ressourcen fehlten, in seiner neurologischen Arbeit dem klinischen Bereich zu und begründete die Psychoanalyse. Erst Ende des 20. Jahrhunderts eröffnete eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Entwicklungspsychologen, Hirnforschern und Psychotherapeuten einen neuen Zugang zu diesen Themen und Fragestellungen und zeichnete ein ganzheitliches Bild des Gehirns. Wesentlichen Einfluss auf die Zunahme valider Forschungsergebnisse hatte dabei insbesondere die Untersuchungsmethode der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT), die einen unmittelbaren Blick in die Arbeit des Gehirns ermöglicht.

Mit dieser neuen ganzheitlichen Betrachtung entstand die wissenschaftliche Basis für die Techniken des Mentaltrainings und auch für die Mind-Body-Medizin, die die frühere oft ein wenig hilflos wirkende Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen einer umfassenden Neubewertung unterzieht und damit große Chancen für die Medizin des 21. Jahrhunderts öffnet. Der ganzheitliche Ansatz der Mind-Body-Medizin, der Emotionen, Denkmuster und körperliche Funktionen in einem engen Zusammenhang betrachtet, ist heute längst Teil der evidenzbasierten Medizin geworden.

 

Das menschliche Gehirn besteht aus ca. 100 Milliarden Nervenzellen, die die Grundlage all dessen sind, was wir denken, fühlen und tun. Jede einzelne dieser Nervenzellen kann zwei Zustände aufweisen: Sie kann aktiv oder inaktiv sein! Eine einzelne Nervenzelle verfügt über diese zwei Möglichkeiten. Zwei Nervenzellen verfügen damit bereits über vier Kombinationen dieser Möglichkeiten. Die Anzahl der Zustandsmöglichkeiten steigt also exponentiell mit der Anzahl der Nervenzellen und übersteigt letztlich die Anzahl der Atome im Universum um ein Vielfaches. Das Potenzial des menschlichen Gehirns ist somit faktisch unendlich.

In diametralem Gegensatz zu diesem Potenzial steht der minimale Anteil der Informationen, die auch tatsächlich ins Bewusstsein gelangen. Die Informationen, die die Sinnesorgane dem Gehirn beständig vermitteln, und zusätzlich diejenigen, die unmittelbar aus dem Organismus kommen und die verschiedenen Körperfunktionen betreffen, ergeben in Summe etwa 50 Millionen Bit pro Sekunde! Der Teil davon, der tatsächlich ins Bewusstsein gelangt, liegt im Millionstelbereich und beträgt nur etwa 40 bis 100 Bit pro Sekunde.

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Hirnregionen ist ausschließlich der dorsolaterale präfrontale Cortex direkt willentlich steuerbar. Hier sind u.a. die Fähigkeiten einer inneren Kontrolle der Aufmerksamkeit sowie die Planung und Organisation komplexer motorischer und kognitiv-intellektueller Handlungsabläufe beheimatet. Diesem an sich kleinen Bereich des Gehirns kommt allerdings eine große Bedeutung zu, denn die Arbeit des dorsolateralen Kortex kann beispielsweise durch eine bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit Perspektiven verändern und damit indirekt auch weite Teile des Unbewussten beeinflussen.

Gleichzeitig liegt hier einer der vorrangigen Gründe dafür, dass Veränderungen im Denken und Tun den Menschen vor große Herausforderungen stellen, denn die Kapazitäten des präfrontalen Kortex sind begrenzt und begrenzen damit auch die Willenskraft, Veränderungen einzuleiten und zu leben. Veränderungen, die ausschließlich über die Willenskraft zustande kommen und damit auf der Zusammenarbeit des dorsolateralen Kortex und des orbitofrontalen Kortex, wo die emotionalen  Aspekte einer Entscheidung und die entsprechenden Motivationen verhandelt werden, wo Impulskontrolle, Empathie und das Abschätzen der Konsequenzen des eigenen Verhaltens beheimat sind, basieren, sind schwer durchzuhalten. Der erfolgreiche Weg zu Veränderungen führt ebenso wie erfolgreiches Lernen in weiten Teilen über das Unbewusste.

 

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31. August 2020

Musik für das 21. Jahrhundert: Mahlers 4. Symphonie

Gedanken zu einem zeitlosen Dokument in der Weltsprache Musik

 

Mahlers 4. Symphonie entstand in den Jahren 1899/1900 und wurde 1901 in München uraufgeführt. Publikum und Kritik standen der neuen Partitur lange verständnislos gegenüber: „Alles Technik, Berechnung und innere Verlogenheit, eine kindliche Übermusik“, stand seinerzeit in der Presse zu lesen – und der Rezensent hatte bei allem offensichtlichen Unverständnis doch einige grundlegende Aspekte erkannt, die Mahlers Symphonie auszeichnen und sie zu einem an Janusköpfigkeit kaum zu überbietenden Meisterwerk machen. Mahler verlässt den seit Mozarts Jupitersymphonie und dem Kosmos der Beethovenschen Symphonien oftmals beschrittenen Weg, das Finale als Ziel der dramaturgischen Entwicklung der Symphonie zu deuten. Der Schlusssatz gerät hier vielmehr zur Pointe des Gesamtwerks und damit zugleich zum magischen Ausgangspunkt des Ganzen. Es ist eine doppelbödige Musiksprache, die Mahler hier spricht, und so ist es keineswegs verwunderlich, dass die Symphonie quasi rückwärts konzipiert wurde. Der Vertonung des bayerischen Kinderliedes vom himmlischen Schlaraffenland aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – dort unter dem Titel „Wir genießen die himmlischen Freuden“ zu finden, von Mahler „Das himmlische Leben“ überschrieben – war ursprünglich als Finale für die 3. Symphonie geplant, wurde nun aber Ausgangspunkt einer neuen Symphonie. Hinter der Maske kindlicher Naivität gelang es Mahler mehr Hintergründigkeit zu vermitteln, als „erwachsene“ Kunst es jemals zugelassen hätte. Im gebrochenen Licht des beginnenden 20. Jahrhunderts klingt in dieser Symphonie alles so „als ob“ – so bezeichnet Dietmar Holland diese Symphonie denn auch als eine „Musik in Anführungszeichen“, in der tatsächlich nichts so klingt, wie es gemeint ist –, ein ästhetisches Spiel, das sich bin in die innermusikalischen Strukturen hinein verfolgen lässt. Mahler selbst kommentiert den 1. Satz der G-Dur-Symphonie: „Der erste Satz beginnt, als ob er nicht bis drei zählen könnte, dann aber geht es gleich ins große Einmaleins, und zuletzt wird schwindelnd mit Millionen und Abermillionen gerechnet.“ Die gebrochene Heiterkeit des ersten Satzes wird im zweiten von einem zwielichtigen Totentanz abgelöst. „Schreiend und roh“ – so Gustav Mahler – sei der Klang der extra um einen Ton höher gestimmten Solovioline, die tatsächlich den Eindruck eines makabren Tanzes des Knochenmanns erwecken sollte und Assoziationen an das „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“ des Schweizer Malers Arnold Böcklin weckt. Nach dem Spiel von Leben und Tod dieser ersten beiden Sätze scheint der 3. Satz nunmehr die Frage nach dem tieferen Sinn des Ganzen zu stellen und mündet am Ende in einem visionären Durchbruch in der Motivik des Liedfinales, das wie die neue Dimension des „himmlischen Lebens“ erscheint. „Im letzten Satz erklärt das Kind, wie alles gemeint sei“ – so Gustav Mahler. „Doch das kindliche Paradies enthüllt sich hier als das Gegenteil von positiven Jenseits-Vorstellungen. Ein Schlaraffenland, in dem Blut und Gewalt ihr Wesen treiben, in dem eine Musik ertönt, die zwar der irdischen nicht vergleichbar ist, aber den Menschen nicht hörbar gemacht werden kann. Am Ende der letzten Strophe bleibt die ersehnte Lösung aus, denn die Musik schläft ein – paradox zum Textinhalt, dass ,alles für Freuden erwacht‘ – und versinkt in der falschen Tonart E-Dur. Dass keine Metaphysik sei, ist die Botschaft!“ so der Musikwissenschaftler Dietmar Holland.

Mahlers Erläuterungen zu seiner Musik verändern den Blickwinkel ein wenig: Spricht der Künstler nicht eher von der Unzulänglichkeit des alltäglichen menschlichen Seins, die Reinheit und Größe des Universums in seiner sprichwörtlichen Un-Vorstellbarkeit zu fassen? Vom Menschen als Störfaktor eines unberührten harmonischen Weltklangs, dessen Gelüste auch den „himmlischen“ Frieden zunichtemachen? Von der menschlichen Unfähigkeit, eine existenzsichernde, universale Weltordnung anzunehmen und ihr statt mit genussvoller Ausbeutung mit verantwortungsbewusster Achtung zu begegnen?

„Was mir vorschwebte, war ungemein schwer zu machen. Stell Dir das ununterschiedene Himmelblau vor, das schwieriger zu treffen ist als alle wechselnden und kontrastierenden Tinten. Dies ist die Grundstimmung des Ganzen. Nur manchmal verfinstert es sich und wird spukhaft schauerlich: Doch nicht der Himmel selbst ist es, der sich trübt, er leuchtet fort in ewigem Blau. Nur uns wird er plötzlich grauenhaft, wie einen am schönsten Tage im lichtübergossenen Wald oft ein panischer Schreck überfällt.“ So umschrieb Mahler die Arbeit an seiner Vierten und gab darüber hinaus noch einen wesentlich deutlicheren Hinweis auf die verschiedenen Wahrnehmungsebenen dieser Partitur: „Heute hat sich mir etwas Merkwürdiges ereignet. Durch die zwingende Logik einer Stelle, die ich umwandeln musste, verkehrte sich mir alles Darauffolgende derart, dass ich plötzlich zu meinem Erstaunen gewahrte, ich befinde mich in einem völlig anderen Reiche: wie wenn du meinst, in blumigen elysischen Gefilden zu wandeln und siehst dich mitten in die nächtlichen Schrecken des Tartaros versetzt, dass dir das Blut in den Adern gefriert ...“ „Meine Zeit wird kommen“ – war einer der Glaubenssätze Gustav Mahlers. Musik für das 21. Jahrhundert ...

 

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24. Juli 2020

Ein Sommer ohne Bayreuth ... Wagners Plädoyer für Freiheit und Liebe

 

Nein, der Covid-Sommer 2020 ist kein „Sommer wie damals“ … Meine erste intuitive Reaktion auf die Ereignisse im März 2020 war die Überzeugung, mich in einer anderen Welt wiederzufinden, in der die Gesetze, die letzte Woche noch das Leben bestimmten, ihre Gültigkeit verloren hatten. Inzwischen sehe ich meine damalige Überzeugung sowohl in meinem persönlichen Umfeld als auch im gesellschaftlichen Kontext vielfach bestätigt. Auch wenn sich aktuell viele Aspekte vielleicht negativ darstellen und manche gesellschaftlichen Entwicklungen international mit Sorge zu betrachten sind, kann all das meinen unerschütterlichen Glauben an das Gute – im Menschen lasse ich weg, das wäre zu einschränkend – nicht zerstören. In diesen Tagen, in denen normalerweise die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele ihre Tore öffnen, sind mir Gedanken zu Richard Wagner gerade besonders gegenwärtig, Gedanken, die ich teils seit Jahrzehnten in mir trage und die einem deutschnationalen Interpretationsverständnis des Wagnerschen Gesamtwerks durch Teile der Nachwelt stets diametral entgegenstanden, Gedanken, die stattdessen die Utopie einer künftigen Gesellschaft zeichnen – einer Gesellschaft, in der Würde, Freiheit und Menschenliebe das Handeln bestimmen …

 

Werfen wir einen Blick in Wagners „Ring“ und lassen unsere Gedanken ein wenig auf die Wanderschaft gehen: Im Moment ihrer Vereinigung mit Siegfried verliert Brünnhilde ihre Göttlichkeit. Sie ist verwundbar geworden und hat ihre schützende Eingebundenheit in Wotans Welt durch eine neue an Tristan und Isolde gemahnende „unio mystica“ mit Siegfried ersetzt: „So wärst du Siegfried und Brünnhild´? – Wo ich bin, bergen sich beide.“ In ihrer Begegnung mit Waltraute in der „Götterdämmerung“ beginnt nun Brünnhildes Kampf um die neue Weltordnung der Liebe, die fortan jede Göttermacht überstrahlen soll. Aber noch scheitern die neuen Ideale an der bestehenden Gesellschaft. Noch machen Intrigen und menschliche Unreife die große Idee zunichte, und Brünnhilde wird zur scheinbar betrogenen Frau.

Die Wandlung der Göttertochter in ein Menschenweib stellte auf dem Weg zur Verwirklichung der freien Liebe und des Reinmenschlichen einen entscheidenden Schritt dar, aber die Idee einer neuen Menschheit, für die Siegfried und Brünnhilde stellvertretend stehen, muss an der bestehenden Gesellschaft noch scheitern. Erst müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden …bis schließlich die „freieste Tat“ am Ende der „Götterdämmerung“ für Brünnhildes Verwirklichung einer großen allgemeinen Menschheitsliebe steht! Auch wenn Wagner selbst zunächst zwischen zwei unterschiedlichen gedanklichen Konzeptionen zu schwanken, so spricht das musikalische Ende des „Rings“ doch eine deutliche Sprache – und schon 1852 dichtete er jene unmissverständlichen Verse, die in der endgültigen Komposition der universal verständlichen Weltsprache der Musik vorbehalten blieben:

 

„Ihr, blühenden Lebens

bleibend´ Geschlecht:

was ich nun euch melde,

merket es wohl! -

Saht ihr vom zündenden Brand

Siegfried und Brünnhild´ verzehrt;

saht ihr des Rheines Töchter

zur Tiefe entführen den Ring:

nach Norden dann

blickt durch die Nacht!

Erglänzt dort am Himmel

ein heiliges Glühn,

so wisset all,

dass ihr Walhalls Ende gewahrt! -

 

Verging wie Hauch

der Götter Geschlecht,

lass´ ohne Walter

die Welt ich zurück:

meines heiligsten Wissens Hort

weis´ ich der Welt nun zu. -

Nicht Gut, nicht Gold,

noch göttliche Pracht;

nicht Haus, nicht Hof,

noch herrischer Prunk;

nicht trüber Verträge

trügender Bund,

noch heuchelnder Sitte

hartes Gesetz:

selig in Lust und Leid

lässt – die LIEBE nur sein!“

 

Diese Verse, die nicht zuletzt eine Welt in geistiger Freiheit verkünden, ersetzte Wagner später 1856 durch einen schopenhauerisch gefärbten Schluss, in dem Brünnhilde das Bild einer künftigen Menschheit zeichnet, die im Sinne des Philosophen nicht durch Liebe, sondern durch Entsagung erlöst wird:

 

„... Aus Wunschheim zieh ich fort,

Wahnheim flieh ich auf immer;

des ew´gen Werdens

off´ne Tore

schließ´ ich hinter mir zu:

nach dem wunsch- und wahnlos

heiligsten Wahlland,

der Weltwanderung Ziel,

von Wiedergeburt erlöst,

zieht nun die Wissende hin.

Alles Ew´gen

sel´ges Ende,

wisst ihr, wie ich´s gewann?

Trauernder Liebe

tiefstes Leiden

schloss die Augen mir auf:

enden sah ich die Welt.“

 

Keine dieser Fassungen wurde letztlich vertont, aber zumindest musikalisch entschied sich Wagner im Ring für die optimistisch-freiheitlich orientierte Fassung des Jahres 1852. Nicht Machtstreben und Herrschaftsdenken, sondern die Liebe ist die Siegerin dieser widerstreitenden Prinzipien im „Ring“. Zurück bleibt eine Anarchie im wörtlichen – im besten Sinne: eine Herrschaftslosigkeit, aber keine Gesetzlosigkeit! Das Gesetz der Liebe regiert. Brünnhildes an Antigone gemahnender Opfertod wird so zu einem Ende im Zeichen menschheitsumfassender Liebe im Schillerschen-Beethovenschen Sinne. Brünnhilde stirbt am Ende der „Götterdämmerung“ als Mensch für Menschen, und Wagner erkannte in diesem Opfertod jene Moral, die die Hoffnung auf einen Neubeginn zuließ. Wie einst in der „Walküre“ Siegfrieds Leben verkündet wurde, so beschreiben die Violinen am Ende des „Rings“ diese Hoffnung und den Glauben an das ewig Neue mit ihrem Plädoyer für Freiheit und Liebe ...

 

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7. Juli 2020

Impfen als ethische Verpflichtung

Vorsorge als Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft

 

Kein medizinisches Thema ist weltweit derzeit aktueller als die Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 – mit allen damit verbundenen öffentlichen Stellungnahmen mehr oder meistens weniger relevanter Meinungen. Wissenschaft aber lässt sich per definitionem dankenswerter Weise nur durch eines widerlegen: durch neue wissenschaftliche Ergebnisse, die sich als richtiger erwiesen haben! Nicht durch Fakes, nicht durch Meinungen und Verschwörungstheorien in den Sozialen Medien und auch nicht durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Die Grundaussagen des folgenden Artikels gelten selbstverständlich artübergreifend für jede Spezies und jede Impfung – für die regelmäßige Gesundheitsvorsorge bei unseren Haustieren ebenso wie für die künftige Impfung des Menschen gegen Covid-19 …

 

Eine Impfung schützt nicht nur das einzelne Individuum, sondern die Impfung als eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin bewirkt weit mehr als gemeinhin angenommen wird: Je mehr Individuen einer Population geimpft sind, desto größer ist auch der Schutz für Nichtgeimpfte! Das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen und zeigt, dass die Entscheidung FÜR die Impfung mehr ist als Privatsache. Impfen ist ein Akt der Solidarität und Menschlichkeit, denn mit der Entscheidung zum Impfen kommen wir unserer Verantwortung nach: zum Schutz des uns anvertrauten Lebens und darüber hinaus zum Schutz der Gemeinschaft und all jener, die aus Alters- oder medizinischen Gründen nicht impffähig sind. Und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ist eine, wenn nicht die entscheidende Komponente, die den Menschen definiert und damit in letzter Konsequenz seine Menschlichkeit ausmacht.

 

Impfen ist Lebensschutz

 

In der Humanmedizin geht man davon aus, dass eine Durchimpfungsrate der Bevölkerung nicht 100% betragen muss, um einen nahezu hundertprozentigen Krankheitsschutz aller zu erreichen, denn die Impfung des Einzelnen schützt auch die Immunität der anderen. Das ist bei unseren vierbeinigen Lebensgefährten ganz genauso und schützt auch hier ebenso wie beim Menschen vor allem jene Individuen, die nicht geimpft werden können – weil sie entweder zu jung oder zu alt sind und infolgedessen oder auch wegen einer Erkrankung an einer Immunsuppression leiden. In diesen Fällen kann und darf man nicht zwingend davon ausgehen, dass das geschwächte Immunsystem eine Infektion – oder auch eine Impfung – abwehren bzw. verarbeiten könnte. So erklärt der verantwortungsvolle Arzt immer wieder aufs Neue, dass im Sinne des Populationsschutzes so viele Menschen respektive Tiere wie möglich geimpft werden sollten, aber das einzelne Individuum entsprechend der jeweils aktuellen Richtlinien so wenig wie möglich!

 

Geimpfte Individuen schützen die Gemeinschaft

 

Jede Impfung bedeutet eine doppelte Schutzmaßnahme: Zum einen kann der Geimpfte selbst nicht ernsthaft erkranken und zum anderen sinkt damit das Risiko, dass er ein anderes Individuum ansteckt, um ein Vielfaches. Denn wenn viele Individuen der Gesamtpopulation geimpft sind, können sich die Krankheitserreger nur mehr sehr eingeschränkt ausbreiten. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass immer weniger Krankheitserreger in die Umwelt gelangen und infolgedessen das Infektionsrisiko für alle Individuen – auch die Ungeimpften! – sinkt.

 

Impfen hat sozialen Aspekt

 

Impfdiskussionen sind Wohlstandsdiskussionen. Darüber hinaus bestätigte eine jüngere Studie der Universität Erfurt, dass die Impfbereitschaft im Humanbereich beispielsweise in asiatischen Ländern generell höher ist. Die Forscher erklären diesen Unterschied mit soziologischen Unterschieden, denn in vielen asiatischen Gesellschaften hat die Gemeinschaft einen sehr viel höheren Stellenwert als in westlichen Ländern, in denen in weiten Teilen der Gesellschaft das individuelle Wohlergehen des Einzelnen im Mittelpunkt des Interesses steht.

Dieser soziale Aspekt der Impfbereitschaft sollte gerade Tierhalter besonders ansprechen, denn Gemeinschaftssinn und Solidarität werden auf der Hundewiese oder im virtuellen Katzenforum intensiv gepflegt. Wir haben auch bei unseren Haustieren, die wir heute als Teil unserer menschlichen Gemeinschaft betrachten, den darwinistischen Ansatz, dass nur die Stärksten ein Lebensrecht haben, längst hinter uns gelassen und wissen um unsere Verantwortung als Teil unseres Menschseins. Jeder geimpfte Hund schützt den entzückenden kleinen Welpen, den ergrauten weisen Senior oder den erkrankten Hund unserer besten Freundin, der nicht impffähig ist. Impfen hat somit einen sozialen Effekt und ist gelebte Verantwortung.

Und dieser soziale Aspekt bedarf in Zeiten von Covid-19 für die menschliche Gemeinschaft keiner weiteren Erklärung.

 

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29. Juni 2020

Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit

 

Gedanken aus Philosophie und Ethik, Kognitionsbiologie und Hirnforschung – Viele Erkenntnisse, die die aktuelle Forschung gerade in diesen Bereichen bietet, stellen das jahrtausendealte anthropozentrische Weltbild, das den Menschen als Maß aller Dinge zum Mittelpunkt des Universums hochstilisiert, zunehmend infrage.

Renommierte Wissenschaftler wie der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht oder der österreichische Kognitionsbiologe und Wolfsforscher Kurt Kotrschal sprechen immer wieder vom Menschen als einem „anderen Tier“, das sich letztendlich vielleicht nur mehr durch seine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, von anderen verwandten Tieren unterscheidet. Der Mensch als ein Tier mit Verantwortungsfähigkeit ... dieser Gedanke mag heute für manche Ohren noch provokant klingen, aber in einem fernen Morgen? Es sind immer die großen Visionen, die Menschheitsgeschichte schreiben und die die Gesellschaft voranbringen – umso mehr, wenn diese Ideen und Vorstellungen auf Naturgesetzen basieren. „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird“, schrieb schon Oscar Wilde.

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren“

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden. (...) In der gegenwärtigen Moral und Rechtsordnung ist der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch größer als jener zwischen Schimpanse und Blattlaus.“ So definiert mit Richard David Precht einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum in seinem Standardwerk „Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ die beiden Lebensformen Mensch und Tier, deren Verhältnis zueinander weit über das Zusammenleben mit unserem geliebten Vierbeiner hinaus untrennbar mit dem Schicksal unseres Planeten verbunden ist.

Der genetische Unterschied zwischen Schimpansen und Menschen ist mit maximal 1,6 Prozent verschwindend gering. Zwischen Argumenten aus Philosophie und Theologie auf der einen Seite und denen des biologischen Hightech-Labors auf der anderen hinterfragt Precht immer wieder die überlieferten gültigen Definitionen des Menschseins. Dass gerade die monotheistischen Religionen das dualistische Weltbild einer strengen Trennung in Mensch und Tier manifestierten, ist für den Intellektuellen, der dem Menschen die Krone der Schöpfung immer wieder pointiert verweigert, auch Grundlage seiner religionskritischen Sicht: „Doch es spricht nicht allzu viel dafür, dass der Mensch und sein Tun das Ziel der Evolution sind. Bedenkt man die fortgeschrittene Zerstörung des Planeten durch Homo sapiens zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ist es schon etwas befremdlich, das Ziel des mutmaßlichen Schöpfergottes in der Zerstörung seines Werks zu sehen.“

 

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15. Juni 2020

Zum BEETHOVEN-Jahr 2020

Beethoven für das 21. Jahrhundert

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – keine Frage: Mit diesem Vokabular befinden wir uns mittendrin in den aktuellen gesellschaftlichen, philosophischen und politischen Diskussionen 2020 – das Jahr, in dem die Welt des 250. Geburtstages eines Künstlers gedenkt, der dank seines Mediums, der universell verständlichen Weltsprache Musik, zu einer globalen Ikone der Menschheitsgeschichte werden konnte: Ludwig van Beethoven. 1770 im rheinischen Bonn, damals eine kleine kurfürstliche Residenzstadt, geboren, fand der junge Musiker schnell seinen Weg heraus aus der Provinz nach Wien, die Kaiserstadt an der Donau, die als Zentrum der habsburgischen Monarchie seinerzeit neben Paris die bedeutendste Kulturmetropole Europas war. Die Weltstadt Wien, ihre unverwechselbare kulturelle Identität und gleichzeitige ideelle Vielfalt machten Beethoven zum Weltbürger – was an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert natürlich keine globale Präsenz bedeutete, sondern vielmehr eine geistige Orientierung umschrieb, deren Ausrichtung einer individuellen Verarbeitung und Interpretation der aktuellen philosophischen Ideen und internationalen gesellschaftshistorischen Prozesse folgte. In Beethovens Verständnis derselben dominierten mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Idealen der französischen Revolution, und einem in der symphonischen Begrifflichkeit der „Pastorale“ formulierten Naturverständnis Begriffe, die den eingangs erwähnten des 21. Jahrhunderts mehr als nahestehen – Worte und Gedanken, die ähnliche Lösungsansätze für gleiche Fragestellungen und Probleme implizieren. Die Auseinandersetzung mit Beethoven zeigt, dass die großen Themen der Vergangenheit auch die der Zukunft sind. Die Zeit und die Schauplätze mögen sich verändert haben, aber das Stück – die Tragödie? – in den Kulissen des 21. Jahrhunderts berührt die gleichen Themen, die die Menschheit immer begleiteten und die immer aktuell bleiben werden. Dabei werden Fragen gestellt und Probleme thematisiert, die unabhängig von Raum und Zeit sind und die daher auch dementsprechender Lösungen – globaler Lösungen – bedürfen: Wie schaffen wir eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihre Potenziale zu leben und ihrem Dasein auf dieser Welt einen Sinn und ein Ziel zu verleihen – und mit diesem sinnerfüllten Leben genau das zu finden, was wir Glück nennen …

 

„Alle Menschen werden Brüder“

 

1823 vertonte Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne. 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU. Die Hymne symbolisiere dabei nicht nur die Europäische Union, sondern Europa im weiteren Sinne.

Auch die deutsche Bundesregierung erinnert in ihrem Webauftritt noch heute an jenes denkwürdige Konzert im ehemaligen Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vom 25. Dezember 1989, als der amerikanische Dirigent und Komponist Leonard Bernstein Beethovens Neunte mit einem internationalen Ensemble mit Musikern aus Ost und West dirigierte und der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall ein musikalisches Denkmal setzte: „Freiheit, schöner Götterfunken“ hieß es in dieser denkwürdigen und geschichtsträchtigen Aufführung, in der in Beethovens „Ode an die Freude“ das Wort „Freude“ jedes Mal durch „Freiheit“ ersetzt war.

Schillers Ideal einer Verbrüderung der Menschheit war eine Vision, die Beethoven teilte, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. „Alle Menschen werden Brüder“ – Schiller und Beethoven sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Sie sprechen von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen. „Diesen Kuss der ganzen Welt“ – Schiller und Beethoven präsentieren mit ihrem europäisch-humanistischen Ansatz eine globale Lösung …

 

„… geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“

 

Nicht nur Leonard Bernstein demonstrierte 1989 im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung  mit dem Schlusssatz der Neunten die gesellschaftspolitische Botschaft der Beethovenschen Musik. 2017 markierte Beethovens 6. Symphonie, die „Pastorale“, die zentrale symbolische Botschaft der 23. Weltklimakonferenz in Bonn und wurde zur Initiale des aktuellen „Beethoven Pastoral Project“, das im Rahmen dieses Gipfels vorgestellt wurde. „Es lag nichts näher, als ein Projekt zu entwickeln, das auf diesem Stück [gemeint ist die „Pastorale“] basiert. Es ist ein Porträt der Natur mit ihrem unermesslichen Reichtum und ihrer Vielfalt“, umschrieb der Musikwissenschaftler Luis Gago das Projekt, das unter der Schirmherrschaft von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, steht.

Beethovens „Pastorale“ spricht vom Verhältnis von Mensch und Natur, von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, die eine intakte Natur im Menschen zu wecken vermag – seinerzeit erfahrungsbasierte Vorstellungen, heute mit molekularbiologischen Methoden auf empirisch-wissenschaftlicher Basis nachgewiesenes allgemeingültiges Wissen. Beethoven liebte die Natur. „Wie froh bin ich einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich – geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“, schrieb der Komponist in seinem „Heiligenstädter Testament“. Schon damals im frühen Industriezeitalter wurden erste Veränderungen, die die beginnende Industrialisierung mit sich brachte, thematisiert. Freilich, damals war es vorrangig noch der Lärm der Pferdekutschen auf dem innerstädtischen Kopfsteinpflaster, vor dem die Großstädter aufs Land flüchteten, und auch Beethoven genoss seine legendären ausgedehnten Spaziergänge und Wanderungen in der vielfältigen Landschaft des Wiener Walds und der Weinberge vor den Toren der Stadt. Der hymnische Gestus im Finale der „Pastorale“ aber geht ganz im Sinne Beethovenscher Absolutheit über das persönliche Empfinden weit hinaus und gelangt zu einer metaphysischen Darstellung universeller Naturgesetze, deren Allgemeingültigkeit sich auch das menschliche Handeln in all seinen Facetten weder widersetzen noch entziehen kann: Beethovens „Pastorale“ als tönende Mahnung an die Welt gerät so zu einem frühen künstlerischen Manifest der aktuell dominierenden Diskussionen um den Klimaschutz.

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – das Vokabular des 21. Jahrhunderts war auch jenes dessen, der vor 250 Jahren zur Welt kam: Ludwig van Beethoven …

 

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  • Leonore (Mittwoch, 03. Juni 2020 10:11)

    Meine Carina sagt danke für die tollen Tipps :)

 

Gesundheit und Wohlbefinden bedingen einander -

Herausforderung für die Medizin des 21. Jahrhunderts

24. Mai 2020

 

„Gesundheit ist das höchste Gut“ ist eine berechtigte und in uns allen zutiefst verankerte Überzeugung, der wir in vielerlei sprichwörtlichen Redewendungen Ausdruck verleihen. „Gesundheit ist alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit“ ist ebenso ein immer wieder verwendetes Statement und eine der häufigsten Glückwunschformulierungen.

 

„Gesundheit ist alles“ - und tatsächlich weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Eine umfassende Definition orientiert sich heute mehr denn je an einer ganzheitlichen Betrachtung des Organismus und geht deutlich über offensichtliche medizinische Belange hinaus. Wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" definiert, wird dem traditionell primär auf die körperlichen Funktionen bezogenen Begriff eine weitere Kategorie zur Seite gestellt: Gesundheit beinhaltet Wohlbefinden aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus betrachtet, körperliche Gesundheit wiederum ist unabdingbarer Teil des Wohlbefindens, das darüber hinaus auch psychische Aspekte und emotionale Empfindungen einbezieht. Beide – Gesundheit und Wohlbefinden – bedingen einander! Der gesunde Organismus kann emotional unausgeglichen sein, mentales Wohlbefinden hingegen kann körperliche Einschränkungen lindern und erträglicher machen. Diese Zusammenhänge ziehen eine Vielzahl praktischer Konsequenzen nach sich: nicht nur für die Medizin und die Begegnung zwischen Patient und Arzt, sondern vor allem auch für uns selbst und unsere ureigenen und alltäglichen Möglichkeiten, Gesundheit zu fördern und zu erhalten – bei uns selbst und natürlich ganz genau so bei unseren Lebenspartnern auf vier Pfoten, deren Leben unserer Obhut anvertraut ist.

 

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in die Geschichte des Abendlandes und die Anfänge wissenschaftlichen Denkens im antiken Griechenland ... Damals, einige Jahrhunderte vor Christus, gab es keinen Arzt im heutigen Sinne, keinen Fachmann für die Funktionen des Organismus, sondern „Ärzte“ waren in erster Linie Universalgelehrte, die aus philosophischen Überlegungen praktische Konsequenzen zogen. Auf dieser Grundlage versuchten sie, das Wohlbefinden wiederherzustellen und Körper und Seele aus ihrem Ungleichgewicht, das sich dem antiken Verständnis zufolge in Schmerzen, Fieber und anderen Symptomen zeigte, heraus zu holen. Nicht Gesundheit in unserem heutigen Sinne war das Ziel – die altgriechische Sprache hat nicht einmal ein Wort für „Gesundheit“ im ausschließlich medizinischen Sinn – sondern man strebte etwas anderes an: „Harmonie“ – jene Harmonie, die die Lebenswissenschaften heute als Zustand der Kohärenz, als ausgewogener Zustand verschiedener Aspekte des Lebens bzw. Funktionen des Organismus beschreiben. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen verstehen diese Harmonie zunehmend als grundlegende Voraussetzung körperlicher Gesundheit und Langlebigkeit.

 

Heute aber haben wir die Chance, nicht „nur“ Harmonie und Wohlbefinden zu finden, sondern mit dem biologischen und medizinischen Wissen des 21. Jahrhunderts auch die körperliche Gesundheit mit effizienten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sicherzustellen. Der Idealzustand, beide Aspekte auf der Basis von Wissenschaft und Forschung und auf der Grundlage evidenzbasierten Wissens miteinander zu verbinden, ist wahrscheinlich eine der großen Herausforderungen für die Medizin des 21. Jahrhunderts – bei Mensch und Tier gleichermaßen.

 

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ZukunftDenken - für die Zeit NACH der aktuellen Covid-19-Krise

16. Mai 2020

Uns allen ist bewusst: Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche und Veränderungen, die wohl niemand von uns noch vor zweieinhalb oder drei Monaten für möglich gehalten hätte. Wir leben in einer wahrhaft dramatischen Zeit – und das im vollständigen Sinne des Wortes, denn dramatische Momente zeichnen sich immer durch Widersprüche aus: Tragik beinhaltet immer auch Perspektiven.

 

Noch sind wir in der Gegenwart umgeben von zahlreichen krisenhaften Zuständen mit vielen individuellen Facetten und Tragödien, aber es wird auch ein „Danach“ geben, eine Zukunft nach der aktuellen Krise. In die Zukunft denken heißt Perspektiven schaffen, heißt Wege aufzeichnen, heißt Zuversicht und Hoffnung leben … Krisen beinhalten Chancen, weil die Tragik neue Perspektiven öffnet.

 

Wir alle ziehen auf unserem Lebensweg an unzähligen Wegweisern vorüber. Allzu oft aber lassen wir diese Hinweise unbeachtet am Rande liegen, allzu oft nehmen wir nur einen kleinen, sehr begrenzten Teil dessen, was uns an und auf diesem Lebensweg begegnet, wirklich bewusst wahr. Irgendwann stehen wir alle – jeder für sich auf seinem ganz individuellen Weg – unweigerlich vor einem unübersehbaren Stopp-Schild, das uns kompromisslos Einhalt gebietet, das zum Innehalten und Nachdenken zwingt, und das uns nicht zuletzt die Möglichkeit der freien Entscheidung für oder gegen eine Richtungsänderung bietet. Das Außergewöhnliche ist, dass dieses unsichtbare, maximal 160 Nanometer große Virus zu einem kollektiven Stopp-Schild für uns alle wurde und zu einer jähen Unterbrechung des gewohnten Lebens auf allen Ebenen führte.

 

In der Zeit NACH Corona wird niemand von uns in die Normalität VOR Corona zurückkehren. Das hat erst einmal gar nichts mit gewohnter oder neuer Normalität, mit behördlichen Regeln oder Sicherheitsmaßnahmen zu tun, sondern vielmehr mit den neuen Erfahrungen, die wir alle gemacht haben: Wir haben existentielle Ängste kennengelernt, die viele von uns sicher in dieser Form nicht kannten, wir haben außergewöhnliche Situationen gelebt, die niemand sich hätte vorstellen können, und wir haben in all diesen Veränderungen vielleicht auch ungeahnte Möglichkeiten erkannt … All das fließt in unsere eigene Lebensgeschichte ein und ist jetzt ein neuer Teil von uns selbst, unserer Lebensgeschichte, unseres Denkens und unserer Persönlichkeit geworden. Und so steht jeder von uns ganz für sich und damit wir alle gemeinsam am Anfang einer neuen Zeit NACH Corona. Das stellt viele zweifellos für große Herausforderungen, das birgt zahllose Schwierigkeiten – und gleichzeitig eröffnet es Chancen und Möglichkeiten, die zu suchen und zu nutzen unser aller große Aufgabe sein wird. Vergessen wir auch angesichts der größten Probleme nie, dass das in letzter Konsequenz durchaus etwas sehr Positives sein kann, etwas, was unser Leben auch reicher macht. Denken wir an einen der bekanntesten Verse des großen Schweizer Dichters Hermann Hesse: „… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“ …

 

Die Bilder, die Nachrichten, die Situationen der letzten Wochen und Monate waren und sind eindringlich, prägend und unvergesslich für alle Generationen, die sie gerade in den unterschiedlichsten Lebensphasen erleben: Was können wir mitnehmen? Was bleibt? Wo können wir in der Tragik die Perspektive finden?

 

Wir sind den einzig sinnvollen und verantwortbaren Weg gegangen und haben uns auf breitest denkbarer gesellschaftlicher Übereinkunft entschieden, zuerst kompromisslos die Gesundheit und das Leben in den Mittelpunkt der Krisenbewältigung zu stellen und damit das demokratische Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen – auch wenn andere Grundrechte dafür für einen begrenzten Zeitraum scheinbar in den Hintergrund treten mussten. Mit dieser Vorgangsweise haben wir zugleich ein bedingungsloses und richtungsweisendes Bekenntnis zur Menschenwürde abgelegt …

 

Wir tragen die verstörenden Bilder der Militärkolonnen in uns, die die Leichen aus dem norditalienischen Bergamo Richtung Süden transportierten – und gleichzeitig die Bilder der italienischen Küsten, wo Delfine ihren Lebensraum zurückerobern, und das glasklare Wasser, das uns erstmals den LEBENSgrund der venezianischen Kanäle sehen ließ …

 

Wir hören die Nachrichten aus österreichischen Spitälern: von unendlichem menschlichem Leid, wenn Sterbende und ihre Familien auf Grund der Infektionsgefahr nicht voneinander Abschied nehmen können – und ebenso Berichte, dass junge Mütter und Neugeborene sich deutlich schneller erholen und die medizinischen Komplikationen im Wochenbett signifikant abgenommen haben, auf Grund der Ruhe und Konzentration auf die in diesem Moment wesentlichen Dinge, die das Besuchsverbot mit sich brachte …

 

Wie selten zuvor haben wir die positiven Aspekte und den praktischen Nutzen der Digitalisierung gesehen. Wir konnten (und können) viele Dinge des alltäglichen Gebrauchs in den Online-Shops österreichischer Unternehmen bestellen und damit den notwendigen Richtlinien zur Eindämmung des Virus entsprechend handeln. Wir konnten über Bildtelefon und zahllose Kommunikationskanäle Kontakt zu Freunden und Familie halten und das Social Distancing manchmal auf ein Physical Distancing – noch immer herausfordernd genug – reduzieren. Auf der anderen Seite stehen Fake News und Verschwörungstheorien, die in dieser Pandemie kein Spiel sind, sondern Leben kosten, und die sich nur auf Grund der digitalen Kommunikation und der sozialen Medien in dieser existenzbedrohenden Form und Geschwindigkeit verbreiten können. Überdeutlich erkennen wir darin, wir wichtig für unser Zusammenleben ein umfassendes Kommunikationsverständnis ist, das Verstehen grundlegender Zusammenhänge der Logik, aber auch Empathie und Mitgefühl und wie wesentlich diese Fähigkeiten für unser aller Zukunft sind …

 

Viele von uns haben auf einmal Zeit – scheinbar im Überfluss und vor allem völlig unfreiwillig. In vielen Bereichen können wir unseren Beruf, der uns neben einer gesicherten Existenz auch Erfüllung und Befriedigung bot, aktuell – und in manchen Branchen voraussichtlich noch über Monate hinweg – nicht ausführen. Und gleichzeitig sehen wir: Wenn alte Strukturen wegbrechen, entsteht zugleich Raum für Neues. Aber erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse in materieller Hinsicht abgesichert sind, können wir diese Chancen sehen und mit Kreativität füllen. Erst dann ist der Kopf frei, und wir können diese Zeit, die Teil unserer wertvollen Lebenszeit ist, nutzen, um neue Wege einzuschlagen, neue Potenziale zu entdecken, mit denen sich ein ebenso kreativer wie nachhaltiger Beitrag zu unserem gemeinsamen Dasein auf dieser Welt gestalten lässt …

 

Nutzen wir die Zeit – zum ZukunftDenken! Um Perspektiven einer Zukunft zu entwickeln, in der wir ganz selbstverständlich genauso wie durch unser lebensrettendes Verhalten in den letzten Wochen unser Bekenntnis zur Menschenwürde tagtäglich leben ...

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  • Bärbel Backhove (Sonntag, 17. Mai 2020 05:58)

    Wie immer hervorragend. Alles auf den Punkt gebracht.

  • Margarete Bayer (Samstag, 16. Mai 2020 21:11)

    So wertvolle Gedankenanregungen!