ZukunftDenken - Weblog

"Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben!"

(Albert Einstein)

 

In  "ZukunftDenken" gibt's regelmäßig Gedanken und Perspektiven aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Fragen, die unsere Zukunft bestimmen ... vielfältig, aber stets aus dem Blickwinkel von Verantwortung und (Menschen-)Würde ...

 

Die beliebten Buchtipps findet Ihr ab sofort in einem eigenen Buchblog auf der Seite ZukunftLesen!

 

31. Mai 2021

LEBEN ist mehr als perfekt funktionieren … Zur Diskussion über den Einsatz der modernen Tiermedizin

 

„Intensivmedizin für Haustiere“ – Immer wieder und regelmäßig kommt die deutsche Presselandschaft auf eines ihrer offensichtlichen „Lieblingsthema“ zurück, das auch von renommierten Medien dabei zumeist mehr oder weniger unreflektiert aufgegriffen wird. Da ist die Rede von Tieren, die einem „schmerzvollen Siechtum“ ausgesetzt seien, von Tierbesitzern, „die nicht loslassen können“, von Tierärzten, „die daran verdienen, Therapien zu verkaufen“. „Für Fiffi nur das Beste – Tiermedizin de Luxe“ hieß ein TV-Beitrag bereits vor einigen Jahren, der trotz einer sachlichen Darstellung moderner tiermedizinischer Chirurgie, Onkologie und Physiotherapie auf einen leicht ironischen Unterton nicht verzichtete. „Spiegel Online“ titelte unverkennbar provokant mit „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ einen Beitrag, der vornehmlich die wirtschaftliche Seite des Themas betrachtete, aber dennoch die Potenziale der Tierorthopädie und einmal mehr der Onkologie zumindest tendenziell in Frage stellte. Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen ähnliche Ergüsse. Leider wird in den meisten Beiträgen dieser Art nicht einmal exakt erläutert, welche Definition des Begriffs „Intensivmedizin“ den Überlegungen der Autoren zugrunde liegt. Die notwendige Erstversorgung von Schockpatienten in der Notaufnahme einer großen Tierklinik? Die Anästhesieüberwachung und perioperative Intensivbehandlung nach humanmedizinischem Vorbild? Allgegenwärtig in diesen Beiträgen sind jedoch die in der veterinärmedizinischen Onkologie längst etablierten und erfolgreich eingesetzten Optionen der Chemo- und Strahlentherapie, zumeist dargestellt als exotisch anmutende Extravaganzen exaltierter Tierbesitzer und materiell orientierter Tierärzte. Das gleiche Schicksal trifft orthopädische Hilfsmittel und physiotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten wie beispielsweise die Unterwassertherapie oder Massagen. Immer wieder fixieren sich die Diskussionen auf das Thema Schmerz, sprechen vom vermeintlichen Elend der nach dem Standard der modernen Veterinärmedizin behandelten Tiere. Mit diesen medizinisch-wissenschaftlich unhaltbaren und an der klinischen Realität absolut vorbeigehenden Argumentationsversuchen scheint die gegenwärtige mediale Auseinandersetzung mit diesem Thema ebenso hilflos wie unzeitgemäß.

 

Die Realität sieht anders aus

 

Derartige Darstellungen haben mit der Realität in großen und standardsetzenden Tierkliniken wenig gemeinsam: Chemo- und Strahlentherapie sind neben der Chirurgie als unverzichtbare Bestandteile aus der tiermedizinischen Onkologie nicht mehr wegzudenken. Die regelmäßig postulierte ethische Problematik in diesem Zusammenhang betrifft nicht die Therapieformen an sich, sondern weit eher die in weiten Teilen unsachliche oder überhaupt fehlende Aufklärung und Information der Tierbesitzer über die Möglichkeiten, die ihrem Freund auf vier Pfoten auch bei der Diagnose „Krebs“ noch Lebenszeit bei bester Lebensqualität schenken könnten.  Obwohl unzählige Menschen dieser Therapie ihr Überleben verdanken, ist der Begriff „Chemotherapie“ aus der humanmedizinischen Erfahrungswelt oft ausschließlich negativ besetzt und wird ohne weitere Hinterfragung auf den veterinärmedizinischen Bereich übertragen – ungeachtet der Tatsache, dass eine tiermedizinische Chemotherapie unter vollkommen anderen Vorzeichen geplant wird und abläuft. Die Nebenwirkungen sind aufgrund der geringeren Dosierung mit den aus der Humanmedizin bekannten Schweregraden nicht vergleichbar: „Internationale Studien belegen, dass chemotherapeutische Behandlungen in der Veterinäronkologie nur bei weniger als fünf Prozent der Patienten schwerwiegende Nebenwirkungen zur Folge haben. Bei den meisten Krebspatienten können die Nebenwirkungen bereits durch Präventivmaßnahmen vermieden werden oder sind als milde Nebenwirkungen zu bewerten und damit sehr gut behandelbar“, erklärt Dr. Michael Willmann, Onkologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

 

Chancen und Risiken der modernen Tiermedizin und insbesondere der Onkologie sind viel diskutiert. Das größte Risiko aber besteht darin, die Chancen nicht zu nutzen!

 

Dabei darf das Potenzial dieser Therapieformen, einen krebskranken Hund eventuell zu heilen, keinesfalls unerwähnt bleiben, denn auch die Diagnose „Krebs“ muss für unsere vierbeinigen Freunde heute längst kein Todesurteil mehr bedeuten. Früherkennung ist wie bei jeder anderen Erkrankung der Schlüssel zur Heilung. Abwarten und darauf hoffen, dass der Knoten eventuell gutartig sein könnte, ist heute keine tierärztliche Empfehlung mehr. Angesichts der Tatsache, wie viele Hunde ihr Leben lassen müssen, weil ihren Besitzern wegen mangelnder Aufklärung über alle Therapieoptionen die Möglichkeiten einer bewussten Entscheidung FÜR den Hund gar nicht erst gegeben wurde, sei die Überlegung erlaubt, an welcher Stelle wir es hier wirklich mit einem ethischen Problem zu tun haben. Eine adäquate Schmerztherapie ist gegenwärtig nicht nur medizinisch möglich, sondern im Tierschutzgesetz explizit vorgeschrieben, und es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Kliniken, die eine medizinische Betreuung nach dem aktuellen State of Art – je nach Definition also „Intensivmedizin“ – anbieten, auch mit Selbstverständlichkeit eine optimale Schmerztherapie durchführen. Schmerzen zu beklagen und gleichzeitig die gerade im orthopädischen Bereich besonders effektiven Therapiemöglichkeiten wie Massage oder Akupunktur abzulehnen, zeugt nicht gerade von einem vertieften Verständnis der Zusammenhänge in der medialen Berichterstattung. Unerwähnt bleibt, dass all diese optimalen und am neuesten medizinischen Wissensstand orientierten Therapien das Leben des individuellen Patienten schützen! Im Idealfall kann die Erkrankung geheilt werden, sicher aber kann über einen längeren Zeitraum hinweg eine optimale Lebensqualität für den Patienten erhalten werden. Dabei ist die prognostizierte Überlebenszeit durchaus relativ zu betrachten. Ein Jahr mag gemessen am menschlichen Lebenszyklus wenig erscheinen, für den Hund hingegen bedeutet ein Jahr eine lange Zeit – Leben, das gelebt werden kann und will! Therapie schützt Leben und ist damit in letzter Konsequenz aktiver Tierschutz!

 

„Ein denkendes, fühlendes und sensibles Lebewesen …“

 

Auf der Suche nach Argumenten gegen den Einsatz moderner medizinischer Therapien bei Tieren macht es ebenso wenig Sinn, heute noch auf das „Gnadenbrot“ zu verweisen, mit dem so mancher Wach- und Arbeitshund früherer Zeiten, der seiner Aufgabe nicht mehr nachkommen konnte, seinen Lebensabend fristen musste. Tempora mutantur … Die Zeiten ändern sich, und dem Hund kommt dank des gesellschaftlichen Wandels in unserer Gegenwart eine veränderte Position im Familiengefüge zu. Das Tier wird heute als ein „denkendes, fühlendes und sensibles Lebewesen, das Partner des Menschen ist“ betrachtet, wie der Wiener Kognitionsbiologe Prof. Dr. Ludwig Huber immer wieder betont.  

Der richtige Moment für die Euthanasie eines Haustieres hängt von vielen individuellen Faktoren ab: von der Mensch-Tier-Beziehung, vom Alter des Tieres, von der Prognose. Jede konkrete Situation erfordert dabei eine individuelle Entscheidung, aber die einseitige auf wirtschaftliche und materielle Faktoren bezogene Interpretation dieser ethischen Fragen greift entschieden zu kurz und übersieht die Kehrseite der Medaille: Auch mangelnde Aufklärung des Besitzers über alle therapeutischen Möglichkeiten nimmt dem Tier die Chance auf Leben, dem Besitzer die Fähigkeit, sich eines Tages mit dem Unabwendbaren abzufinden – eine Situation, die gerade unter ethischen Aspekten nachdenklich stimmt …

 

Vom ethischen Konflikt des Tierbesitzers

Ein kleiner Teil der Lunge war auf dem Bild rein zufällig noch zu sehen: nicht schwarz, wie sich die Luft in einer gesunden Lunge am Röntgenbild darstellt, sondern weiß gefleckt. Viel Weiß mit kleinen schwarzen Zwischenräumen. Der Tierarzt machte ein besorgtes Gesicht, sprach von Lungenkrebs. – „Was tun?“ – „Keine Chance! Gar nichts tun!“ – „Wie lange noch?“ – „Vielleicht drei Wochen, vielleicht vier. “ – „Es muss doch eine Möglichkeit geben! Ich werde einen Termin in der Universitätsklinik vereinbaren.“ – „Warum? Wollen Sie dem Hund die vielen Kilometer antun? Machen Sie ihr lieber eine schöne Zeit.“ – „Aber vielleicht gibt es noch eine Chance! Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Chemotherapie?“ – „Chemotherapie? Aber ich bitte Sie! Wollen Sie Ihrem Hund das wirklich ANTUN?“ – – – Warum blieb damals nur dieser eine Satz in mir hängen? Warum ließ ich mich davon derart lähmen – gegen mein Gefühl und inneres Wissen? Warum habe ich nichts getan, was meinem Mädchen vielleicht noch geholfen hätte? Was uns eventuell noch einige Wochen, Monate, vielleicht ein Jahr Leben geschenkt hätte? Niemand weiß das, mit Sicherheit aber hätten weitere Schritte zumindest mehr Klarheit in die gesamte Situation und eine eindeutige Diagnose gebracht. Heute – einige Jahre später und mit dem Wissen, dass es sich bei Annas sogenanntem Lungenkrebs mit hoher Wahrscheinlichkeit um Metastasen einer anderen Tumorerkrankung im Körper handelte und dass eine umfassende, dem heutigen medizinischen Standard entsprechende Krebstherapie einem Hund nichts „ANTUT“, sondern auch in diesem Krankheitsstadium noch sinnvoll sein kann – heute schäme ich mich ob meiner damaligen Tatenlosigkeit, meiner Mutlosigkeit und Unentschlossenheit. Dabei ist mir umso mehr bewusst, dass trotz aller notwendigen medizinischen Überlegungen immer das Herz im Mittelpunkt stehen muss, die unbedingte Liebe zu unseren vierbeinigen Partnern, die ihr Leben vertrauensvoll in unsere Hände legen. Gerade deshalb ist es unsere wichtigste Aufgabe, für jeden von ihnen – bewusst, individuell und im Vertrauen auf eine lückenlose Beratung durch den behandelnden Tierarzt – die richtigen Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, die den medizinischen Möglichkeiten und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand unserer Zeit entsprechen. Entscheidungen, die uns erlauben, unseren Hunden ins Gesicht zu schauen! Auch über ihren Tod hinaus!

 

Zukunftsvisionen

 

Die Frage nach dem veränderten Umgang mit dem alternden und chronisch erkrankten Tier erörterte auch der Wiener Tierethiker Prof. Dr. Herwig Grimm. An die Stelle der früher in vielen Fällen selbstverständlichen Euthanasie treten heute Überlegungen nach Therapiemöglichkeiten: „Wo Normen aufbrechen, ist neue Orientierung nötig.“ Diese ethische Aufgabe der Neuorientierung kann aber nicht bedeuten, neue Wege, neue Entwicklungen in Frage zu stellen oder gar abzulehnen, sondern ihr Ziel muss stets ein den veränderten Umständen angepasster Umgang mit den Möglichkeiten der Gegenwart und der Zukunft sein.

Das vergangene Jahrzehnt war mit Sicherheit eines der wichtigsten für die Weiterentwicklung der Tiermedizin. Bleiben wir bei der nur allzu gerne mystifizierten Onkologie, denn Krebs ist auch bei unseren Haustieren inzwischen eine der häufigsten Todesursachen, deren Anteil bei einigen Rassen nahe einer Größenordnung von 50 Prozent liegt. In manchen Fällen spielen genetische Prädispositionen eine Rolle, aber züchterische Lösungen dieser Problematik liegen in weiter Ferne. So sind neben der Früherkennung, die bei unseren Haustieren genauso wie beim Menschen das größte Heilungspotenzial beinhaltet, der Einsatz etablierter und erwiesenermaßen erfolgreicher Therapien sowie die Auseinandersetzung mit neuen Therapieansätzen das Gebot der Stunde. Die Entwicklung neuer Medikamente für den tiermedizinischen Bereich machte in den vergangenen Jahren Fortschritte, mit denen zu Beginn dieses Jahrtausends noch niemand gerechnet hätte. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin, die vergleichende Onkologie, die zur Zulassung modernster Medikamente für die Behandlung krebskranker Hunde führte. In der gemeinsamen Krebsforschung ist und bleibt der Hund ein wertvolles Individuum, ein Patient mit einer Tumorerkrankung, dem der neueste wissenschaftliche und medizinische Kenntnisstand der Onkologie zuteil wird. Dass heute in der Tiermedizin die ersten zielgerichteten Medikamente (Targeted Therapies) zur Verfügung stehen, ist das für sich selbst sprechende Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Ein Großteil der aktuellen Medienberichte handelt die Annäherung von Tier- und Humanmedizin lediglich mit dem Hinweis auf eine unzulässige „Vermenschlichung“ des Tieres ab und geht damit an den substanziellen Inhalten der komparativen Medizin vollends vorbei, ignoriert Potenziale, die unter den unterschiedlichsten Aspekten einen wesentlichen Beitrag zum Tierschutz leisten und ebenso dem Wohle des Menschen zugutekommen.  

 

Vom LEBEN mit dem kranken Hund

 

All den mehr oder weniger artifiziell erscheinenden Diskussionen um die ethische Bedeutung der modernen Tiermedizin, all den medizinisch-wissenschaftlich und emotional in Bezug auf die Mensch-Tier-Beziehung entschieden zu kurz greifenden Medienkommentaren möchte ich mein Resümee aus inzwischen 35 Jahren Boxer-Haltung – bekannterweise eine Rasse mit starker Präsenz in den Tierkliniken, die mir entsprechende Erfahrungswerte schenkte – gegenüberstellen: Wenn wir eines Tages mit einer Diagnose konfrontiert werden, die von einer chronischen oder unheilbaren Erkrankung unseres Hundes spricht, dann ist es in erster Linie UNSER Verhalten, UNSER Umgang mit den veränderten Gegebenheiten, der auch das Verhalten des Hundes prägen wird. Versuchen wir, uns von der Vorstellung zu befreien, dass es unserem besten Freund auf vier Pfoten jetzt schlecht gehen MUSS! Er ist kein armer Hund – es sei denn, ihm wird eine optimale Therapie verwehrt –, sondern er wird ganz selbstverständlich diese neue Lebensform mit uns leben. Wenn es uns gelingt, diese Zeit mit ihm zusammen offen und neugierig als eine Aufgabe, vielleicht gar als eine Bereicherung zu betrachten, wird eine ganz eigene Heiterkeit uns und unseren Freund in diesen Wochen und Monaten – Jahren? – seiner Krankheit begleiten. Vielleicht ist es ein langer Weg des Abschiednehmens. Aber beginnt dieser Weg des Abschieds nicht in dem Moment, in dem die Hundemama uns unmittelbar nach der Geburt zum ersten Mal erlaubt, den Welpen im Arm zu halten? Wenn sie dieses kleine schuldlose Wesen nicht zuletzt unserer Pflege und Obhut anvertraut? Voller Neugier und Vertrauen wird der Welpe den Weg ins Leben finden, von dem wir alle wissen, dass es wie jedes Leben auf dieser Welt begrenzt ist. Vielleicht beginnt der lange Weg des Abschiednehmens schon in diesem Moment – und denken wir jemals darüber nach? Nein, wir LEBEN diesen „Abschied“ mit aller Selbstverständlichkeit, die das Leben ausmacht. Warum sollten wir jetzt, im Moment einer schwerwiegenden Diagnose damit aufhören? Machen wir uns zusammen weiter auf den Weg dieses gemeinsamen LEBENS – in einen neuen Abschnitt, ja sicher, aber in einen Teil, in dem nicht Angst und Traurigkeit unser Denken und unsere Emotionen bestimmen, sondern Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Vielleicht erleben wir nun Tage und Wochen, die uns manches bewusster wahrnehmen lassen als je zuvor und die uns eine neue Qualität der Verbundenheit, der innigen Zusammengehörigkeit schenken.

 

Leben heißt mehr als perfekt Funktionieren

 

Und noch einen ganz wesentlichen Aspekt wird diese Zeit uns lehren: Wir werden sehen und erkennen, mit welcher Selbstverständlichkeit unser Hund seine Krankheit annimmt. Wenn wir die kleinen oder auch größeren Probleme, die der Alltag jetzt mit sich bringen kann, gemeinsam mit unserem Patienten optimal meistern und kein allzu großes Aufhebens um die ein oder andere Einschränkung machen, wird auch unser Freund die neuen Gegebenheiten schnell als selbstverständlich annehmen und verstehen. Tiere haben uns Menschen gegenüber den großen Vorteil, nicht an das Morgen zu denken. Sie leben im Hier und Jetzt, in diesem Augenblick der Gegenwart. War die krankheitsbedingte Einschränkung gerade noch spürbar, so kommt unser Freund in der nächsten Sekunde schon freudig auf uns zu oder schenkt uns auch „nur“ ein Lächeln aus seinen Augen. Vergessen scheint die Einschränkung, schon lebt er diesen neuen Moment, seine Gegenwart. Beobachten wir ihn, wie er von Tag zu Tag lernt, mit eventuellen körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen besser umzugehen, wie es ihm geschickt und erfindungsreich gelingt, seine Flexibilität und Beweglichkeit, seine Spiel- und Lebensfreude zu erhalten! Machen wir uns diesen Prozess bewusst – und wir werden einen tiefen und ehrlichen Respekt vor diesem Leben in uns spüren und erkennen, dass wir so unendlich viel von unseren Tieren lernen können. Denn Leben heißt mehr als perfekt Funktionieren. Leben bedeutet, eine Aufgabe zu erfüllen. Leben ist Lieben – und das Gefühl, geliebt zu werden.

 

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1. April 2021

Freiheit – ein altes Menschheitsthema

 

Freiheit! In welchem Zusammenhang auch immer wir von diesem wundervollen, essentiellen Lebensgefühl sprechen, der Begriff kommt uns, die wir das unschätzbare Glück haben, in einem freien und demokratischen Land zu leben, immer wieder vollkommen selbstverständlich über die Lippen. Selbstverständlich, und damit oftmals auch ein wenig unreflektiert, weswegen es sich durchaus lohnt, den Begriff ein wenig näher zu beleuchten.

Bereits in der Antike spielte der Freiheitsbegriff eine entscheidende Rolle und galt nicht nur im altgriechischen Mythos des Prometheus als die wesentliche und entscheidende Voraussetzung der Entwicklung einer menschlichen Kultur. Das Aischylos-Drama vom „gefesselten Prometheus“ handelt vom Streit und von der Versöhnung des göttlichen Weltherrschers Zeus mit dem Titanen Prometheus, der sich der Sage nach einst gegen den Willen des Gottes für die Erhaltung des Menschengeschlechts eingesetzt und diesem befreit aus göttlicher Determination durch die Vermittlung des Feuers zum Aufbau einer eigenen Kultur verholfen hatte.

Die Freiheit des menschlichen Geistes blieb seither durch viele Jahrhunderte hindurch eines der großen Charakteristika abendländischen Denkens. Die Ideen der europäischen Aufklärung basierten spätestens seit Galilei ebenso wie das Aufblühen der Naturwissenschaften auf einem von der Utopie geistiger, religiöser und politischer Freiheit geprägten Gedankengut. 1823 vertonte Ludwig van Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner Neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne, 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU.

Schillers Vision basierte auf einer humanistisch-aufgeklärten Grundhaltung und manifestierte die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen. Der Dichter spricht hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Er spricht von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums.

Heute wissen wir – nicht zuletzt dank der aktuellen Möglichkeiten neurophysiologischer Forschung –, dass die Entfaltung von Kreativität und das ungerichtete Denken neuer Ziele und Möglichkeiten ein Höchstmaß individueller Freiheit brauchen, um sich entfalten zu können, durchaus auch, um sich den großen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen und Lösungsansätze zu entwickeln. Umso wesentlicher ist es, diesen Freiheitsbegriff gleichzeitig immer wieder zu reflektieren und so zu definieren, dass er Verantwortung – und Verantwortungsfähigkeit ist das entscheidende Kriterium des Menschseins! – beinhaltet. Schlicht und einfach formuliert: Freiheit bedeutet keineswegs, einfach zu tun, was man gerade will. Und so forderte auch nicht zuletzt der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck 2013 in seiner berühmt gewordenen Rede über die Freiheit diese Verantwortung ein: „Die Freiheit des Individuums als Grundelement des in der Aufklärung wurzelnden Liberalismus kann eben nur so weit gehen, wie sie nicht die Freiheit anderer oder gar das Überleben des Planeten gefährdet.“ Bereits im 18. Jahrhundert hat der große deutsche Philosoph Immanuel Kant es so wunderbar treffend zusammengefasst: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Freiheit und Selbstbestimmung beinhalten immer auch Pflichten – daran hat sich im Prinzip vom antiken Mythos des Prometheus bis in die Gegenwart hinein nicht viel verändert. Wirkliche Freiheit bedeutet in letzter Konsequenz, den Herausforderungen des Lebens verstandesorientiert und verantwortungsbewusst zu begegnen! Diesen Freiheitsbegriff zu leben und dabei die eigene Menschlichkeit und den individuellen Weg zu Kreativität und Lebensglück zu finden bedeutet ganz sicher nicht zuletzt auch, einen unschätzbaren Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.

 

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10. März 2021

Geballte negative Emotionen – Bildung als ein Ausweg?

 

Aktuell konzentrieren sich gesellschaftliche und mediale Diskussionen auffällig auf geballte negative Emotionen: Der Eindruck entsteht, dass man nurmehr von Angst, von Wut und von Hass redet … von Menschen, die getrieben von diesen negativen Emotionen den Herausforderungen der Krise kaum gewachsen sind – was vielfältige Gründe hat und zweifellos nur äußerst selten in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Vielmehr scheinen es einige zentrale und wesentliche Strukturen der Gesellschaft, die traditionell überliefert seit Jahrzehnten einer Reform harren, und die unzweifelhaft mit dafür verantwortlich sind, dass ein durchaus unübersehbarer Teil der europäischen Bevölkerung sich aktuell so verhält, wie wir es tagtäglich beobachten. Würde man derzeit das legendäre psychologische Experiment des Marshmallow-Tests großflächig in der Gesellschaft durchführen, wäre das Ergebnis vermutlich erschreckend.

Wenig wird hingegen über ein anderes negatives Gefühl gesprochen, das zweifellos in einem ebenso großen, allerdings weniger lauten Teil der Menschen dominiert: Enttäuschung! Enttäuschung gerade angesichts des teilweise dramatisch infantilen Verhaltens der Gesellschaft und Enttäuschung darüber, dass die Wurzeln von Humanismus und Aufklärung in Europa so wenig Früchte tragen. Auch ich persönlich hätte mir da sehr viel mehr erwartet.

Wenn man nun aber dankenswerterweise zu den Menschen gehört, die weder zu Depressionen noch zu Resignation neigen und die stattdessen die Möglichkeiten und Chancen sehen, Strategien zu entwickeln, derartige Probleme im Keim zu ersticken, stellt sich folgerichtig die Frage, wie diese gesellschaftliche Gesamtsituation verbessert werden kann. Wie kann denjenigen, die sich überfordert fühlen, geholfen werden? Auf Augenhöhe! Wie kann den Wurzeln von Angst, Wut und Hass begegnet werden? Kollektives Mentaltraining? Zumindest ein wesentlicher Ansatz liegt im Bildungssystem, das einer völligen Neuorientierung bedarf: weg von einer Wissensansammlung hin zu einer Erziehung, in deren Mittelpunkt emotionale Intelligenz, Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Medienkompetenz stehen. Denn vielmehr als bloßes Wissen sind es unsere Emotionen und Empfindungen, die als Eingangstor einer neuen Wahrnehmung, eines neuen Denkens oder eines neuen menschlichen Selbstverständnisses dienen, und die durch Bildungsangebote im Idealfall angesprochen werden sollten.

Bildung hat viele Facetten. Sie ist eine der bedeutendsten Grundlagen, sich in einer rasant verändernden Zeit zurechtzufinden, denn sie vermittelt Orientierung und damit Sicherheit. Dies gilt insbesondere für ein Bildungsverständnis, das sich nicht auf abrufbares Schulwissen beschränkt, sondern das echtes Verstehen von komplexen Zusammenhängen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens und Daseins ermöglicht. Bildung im Sinne von Kommunikations- und Medienkompetenz ist zudem die beste „Impfung“ gegen das Fake-News-Virus oder gegen Verschwörungstheorien aller Art. Bildung fördert Fähigkeiten, die integraler und unverzichtbarer Bestandteil einer reifen Gesellschaft in einer liberalen Demokratie sind, und Bildung ist einer der wesentlichen Faktoren, die Würde des Menschen zu sichern - die Würde jedes einzelnen.

 

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2. März 2021

Hunde verbessern menschliche Gesundheit – und sind damit in höchstem Maße gesellschaftsrelevant

 

Die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund ist im Idealfall für beide Seiten gleichermaßen beglückend und erfüllend – und dabei auch aus medizinischer Sicht durchaus keine Einbahnstraße. Hochsoziale Säugetiere, zu denen Menschen und Hunde gleichermaßen zählen, brauchen aufgrund der neurobiologischen Konstellation ihrer Organismen emotionale Bindungen. Mit den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen unserer Zeit, der Auflösung traditioneller Familiensysteme und eines zunehmend individualistisch geprägten großstädtischen Lebensstils übernehmen Hunde auch neue Aufgaben in der menschlichen Gesellschaft und gehören zu den wertvollsten Präventionsmaßnahmen und Therapeuten moderner Zivilisationskrankheiten wie Depressionen oder Übergewicht. Weniger Krankschreibungen und schnellere Genesungszeiten bei Hundehaltern sowie ein besseres Lernverhalten bei Kindern, zu deren Familie ein Hund zählt, sind nur einige der diesbezüglichen Erkenntnisse der letzten Jahre. Laut einer Studie über den Wirtschaftsfaktor der Heimtierhaltung der Universität Göttingen aus dem Jahr 2014 könnte die Hundehaltung dem deutschen Gesundheitssystem so jährlich zwischen eineinhalb und drei Milliarden (!) Euro sparen.

Seit Jahren bestätigen Untersuchungen und Datenauswertungen diese Ergebnisse und zeigen, dass Haustiere den Gesundheitszustand ihrer Halter positiv beeinflussen können. Regelmäßig erscheinen neue Studien zu dieser Thematik. So fanden Forscher vom Psychologischen Institut des Manhattanville College in New York beispielsweise heraus, dass Tierhalter mit dem eigenen Leben zufriedener sind als Menschen, die ohne Haustier leben. Dabei beurteilen Hundehalter ihre Gefühlswelt als besonders positiv und empfinden noch weniger negative Emotionen als die Besitzer von Katzen. Eine andere Studie der University of East Anglia in Großbritannien beweist einmal mehr: Ein Hund hält vor allem ältere Menschen fit, denn Hundebesitzer sind weit aktiver als Menschen vergleichbaren Alters ohne Hund. Durchschnittlich sitzen sie beispielsweise täglich 30 Minuten weniger – unabhängig vom Wetter! Dass regelmäßige Bewegung hilft, die körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten und altersbedingten Krankheiten vorzubeugen, ist allgemein bekannt. Somit ist auch diese Studie ein neuerlicher Hinweis auf die gesellschaftsrelevante Bedeutung des Hundes – nicht zuletzt eben im Hinblick auf die Kosten des Gesundheitssystems.

 

Hunde schützen vor Stress

 

Eine Studie der Entwicklungspsychologin Dr. Kathryn A. Kerns von der Kent State University, dass Hunde Kinder auch in emotionalen Stresssituationen nachhaltig unterstützen können. Die Forscher unterzogen 99 Kinder aus Familien mit Hunden einem standardisierten Stresstest: Sie sollten eine kurze Rede vorbereiten und diese anschließend vor zwei unbekannten Erwachsenen vortragen. Die Hälfte der Kinder war in Begleitung des Familienhundes, die andere Hälfte war auf sich allein gestellt. Im Anschluss an den Vortrag sollten die Kinder ihren Zustand bewerten und anhand einer Skala mitteilen, wie „aufgeregt“, „glücklich“, „entspannt“ und „stolz“ oder wie „nervös“, „einsam“ oder „ängstlich“ sie sich fühlen.  Darüber hinaus wurde während der gesamten Zeit die Herzfrequenz der Kinder gemessen und aufgezeichnet. „Unsere erste Erkenntnis war, dass die Anwesenheit eines Hundes positive Emotionen hervorruft“, sagt die Psychologin zu den Ergebnissen. Zudem stellten die Forscher fest, dass Körperkontakt mit dem Hund die Selbstsicherheit der Kinder noch verstärkte. Die aktuellen Beobachtungen entsprechen bereits bekannten Forschungsergebnissen, denen zufolge beim Körperkontakt mit einem Hund das Wohlfühlhormon Oxytocin freigesetzt wird, das seinerseits zu einer Reduktion des Stresshormons Cortisol führt.

 

Hunde beeinflussen menschliche Psyche in kürzester Zeit

 

Zahlreiche Studien zeigten schon bisher, dass Hunde eine positive Wirkung auf die Stimmung des Menschen haben. Forscher der University of British Columbia konnten zudem über den Einfluss von Therapiehunden auf Studenten nachweisen, dass bereits ein einmaliger Kontakt mit einem Hund einen deutlich messbaren Effekt auf die Psyche hat. Die Wissenschaftler befragten 246 Studenten, die an einer Therapiestunde mit Hunden teilnahmen. Direkt nach der Sitzung berichteten die Teilnehmer, dass sie sich weniger gestresst und glücklicher fühlten und berichteten außerdem von einem höheren Energielevel. Noch zehn Stunden später hielten einige dieser Effekte an. „Die Ergebnisse waren bemerkenswert. „Sogar zehn Stunden später berichteten die Studenten noch, dass sie etwas weniger negative Gefühle hatten als sonst. Sie fühlten sich besser unterstützt und weniger gestresst als Studenten, die nicht an der Therapiestunde teilgenommen haben“, sagt Studienautor Stanley Coren und verweist damit auf die Studenten, die der Kontrollgruppe angehörten und ohne vorherigen Kontakt zu Hunden von den Forschern im gleichen Zeitrahmen befragt wurden.

 

Hundehalter leben länger

 

Dass Haustiere im Allgemeinen und Hunde im Besonderen einen positiven Einfluss auf die Gesundheit ihrer Besitzer haben, ist heute unumstritten. Wissenschaftler der Universität Uppsala bestätigten in einer landesweiten Kohortenstudie in Schweden einmal mehr in beeindruckender Form, dass Hundehaltung sich positiv auf die Lebenserwartung auswirkt. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind international die häufigste Todesursache und machen in Europa 45 Prozent aller Todesfälle des Menschen aus. Für die aktuelle Studie verarbeiteten Prof. Dr. Tove Fall und sein Team die Daten von 3,4 Millionen schwedischen Bürgern und 34.000 Interviews mit Studienteilnehmern. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Hunde ihre Halter möglicherweise vor lebensbedrohlichen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und vor Schlaganfällen bewahren können und fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen: „Hundehaltung geht mit einem geringeren Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen in Ein-Personen-Haushalten und mit einer geringeren Mortalität in der Gesamtbevölkerung einher.“ Die Todesrate der Hundehalter lag im Studienzeitraum um 13,1 Prozent unterhalb der der Nicht-Hundehalter. Insbesondere die Gesundheit allein lebender Menschen profitiert von der Hundehaltung, denn die vierbeinigen Partner fördern die Bewegung und verringern die negativen Effekte von Einsamkeit.

 

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26. Januar 2021

Chronischer Stress schadet Mensch und Hund

 

Eigentlich wissen wir es alle: Ein Leben in Harmonie und Achtsamkeit fördert unsere Gesundheit und die von uns anvertrautem Leben. Heute ist dies längst keine nostalgische Sehnsucht mehr, sondern die Zusammenhänge sind neurophysiologisch erklärbar, und es gibt viele gute Gründe, den eigenen Lebensstil diesbezüglich zu hinterfragen und gegebenenfalls die ein oder andere Anpassung vorzunehmen.

Generell hat eine effiziente Stressreduktion weitreichende Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden, denn chronischer Stress, den Mediziner auch als toxischen – giftigen – Stress bezeichnen, bedeutet einen beständig erhöhten Cortisolspiegel im Organismus. Physiologisch blockiert Cortisol die Gene, die für die Abwehrreaktion des Organismus notwendige Immunbotenstoffe codieren, verhindert also deren Aktivierung und unterbricht damit eine effektive Abwehrreaktion des Immunsystems. Eine beständige, durch chronische Stressfaktoren hervorgerufene Cortisolproduktion in den Nebennieren kann die körpereigene physiologische Balance zwischen Immunsystem und Stresssystem empfindlich stören und die optimale Arbeit des Immunsystems entscheidend einschränken. Darunter leidet nicht nur die alltägliche Infektionsabwehr, sondern beispielsweise auch die Fähigkeit des Immunsystems, tumorverdächtige Zellen zu erkennen und unmittelbar zu eliminieren. Maßnahmen zur Vermeidung von chronischem Stress sind somit auch aktive Tumorprävention – bei Mensch und Tier! Darüber hinaus beschleunigen die epigenetischen Veränderungen, die durch chronischen Stress und eine daraus folgende beständig erhöhte Cortisolproduktion hervorgerufen werden, den Alterungsprozess. Ende 2015 konnten Forscher diesen Zusammenhang in einer groß angelegten humanbiologischen Studie molekulargenetisch nachweisen und zeigen, wie Stresshormone den genetischen Code steuern und das Aktivitätsmuster des Genoms entscheidend verändern. Gleichzeitig war in dieser Arbeit erkennbar, dass derartige Veränderungen insbesondere die Gene betreffen, die mit typischen Alterserkrankungen in Zusammenhang gebracht werden.

Zudem hat sich die Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten intensiv mit dem Einfluss von chronischem Stress auf die Telomeren beschäftigt. Als Telomere bezeichnet man die Enden der Chromosomen, die wir uns ganz ähnlich wie die Endkapseln von Schnürsenkeln vorstellen können: Telomere schützen die Chromosomen und den Erhalt der DNA, werden aber mit jeder Zellteilung ein wenig kürzer, womit sie die Zellalterung maßgeblich beeinflussen. Die Telomerforschung geht heute davon aus, dass diese Schutzkappen der Chromosomen, für deren Ausbildung ein bestimmtes Enzym, die Telomerase, unverzichtbar ist, sich in einem dynamischen Prozess verändern: Ihre Verkürzung kann sich beschleunigen oder verlangsamen und eventuell sogar rückgängig gemacht werden. Und damit kann sich auch der Alterungsprozess beschleunigen oder verlangsamen – und eventuell sogar ein Stück weit rückgängig gemacht werden? –, denn die Zellalterung ist das entscheidende Kriterium für das biologische Alter eines Organismus und steht dabei auch wiederum in engem Zusammenhang mit dem Immunsystem. Wenn die Telomere der Immunzellen sich verkürzen und die Zellen altern, verlieren sie auch einen Teil ihrer Fähigkeit, eine starke Immunreaktion auszulösen. „Das ist ein Grund dafür, dass Menschen mit alternden Zellen – einschließlich älterer Menschen und Menschen, die chronischem Stress ausgesetzt sind – so krankheitsanfällig sind und weshalb sie oftmals Krankheiten wie Grippe oder Lungenentzündung erliegen“, schreibt denn auch die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn, die zu den führenden Persönlichkeiten der internationalen Telomerforschung gehört. Bereits heute konnten zahlreiche Studien an Menschen und Tieren nachweisen, dass toxischer Stress einen unmittelbaren Einfluss auf diese Prozesse hat, indem er die Telomeraseproduktion hemmt und damit zu kürzeren Telomeren führt. Zudem konnte eine Studie explizit zeigen, dass der Telomerasespiegel in Immunzellen, die dem Stresshormon Cortisol ausgesetzt sind, sinkt. Ein erholsamer Schlaf aber kann beispielsweise wesentlich dazu beitragen, den Cortisolspiegel im Organismus zu senken. So konnten zahlreiche Studien an Menschen und Tieren nachweisen, dass chronischer Stress und eine verminderte Schlafqualität unmittelbaren Einfluss auf den Alterungsprozess haben, indem sie die Telomeraseproduktion hemmen und damit zu kürzeren Telomeren führen.

 

Stressniveau des Hundes hängt vom Menschen ab

 

Auch wenn es in diesen Bereichen noch kaum Forschungsarbeiten gibt, die sich unmittelbar mit dem Hund beschäftigen, so kann und muss man aufgrund der biologischen Ähnlichkeiten davon ausgehen, dass all diese Mechanismen bei Mensch und Hund weitgehend vergleichbar sind – und so beeinflussen auch die Ausgeglichenheit im Mensch-Hund-Team sowie die Persönlichkeit und Bindungsfähigkeit des Hundehalters das individuelle Stressmanagement des Hundes. Freundliche Menschen haben zumeist nicht nur freundliche, sondern auch entspannte Hunde. Hundebesitzer kennen diese Alltagserfahrung, die man auf der Hundewiese ebenso wie im städtischen und kommunikativen Miteinander tagtäglich beobachten kann. Ein Team des Departments für Verhaltensbiologie der Universität Wien konnte einen Teilaspekt dieser Beobachtungen mit wissenschaftlichen Methoden bestätigen, indem die Forscher den Zusammenhang zwischen biopsychologischen Parametern und Stressmanagement von Haltern und ihren Hunden untersuchten. Dabei zeigt sich, dass die Charaktereigenschaften des Halters und das gelebte Beziehungsmuster das Stressmanagement des Hundes deutlich beeinflussen – genauso wie umgekehrt die Eigenschaften des Hundes den Halter beeinflussen. Die teilnehmenden Mensch-Hund-Teams wurden mit unterschiedlichen Testsituationen konfrontiert. Jeweils vorher und nachher wurden Speichelproben von Hund und Mensch genommen, um die Cortisolkonzentration zu messen.

Die Produktion von Cortisol ist Teil der physiologischen Stressreaktion, mit der der Organismus auf Stresssituationen unterschiedlichster Art reagiert. Der Hypothalamus, die wichtigste Steuerzentrale des Hormonsystems im Gehirn, koordiniert die biochemischen Voraussetzungen dafür, dass das Individuum die Herausforderung bewältigen kann. Dazu gehört u. a. die vermehrte Produktion von Cortisol in den Nebennieren und dessen Ausschüttung in den Organismus.

Der Anstieg bzw. Abfall der Cortisolkonzentration während einer Stresssituation alleine ist aber noch nicht wirklich aussagekräftig, sondern entscheidend ist die Variabilität, die zeigt, wie flexibel der Organismus in der Lage ist, die Cortisolproduktion rauf- und runterzuregulieren. Diese Veränderungen sind ein wesentlicher Hinweis auf die Anpassungsfähigkeit des Individuums an verschiedene Stresssituationen. Die Ergebnisse dieser Forschungen zeigten schließlich, dass eine höhere Cortisolvariabilität einem besseren Stressmanagement entspricht. Hunde und Menschen mit einer höheren Cortisolvariabilität erreichen insgesamt eher niedrigere Cortisolwerte. Ganz offensichtlich kann ihr Organismus die Produktion dieses Stresshormons besser regulieren. Darüber hinaus zeigte diese Studie auch andere Faktoren, die die Cortisolvariabilität beeinflussen: Halter, deren eigene Persönlichkeit von Optimismus und Offenheit geprägt ist, haben Hunde, die eine höhere Cortisolvariabilität und damit ein besseres Stressmanagement zeigen – im Gegensatz zu eher pessimistischen und verschlossenen Besitzern. Zudem zeigte diese Studie, dass selbst unsere Beziehungen zu anderen Menschen unsere Hunde beeinflussen: Hunde, deren Menschen in ihren eigenen Beziehungen zu anderen Menschen Unsicherheiten zeigen, Trennungsangst haben oder anderen Menschen nicht vertrauen, haben ein schlechteres Stressmanagement. Und natürlich spielt darüber hinaus auch die Bindung zwischen Mensch und Hund eine entscheidende Rolle, denn Bindungsmuster beeinflussen, wie wir Partnerschaften leben und wie wir interagieren: Hunde, die eine sichere Bindung an ihren Menschen zeigen, haben ein besseres Stressmanagement. Die Arbeit der Wissenschaftler ergab, dass Hunde mit einer hohen Bindung an ihren Menschen eine niedrigere Cortisolausschüttung haben und im Spiel mit dem Halter einen Abfall der Cortisolkonzentration zeigen. Spiel wirkt im Idealfall also stressreduzierend!

Grund genug vielleicht, die Lebensform unserer Hunde und damit zugleich auch unsere eigene unter diesem Blickwinkel einmal zu überdenken und vielleicht den ein oder anderen individuellen Schluss daraus zu ziehen ...

 

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4. November 2020

2020 – Eine Begegnung

 

Wien, irgendwo an der Heiligenstädter Straße. Es ist einer jener heißen Sommertage, an denen der seidenblaue Himmel durch die graue Dunstschicht schimmert, die die Stadt bedeckt, an denen sengende Sonnenstrahlen den schwarzen Asphalt aufheizen. Der Stau, in dem in diesen Nachmittagsstunden diejenigen aufeinandertreffen, die das Glück haben, den Hitzezentren der Millionenstadt entfliehen zu können, beginnt sich langsam aufzubauen … Teresa steht an der Trambahnstation, wartet auf den D-Wagen, dankbar für den beständigen Wiener Wind, der auch heute von der Donau her sanft durch die Häuserzeilen streift und die Abgaswolken ein wenig schneller an Teresa vorbeiziehen lässt. Ihr zufriedenes Lächeln und ihre vor Lebensfreude strahlenden Augen fallen auf in dieser Umgebung, in der den meisten der ebenfalls wartenden oder vorbeihastenden Menschen der Stress ins Gesicht geschrieben scheint. Die junge Musikstudentin, gerade Mitte zwanzig, liebt die Stadt und ihre inspirierende Atmosphäre. Sie liebt das bunte Bild und das vielsprachige Stimmengewirr, das ihr gleichsam wie ein Kaleidoskop dieser Welt erscheint, in dem Raum und Zeit ihre Grenzen verlieren …

 

An Tagen wie heute nahm Teresa den legendären Wiener Wind als so wohltuend wahr wie einen erfrischenden Luftstrom, der weit weg im Süden von der Meeresküste her ins Land streicht. Und die brennende Sonne über der Millionenstadt schien ihr das strahlend-gleißende Licht mediterraner Mittagshitze zu spenden … Teresa träumt … bis sie plötzlich den durchdringenden Blick eines stattlichen, dunkel gekleideten Mannes verspürte, sich von der ersten Begegnung ihrer beider Augenpaare magisch angezogen fühlte. Irgendwie fremdartig schien die Gestalt dieses Mannes mit seiner wirren Frisur und seinen strengen Gesichtszügen, aus denen Teresa eine eigenartige Mischung überlegenen Wissens und hilfloser Orientierungslosigkeit las. Wie aus der Zeit gefallen wirkte der Fremde auf Teresa, dessen Erscheinung ihr vielleicht gerade deswegen das Gefühl schenkte, diesen Menschen bereits ein Leben lang zu kennen – als wäre er ein Teil von ihr. Unverändert ruhte der Blick des Mannes auf Teresa – ein Blick voller Güte und Warmherzigkeit, gepaart mit einem Funken Leidenschaft … Teresa ist Künstlerin. Sie ist es gewohnt, ihrer Umgebung ganz selbstverständlich mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Und so folgt sie ihrer inneren Stimme, die sie überdeutlich drängt, sich dem Fremden zu nähern … „Kann ich Ihnen helfen?“, sprach sie ihn an, und füllte das überraschte Innehalten des Mannes zugleich mit einem halb erklärenden, halb entschuldigenden Nachsatz: „Mir scheint, Sie suchen etwas …?“ – „Ich sehe, Sie sprechen, aber ich höre Sie nicht.“ … Teresa war für einen Moment verwirrt – und zugleich erstaunt über die brüchige Unsicherheit dieser Stimme, die wie aus einer fernen Zeit zu ihr klang – ein Eindruck, der sich im nächsten Moment verfestigte, als der Fremde ihr ein Schreibheft und einen Stift in die Hand drückte … „Schreiben Sie, ich höre Sie nicht.“ … Teresa verstand: Der Fremde litt ganz offensichtlich unter dem Verlust seines Gehörs. Warum er dann kein Hörgerät trage, fragte sie sich, nahm aber bereitwillig die angebotenen Schreibutensilien zur Hand und brachte ihre gesprochenen Worte zu Papier. Der Fremde las. „Ja“, lautete seine Antwort, „ich suche …“ Sein Blick wanderte über die Autoschlange, die auf das Grünlicht der Ampel wartet, traf die Menschen, die sich am Einstieg der Tram drängen, die Teresa eigentlich hätte nehmen wollen … Jetzt stand sie hier, fasziniert von dieser unwirklichen Begegnung und neugierig, mehr über diesen seltsamen Menschen zu erfahren, der ihr so ungreifbar und gleichzeitig so nah schien. „Früher war das hier eine ländliche Gegend …“ Teresa war erstaunt. Sie befanden sich an einer der Hauptverkehrsadern einer der großen Metropolen Europas – wann war das eine ländliche Gegend gewesen? Erst jetzt fragte sie sich nach dem Alter ihres Gegenübers … Schwer zu sagen, vielleicht Mitte vierzig? Teresa war unsicher, der Fremde erschien ihr viel eher tatsächlich zeitlos, als dass sie sich gedanklich auf eine Zahl hätte festlegen können … „Spielen Sie Pianoforte?“, drang die Stimme wieder an Teresas Ohr und klang plötzlich verändert. Die Unsicherheit schien einem neugierigen Ton gewichen, und Teresa erkannte, während sie noch verwundert die ungewohnte Wortwahl wahrnahm, ein eigenartiges Leuchten in den Augen des Fremden, als er auf den Notenband deutete, den sie unter dem Arm trug. Teresa nickte und lächelte. Ob er auch Musiker sei – sie trug die Frage auf den Lippen, aber der Fremde fiel ihr ins ungesprochene Wort. „Sie sind Musikerin!“ Wieder nickte Teresa bejahend und spürte von einem Moment auf den anderen eine unerklärliche Vertrautheit, die der Fremde ihr plötzlich entgegenzubringen schien. „Tragen Sie dieses Schicksal wie eine Auszeichnung!“ – Fast erschrak Teresa ob der Festigkeit und Respekt gebietenden Strenge, die die Stimme des Fremden ihr jetzt vermittelte. „Tragen Sie es mit Würde und Verantwortung, denn Musik ist die Sprache, die die Welt versteht. Wenn die Musik Ihre Sprache ist, gehören Sie zu jenen Menschen, die die Verpflichtung haben, das Wissen um das Menschsein in Töne zu fassen und dieses Wissen in Klängen der Welt zu schenken – so wie …“ Der Fremde unterbrach seinen Redefluss, ließ Teresa aber nur einen verschwindend kurzen Augenblick, der nicht ausreichte, ihrer Verwirrung Raum zu geben. Stattdessen zogen seine Worte sie weiter ihren Bann: „Seien Sie sich Ihrer Verantwortung für diese Welt und die Menschheit bewusst …“ Eindringlich wiederholte er seine Gedanken. „Sie sprechen die Sprache, die jeder Mensch versteht, Sie allein sprechen die universale Sprache, die die Schönheit und Größe einer goldenen Zeit beschreiben kann, in der das, was uns einmal als erstrebenswerte Vision schien, Wirklichkeit wird.“ Der Fremde hielt inne, sah sich um, und die Orientierungslosigkeit, die Teresa zu Beginn der Begegnung wahrgenommen hatte, war vollends gewichen. Dieser Mann schien das Erbe, das Wissen von Jahrhunderten in sich zu tragen ... „Sehen Sie … erinnern Sie sich an andere Zeiten?“ Fast kritisch streifte sein Blick Teresa von der Seite … „Nein, Sie sind viel zu jung. Damals hatte man um Freiheit, um Gleichheit, um Brüderlichkeit gekämpft … feierte die ersten Erfolge, wohl wissend, dass der Menschheit noch ein langes Ringen bevorstünde, bis diese Ideale vollends verwirklicht seien. Damals …“ – Teresa fragte sich längst, von welchem Damals der Unbekannte sprach – „… damals herrschten verzweiflungsvolle Zustände, und es galt ebenso wüste Zeiten zu überstehen – bis irgendwann an einem Punkt der Zeit Jahre kamen, in denen unsere Visionen, die Ideale sich zu erfüllen schienen … Jahre, in denen man glaubte, die Festen der Demokratie seien unverrückbar etabliert. Niemand würde jemals mehr an ihrer Gegenwärtigkeit rütteln, an diesem goldenen Zeitalter … das goldene Zeitalter der Demokratie …“ Der Fremde unterbrach sich selbst mit einem verächtlichen Lachen, das sich unmittelbar in Mitleid zu wandeln schien. Fast zärtlich, fast bedauernd streifte sein Blick über seine nächste Umgebung und die vorbeihastenden Menschen. „Das goldene Zeitalter … das goldene Zeitalter der wahren Demokratie – getragen von Menschlichkeit … getragen von einem verpflichtenden moralischen Tun jedes Einzelnen, für das er selbst Verantwortung übernehmen kann. Die Verantwortung, dass eines jeden Taten als Grundlage eines allgemein gültigen Gesetzes die Garanten dieser Menschlichkeit sind ... Haben Sie Kant gelesen?“ Teresa vermochte die Frage kaum zu realisieren, glaubte die Stimme des Fremden für einen Moment nur mehr wie aus einem fernen Raum zu vernehmen, bis sich zunehmend Trauer und Enttäuschung in seinen Tonfall mischten. „Unsere Ideen schienen wahr zu werden – und doch … die Menschheit ist noch nicht reif dafür. Das goldene Zeitalter … Erinnern Sie sich?“ Der Fremde musterte Teresa. Seine durchdringenden Blicke trafen auf das Selbstbewusstsein der jungen Frau, die die kritische Distanz des Mannes deutlich spürte und gerade diese Distanz zugleich als eine von Respekt und Achtsamkeit getragene Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit empfand. „Sie sind vermutlich in diesen Zeiten aufgewachsen“, fuhr er fort, noch bevor Teresa ihre Gedanken vollends zu ordnen vermochte. „Sie sind in Ordnungsgebilden groß geworden, in denen die Freiheit selbstverständlich schien – so selbstverständlich, dass man in gewisser Weise vielleicht sogar vergaß, sie vor sich selbst zu schützen … Heute sprechen Sie von Grundrechten – und das mit einer menschenverachtenden Hybris, die die höchststehenden dieser Rechte, diejenigen auf Leben und Unversehrtheit, in Frage stellt – einer vermeintlichen Freiheit des Individuums willen … aber lassen wir das.“ Der Fremde unterbrach seinen Redefluss, Resignation schien der Fassungslosigkeit zu folgen, die seine Stimme offenbarte. Teresa war verwirrt – in welchen Dimensionen dachte und sprach dieser Mann? Gleichzeitig fühlte sie eine eigenartige Hingezogenheit, fast eine Geistesverwandtschaft … vermochte er ebenso wie sie örtliche und zeitliche Begrenzungen zu ignorieren und gerade daraus zu jener Weitsicht zu gelangen, die Teresa trotz ihrer Jugend bereits heute als eine der bedeutendsten Charaktereigenschaften des Künstlertums verstand. War der Fremde ein Philosoph? War er Musiker? Zweifellos beides! Teresa war sicher … Gegenwartsvergessen hing sie an seinen Lippen, saugte jedes einzelne seiner Worte in sich ein. Der Fremde machte eine Pause, schien die unmittelbare Umgebung für einen Moment ganz bewusst wahrzunehmen. „Wo leben Sie heute?“, fragte er, offenkundig keine Antwort erwartend. „Ich höre nichts, aber ich sehe und fühle … ich sehe nur Grau: der versiegelte Boden unter den Füßen, der kein Leben mehr durchlässt, die Luft über uns, die den blauen Himmel verdeckt und das Leben erstickt … ich sehe Menschen, die sich einander missachtend begegnen und ihren Blick statt auf das Gegenüber in irreale Räume richten … ich sehe die Gefahr, dass der Schritt von Missachtung zu Verachtung nur ein kleiner ist … ich empfinde die Unsicherheit und Angst, die dieser oder jener hier orientierungslos in sich trägt. Und ich fühle wieder die verzweifelte Suche nach Freiheit, nach Gerechtigkeit … die gleiche Suche wie damals, wir nannten es Brüderlichkeit, Sie verstehen … Sie sind Musikerin, Künstlerin … Nutzen Sie Ihre Sprache, der Welt den Weg zu weisen, jedem Einzelnen hier den Wert des goldenen Zeitalters aufzuzeigen … so wie ich es …“ – Er unterbrach sich, griff nach dem Notenband, den Teresa unter dem Arm trug und schlug die erste Seite auf, auf der Teresas Name stand. „Sie heißen … Theres!“ Wie ein Aufschrei drang ihr Name aus seinem Mund. Erschrocken und eigenartig berührt hob Teresa den Blick … „Theres … “ – Eilig drückte der Fremde Teresa die Noten zurück in die Hand, drehte ihr den Rücken zu und verschwand im Taumel vorbeihastender Jugendlicher in den weiten Armen der Großstadt.

 

Teresa hatte Mühe, sich zu beruhigen. Zu sehr hatte diese Begegnung, hatte der Klang ihres Namens aus dem Mund dieses Fremden sie aufgewühlt und eine Saite tief in ihrem Inneren berührt. Niemals hatte irgendjemand ihren Namen mit solch glühender Leidenschaftlichkeit und zärtlicher Wärme zugleich ausgesprochen … Ziellos begann sie, durch die Stadt zu streifen … und erreicht dennoch – wie von einem inneren Kompass geführt – den Ort, an dem sich die junge Musikstudentin zu Hause fühlte, an dem ihre Kunst ihr Sicherheit und Heimat schenkte … Sie schlendert an den hitzegetränkten Mauern vorbei, hinter denen sich eines der berühmtesten Konzertpodien der Welt befindet. Ein Plakat kündigt das heutige Programm an: „Zum 250. Geburtstag: Ludwig van Beethoven, 1770–1827 …“ Teresa ersteht eine der begehrten restlichen Karten und findet sich kurz darauf im Inneren des ehrwürdigen Hauses wieder. Gedankenverloren durchblättert sie das Programmheft des Abends, ihre Augen bleiben an einem Absatz hängen: „In Briefen und Schriften schildert Beethoven die ,verzweiflungsvollen Zustände‘ und ,wüsten Zeiten‘ der Metternichzeit. Symphonisch umschreibt er sie am Ende des ersten Satzes mit einem Trauermarsch. Entgegen der klassischen Anordnung folgt nun bereits das Scherzo, und damit der letztlich nicht zielführende Freudentaumel eines dionysischen Rausches. Das Adagio schließlich baut ein Gegenbild dazu auf: die Sphäre des Erhabenen, das ,Goldene Zeitalter‘, Atlantis, das Land Utopia. Beethoven teilte Schillers Ideale, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die ,Idee Europa‘ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. ,Alle Menschen werden Brüder‘ – Beethoven und Schiller sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie. Sie sprechen von nichts weniger als von Freiheit und Menschenrechten und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen.“

 

In Teresas Kopf rasten die Gedanken nur so dahin. Hatte der Fremde ihr heute nicht eine ganz ähnliche Geschichte erzählt? Das Konzert hatte längst begonnen. Die Musik umgab sie mit der in ihrer Fülle kaum zu begreifenden und doch unmissverständlichen Botschaft, dass die humanistischen Ideale am Ende alternativlos bleiben. Gleichsam einem Appell drang die metrische Härte machtvoller Bläserklänge an ihr Ohr. Die symphonische Energie kumulierte, und Teresa fühlte sich hinweggetragen von einem machtvoll dahindrängenden musikalischen Duktus, der ihr keine Möglichkeit des Entrinnens ließ, der sie mitriss in einem übermächtigen Strom dem apotheotischen Klangmeer des Finales entgegen: Von Freiheit und Humanität sprach die Musik … Jetzt plötzlich schien es real – unwiderruflich: das goldene Zeitalter! „So wie ich es … geschrieben habe?“ War es das, was der Fremde ihr hatte sagen wollen? … Und trug nicht jene junge ungarische Comtesse, die einst Beethovens Klavierschülerin war und in der die Musikgeschichte immer wieder jene unbekannte Schöne zu erkennen glaubte, an die der legendäre überlieferte Brief an die „unsterbliche Geliebte“ gerichtet war, ihren Namen? Theres …

 

Das Konzert war längst zu Ende gegangen. Noch immer trug Teresa den Notenband unter dem Arm, aus dem der Fremde am Nachmittag ihren Namen gelesen hatte. Zu Hause angekommen, zog es sie magisch an die Tasten. Teresa schlug den Notenband auf und verlor sich in die scheinbar unendlich dahinströmenden Klänge, die sie dem Instrument entlockte – ihre Sprache sprechend, die der Fremde heute mit so fesselnden Worten beschrieben hatte … die Sprache, die die ganze Welt verstand, in der Raum und Zeit ihre Grenzen verloren und die jene universelle Gegenwart zu erreichen vermochte, in der Teresa ihm heute begegnet war: jenem Musiker, der vor 250 Jahren geboren wurde und dessen künstlerische Botschaft einer humanistischen Menschheitsliebe in der demokratischen Grundordnung des „goldenen Zeitalters“ für immer die ihrige sein würde …

 

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  • Marlene (Dienstag, 15. Dezember 2020 11:13)

    Ein bisschen autobiographisch??? --- Jedenfalls superschön, danke!!

12. Oktober 2020

Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung: eine Neuorientierung

 

Fragen der Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung bewegen sich in einem weiten Spannungsfeld und regen gerade auf der Basis gegenwärtiger interdisziplinärer Forschung und Diskussionen zu einer umfassenden Reflexion an. Neue biomedizinische Erkenntnisse und philosophische Diskurse laden zum Nachdenken ein: zum Nachdenken über die Achtung der Würde nicht-menschlichen Lebens, über die Abgrenzung tierischen und menschlichen Lebens und Leidens, über die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze zwischen ethischem Anspruch und Realität.

Unübersehbar leben wir in einer Zeit, in der Tiere aufgewertet werden – ein Gedanke, der bei unseren Haustieren, die ihr Leben als Familienmitglieder mit uns teilen, eine Selbstverständlichkeit zu beinhalten scheint, und der dennoch immer wieder kontrovers diskutiert wird. Was dem einen ethische Verpflichtung ist, empfindet der andere als unangemessene Zuwendung. Gegensätzliche Positionen und oftmals ideologisch gefärbte Argumentationen kennzeichnen eine inhaltlich umfassende und emotional intensiv geführte gesellschaftliche Diskussion. Immer öfter stellen dabei neue Erkenntnisse biologischer Grundlagen und Zusammenhänge die jahrtausendealte, gesellschaftlich und kulturell ausgeprägte klare Trennung zwischen Tier und Mensch infrage. Kommt eine Angleichung des Tieres an den Menschen dabei einer Entwürdigung des Menschen gleich? Auf diese und ähnliche Fragen sucht der noch junge Wissenschaftszweig der Tierethik in philosophischen und wissenschaftlichen Diskussionen nach neuen Antworten, denn wo gesellschaftliche Prozesse in Gang geraten, wo überlieferte Grundwerte und Normen sich verändern, ist es Aufgabe und Ziel der Ethik, neue Antworten auf neue Fragen zu geben und neue Orientierung zu bieten.

 

„Können sie leiden?“

 

Die moralphilosophische Auseinandersetzung mit Tieren ist durchaus nicht neu und reicht bis zu den Ursprüngen abendländischen Denkens in der Antike zurück. Der griechische Naturforscher und Philosoph Theophrast, der an der Schwelle vom vierten zum dritten vorchristlichen Jahrhundert lebte und einer der bedeutendsten Schüler des Aristoteles war, wandte sich beispielsweise entschieden gegen Tieropfer. In seinen Schriften griff er auf bereits weitreichende Tierschutzgedanken seiner Vorgänger zurück, formulierte aber erstmals konsequent eine biologische Grundlage für einen ethisch verantwortbaren Umgang mit Tieren. Theophrast verwies auf die enge Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier und die Ähnlichkeit ihrer Emotionen – rund zweieinhalbtausend Jahre vor den heutigen bahnbrechenden Forschungsergebnissen der Kognitionsbiologie und der Neurowissenschaften! Er stellte nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt und gilt somit als einer der Vordenker dafür, die Differenz zwischen Mensch und Tier in der Anthropologie zu verringern.

Im 18. Jahrhundert folgte die berühmt gewordene Fußnote des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832), der 1789 in seiner Schrift „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ anmerkte: „Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindungsfähiges Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. – Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht ,Können sie denken?‘ oder ,Können sie reden?‘, sondern ,Können sie leiden‘?“ – soweit Jeremy Bentham am Ende der Aufklärung.

 

„Was dagegen über allen Preis erhaben ist, (...) das hat eine Würde“

 

Das Mensch-Tier-Verhältnis ist heute insbesondere durch die Stellung, die unsere Haustiere als Familienmitglieder einnehmen, und durch die Auseinandersetzung über unseren Umgang und unsere Beziehung zu jenen Tieren, die wir für unsere Ernährung nutzen (was uns noch lange nicht das Recht gibt, von „Nutztieren“ zu sprechen), von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung. Bildung, emotionale Intelligenz und Respekt gegenüber Mensch, Tier und Umwelt dienen in diesem Zusammenhang als unersetzliche Orientierungshilfen und sind der Schlüssel zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Rechte andersartigen Lebens. Tom Regan (1938–2017) war nur einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, der analog zu den Menschenrechten verbriefte Rechte für Tiere forderte. Regan definierte Tiere als „empfindende Subjekte eines Lebens mit eigenem inhärenten Wert“, die somit einen Anspruch darauf haben, ihre eigene Identität zu leben und keinen Schaden zu erleiden. Von diesem Gedanken eines „eigenen inhärenten Werts“ führt der Weg unmittelbar weiter zum Begriff der Würde. Mit Immanuel Kant verband einer der bedeutendsten Philosophen der europäischen Aufklärung die Frage nach dem Preis mit dem Begriff der Würde: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent gestattet, das hat eine Würde“ ... Bereits hier hat die philosophisch-ethische Reflexion dieser Thematik einen Punkt erreicht, der gerade in unserer Gegenwart lebhafteste Diskussionen hervorruft ...

 

Die vierte Kränkung der Menschheit?

 

Wie aber kann der Weg dieser wissenschaftlichen Theorien und ethischen Normen in die gesellschaftliche Realität aussehen? Denken wir in diesem Zusammenhang zunächst einmal an die „drei großen Kränkungen“ der Menschheit, die der Wiener Neurowissenschaftler und Psychologe Sigmund Freud bereits 1917 formulierte und dabei zugleich die Frage in den Raum stellte, ob gar eine weitere bevorsteht.

In seiner Schrift „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ legte Freud die drei Kränkungen dar: Die Menschheit erlebte erstens den Wechsel zum heliozentrischen Weltbild bei Nikolaus Kopernikus und erkannte, dass die Erde und damit auch der Mensch nicht der Mittelpunkt des Universums seien. Zweitens die Manifestation der Evolution im gesellschaftlichen Denken durch Charles Darwin, die die Vorstellung des Menschen als von Gott erschaffenem Wesen durch die biologische Abstammung vom Affen ersetzte. Hier wird der Humanmediziner Freud überdeutlich und geht bereits damals – 1917 (!) – weit über die Grenzen des herkömmlichen Gesellschaftsbildes hinaus: „Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwicklung zum Herren über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber mit dieser Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft zwischen ihrem und seinem Wesen zu legen. Er sprach ihnen die Vernunft ab und legte sich eine unsterbliche Seele bei, berief sich auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band der Gemeinschaft mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. Es ist merkwürdig, dass diese Überhebung dem kleinen Kinde wie dem primitiven und dem Urmenschen noch ferne liegt. Sie ist das Ergebnis einer späteren anspruchsvollen Entwicklung. (...) Wir wissen es alle, dass die Forschung Ch. Darwins, seiner Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten näher, anderen ferner verwandt. Seine späteren Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen gegeben sind.“

Als dritte Kränkung nannte Freud seine eigene Arbeit der Psychoanalyse und den existenziellen Nachweis des Unbewussten, was der legendäre Neurowissenschaftler selbst durchaus provokant formulierte und zusammenfasste: „Das Ich fühlt sich unbehaglich, es stößt auf Grenzen seiner Macht in seinem eigenen Haus, (...).“

Renommierte Wissenschaftler ergänzten die Liste der Kränkungen in den nachfolgenden Jahrzehnten. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins beispielsweise sprach vom Menschen als „Genhülle“ und davon, dass wir, ohne es zu wissen, nach der Pfeife unserer Gene tanzen würden – eine Vorstellung, die in den letzten Jahrzehnten durch die neue Forschungsrichtung der Epigenetik allerdings wieder nachhaltig infrage gestellt wurde. Epigenetische Mechanismen und Auswirkungen betreffen alle Lebewesen gleichermaßen: die Pflanze, die am falschen Ort bei falschen Licht- und Temperaturverhältnissen nicht gedeihen kann, den Hund, der insbesondere während der Welpenzeit und Pubertät aus epigenetischer Sicht ähnlich sensible Phasen durchläuft wie der Mensch. Und auch wir können unser vollständiges Potenzial nur dann wirklich entfalten, wenn die biologischen und sozialen Rahmenbedingungen passen – ein schier unüberschaubares Feld gesellschaftlicher Diskussionen!

Aktueller denn je scheint auch die von verschiedenen Seiten formulierte „ökologische Kränkung“, die Erkenntnis der Abhängigkeit des Menschen von einer globalen Biosphäre, die er zwar massiv beeinflussen, aber nicht kontrollieren kann. „Steht nun eine weitere Kränkung durch die mit den Tieren geteilte Würde bevor?“, fragt der Wiener Ethiker Martin Huth. „Sind wir mit der Angst konfrontiert, dass die Aufwertung der Tiere zu einer Abwertung des Menschen werden könnte?“ ... Fragen, die das Potenzial zu hitzigen Debatten in sich tragen ...

 

Naturwissenschaftliche Basis ethischer Diskussionen

 

„Menschen sind unseres Wissens die einzigen Tiere, die über sich und andere nachdenken. Und das nicht nur im Heute, sondern auch über gestern und morgen. Blöderweise. Denn aus diesem Grund müssen wir wohl oder übel Verantwortung übernehmen.“ Der Wiener Biologe und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal fasst sein Fazit zur Mensch-Tier-Beziehung in dem zentralen Begriff der Verantwortung zusammen und zeichnet mit seinen Gedanken ein umfassendes Bild aus biologischem und evolutionsgeschichtlichem Wissen, das der aktuellen Richtung tierethischer Diskussionen eine naturwissenschaftliche Basis gibt. Kotrschal skizziert die Zukunft der Mensch-Tier-Beziehung denn auch als eine integrative Gesellschaft, in der Integration nicht nur zwischen verschiedenen menschlichen Gruppen von Bedeutung sei, sondern ebenso zwischen Tieren und Menschen. Der Verhaltensforscher fordert Städteplaner auf, darüber nachdenken, wie sie hundegerechte Städte bauen könnten, denn eine hundegerechte Stadt sei eine menschengerechte Stadt – und umgekehrt. Das Bewusstsein für einen gemeinsamen Lebensraum wächst. Nach Kotrschal erfüllt eine integrative Gesellschaft mit Tieren das Menschenrecht auf Leben in einer intakten Natur. Der Wissenschaftler betont nicht zuletzt in seinem vielsagenden Buch zur Mensch-Tier-Beziehung unter dem Titel „Einfach beste Freunde“ immer wieder die Vorreiterrolle der Forschung in diesen Fragen: „Die gegenwärtigen Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit kommen mitten aus der Wissenschaft, nicht aus irgendwelchen romantisch-spirituellen ,Zurück-zur-Natur‘-Ideologien.“ Und weiter: „An den Universitäten und von den Eliten wird eine Ethik diskutiert, welche die Tiere zunehmend mit einschließt. Noch sind das Brückenköpfe eines neuen Denkens. (...) Diese aufkeimende pragmatische Sicht von Welt und Mensch ist durch empirische Ergebnisse belegbar, etwa jenes zur weitgehenden Ähnlichkeit der sozialen Gehirne der Wirbeltiere.“ Tatsächlich verfügt neben entsprechenden Verhaltensstudien insbesondere die Hirnforschung über ein großes Potenzial, derartige Zusammenhänge aufzuzeigen, und auch Kotrschal bestätigt, dass das Wissen um ähnlich funktionierende Gehirne ein anderes Bewusstsein von Gemeinsamkeit schafft als der Gedanke, dass ein Hund ein Hund - ein Tier ein Tier - und ein Mensch eben ein Mensch ist. Die Grenzen verschieben sich Schritt für Schritt ...

 

Vom Welfare-Gedanken zur Würde

 

... und stellen die Gesellschaft damit vor neue ethische Herausforderungen: Fragen, die natürlich im Nutztierbereich zu diskutieren sind, aber durchaus auch Fragen, die sich im alltäglichen Leben mit unseren vierbeinigen Familienmitgliedern stellen. Wenn wir zunehmend erkennen, dass Tiere uns weit ähnlicher sind, als wir bisher dachten, und dass sie hinsichtlich ihrer sozialen und kognitiven Fähigkeiten eine Komplexität erreichen, die ihnen jahrtausendelang abgesprochen wurde, muss man natürlich darüber nachdenken, welchen Einfluss dieses Wissen auf unseren Umgang mit Tieren hat. Die philosophische Tierrechtsidee „ist eng an personale Fähigkeiten und kognitive Komplexität geknüpft“, erläutert die renommierte Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg in diesem Zusammenhang. „Wenn wir Tiere als nicht-menschliche Personen bezeichnen – was immer das genau heißt –, sind sie sicher wesentlich besser beschrieben als als Sache. ,Person‘ ist eine philosophische Kategorie, ,Mensch‘ eine biologische. Was eine Person ausmacht, hängt auch von komplexen Fähigkeiten und Bedürfnissen ab. Inzwischen gibt es eine von zahlreichen Wissenschaftlern unterschriebene Forderung nach Personenrechten für bestimmte Tiere, die den Menschenrechten verwandt sind: die Rechte auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche Unversehrtheit.“

Aus derartigen Überlegungen ergeben sich zahllose Fragen im Umgang mit dem Tier, die auch in der alltäglichen Praxis relevant sind – mit verstörender Selbstverständlichkeit in der Massentierhaltung, aber durchaus auch in einigen noch immer gängigen Praktiken des Hundewesens. In allen Bereichen der Hundehaltung und des Umgangs mit Hunden kommt den Welfare-Argumenten heute eine außerordentliche Bedeutung zu. Fragen, ob der Hund sich in der jeweiligen Situation wohlfühlt und den Anforderungen seiner Umwelt gewachsen ist oder ob Verhaltensstörungen auftreten können, gehören nicht nur in Hundeschulen zum Alltag. Diese Fragen setzen sich mit der Empfindungs- und Leidensfähigkeit von Tieren auseinander. Auch, wenn hier längst nicht alles perfekt ist, so sehen wir in den weitaus meisten Konstellationen zumindest bei unseren Haustieren doch zunächst einmal Situationen, in denen man guten Gewissens sagen kann, dass es dem Tier gut geht und dass seine grundlegenden Lebensbedürfnisse optimal erfüllt scheinen. Erst in weitergehenden Betrachtungen folgen die schwierigen Fragen nach komplexen ethischen Konzepten, nach der Würde und dem inhärenten Eigenwert des Tieres – dem oft eine Instrumentalisierung gegenübersteht, die wir im ersten Moment vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen, die wir aber keinesfalls übersehen dürfen und derer wir uns ehrlicherweise bewusst sein sollten. Diese Probleme der Entwürdigung sind weit weniger offensichtlich und schwieriger zu fassen als vordergründige Welfare-Probleme. Erst ihre emotionale und umfassende kognitive Erfassung scheint den Schlüssel zu echten Lösungen zu bieten, um vor allem das Leiden jener Mitgeschöpfe, die uns ernähren, durch unser so entstandenes MitGEFÜHL zu beenden.  

Für den einen mögen all diese Gedankenansätze eine neuartige Sichtweise darstellen, vielleicht gar eine Einladung und Ermunterung, in neue Erfahrungswelten aufzubrechen. Für den anderen ist es eventuell nur ein Ansatz, das eigene Erleben, die individuell und persönlich gelebte Ethik in Worte zu fassen und ihr gedankliche Präsenz zu verleihen – je nachdem, an welcher Stelle wir selbst uns gerade auf dem Weg zwischen ethischem Anspruch und gelebter Realität befinden ...

 

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21. September 2020

Wissenschaftliche Basis von Mentaltraining und Mind-Body-Medizin

 

Noch vor nicht allzu langer Zeit fristeten Mental- und Achtsamkeitstraining, Meditation, Imagination und viele andere Techniken, die die Arbeit des Gehirns nachhaltig beeinflussen, ebenso wie die Ansätze der Mind-Body-Medizin ein Schattendasein im pseudowissenschaftlichen Bereich. Diese Fehleinschätzung hatte sich auf Grund einer jahrzehntelangen Trennung von Hirnforschung und Psychologie entwickelt, die ihrerseits auf die Arbeit Sigmund Freuds zurückging. Freud wandte sich nicht zuletzt auf Grund mangelnder Fortschritte in der Hirnforschung, für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die technischen und methodischen Ressourcen fehlten, in seiner neurologischen Arbeit dem klinischen Bereich zu und begründete die Psychoanalyse. Erst Ende des 20. Jahrhunderts eröffnete eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Entwicklungspsychologen, Hirnforschern und Psychotherapeuten einen neuen Zugang zu diesen Themen und Fragestellungen und zeichnete ein ganzheitliches Bild des Gehirns. Wesentlichen Einfluss auf die Zunahme valider Forschungsergebnisse hatte dabei insbesondere die Untersuchungsmethode der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT), die einen unmittelbaren Blick in die Arbeit des Gehirns ermöglicht.

Mit dieser neuen ganzheitlichen Betrachtung entstand die wissenschaftliche Basis für die Techniken des Mentaltrainings und auch für die Mind-Body-Medizin, die die frühere oft ein wenig hilflos wirkende Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen einer umfassenden Neubewertung unterzieht und damit große Chancen für die Medizin des 21. Jahrhunderts öffnet. Der ganzheitliche Ansatz der Mind-Body-Medizin, der Emotionen, Denkmuster und körperliche Funktionen in einem engen Zusammenhang betrachtet, ist heute längst Teil der evidenzbasierten Medizin geworden.

 

Das menschliche Gehirn besteht aus ca. 100 Milliarden Nervenzellen, die die Grundlage all dessen sind, was wir denken, fühlen und tun. Jede einzelne dieser Nervenzellen kann zwei Zustände aufweisen: Sie kann aktiv oder inaktiv sein! Eine einzelne Nervenzelle verfügt über diese zwei Möglichkeiten. Zwei Nervenzellen verfügen damit bereits über vier Kombinationen dieser Möglichkeiten. Die Anzahl der Zustandsmöglichkeiten steigt also exponentiell mit der Anzahl der Nervenzellen und übersteigt letztlich die Anzahl der Atome im Universum um ein Vielfaches. Das Potenzial des menschlichen Gehirns ist somit faktisch unendlich.

In diametralem Gegensatz zu diesem Potenzial steht der minimale Anteil der Informationen, die auch tatsächlich ins Bewusstsein gelangen. Die Informationen, die die Sinnesorgane dem Gehirn beständig vermitteln, und zusätzlich diejenigen, die unmittelbar aus dem Organismus kommen und die verschiedenen Körperfunktionen betreffen, ergeben in Summe etwa 50 Millionen Bit pro Sekunde! Der Teil davon, der tatsächlich ins Bewusstsein gelangt, liegt im Millionstelbereich und beträgt nur etwa 40 bis 100 Bit pro Sekunde.

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Hirnregionen ist ausschließlich der dorsolaterale präfrontale Cortex direkt willentlich steuerbar. Hier sind u.a. die Fähigkeiten einer inneren Kontrolle der Aufmerksamkeit sowie die Planung und Organisation komplexer motorischer und kognitiv-intellektueller Handlungsabläufe beheimatet. Diesem an sich kleinen Bereich des Gehirns kommt allerdings eine große Bedeutung zu, denn die Arbeit des dorsolateralen Kortex kann beispielsweise durch eine bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit Perspektiven verändern und damit indirekt auch weite Teile des Unbewussten beeinflussen.

Gleichzeitig liegt hier einer der vorrangigen Gründe dafür, dass Veränderungen im Denken und Tun den Menschen vor große Herausforderungen stellen, denn die Kapazitäten des präfrontalen Kortex sind begrenzt und begrenzen damit auch die Willenskraft, Veränderungen einzuleiten und zu leben. Veränderungen, die ausschließlich über die Willenskraft zustande kommen und damit auf der Zusammenarbeit des dorsolateralen Kortex und des orbitofrontalen Kortex, wo die emotionalen  Aspekte einer Entscheidung und die entsprechenden Motivationen verhandelt werden, wo Impulskontrolle, Empathie und das Abschätzen der Konsequenzen des eigenen Verhaltens beheimat sind, basieren, sind schwer durchzuhalten. Der erfolgreiche Weg zu Veränderungen führt ebenso wie erfolgreiches Lernen in weiten Teilen über das Unbewusste.

 

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31. August 2020

Musik für das 21. Jahrhundert: Mahlers 4. Symphonie

Gedanken zu einem zeitlosen Dokument in der Weltsprache Musik

 

Mahlers 4. Symphonie entstand in den Jahren 1899/1900 und wurde 1901 in München uraufgeführt. Publikum und Kritik standen der neuen Partitur lange verständnislos gegenüber: „Alles Technik, Berechnung und innere Verlogenheit, eine kindliche Übermusik“, stand seinerzeit in der Presse zu lesen – und der Rezensent hatte bei allem offensichtlichen Unverständnis doch einige grundlegende Aspekte erkannt, die Mahlers Symphonie auszeichnen und sie zu einem an Janusköpfigkeit kaum zu überbietenden Meisterwerk machen. Mahler verlässt den seit Mozarts Jupitersymphonie und dem Kosmos der Beethovenschen Symphonien oftmals beschrittenen Weg, das Finale als Ziel der dramaturgischen Entwicklung der Symphonie zu deuten. Der Schlusssatz gerät hier vielmehr zur Pointe des Gesamtwerks und damit zugleich zum magischen Ausgangspunkt des Ganzen. Es ist eine doppelbödige Musiksprache, die Mahler hier spricht, und so ist es keineswegs verwunderlich, dass die Symphonie quasi rückwärts konzipiert wurde. Der Vertonung des bayerischen Kinderliedes vom himmlischen Schlaraffenland aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – dort unter dem Titel „Wir genießen die himmlischen Freuden“ zu finden, von Mahler „Das himmlische Leben“ überschrieben – war ursprünglich als Finale für die 3. Symphonie geplant, wurde nun aber Ausgangspunkt einer neuen Symphonie. Hinter der Maske kindlicher Naivität gelang es Mahler mehr Hintergründigkeit zu vermitteln, als „erwachsene“ Kunst es jemals zugelassen hätte. Im gebrochenen Licht des beginnenden 20. Jahrhunderts klingt in dieser Symphonie alles so „als ob“ – so bezeichnet Dietmar Holland diese Symphonie denn auch als eine „Musik in Anführungszeichen“, in der tatsächlich nichts so klingt, wie es gemeint ist –, ein ästhetisches Spiel, das sich bin in die innermusikalischen Strukturen hinein verfolgen lässt. Mahler selbst kommentiert den 1. Satz der G-Dur-Symphonie: „Der erste Satz beginnt, als ob er nicht bis drei zählen könnte, dann aber geht es gleich ins große Einmaleins, und zuletzt wird schwindelnd mit Millionen und Abermillionen gerechnet.“ Die gebrochene Heiterkeit des ersten Satzes wird im zweiten von einem zwielichtigen Totentanz abgelöst. „Schreiend und roh“ – so Gustav Mahler – sei der Klang der extra um einen Ton höher gestimmten Solovioline, die tatsächlich den Eindruck eines makabren Tanzes des Knochenmanns erwecken sollte und Assoziationen an das „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“ des Schweizer Malers Arnold Böcklin weckt. Nach dem Spiel von Leben und Tod dieser ersten beiden Sätze scheint der 3. Satz nunmehr die Frage nach dem tieferen Sinn des Ganzen zu stellen und mündet am Ende in einem visionären Durchbruch in der Motivik des Liedfinales, das wie die neue Dimension des „himmlischen Lebens“ erscheint. „Im letzten Satz erklärt das Kind, wie alles gemeint sei“ – so Gustav Mahler. „Doch das kindliche Paradies enthüllt sich hier als das Gegenteil von positiven Jenseits-Vorstellungen. Ein Schlaraffenland, in dem Blut und Gewalt ihr Wesen treiben, in dem eine Musik ertönt, die zwar der irdischen nicht vergleichbar ist, aber den Menschen nicht hörbar gemacht werden kann. Am Ende der letzten Strophe bleibt die ersehnte Lösung aus, denn die Musik schläft ein – paradox zum Textinhalt, dass ,alles für Freuden erwacht‘ – und versinkt in der falschen Tonart E-Dur. Dass keine Metaphysik sei, ist die Botschaft!“ so der Musikwissenschaftler Dietmar Holland.

Mahlers Erläuterungen zu seiner Musik verändern den Blickwinkel ein wenig: Spricht der Künstler nicht eher von der Unzulänglichkeit des alltäglichen menschlichen Seins, die Reinheit und Größe des Universums in seiner sprichwörtlichen Un-Vorstellbarkeit zu fassen? Vom Menschen als Störfaktor eines unberührten harmonischen Weltklangs, dessen Gelüste auch den „himmlischen“ Frieden zunichtemachen? Von der menschlichen Unfähigkeit, eine existenzsichernde, universale Weltordnung anzunehmen und ihr statt mit genussvoller Ausbeutung mit verantwortungsbewusster Achtung zu begegnen?

„Was mir vorschwebte, war ungemein schwer zu machen. Stell Dir das ununterschiedene Himmelblau vor, das schwieriger zu treffen ist als alle wechselnden und kontrastierenden Tinten. Dies ist die Grundstimmung des Ganzen. Nur manchmal verfinstert es sich und wird spukhaft schauerlich: Doch nicht der Himmel selbst ist es, der sich trübt, er leuchtet fort in ewigem Blau. Nur uns wird er plötzlich grauenhaft, wie einen am schönsten Tage im lichtübergossenen Wald oft ein panischer Schreck überfällt.“ So umschrieb Mahler die Arbeit an seiner Vierten und gab darüber hinaus noch einen wesentlich deutlicheren Hinweis auf die verschiedenen Wahrnehmungsebenen dieser Partitur: „Heute hat sich mir etwas Merkwürdiges ereignet. Durch die zwingende Logik einer Stelle, die ich umwandeln musste, verkehrte sich mir alles Darauffolgende derart, dass ich plötzlich zu meinem Erstaunen gewahrte, ich befinde mich in einem völlig anderen Reiche: wie wenn du meinst, in blumigen elysischen Gefilden zu wandeln und siehst dich mitten in die nächtlichen Schrecken des Tartaros versetzt, dass dir das Blut in den Adern gefriert ...“ „Meine Zeit wird kommen“ – war einer der Glaubenssätze Gustav Mahlers. Musik für das 21. Jahrhundert ...

 

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24. Juli 2020

Ein Sommer ohne Bayreuth ... Wagners Plädoyer für Freiheit und Liebe

 

Nein, der Covid-Sommer 2020 ist kein „Sommer wie damals“ … Meine erste intuitive Reaktion auf die Ereignisse im März 2020 war die Überzeugung, mich in einer anderen Welt wiederzufinden, in der die Gesetze, die letzte Woche noch das Leben bestimmten, ihre Gültigkeit verloren hatten. Inzwischen sehe ich meine damalige Überzeugung sowohl in meinem persönlichen Umfeld als auch im gesellschaftlichen Kontext vielfach bestätigt. Auch wenn sich aktuell viele Aspekte vielleicht negativ darstellen und manche gesellschaftlichen Entwicklungen international mit Sorge zu betrachten sind, kann all das meinen unerschütterlichen Glauben an das Gute – im Menschen lasse ich weg, das wäre zu einschränkend – nicht zerstören. In diesen Tagen, in denen normalerweise die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele ihre Tore öffnen, sind mir Gedanken zu Richard Wagner gerade besonders gegenwärtig, Gedanken, die ich teils seit Jahrzehnten in mir trage und die einem deutschnationalen Interpretationsverständnis des Wagnerschen Gesamtwerks durch Teile der Nachwelt stets diametral entgegenstanden, Gedanken, die stattdessen die Utopie einer künftigen Gesellschaft zeichnen – einer Gesellschaft, in der Würde, Freiheit und Menschenliebe das Handeln bestimmen …

 

Werfen wir einen Blick in Wagners „Ring“ und lassen unsere Gedanken ein wenig auf die Wanderschaft gehen: Im Moment ihrer Vereinigung mit Siegfried verliert Brünnhilde ihre Göttlichkeit. Sie ist verwundbar geworden und hat ihre schützende Eingebundenheit in Wotans Welt durch eine neue an Tristan und Isolde gemahnende „unio mystica“ mit Siegfried ersetzt: „So wärst du Siegfried und Brünnhild´? – Wo ich bin, bergen sich beide.“ In ihrer Begegnung mit Waltraute in der „Götterdämmerung“ beginnt nun Brünnhildes Kampf um die neue Weltordnung der Liebe, die fortan jede Göttermacht überstrahlen soll. Aber noch scheitern die neuen Ideale an der bestehenden Gesellschaft. Noch machen Intrigen und menschliche Unreife die große Idee zunichte, und Brünnhilde wird zur scheinbar betrogenen Frau.

Die Wandlung der Göttertochter in ein Menschenweib stellte auf dem Weg zur Verwirklichung der freien Liebe und des Reinmenschlichen einen entscheidenden Schritt dar, aber die Idee einer neuen Menschheit, für die Siegfried und Brünnhilde stellvertretend stehen, muss an der bestehenden Gesellschaft noch scheitern. Erst müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden …bis schließlich die „freieste Tat“ am Ende der „Götterdämmerung“ für Brünnhildes Verwirklichung einer großen allgemeinen Menschheitsliebe steht! Auch wenn Wagner selbst zunächst zwischen zwei unterschiedlichen gedanklichen Konzeptionen zu schwanken, so spricht das musikalische Ende des „Rings“ doch eine deutliche Sprache – und schon 1852 dichtete er jene unmissverständlichen Verse, die in der endgültigen Komposition der universal verständlichen Weltsprache der Musik vorbehalten blieben:

 

„Ihr, blühenden Lebens

bleibend´ Geschlecht:

was ich nun euch melde,

merket es wohl! -

Saht ihr vom zündenden Brand

Siegfried und Brünnhild´ verzehrt;

saht ihr des Rheines Töchter

zur Tiefe entführen den Ring:

nach Norden dann

blickt durch die Nacht!

Erglänzt dort am Himmel

ein heiliges Glühn,

so wisset all,

dass ihr Walhalls Ende gewahrt! -

 

Verging wie Hauch

der Götter Geschlecht,

lass´ ohne Walter

die Welt ich zurück:

meines heiligsten Wissens Hort

weis´ ich der Welt nun zu. -

Nicht Gut, nicht Gold,

noch göttliche Pracht;

nicht Haus, nicht Hof,

noch herrischer Prunk;

nicht trüber Verträge

trügender Bund,

noch heuchelnder Sitte

hartes Gesetz:

selig in Lust und Leid

lässt – die LIEBE nur sein!“

 

Diese Verse, die nicht zuletzt eine Welt in geistiger Freiheit verkünden, ersetzte Wagner später 1856 durch einen schopenhauerisch gefärbten Schluss, in dem Brünnhilde das Bild einer künftigen Menschheit zeichnet, die im Sinne des Philosophen nicht durch Liebe, sondern durch Entsagung erlöst wird:

 

„... Aus Wunschheim zieh ich fort,

Wahnheim flieh ich auf immer;

des ew´gen Werdens

off´ne Tore

schließ´ ich hinter mir zu:

nach dem wunsch- und wahnlos

heiligsten Wahlland,

der Weltwanderung Ziel,

von Wiedergeburt erlöst,

zieht nun die Wissende hin.

Alles Ew´gen

sel´ges Ende,

wisst ihr, wie ich´s gewann?

Trauernder Liebe

tiefstes Leiden

schloss die Augen mir auf:

enden sah ich die Welt.“

 

Keine dieser Fassungen wurde letztlich vertont, aber zumindest musikalisch entschied sich Wagner im Ring für die optimistisch-freiheitlich orientierte Fassung des Jahres 1852. Nicht Machtstreben und Herrschaftsdenken, sondern die Liebe ist die Siegerin dieser widerstreitenden Prinzipien im „Ring“. Zurück bleibt eine Anarchie im wörtlichen – im besten Sinne: eine Herrschaftslosigkeit, aber keine Gesetzlosigkeit! Das Gesetz der Liebe regiert. Brünnhildes an Antigone gemahnender Opfertod wird so zu einem Ende im Zeichen menschheitsumfassender Liebe im Schillerschen-Beethovenschen Sinne. Brünnhilde stirbt am Ende der „Götterdämmerung“ als Mensch für Menschen, und Wagner erkannte in diesem Opfertod jene Moral, die die Hoffnung auf einen Neubeginn zuließ. Wie einst in der „Walküre“ Siegfrieds Leben verkündet wurde, so beschreiben die Violinen am Ende des „Rings“ diese Hoffnung und den Glauben an das ewig Neue mit ihrem Plädoyer für Freiheit und Liebe ...

 

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7. Juli 2020

Impfen als ethische Verpflichtung

Vorsorge als Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft

 

Kein medizinisches Thema ist weltweit derzeit aktueller als die Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 – mit allen damit verbundenen öffentlichen Stellungnahmen mehr oder meistens weniger relevanter Meinungen. Wissenschaft aber lässt sich per definitionem dankenswerter Weise nur durch eines widerlegen: durch neue wissenschaftliche Ergebnisse, die sich als richtiger erwiesen haben! Nicht durch Fakes, nicht durch Meinungen und Verschwörungstheorien in den Sozialen Medien und auch nicht durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Die Grundaussagen des folgenden Artikels gelten selbstverständlich artübergreifend für jede Spezies und jede Impfung – für die regelmäßige Gesundheitsvorsorge bei unseren Haustieren ebenso wie für die künftige Impfung des Menschen gegen Covid-19 …

 

Eine Impfung schützt nicht nur das einzelne Individuum, sondern die Impfung als eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin bewirkt weit mehr als gemeinhin angenommen wird: Je mehr Individuen einer Population geimpft sind, desto größer ist auch der Schutz für Nichtgeimpfte! Das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen und zeigt, dass die Entscheidung FÜR die Impfung mehr ist als Privatsache. Impfen ist ein Akt der Solidarität und Menschlichkeit, denn mit der Entscheidung zum Impfen kommen wir unserer Verantwortung nach: zum Schutz des uns anvertrauten Lebens und darüber hinaus zum Schutz der Gemeinschaft und all jener, die aus Alters- oder medizinischen Gründen nicht impffähig sind. Und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ist eine, wenn nicht die entscheidende Komponente, die den Menschen definiert und damit in letzter Konsequenz seine Menschlichkeit ausmacht.

 

Impfen ist Lebensschutz

 

In der Humanmedizin geht man davon aus, dass eine Durchimpfungsrate der Bevölkerung nicht 100% betragen muss, um einen nahezu hundertprozentigen Krankheitsschutz aller zu erreichen, denn die Impfung des Einzelnen schützt auch die Immunität der anderen. Das ist bei unseren vierbeinigen Lebensgefährten ganz genauso und schützt auch hier ebenso wie beim Menschen vor allem jene Individuen, die nicht geimpft werden können – weil sie entweder zu jung oder zu alt sind und infolgedessen oder auch wegen einer Erkrankung an einer Immunsuppression leiden. In diesen Fällen kann und darf man nicht zwingend davon ausgehen, dass das geschwächte Immunsystem eine Infektion – oder auch eine Impfung – abwehren bzw. verarbeiten könnte. So erklärt der verantwortungsvolle Arzt immer wieder aufs Neue, dass im Sinne des Populationsschutzes so viele Menschen respektive Tiere wie möglich geimpft werden sollten, aber das einzelne Individuum entsprechend der jeweils aktuellen Richtlinien so wenig wie möglich!

 

Geimpfte Individuen schützen die Gemeinschaft

 

Jede Impfung bedeutet eine doppelte Schutzmaßnahme: Zum einen kann der Geimpfte selbst nicht ernsthaft erkranken und zum anderen sinkt damit das Risiko, dass er ein anderes Individuum ansteckt, um ein Vielfaches. Denn wenn viele Individuen der Gesamtpopulation geimpft sind, können sich die Krankheitserreger nur mehr sehr eingeschränkt ausbreiten. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass immer weniger Krankheitserreger in die Umwelt gelangen und infolgedessen das Infektionsrisiko für alle Individuen – auch die Ungeimpften! – sinkt.

 

Impfen hat sozialen Aspekt

 

Impfdiskussionen sind Wohlstandsdiskussionen. Darüber hinaus bestätigte eine jüngere Studie der Universität Erfurt, dass die Impfbereitschaft im Humanbereich beispielsweise in asiatischen Ländern generell höher ist. Die Forscher erklären diesen Unterschied mit soziologischen Unterschieden, denn in vielen asiatischen Gesellschaften hat die Gemeinschaft einen sehr viel höheren Stellenwert als in westlichen Ländern, in denen in weiten Teilen der Gesellschaft das individuelle Wohlergehen des Einzelnen im Mittelpunkt des Interesses steht.

Dieser soziale Aspekt der Impfbereitschaft sollte gerade Tierhalter besonders ansprechen, denn Gemeinschaftssinn und Solidarität werden auf der Hundewiese oder im virtuellen Katzenforum intensiv gepflegt. Wir haben auch bei unseren Haustieren, die wir heute als Teil unserer menschlichen Gemeinschaft betrachten, den darwinistischen Ansatz, dass nur die Stärksten ein Lebensrecht haben, längst hinter uns gelassen und wissen um unsere Verantwortung als Teil unseres Menschseins. Jeder geimpfte Hund schützt den entzückenden kleinen Welpen, den ergrauten weisen Senior oder den erkrankten Hund unserer besten Freundin, der nicht impffähig ist. Impfen hat somit einen sozialen Effekt und ist gelebte Verantwortung.

Und dieser soziale Aspekt bedarf in Zeiten von Covid-19 für die menschliche Gemeinschaft keiner weiteren Erklärung.

 

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29. Juni 2020

Zweifel an der menschlichen Einzigartigkeit

 

Gedanken aus Philosophie und Ethik, Kognitionsbiologie und Hirnforschung – Viele Erkenntnisse, die die aktuelle Forschung gerade in diesen Bereichen bietet, stellen das jahrtausendealte anthropozentrische Weltbild, das den Menschen als Maß aller Dinge zum Mittelpunkt des Universums hochstilisiert, zunehmend infrage.

Renommierte Wissenschaftler wie der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht oder der österreichische Kognitionsbiologe und Wolfsforscher Kurt Kotrschal sprechen immer wieder vom Menschen als einem „anderen Tier“, das sich letztendlich vielleicht nur mehr durch seine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, von anderen verwandten Tieren unterscheidet. Der Mensch als ein Tier mit Verantwortungsfähigkeit ... dieser Gedanke mag heute für manche Ohren noch provokant klingen, aber in einem fernen Morgen? Es sind immer die großen Visionen, die Menschheitsgeschichte schreiben und die die Gesellschaft voranbringen – umso mehr, wenn diese Ideen und Vorstellungen auf Naturgesetzen basieren. „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird“, schrieb schon Oscar Wilde.

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren“

 

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden. (...) In der gegenwärtigen Moral und Rechtsordnung ist der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch größer als jener zwischen Schimpanse und Blattlaus.“ So definiert mit Richard David Precht einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum in seinem Standardwerk „Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ die beiden Lebensformen Mensch und Tier, deren Verhältnis zueinander weit über das Zusammenleben mit unserem geliebten Vierbeiner hinaus untrennbar mit dem Schicksal unseres Planeten verbunden ist.

Der genetische Unterschied zwischen Schimpansen und Menschen ist mit maximal 1,6 Prozent verschwindend gering. Zwischen Argumenten aus Philosophie und Theologie auf der einen Seite und denen des biologischen Hightech-Labors auf der anderen hinterfragt Precht immer wieder die überlieferten gültigen Definitionen des Menschseins. Dass gerade die monotheistischen Religionen das dualistische Weltbild einer strengen Trennung in Mensch und Tier manifestierten, ist für den Intellektuellen, der dem Menschen die Krone der Schöpfung immer wieder pointiert verweigert, auch Grundlage seiner religionskritischen Sicht: „Doch es spricht nicht allzu viel dafür, dass der Mensch und sein Tun das Ziel der Evolution sind. Bedenkt man die fortgeschrittene Zerstörung des Planeten durch Homo sapiens zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ist es schon etwas befremdlich, das Ziel des mutmaßlichen Schöpfergottes in der Zerstörung seines Werks zu sehen.“

 

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15. Juni 2020

Zum BEETHOVEN-Jahr 2020

Beethoven für das 21. Jahrhundert

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – keine Frage: Mit diesem Vokabular befinden wir uns mittendrin in den aktuellen gesellschaftlichen, philosophischen und politischen Diskussionen 2020 – das Jahr, in dem die Welt des 250. Geburtstages eines Künstlers gedenkt, der dank seines Mediums, der universell verständlichen Weltsprache Musik, zu einer globalen Ikone der Menschheitsgeschichte werden konnte: Ludwig van Beethoven. 1770 im rheinischen Bonn, damals eine kleine kurfürstliche Residenzstadt, geboren, fand der junge Musiker schnell seinen Weg heraus aus der Provinz nach Wien, die Kaiserstadt an der Donau, die als Zentrum der habsburgischen Monarchie seinerzeit neben Paris die bedeutendste Kulturmetropole Europas war. Die Weltstadt Wien, ihre unverwechselbare kulturelle Identität und gleichzeitige ideelle Vielfalt machten Beethoven zum Weltbürger – was an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert natürlich keine globale Präsenz bedeutete, sondern vielmehr eine geistige Orientierung umschrieb, deren Ausrichtung einer individuellen Verarbeitung und Interpretation der aktuellen philosophischen Ideen und internationalen gesellschaftshistorischen Prozesse folgte. In Beethovens Verständnis derselben dominierten mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Idealen der französischen Revolution, und einem in der symphonischen Begrifflichkeit der „Pastorale“ formulierten Naturverständnis Begriffe, die den eingangs erwähnten des 21. Jahrhunderts mehr als nahestehen – Worte und Gedanken, die ähnliche Lösungsansätze für gleiche Fragestellungen und Probleme implizieren. Die Auseinandersetzung mit Beethoven zeigt, dass die großen Themen der Vergangenheit auch die der Zukunft sind. Die Zeit und die Schauplätze mögen sich verändert haben, aber das Stück – die Tragödie? – in den Kulissen des 21. Jahrhunderts berührt die gleichen Themen, die die Menschheit immer begleiteten und die immer aktuell bleiben werden. Dabei werden Fragen gestellt und Probleme thematisiert, die unabhängig von Raum und Zeit sind und die daher auch dementsprechender Lösungen – globaler Lösungen – bedürfen: Wie schaffen wir eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihre Potenziale zu leben und ihrem Dasein auf dieser Welt einen Sinn und ein Ziel zu verleihen – und mit diesem sinnerfüllten Leben genau das zu finden, was wir Glück nennen …

 

„Alle Menschen werden Brüder“

 

1823 vertonte Beethoven Friedrich Schillers 1785 verfasste „Ode an die Freude“ im Schlusssatz seiner neunten Symphonie. 1972 erklärte der Europarat diese Melodie zu seiner Hymne. 1985 wurde sie von den EU-Staats- und ‑Regierungschefs als offizielle Hymne der Europäischen Union angenommen. „Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es dazu noch heute in der offiziellen Begründung der EU. Die Hymne symbolisiere dabei nicht nur die Europäische Union, sondern Europa im weiteren Sinne.

Auch die deutsche Bundesregierung erinnert in ihrem Webauftritt noch heute an jenes denkwürdige Konzert im ehemaligen Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vom 25. Dezember 1989, als der amerikanische Dirigent und Komponist Leonard Bernstein Beethovens Neunte mit einem internationalen Ensemble mit Musikern aus Ost und West dirigierte und der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall ein musikalisches Denkmal setzte: „Freiheit, schöner Götterfunken“ hieß es in dieser denkwürdigen und geschichtsträchtigen Aufführung, in der in Beethovens „Ode an die Freude“ das Wort „Freude“ jedes Mal durch „Freiheit“ ersetzt war.

Schillers Ideal einer Verbrüderung der Menschheit war eine Vision, die Beethoven teilte, die er als Essenz seiner von der Kant’schen Aufklärung geprägten humanistischen Grundhaltung betrachtete und mit der er die „Idee Europa“ lange vor dem Versuch, sie zu politischer Realität zu formen, musikalisch manifestierte. „Alle Menschen werden Brüder“ – Schiller und Beethoven sprechen hier von nichts weniger als von den Grundlagen der Demokratie, deren Basis die Gleichstellung aller Menschen ist. Sie sprechen von nichts weniger als von Menschenrechten und von der Freiheit des Individuums und machen ihre Kunst damit zum Medium ihrer Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen. „Diesen Kuss der ganzen Welt“ – Schiller und Beethoven präsentieren mit ihrem europäisch-humanistischen Ansatz eine globale Lösung …

 

„… geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“

 

Nicht nur Leonard Bernstein demonstrierte 1989 im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung  mit dem Schlusssatz der Neunten die gesellschaftspolitische Botschaft der Beethovenschen Musik. 2017 markierte Beethovens 6. Symphonie, die „Pastorale“, die zentrale symbolische Botschaft der 23. Weltklimakonferenz in Bonn und wurde zur Initiale des aktuellen „Beethoven Pastoral Project“, das im Rahmen dieses Gipfels vorgestellt wurde. „Es lag nichts näher, als ein Projekt zu entwickeln, das auf diesem Stück [gemeint ist die „Pastorale“] basiert. Es ist ein Porträt der Natur mit ihrem unermesslichen Reichtum und ihrer Vielfalt“, umschrieb der Musikwissenschaftler Luis Gago das Projekt, das unter der Schirmherrschaft von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, steht.

Beethovens „Pastorale“ spricht vom Verhältnis von Mensch und Natur, von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, die eine intakte Natur im Menschen zu wecken vermag – seinerzeit erfahrungsbasierte Vorstellungen, heute mit molekularbiologischen Methoden auf empirisch-wissenschaftlicher Basis nachgewiesenes allgemeingültiges Wissen. Beethoven liebte die Natur. „Wie froh bin ich einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich – geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“, schrieb der Komponist in seinem „Heiligenstädter Testament“. Schon damals im frühen Industriezeitalter wurden erste Veränderungen, die die beginnende Industrialisierung mit sich brachte, thematisiert. Freilich, damals war es vorrangig noch der Lärm der Pferdekutschen auf dem innerstädtischen Kopfsteinpflaster, vor dem die Großstädter aufs Land flüchteten, und auch Beethoven genoss seine legendären ausgedehnten Spaziergänge und Wanderungen in der vielfältigen Landschaft des Wiener Walds und der Weinberge vor den Toren der Stadt. Der hymnische Gestus im Finale der „Pastorale“ aber geht ganz im Sinne Beethovenscher Absolutheit über das persönliche Empfinden weit hinaus und gelangt zu einer metaphysischen Darstellung universeller Naturgesetze, deren Allgemeingültigkeit sich auch das menschliche Handeln in all seinen Facetten weder widersetzen noch entziehen kann: Beethovens „Pastorale“ als tönende Mahnung an die Welt gerät so zu einem frühen künstlerischen Manifest der aktuell dominierenden Diskussionen um den Klimaschutz.

 

Völkerverständigung und Freiheit, Menschenrechte und Klimaschutz – das Vokabular des 21. Jahrhunderts war auch jenes dessen, der vor 250 Jahren zur Welt kam: Ludwig van Beethoven …

 

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Gesundheit und Wohlbefinden bedingen einander -

Herausforderung für die Medizin des 21. Jahrhunderts

24. Mai 2020

 

„Gesundheit ist das höchste Gut“ ist eine berechtigte und in uns allen zutiefst verankerte Überzeugung, der wir in vielerlei sprichwörtlichen Redewendungen Ausdruck verleihen. „Gesundheit ist alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit“ ist ebenso ein immer wieder verwendetes Statement und eine der häufigsten Glückwunschformulierungen.

 

„Gesundheit ist alles“ - und tatsächlich weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Eine umfassende Definition orientiert sich heute mehr denn je an einer ganzheitlichen Betrachtung des Organismus und geht deutlich über offensichtliche medizinische Belange hinaus. Wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" definiert, wird dem traditionell primär auf die körperlichen Funktionen bezogenen Begriff eine weitere Kategorie zur Seite gestellt: Gesundheit beinhaltet Wohlbefinden aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus betrachtet, körperliche Gesundheit wiederum ist unabdingbarer Teil des Wohlbefindens, das darüber hinaus auch psychische Aspekte und emotionale Empfindungen einbezieht. Beide – Gesundheit und Wohlbefinden – bedingen einander! Der gesunde Organismus kann emotional unausgeglichen sein, mentales Wohlbefinden hingegen kann körperliche Einschränkungen lindern und erträglicher machen. Diese Zusammenhänge ziehen eine Vielzahl praktischer Konsequenzen nach sich: nicht nur für die Medizin und die Begegnung zwischen Patient und Arzt, sondern vor allem auch für uns selbst und unsere ureigenen und alltäglichen Möglichkeiten, Gesundheit zu fördern und zu erhalten – bei uns selbst und natürlich ganz genau so bei unseren Lebenspartnern auf vier Pfoten, deren Leben unserer Obhut anvertraut ist.

 

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in die Geschichte des Abendlandes und die Anfänge wissenschaftlichen Denkens im antiken Griechenland ... Damals, einige Jahrhunderte vor Christus, gab es keinen Arzt im heutigen Sinne, keinen Fachmann für die Funktionen des Organismus, sondern „Ärzte“ waren in erster Linie Universalgelehrte, die aus philosophischen Überlegungen praktische Konsequenzen zogen. Auf dieser Grundlage versuchten sie, das Wohlbefinden wiederherzustellen und Körper und Seele aus ihrem Ungleichgewicht, das sich dem antiken Verständnis zufolge in Schmerzen, Fieber und anderen Symptomen zeigte, heraus zu holen. Nicht Gesundheit in unserem heutigen Sinne war das Ziel – die altgriechische Sprache hat nicht einmal ein Wort für „Gesundheit“ im ausschließlich medizinischen Sinn – sondern man strebte etwas anderes an: „Harmonie“ – jene Harmonie, die die Lebenswissenschaften heute als Zustand der Kohärenz, als ausgewogener Zustand verschiedener Aspekte des Lebens bzw. Funktionen des Organismus beschreiben. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen verstehen diese Harmonie zunehmend als grundlegende Voraussetzung körperlicher Gesundheit und Langlebigkeit.

 

Heute aber haben wir die Chance, nicht „nur“ Harmonie und Wohlbefinden zu finden, sondern mit dem biologischen und medizinischen Wissen des 21. Jahrhunderts auch die körperliche Gesundheit mit effizienten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sicherzustellen. Der Idealzustand, beide Aspekte auf der Basis von Wissenschaft und Forschung und auf der Grundlage evidenzbasierten Wissens miteinander zu verbinden, ist wahrscheinlich eine der großen Herausforderungen für die Medizin des 21. Jahrhunderts – bei Mensch und Tier gleichermaßen.

 

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ZukunftDenken - für die Zeit NACH der aktuellen Covid-19-Krise

16. Mai 2020

Uns allen ist bewusst: Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche und Veränderungen, die wohl niemand von uns noch vor zweieinhalb oder drei Monaten für möglich gehalten hätte. Wir leben in einer wahrhaft dramatischen Zeit – und das im vollständigen Sinne des Wortes, denn dramatische Momente zeichnen sich immer durch Widersprüche aus: Tragik beinhaltet immer auch Perspektiven.

 

Noch sind wir in der Gegenwart umgeben von zahlreichen krisenhaften Zuständen mit vielen individuellen Facetten und Tragödien, aber es wird auch ein „Danach“ geben, eine Zukunft nach der aktuellen Krise. In die Zukunft denken heißt Perspektiven schaffen, heißt Wege aufzeichnen, heißt Zuversicht und Hoffnung leben … Krisen beinhalten Chancen, weil die Tragik neue Perspektiven öffnet.

 

Wir alle ziehen auf unserem Lebensweg an unzähligen Wegweisern vorüber. Allzu oft aber lassen wir diese Hinweise unbeachtet am Rande liegen, allzu oft nehmen wir nur einen kleinen, sehr begrenzten Teil dessen, was uns an und auf diesem Lebensweg begegnet, wirklich bewusst wahr. Irgendwann stehen wir alle – jeder für sich auf seinem ganz individuellen Weg – unweigerlich vor einem unübersehbaren Stopp-Schild, das uns kompromisslos Einhalt gebietet, das zum Innehalten und Nachdenken zwingt, und das uns nicht zuletzt die Möglichkeit der freien Entscheidung für oder gegen eine Richtungsänderung bietet. Das Außergewöhnliche ist, dass dieses unsichtbare, maximal 160 Nanometer große Virus zu einem kollektiven Stopp-Schild für uns alle wurde und zu einer jähen Unterbrechung des gewohnten Lebens auf allen Ebenen führte.

 

In der Zeit NACH Corona wird niemand von uns in die Normalität VOR Corona zurückkehren. Das hat erst einmal gar nichts mit gewohnter oder neuer Normalität, mit behördlichen Regeln oder Sicherheitsmaßnahmen zu tun, sondern vielmehr mit den neuen Erfahrungen, die wir alle gemacht haben: Wir haben existentielle Ängste kennengelernt, die viele von uns sicher in dieser Form nicht kannten, wir haben außergewöhnliche Situationen gelebt, die niemand sich hätte vorstellen können, und wir haben in all diesen Veränderungen vielleicht auch ungeahnte Möglichkeiten erkannt … All das fließt in unsere eigene Lebensgeschichte ein und ist jetzt ein neuer Teil von uns selbst, unserer Lebensgeschichte, unseres Denkens und unserer Persönlichkeit geworden. Und so steht jeder von uns ganz für sich und damit wir alle gemeinsam am Anfang einer neuen Zeit NACH Corona. Das stellt viele zweifellos für große Herausforderungen, das birgt zahllose Schwierigkeiten – und gleichzeitig eröffnet es Chancen und Möglichkeiten, die zu suchen und zu nutzen unser aller große Aufgabe sein wird. Vergessen wir auch angesichts der größten Probleme nie, dass das in letzter Konsequenz durchaus etwas sehr Positives sein kann, etwas, was unser Leben auch reicher macht. Denken wir an einen der bekanntesten Verse des großen Schweizer Dichters Hermann Hesse: „… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“ …

 

Die Bilder, die Nachrichten, die Situationen der letzten Wochen und Monate waren und sind eindringlich, prägend und unvergesslich für alle Generationen, die sie gerade in den unterschiedlichsten Lebensphasen erleben: Was können wir mitnehmen? Was bleibt? Wo können wir in der Tragik die Perspektive finden?

 

Wir sind den einzig sinnvollen und verantwortbaren Weg gegangen und haben uns auf breitest denkbarer gesellschaftlicher Übereinkunft entschieden, zuerst kompromisslos die Gesundheit und das Leben in den Mittelpunkt der Krisenbewältigung zu stellen und damit das demokratische Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen – auch wenn andere Grundrechte dafür für einen begrenzten Zeitraum scheinbar in den Hintergrund treten mussten. Mit dieser Vorgangsweise haben wir zugleich ein bedingungsloses und richtungsweisendes Bekenntnis zur Menschenwürde abgelegt …

 

Wir tragen die verstörenden Bilder der Militärkolonnen in uns, die die Leichen aus dem norditalienischen Bergamo Richtung Süden transportierten – und gleichzeitig die Bilder der italienischen Küsten, wo Delfine ihren Lebensraum zurückerobern, und das glasklare Wasser, das uns erstmals den LEBENSgrund der venezianischen Kanäle sehen ließ …

 

Wir hören die Nachrichten aus österreichischen Spitälern: von unendlichem menschlichem Leid, wenn Sterbende und ihre Familien auf Grund der Infektionsgefahr nicht voneinander Abschied nehmen können – und ebenso Berichte, dass junge Mütter und Neugeborene sich deutlich schneller erholen und die medizinischen Komplikationen im Wochenbett signifikant abgenommen haben, auf Grund der Ruhe und Konzentration auf die in diesem Moment wesentlichen Dinge, die das Besuchsverbot mit sich brachte …

 

Wie selten zuvor haben wir die positiven Aspekte und den praktischen Nutzen der Digitalisierung gesehen. Wir konnten (und können) viele Dinge des alltäglichen Gebrauchs in den Online-Shops österreichischer Unternehmen bestellen und damit den notwendigen Richtlinien zur Eindämmung des Virus entsprechend handeln. Wir konnten über Bildtelefon und zahllose Kommunikationskanäle Kontakt zu Freunden und Familie halten und das Social Distancing manchmal auf ein Physical Distancing – noch immer herausfordernd genug – reduzieren. Auf der anderen Seite stehen Fake News und Verschwörungstheorien, die in dieser Pandemie kein Spiel sind, sondern Leben kosten, und die sich nur auf Grund der digitalen Kommunikation und der sozialen Medien in dieser existenzbedrohenden Form und Geschwindigkeit verbreiten können. Überdeutlich erkennen wir darin, wir wichtig für unser Zusammenleben ein umfassendes Kommunikationsverständnis ist, das Verstehen grundlegender Zusammenhänge der Logik, aber auch Empathie und Mitgefühl und wie wesentlich diese Fähigkeiten für unser aller Zukunft sind …

 

Viele von uns haben auf einmal Zeit – scheinbar im Überfluss und vor allem völlig unfreiwillig. In vielen Bereichen können wir unseren Beruf, der uns neben einer gesicherten Existenz auch Erfüllung und Befriedigung bot, aktuell – und in manchen Branchen voraussichtlich noch über Monate hinweg – nicht ausführen. Und gleichzeitig sehen wir: Wenn alte Strukturen wegbrechen, entsteht zugleich Raum für Neues. Aber erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse in materieller Hinsicht abgesichert sind, können wir diese Chancen sehen und mit Kreativität füllen. Erst dann ist der Kopf frei, und wir können diese Zeit, die Teil unserer wertvollen Lebenszeit ist, nutzen, um neue Wege einzuschlagen, neue Potenziale zu entdecken, mit denen sich ein ebenso kreativer wie nachhaltiger Beitrag zu unserem gemeinsamen Dasein auf dieser Welt gestalten lässt …

 

Nutzen wir die Zeit – zum ZukunftDenken! Um Perspektiven einer Zukunft zu entwickeln, in der wir ganz selbstverständlich genauso wie durch unser lebensrettendes Verhalten in den letzten Wochen unser Bekenntnis zur Menschenwürde tagtäglich leben ...

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Kommentare

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  • Bärbel Backhove (Sonntag, 17. Mai 2020 05:58)

    Wie immer hervorragend. Alles auf den Punkt gebracht.

  • Margarete Bayer (Samstag, 16. Mai 2020 21:11)

    So wertvolle Gedankenanregungen!