ZukunftLesen - Buchblog

"Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben!"

(Albert Einstein)

 

In  "ZukunftLesen" gibt's regelmäßig Lesetipps zu den unterschiedlichsten Fragen und Problemen, die die aktuelle gesellschaftliche Diskussion und unsere Zukunft bestimmen ... vielfältig, aber stets aus dem Blickwinkel von Verantwortung und (Menschen-)Würde ...

 

 

23. September 2021

Christian Vagedes: „Die vegane Revolution. Gesünder leben, Tiere retten und den Planeten schützen“

Westend Verlag 2021. ISBN 978-3-86489-288-2

 

Der Titel ist mehr als berechtigt! Christian Vagedes neues Buch fordert tatsächlich nicht weniger als eine Ernährungsrevolution – und zugleich nicht mehr als einen Lebensstil, der dem One Health-Gedanken entspricht und der die einzige Rettungschance für unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten ist. Dabei weiß der Autor sehr genau, wovon er spricht und belegt einmal mehr, dass nahezu jede progressive auf Veränderung und Erneuerung angelegte gesellschaftspolitische Forderung evidenzbasiert argumentiert ist und durch unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse, deren Verbindlichkeit zu den Grundlagen der Demokratie gehört, belegt ist. Man kann auch sagen: Progressiv ist hier das neue Konservativ – im wahrsten Sinne des Wortes, bedeutet das lateinische Wort „conservare“ doch „bewahren“, „retten“ und „schützen“. Also: Verinnerlichen wir gemeinsam den heute noch revolutionär scheinenden Überlegungen und Forderungen des Autors, die morgen unsere alltägliche Realität sein werden, und schützen das, was das Leben des Menschen auf dieser Erde auch in Zukunft garantiert. Christian Vagedes ist prädestiniert, diese Zusammenhänge aufzuzeichnen: Der Designer, Verleger und Komponist, der sich seit Jahren gesellschaftspolitisch engagiert, hat den veganen Aufbruch in Deutschland maßgeblich angeregt und mitgestaltet.

 

In „Die vegane Revolution“ scheut Christian Vagedes keineswegs davor zurück, die Probleme in einer markanten, hier und da bewusst provozierenden Sprache zu skizzieren – egal ob es dabei um die an der Supermarktkasse alltägliche breite Unterstützung der Machenschaften der Lebensmittelindustrie geht oder um die Jägerei, die er in Übereinstimmung mit einem Zitat des ersten deutschen Bundespräsidenten, des Liberalen Theodor Heuss, als „Nebenform der menschlichen Geisteskrankheit“ betrachtet. Und gleichzeitig sieht Christian Vagedes verständnisvoll und wohlwissend um die menschlichen Empfindungen Lichtblicke, wenn er sich dem Umstand widmet, dass ein Großteil der Menschen vor dem Tierleid und den Realitäten des Schlachthofs und der Fleischindustrie die Augen verschließt: „Das will ich gar nicht hören. Das will ich gar nicht wissen. Der wahre Schmerz, den wir verdrängen, ist doch gar kein schlechtes Zeichen für uns Menschen. Er drückt nämlich im Gegenteil die Wahrheit aus, dass wir das Tierleid nicht wollen. (…) Deshalb und nur deshalb haben wir im Lauf der Jahrzehnte die Schlachthäuser aus den Innenstädten verbannt. Weil das keiner sehen wollte und in Wirklichkeit ein mitfühlender Mensch auch nicht mehr ertragen möchte.“

 

Ein breiter Umstieg auf eine vegane Lebensweise ist für Christian Vagedes die Basis und die Grundvoraussetzung für einen grundlegenden Wandel, eine These, die sich mit Daten der Universität Oxford auch in harte Zahlen übersetzen lässt: So entspricht die CO2-Einsparung durch den Umstieg auf eine vegane Ernährung pro Jahr acht Flügen zwischen Berlin und London. Und wieder richtet sich der Blick de Autors nach innen, auf die individuelle Empfindsamkeit jedes einzelnen: „Die Klimaerwärmung können wir ganz sicher nur dann aufhalten, wenn wir Herzenswärme zulassen. Dafür müsste jeder Einzelne von uns einen inneren Klimawandel durchlaufen.“

 

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16. September 2021

Ina Schmidt: „Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft“

Edition Körber, Hamburg 2021. ISBN 978-3-89684-285-5

 

Philosophische Literatur hat stets ihren eigenen Stil, ihre eigenen Herausforderungen – seit Jahrhunderten und Jahrtausenden. Dabei macht auch die jüngste Publikation der deutschen Philosophin und Publizistin Ina Schmidt zum vieldiskutierten Thema der Verantwortung keine Ausnahme. Philosophische Schriften scheinen zunächst einmal nur theoretisch, und es dauert ein wenig, sich soweit in ein Gedankengerüst einzulesen, dass man schließlich die Essenz und damit seine ebenso lebensnahe wie gesellschaftsrelevante Botschaft erkennt.  Das ist bei Ina Schmidt nicht anders, und letztendlich ein besonders intensives Erlebnis, verspricht doch bereits der Titel eine hochaktuelle Thematik: „Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft“ greift zentrale Begriffe der gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussionen auf, und die Philosophin hat einiges dazu zu sagen.  

 

Schmidt distanziert sich in ihrer Definition von Verantwortung durchaus von einer langen männlich dominierten Tradition der deutschen Philosophie: „Verantwortung soll hier nicht als moralische Einschränkung eines bestehenden Sittengesetzes oder strenge Pflichterfüllung qua Regelkatalog verstanden werden, die wir uns mühsam über Reflexion und kognitive Erkenntnisse erarbeiten müssen, sondern als ein uns innewohnendes Streben, das Gute zu wollen.“ Angesichts der fortschreitenden Erkenntnisse der Natur- und Lebenswissenshaften, denen die Philosophie ebenso wie die Geisteswissenschaften meist ein wenig nachhängt, ist die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, prinzipiell eines der letzten – vielleicht das letzte Merkmal, das den Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet. Schmidt sagt es weniger unvermittelt und bezeichnet das Streben nach dem Guten – ihrer Definition folgend also das verantwortungsvolle Handeln – als bedingungslosen Bestandteil der conditio humana. Und macht es der Menschheit mit diesem weitfassenden Verständnis durchaus leicht, sich in der Definition wiederzufinden …  

 

Neben ihrer eigenen Position bietet Ina Schmidt mit diesem Buch auch einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte, betrachtet den ethischen Ansatz der antiken Stoa ebenso wie die Überlegungen des dänischen Philosophen und Schriftstellers Sören Kierkegaards oder die Thesen der Gegenwartsökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel. Aktuell und lebensnah werden Schmidts Aufzeichnungen dabei natürlich auch durch die beständigen Bezüge zu den großen Themen unserer Zeit: die Klimakrise, die Pandemie, ein entfesseltes Finanzsystem, das „Wirecard“ möglich macht. „Aber auch hier gilt es sich zu fragen, welche Möglichkeiten ein System eröffnet, das bestimmte Handlungsweisen als erfolgreich belohnt, die sich gerade nicht von moralischen Grundsätzen leiten lassen“, bezieht die Philosophin deutlich Position.

 

Am Ende steht bei Ina Schmidt mit einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft das Prinzip Hoffnung: „Treten wir also einen Schritt zurück und lernen, das ganze Bild zu sehen: unsere Erde, unser Leben, wie klein das vermeintlich Große ist, wie verletzlich – und wie sehr auf ein menschliches Empfinden der Fürsorge angewiesen, das genau dafür Verantwortung zu übernehmen bereit ist.“

 

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30. August 2021

Dr. Eckart von Hirschhausen:  „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“

dtv, München 2021. ISBN 978-3-423-28276-5

 

Hirschhausens neuestes Werk ist anders. Der Bestseller-Autor, der bisher stets mit seinem bedingungslos positiven Weltbild punktete und mit jedem Wort gezielt gute Laune zu versprühen schien, zeigt sich diesmal skeptischer, kritischer, besorgter – dem Thema durchaus angemessen, geht es in „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ doch um nicht mehr und nicht weniger als unser aller Gesundheit. Und damit sind nicht nur wir Menschen gemeint, sondern ebenso unsere Heimat, die Erde. Gleichzeitig ist der Titel dennoch auch „typisch Hirschhausen“, denn es gelingt dem Arzt, Kabarettisten und Publizisten hier einmal mehr in gewohnter Manier, tiefe Wahrheiten in schlichter Einfachheit zusammenzufassen und auszusprechen. Das ist Hirschhausens großes Verdienst – auch und gerade in diesem Titel, der viele der großen Themen unserer Zeit in nicht unbedingt überraschende Zusammenhänge stellt – zumindest nicht für diejenigen Leser, die sich bereits länger mit der Materie beschäftigen, der aber mit Sicherheit die unübersehbaren und offensichtlichen Querverbindungen logisch und nachvollziehbar aufzeichnet, und gerade dadurch eine besondere Überzeugungskraft gewinnt.

 

Hirschhausen zeichnet Widersprüche auf, Paradoxien unseres gelebten Alltags, stellt scheinbare Selbstverständlichkeiten in Frage und gelangt so zu der Überzeugung, dass wir alle, die wir besser und länger leben als jede Generation vor uns, es soviel schöner haben könnten – und vor allem gesünder. An Handlungsoptionen mangelt es nicht: „Ein Anfang könnte sein: Geld für das richtige auszugeben. Warum stecken wir Milliarden in die Werbung für Lebensmittel, die als Mittel zum Leben nicht taugen? (…) Außerdem müssen die Lebensmittelpreise die Produktions- und Umweltkosten ehrlich widerspiegeln. Wir Deutsche geben mur einen recht geringen Anteil unseres Einkommens für Essen aus. Dabei sollte uns gutes Essen etwas wert sein. Weiterhin sind soziale Maßnahmen nötig, um eine anhaltend schlechte Ernährung in einkommensschwachen Gesellschaftsschichten zu vermeiden. Und schließlich ist eine wirksame Steuerung der Land- und Meeresnutzung unabdingbar. Dazu zählen der Schutz intakter Naturgebiete, die Wiederherstellung degradierten Landes, die Abschaffung schädlicher Fischereisubventionen und die Schließung von mindestens zehn Prozent der Meeresgebiete für den Fischfang.“

 

Große Passagen des Buches basieren auf Gesprächen und Treffen mit renommierten Vordenkern und Vorbildern im Kontext der Klimathematik. Eckart von Hirschhausen zeigt, was die globalen Krisen unserer Zeit für die Gesundheit von jedem Einzelnen von uns bedeuten und gelangt letztlich zu einem Fazit, das die Sorgen um die Zukunft des Planeten nicht relativiert, sondern zu einer eklatanten Überlebensfrage der Menschheit macht: „Wir müssen nicht die Erde retten, sondern uns“, sagt Hirschhausen und argumentiert auch in diesem subjektiv-persönlichen Sachbuch gewohnt leidenschaftlich und pointiert, wenn er beispielsweise vom „kollektiven Selbstmord der Menschheit“ spricht. Dabei macht er den Leser immer wieder auf allzu menschliche und damit weit verbreitete Gewohnheiten aufmerksam, die den Notwendigkeiten unserer Zeit oft diametral entgegenstehen. „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben, … wenn wir so viel Ahnung hätten wie Meinung“ ist eine ebenso unverhohlene wie berechtigte Kritik an gesellschaftlichen Positionen und politischen Statements, die blind gegenüber jeglicher Evidenz keinerlei Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten (wollen).

 

Abgesehen vom lesens-, wissens- und verinnerlichungswerten Inhalt: Der Titel gehört zu einem der graphisch ganz besonders gelungenen Bücher, in dem zum einen wesentliche Informationen übersichtlich und optisch eindringlich zusammengefasst sind, in dem aber ebenso subtile Elemente und Farbschattierungen der Dringlichkeit der Thematik ein lebendiges Gesicht geben.

 

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3. August 2021

Theresa Leisgang, Raphael Thelen:

„Zwei am Puls der Erde. Eine Reise zu den Schauplätzen der Klimakrise – und warum es trotz allem Hoffnung gibt“

Goldmann Verlag, München 2021. ISBN 978-3-442-31596-3

 

Was als Reise zweier Auslandsjournalisten beginnt und als intensive Recherche vor Ort geplant war, endet schließlich Monate und eine Pandemie später als Reise zu sich selbst, in das eigene Handeln und Verstehen, um der Klimakrise und – mehr oder weniger damit verbunden – allzu vielen Unzulänglichkeiten und Problemen dieser Welt zu begegnen.   

 

Theresa Leisgang und Raphael Thelen schildern in „Zwei am Puls der Erde“ entwaffnend ehrlich ihre Eindrücke und Gefühle, ihre Ängste und Hoffnungen während einer Reise, die in Südafrika begann, dann durch den Ausbruch der Pandemie jäh unterbrochen wurde und schließlich am nördlichen Polarkreis endete. Alle Klimazonen wollten die Journalisten durchreisen, die Probleme vor Ort verstehen und sehen, wie die Menschen ihnen begegnen. Die Unterbrechung der Reise sollte das Unterfangen keineswegs verhindern, im Gegenteil: Sie verliehen den ursprünglichen Plänen eine neue und unerwartete Dimension. Sehr persönlich, manchmal fast tagebuchähnlich, schildern die beiden Autoren die eigene Einsicht, wie sehr sie selbst Teil des Systems sind, und die aktive Suche nach Alternativen. Neue Handlungsmöglichkeiten offenbaren sich durch neue Lebensformen, und am Ende gelangen die immer evidenzbasiert arbeitenden und argumentierenden Journalisten zu einer ebenso überraschenden wie berührenden Antwort, die ihr Leben verändert – und auch am Leser keineswegs spurlos vorüberzugehen vermag.

 

So wie die Herangehensweise verändert sich auch der thematische Schwerpunkt des Buches: Am Anfang stehen entsprechend den ursprünglichen Plänen die Probleme im Mittelpunkt, die der Klimawandel mit sich bringt, der kein Lehrstück und keine disruptive Utopie wissenschaftlicher Literatur ist, sondern stattfindet: hier und jetzt. Theresa Leisgang und Raphael Thelen berichten von den Bränden in Südafrika, von Wassermangel, der den Alltag der Menschen prägt, skizzieren die physikalischen Zusammenhänge zwischen den Klimaveränderungen und den Problemen. Pandemiebedingt zurück in Berlin und schließlich in Großbritannien werden neben den Klimafragen soziologische Überlegungen zum weiteren Schwerpunkt. Über die physikalische, naturwissenschaftliche Ebene hinaus taucht der Leser tief in die Gedanken und Vorstellungen alternativer Lebensformen ein – eine unerwartete und im Grunde höchst willkommene und vor allem wertvolle Chance, gemeinsam mit den Autoren das eigene Leben und Handeln zu hinterfragen, eventuell anzupassen. Leisgang und Thelen verstehen ihre Gedanken als „Einladung, eine neue Welt zu denken und zu erschaffen; wie eine Krebskranke, die sich nach der Diagnose genau überlegt, was ihr eigentlich wíchtig ist, und ihr Leben entsprechend umkrempelt. Auch wenn es zu spät sein könnte, zu alter Gesundheit zurückzukehren, ist die Klimakrise unser globaler Weckruf, alles infrage zu stellen und die Welt neu zu denken – und dann unseren Platz darin zu finden, als Gleiche unter Gleichen, gehalten, verbunden und lebendig.“

 

Die beiden Autoren haben die Lektion, die diese Reise ihnen bot, verstanden und gelangen am Ende, als sie das Nordpolarmeer erreichen, zu einer unerwarteten Botschaft. Selbst verwundert über ihre Gefühle, über das Ausbleiben der Wut über die Zerstörungen des Planeten durch die Industriestaaten, nutzen sie die Chance, zu einer neuen Lebensweisheit zu gelangen. Die Erkenntnis, dass Angst letztlich immer die Liebe zum Leben zugrunde liegt, wird zum neuen „Prinzip Hoffnung“, denn auch angesichts aller dramatischen Facetten der Klimakrise: „Wie können uns dafür entscheiden, die Welt gemeinsam zu gestalten. Wir beide haben auf dieser Reise erlebt, wie schön das sein kann. In Kapstadt, in Beira, im Haus des Wandels, in Großbritannien und der Arktis haben wir gesehen, welche Kraft aus Gemeinschaft entstehen kann. Gemeinschaften machen uns nicht nur stärker, in ihnen liegt auch die Lösung vieler Krisen, denn wenn ich aus Offenheit heraus handle, schaffe ich damit auch für andere neue Räume, sich zu öffnen, ich bekomme, was ich gebe. Liebe ist der ultimative Ausdruck für den Kreislauf des Lebens.“

 

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18. Juli 2021

Marica Bodrožić:

„Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge“

Otto Müller Verlag, Salzburg 2021, ISBN: 978-3-7013-1287-0

 

Als im Frühling 2020 die Welt zum Stillstand kam und auch die Erde durchzuatmen schien, las Marica Bodrožić zwei Monate lang auf ihrem Balkon jeden Abend Rilkes Gedicht „Der Panther“. Diese „Pantherzeit“ fasste die renommierte Schriftstellerin in einem umfassenden Essay zusammen, der bereits jetzt zum vielleicht erfolgreichsten Buchtitel über die Corona-Zeit wurde – jedenfalls aber zu einem der tiefgründigsten und weitblickendsten. Sprachgewaltig, analytisch und poetisch zugelich schildert die Autorin die historische Zäsur: "Jetzt aber ist eine Zeitenwende da, und wir sind ihr Anfang, der anderen einmal Geschichte sein wird."

 

„Pantherzeit“, im Frühjahr 2021 sowohl auf der ORF-Bestenliste als auch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste zu finden, ist eine schonungslose Innenschau, eine Auseinandersetzung mit individuellen Befindlichkeiten im Kontext gesellschaftlicher Strömungen. Bedingungslos steht die Autorin zum Wert des Lebens und findet aus ihrer ebenso rigorosen wie poetischen, achtsamen wie politischen Position heraus zu einer leidenschaftlichen Stellungnahme, dass jeder einzelne Mensch zählt und dass sein Wert nicht verhandelbar ist. In wenigen Worten findet Marica Bodrožić zu messerscharfen Analysen der großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit, übt über eine facettenreiche Sprache schonungslose Kritik an der Gegenwart und skizziert daneben Lösungsansätze und Handlungsweisen, die als persönliche Konsequenzen Teil des großen Ganzen sind und letztendlich den Optimismus rechtfertigen, mit dem die Autorin in die Zukunft schaut: „COVID-19 ist eine kollektive Schwelle und ein schon geöffnetes Tor in einem“, schreibt  die aus dem dalmatinischen Split stammende vielfach ausgezeichnete Autorin, um ihre ebenso bedrückend-fordernden wie mitreißend-inspirierenden Gedanken am Ende in eine Hymne an das Leben fließen zu lassen: „ Das Leben ist keine Metapher, es ist auch nicht nur ein Symbol. Es ist heilig.“

 

Marica Bodrožić gibt mit „Pantherzeit“ all jenen eine Sprache, die von Empathie und Weitsicht getragen verstanden haben, dass COVID-19 international einen markanten Wendepunkt der Zeitgeschichte darstellt. Dass es nach COVID-19 kein Zurück in eine sogenannte „alte Normalität“ gibt, und dass die Karten im Jahr Eins nach Corona neu gemischt sind. Wann immer sich gesellschaftliche Ansichten ändern, ändern sich auch deren ethische Normen. Möge die Seelenlandkarte der Autorin, zu der die Innenschau dieses Titels gerät, so manchen Weg in diese neue Zeit weisen …

 

Im Februar 2021 erschienen, liegt der Titel aktuell bereits in der dritten Auflage vor und ist auch als ungekürztes Hörbuch erhältlich.

 

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7. Juli 2021

Igor Levit, Florian Zinnecker:

"Hauskonzert"

Carl Hanser Verlag, München 2021. ISBN: 978-3-446-26960-6

 

Igor Levit gehört zu den großen Pianisten unserer Zeit – und darüber hinaus zu jenen Künstlern, die mi ihrer Musik, ihrer Kunst, eine Botschaft verbinden – im Bewusstsein der gesellschaftlichen Verantwortung des Einzelnen, des Künstlers, der Kunst …

 

Levit hat eine eindeutige politische Botschaft, die sich im Jahre 2016 zunehmend manifestierte. Es war das Jahr, in dem die Briten für den EU-Austritt stimmten, in dem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewann. Seither geht das Wirken des Pianisten weit über die Musik hinaus: ER wendet sich gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen jede Art von Menschen hass. Er engagiert sich für den Klimaschutz und tritt für die Demokratie ein.

 

Im Konzertsaal werden die großen Klassiker Beethoven und Brahms zum Medium seiner Botschaft, in seinem neuen Buch „Hauskonzert“ – der Titel verarbeitet die persönliche Initiative des Pianisten, die Corona-Krise als Künstler zu überstehen – führt er zu den Motiven und Ursprüngen seines Engagements. Der Journalist Florian Zinnecker begleitete Igor Levit durch die Konzertsaison 2019/20 … entstanden ist ein Buch, das einen tiefen Einblick in den Lebensalltag eines der gefragtesten Künstler unserer Zeit gibt, das den Menschen hinter dem Medium Musik vorstellt, das vor allem die künstlerische Botschaft, die sich im Konzertsaal in Tönen offenbart, in Worte fasst.

 

Leicht lesbar berichten Künstler und Journalist in Alltagssprache aus dem Alltag – und skizzieren dabei unzählige Momente, die Lichtjahre entfernt von Alltäglichem sind, die von einem tiefen Verständnis der großen Probleme unserer Zeit zeugen und die eine Konstellation aufzeigen, die die Kunst Igor Levits mit einem Höchstmaß an Authentizität auszeichnen. Wer das Buch gelesen hat, wird die Einspielung des Pianisten der Beethoven-Sonaten mit anderen Ohren hören …  

 

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6. Juli 2021

Richard David Precht

„Von der Pflicht. Eine Betrachtung“

Goldmann Verlag, München 2021. ISBN: 978-3-442-31639-7

 

„Sätze in YouTube-Filmchen aus dem Kontext zu reißen und hämisch zu kommentieren, ist plötzlich Anstand und nicht mehr Denunziation; andere Menschen aggressiv zu beschimpfen Selbstverteidigung und Bürgerpflicht. Und auf Demos Seit an seit ausgerechnet mit Faschisten wie Neonazis und Reichsbürgern vor Faschismus zu warnen, ist kein idiotischer Widerspruch, sondern ein Gebot der Not. So lässt sich heute stolz und kühn quer gegen die Vernunft denken. Und das alles nur, um sich vor der staatsbürgerlichen Pflicht in einem medizinischen Ausnahmefall zu drücken …“ – Danke Richard David Precht, für diese unmissverständliche Deutlichkeit!

 

Aktuell, am Puls der Zeit, unvermittelt offen und ehrlich: So liest sich der neueste Titel eines der bedeutendsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. In „Von der Pflicht“ analysiert Richard David Precht das Bild, das die Gesellschaft aktuell während der Covid-19-Pandemie von sich abgibt: in gewohnter Weise scharfsinnig, raumgreifend in größerem historischem Kontext, argumentatorisch in Höchstpräzision.

 

Als „dringend notwendigen Weckruf“ bezeichnet denn auch der Verlag die Ausführungen des Philosophen, der die Zusammenhänge und Ursachen analysiert, warum der weitaus größte Teil der Menschen während der Pandemie empathisch reagierte und Rücksicht gegenüber den Schwachen und besonders Gefährdeten zeigte, während eine Minderheit sich davon entpflichtete und lautstark gegen die staatlichen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit aller Bürger rebellierte. Und dieser Weckruf ist vernehmlich, konsequent und unmittelbar verständlich: „Von der Pflicht“ ist eines der leicht lesbarsten Bücher aus der Feder des Autors – als hätte Precht bewusst einen alltäglicheren Sprachstil gewählt, um jenen die Leviten zu lesen, die sich entsolidarisieren und alle staatsbürgerlichen Anforderungen von sich weisen – ein Verhalten, das für Precht nicht zu rechtfertigen ist: „Denn was immer die Entscheidungsmotive im Einzelnen sein mögen, die Scheidelinie in der Covid-19-Frage verläuft letzten Endes zwischen Leben und Tod: so viel Leben wie möglich zu retten gegen ungehinderte Auslese, dem fahrlässigen Sterbenlassen der besonders Gefährdeten.“

 

Aber Precht kritisiert nicht nur den Ist-Zustand und stellt dem seinen kategorischen Imperativ der Pandemie entgegen, sondern begibt sich darüber hinaus auf Ursachenforschung – und wird fündig in den Widersprüchen zwischen einem Wirtschaftssystem auf der seinen Seite, das auf Konkurrenz und Wettbewerb setzt und damit Denken und Handeln der Menschen prägt, und einem liberal-demokratischen Staatssystem auf der anderen Seite, das diesem Denken diametral entgegensteht, das grundrechtlich die Gleichheit garantiert und sozialstaatlich zur Solidarität verpflichtet. „Ihre tiefste Grundierung erhält die Entpflichtung durch eine Ökonomie, die zur Entpflichtung gegenüber anderen geradezu verpflichtet, um nicht der oder die Dumme zu sein.“ fasst Precht das Dilemma dieser Realität zusammen – und stellt zugleich einen Lösungsansatz zur Diskussion, um das solidarische Band zwischen Staat und Bürger zu stärken. Die eigentliche Handlungsaufforderung aber geht an die Politik, um Freiheit, Demokratie und soziale Sicherheit auch weiterhin gewährleisten zu können: „Nur wenn das marktwirtschaftliche Individualprinzip des persönlichen Vorteilsstrebens durch ein durchdachtes Sozial- und Humanitätsprinzip ausgeglichen wird, können freiheitliche Staaten gelingen.“ Möge Prechts Weckruf nicht ungehört bleiben …

 

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25. Juni 2021

Manuela Macedonia:

„Iss dich klug! Und dein Gehirn freut sich“

Ecowin Verlag, Salzburg 2021. ISBN 978-3-7110-0272-3

 

Das Thema Ernährung ist vieldiskutiert und wird dabei aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Gesunde Ernährung verbinden wir mit einem funktionierenden Immunsystem und einem optimalen Mikrobiom. Dass aber auch die effiziente Arbeit unseres Gehirn, die wichtigste Grundlage des Lebens und von hoher Lebensqualität bis ins Alter, eng mit unserer Ernährungsweise zusammenhängt und durch das, was wir zu uns nehmen, positiv beeinflusst werden kann, war bisher ein Randthema in diesem Zusammenhang. „Iss dich klug!“, das neue Buch der Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia hat das schlagartig verändert und lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass gesunde Ernährung für ein lebenslang optimal funktionierendes Gehirn mehr ist, als hier und da ein paar Nüsse zu sich nehmen. Manuela Macedonia erklärt, wie das Gehirn von wertvoller Nahrung bis ins hohe Alter profitiert, aber auch, welchen Schaden ungesunde Kost anrichtet. Und das in jedem Moment allgemeinverständlich und in einer leicht lesbaren Sprache, auch wenn sie komplexe neurobiologische Zusammenhänge schildert, jede These und jedes Faktum medizinisch ausführlich begründet und damit wertvolle Überzeugungsarbeit leistet.

Thematische Schwerpunkte sind neben den neurophysiologischen Vorgängen, die unser Essen hervorruft – unsere Lust auf Süßes ist biologisch erklärbar! -, vor allem die Ernährung während der Schwangerschaft und wie richtige Ernährung ein Leben lang Demenz und anderen krankhaften Veränderungen des Gehirns vorbeugen kann. Dass werdende Mütter die Hirnentwicklung ihrer Kinder durch ihre Ernährung positiv beeinflussen können, thematisiert die gebürtige Italienerin, die (nicht nur deswegen) immer wieder höchst persönlich, humorvoll und sympathisch von den Vorteilen der mediterranen Küche spricht, ebenso wie die durch Botenstoffe und Hormone gesteuerten Glücksgefühle beim Essen.

Das Buch ist ein Plädoyer für eine gesunde, hirngerechte Lebensweise mit zahlreichen wissenschaftlich fundierten und erklärten Ernährungstipps! Spannend die Ausführungen über den Einfluss des Mikrobioms auf das Gehirn, über den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Emotionen, über den Einfluss von Schokolade auf die Dopaminausschüttung und von Kakaobohnen auf das Gedächtnis. „Ernährung ist kein Thema, das man wie ein Hobby behandeln darf: Sie ist die Basis unserer Gesundheit und ja, wir essen nicht für unsere Figur, wir essen für unser Gehirn!“ fasst die Autorin ihre Überzeugung pointiert zusammen. Dabei bleibt die Neurowissenschaftlerin stets realistisch und weiß, dass keine Ermahnung, keine Bedrohung das Belohnungsnetzwerk überlisten kann: Dopamin ist der Hauptdarsteller in diesem Zusammenhang, und Manuela Macedonia erklärt ausführlich, warum die Suche nach guten Gründen, die zu einer gesünderen Ernährung motivieren, schwierig ist. „Bei vielen hilft Belohnung durch Verliebtheit.“ Lebenserfahren und inspirierend nimmt Manuela Macedonia ihre Leser mit auf eine ebenso tiefgründige wie unterhaltsame wissenschaftliche Exkursion in die Arbeit des Gehirns und wie wir diese tagtäglich durch eine bewusste Ernährung unterstützen können - und es nach der Lektüre dieses Buches vielleicht auch voller Überzeugung endlich tun!

 

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25. Mai 2021

Paul Ivić: „Restlos glücklich.

Klimafreundlich, nachhaltig, vegetarisch & vegan“

Christian Brandstätter Verlag, Wien 2021. ISBN 978-3-7106-0418-8

 

Heute ganz was anderes: Ein Kochbuch von Europas bestem vegetarischem Koch, dessen Restaurant TIAN den Olymp der vegetarischen Küche erreicht hat. Weltweit gibt es nur zehn vegetarische Restaurants im Michelin-Sterneclub. Das TIAN in Wien gehört seit 2014 dazu und ist das erste vegetarische Restaurant mit vier Hauben von Gault Millau. Auch das zweite Restaurant von Paul Ivić, das TIAN in München, darf sich seit 2019 mit einem Stern schmücken.

 

Paul Ivić, erklärterweise ein großer Befürworter biodynamischer Landwirtschaft und Kritiker genmanipulierter Lebensmittel, vereint in „Restlos glücklich“ einen tiefen Einblick in seine Weltsicht verbunden mit unzähligen Rezepten, die so einfach sind wie sie scheinen: Im Mittelpunkt steht stets der Wert, der Charakter und die individuelle Eigenheit des Lebensmittels. Mit wenigen Zutaten zubereitet, laden die leicht beschriebenen Rezepte ebenso wie die hochwertigen Bilder, die ihre Wirkungskraft genau wie die Gerichte selbst gerade aus ihrer bedingungslosen Schlichtheit schöpfen, zum Nachkochen ein – und zum sorgsamen Umgang mit wertvoller Nahrung, denn der preisgekrönte Koch folgt nicht nur im Denken, sondern auch im alltäglichen Tun dem biologischen Grundsatz der Natur, nichts unverwertet zu lassen. So finden sich unter den Kreationen auch zahlreiche Ideen, vermeintlichen „Bioabfall“ wie beispielsweise Blattwerk oder Schalen zu verwerten und in geschmacksintensive Zutaten für eigenständige Kreationen zu verwandeln. „Den Wert der Lebensmittel zu erkennen, dafür möchte ich sensibilisieren, also auch den Wert der Blätter, der Stiele, der Stängel, die sonst in der Mülltonne gelandet werden“, umschreibt der Autor sein Ziel und spricht außerdem deutlich aus, dass eine Reduktion des Fleischkonsums heute nichts mehr mit Nachhaltigkeit zu tun hat, sondern schlicht ein Akt reiner Vernunft ist. Darüber hinaus stehen Tipps und Tricks zum Konservieren neben dem jahreszeitlichen Aspekt, die richtigen Rezepte im richtigen Moment zu nutzen und damit die Grundanforderungen an eine moderne Küche im 21. Jahrhundert – Regionalität und Saisonalität – zu erfüllen.

 

Paul Ivić lädt ein zu einer anderen Art des Kochens – immer getreu seiner am Ende des Buches formulierten Grundüberzeugung, dass „Veränderung nicht zwingend Verzicht bedeutet“ … Im Gegenteil: Der bewusste Umgang mit Lebensmitteln eröffnet neue Horizonte. Untrennbar verbunden mit einer respektvollen Wertschätzung von Natur, Mensch und Tier wecken Ivićs Ausführungen Sehnsüchte und Emotionen: „Und plötzlich war er wieder da, dieser Moment, diese Empfindung von „echtem“ Geschmack, der Duft von Frische, das Aroma eines Lebensmittels, das würdevoll, verantwortlich und mit Respekt hergestellt worden war.“ – So schildert der Autor eines seiner tiefgreifenden persönlichen Erlebnisse, das seine Überzeugung stärkte, seinen Weg als den richtigen und einzig verantwortbaren zu betrachten. Der leidenschaftliche Koch versteht es, beim Durchblättern und Lesen des Buches seine Botschaft von Emotionen, Geschmackserlebnissen und entsprechenden Glücksmomenten erlebbar zu machen – und eine Einladung zum Nachkochen auszusprechen, die zugelich eine Einladung ist, das eigene Handeln auf mehr Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt auszurichten. Eine Einladung, das echte Erleben von Glück und Harmonie wiederzufinden: in den einfachen Dingen unserer nächsten Umgebung – und nicht zuletzt in unserem eigenen verantwortlichen Handeln ... in uns selbst.  

 

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20. Mai 2021

Gerald Hüther: „Lieblosigkeit macht krank. Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden“

Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021. ISBN 978-3-451-60099-9

 

Erst jüngst erschienen, und bereits ein Bestseller –mit Sicherheit verdienterweise: In seinem neuen Buch „Lieblosigkeit macht krank“ legt der renommierte deutsche Hirnforscher und Neurobiologe Gerald Hüther den Finger in die Wunde unserer Zeit, die auch die modernste Medizin und das beste Gesundheitssystem allein nicht zu heilen vermögen, denn sie können immer „nur“ die unverzichtbare Anregung, Unterstützung und Initiale für die Selbstheilungskräfte des Organismus sein. Diese Selbstheilungskräfte werden durch unser Gehirn gesteuert – in einer fein differenzierten Funktionsweise und mit zahlreichen Prozessen, deren physiologischer Ablauf durch unsere Emotionen und unser Mindset empfindlich gestört werden kann.

 

Hüther bezeichnet in seinem neuen Titel die vorherrschende Lieblosigkeit uns selbst und anderen gegenüber als den zentralen Störfaktor dieser fundamentalen Lebensfunktionen – und gelangt so nicht nur zu einem hochwertigen und in jedem Moment evidenzbasierten Gesundheitsratgeber, sondern ebenso zu einem fundamental gesellschaftskritischen Blick auf eine Weltordnung, die von ökonomischen Zwängen und Konkurrenzdenken beherrscht den urmenschlichen Grundbedürfnissen von Verbundenheit und Selbstentfaltung diametral entgegensteht. „Besonders leicht fällt die Verletzung ihrer körperlichen Bedürfnisse all jenen Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass der Wettbewerb ein Naturgesetz ist und es daher darauf ankommt, besser, schneller, effektiver als alle anderen zu sein. Diese Personen haben dann noch ein zusätzliches, fortwährend Inkohärenzen in ihrem Gehirn erzeugendes Problem: Konkurrenz ist das Gegenteil von Verbundenheit. Sie zerstört zwangsläufig das Band, das Menschen miteinander verbindet, und macht sie zu Einzelkämpfern, die ihre Interessen auf Kosten anderer durchsetzen.“ Hüther nennt und beschreibt so die Quellen chronischer Erkrankungen und findet Antworten auf die scheinbar unerklärlichen Gründe dafür, dass gerade in Ländern, in denen die Wirtschaft blüht und der Wohlstand wächst, auch die Zahl chronisch erkrankter Menschen beständig steigt. Dabei ist es vor dem Hintergrund dieses neurobiologischen Wissens kein Wunder, dass immer mehr Menschen in einer von Druck und ökonomischen Zwängen dominierten, zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt krank werden – nicht nur seelisch, sondern in der Folge auch körperlich.

 

Lösungswege für diese Problematik gibt es durchaus – für jeden einzelnen: Umfassend beschreibt Hüther Möglichkeiten der Veränderung, Möglichkeiten, die eigene „Reset-Taste“ und damit zu einer echten Veränderung zu finden. Mehrere Eingangstore führen in eine derartige Wandlung, eines der wohltuendsten und tiefgreifendsten sind vermutlich die von Hüther beschriebenen „Sternstunden im Leben eines Menschen“, berührende Begegnungen und Erfahrungen, an deren Ende die Bereitschaft, in die bisherigen Lebensmuster zurückzukehren bzw. diese fortzusetzen, nicht mehr gegeben ist. Wieder erinnert der Neurobiologe hier an den Begriff der Würde, der einen zentralen Raum in seinem Denken einnimmt. Wer in der Lage ist, seine eigene Würde zu bewahren, verfügt über einen „inneren Kompass“, der das Denken, Fühlen und Handeln zu einer kohärenten widerspruchsfreien Einheit werden lässt. Hüther fasst sein Lebensrezept in einer denkbar einfachen Formel zusammen: „Einfach nichts mehr zu tun, was ihm selbst nicht guttut, ist das Geheimnis jedes glücklichen und gesunden Menschen.“

 

Hüther bietet mit seinem neuen Buch einen Wegweiser zu einem Dasein im Bewusstsein der eigenen Würde, ein Weg, der das einzelne Individuum gesunden lässt – an Leib und Seele. Menschen, die diesen Weg gehen, sind nicht mehr verführbar … weshalb dieser Ansatz der individuellen Gesundung folgerichtig auch zu einem Gesundungsprozess an der Basis der demokratischen Grundordnung unserer Gesellschaft führen könnte.

 

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22. April 2021

Dr. Marcus Täuber: „Falsch gedacht! Wie Gedanken uns in die Irre führen und wir mit mentaler Intelligenz zu wahrer Stärke gelangen“

Goldegg Verlag GmbH, Wien 2021. ISBN 978-3-99060-208-9

 

Vom Intelligenzquotienten reden alle. Darüber hinaus breitet sich die Erkenntnis aus, dass emotionale Intelligenz eine der wesentlichsten Voraussetzungen für ein zufriedenes und harmonisches Leben ist. Marcus Täuber widmet sich in seinem neuen Buch „Falsch gedacht!“ zudem dem noch jungen Begriff der „mentalen Intelligenz“. Mentale Intelligenz ist die Grundvoraussetzung dafür, eigene Gedanken wahrzunehmen, zu kontrollieren und im Sinne unserer Ziele und Wünsche optimal zu nutzen. Damit wird sie zu einem entscheidenden Faktor für ein selbstbestimmtes Leben und hilft, evolutionären Denkweisen und Mechanismen des Gehirns, die in der Steinzeit angemessen waren, aber in der Realität des 21. Jahrhunderts durchaus hinderlich sein können, aufzudecken und zu durchbrechen.

 

Marcus Täuber ist einer der bekanntesten Neurowissenschaftler unserer Zeit. Als Lehrbeauftragter mehrerer Hochschulen und Leiter des „Instituts für mentale Erfolgsstrategien“ in Wien vermittelt er unter dem Slogan „Brainchanging is Gamechanging“ Erfolgswissen aus der Hirnforschung. Fernab des wissenschaftlichen Elfenbeinturms erläutert er gegenwartsbezogen und praxisnah Zusammenhänge, die oft so leicht und selbstverständlich scheinnen, die aber erst dann funktionieren und ihre positive Wirksamkeit entfalten können, wenn sie zur bewussten Strategie werden, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

 

„Falsch gedacht!“ ist interaktiv angelegt. Täuber gibt nicht nur zahlreiche praktische Tipps, sondern lädt immer wieder zu erhellenden Selbst-Experimenten ein, die durchaus in der Lage sind, bei dem ein oder anderen Leser einen nachhaltigen AHA-Effekt hervorzurufen, die aber jedenfalls unmittelbar zeigen, von welch hoher praktischer Relevanz das umfassende Wissen der aktuellen Hirnforschung für das Denken und Leben jedes/r einzelnen von uns sein kann.

 

Ausführlich erläutert der Neurobiologie, wie Denken funktioniert und welche Auswirkungen über Jahre und Jahrzehnte gelernte – verinnerlichte Mythen auf unseren Alltag haben. Und welch befreiende Wirkung sich entfaltet, wenn wir mit einer kleinen und in jedem Moment angenehm zurückhaltenden Hilfestellung des Autors nahezu vollkommen selbstständig erkennen, welche Blockeden wir unserem Denken oftmals selbst auferlegen und wie wir damit unserer Persönlichkeitsentwicklung und nicht zuletzt auch unserer Gesundheit selbst im Wege stehen. Täuber gelingt es dabei immer wieder, einen Perspektivenwechsel zu initiieren, der das Verhältnis von vermeintlichen Problemen und anhaltender Lösungssuche durchaus auf den Kopf zu stellen vermag, denn allzu oft bricht eine veränderte Sicht und Denkweise den Kreislauf auf: „Neurobiologisch passiert beim Verzeihen Folgendes: Wir bilden Erfahrungen, indem wir Bilder von Ereignissen mit Emotionen beladen. Es entsteht ein Super-Nervennetz, das sich bei jeder Erinnerung aktiviert und so Gefühle auslöst. Wenn es uns gelingt, ein inneres Bild von negativen Gefühlen zu entkoppeln, bleibt nur die Tatsache, dass wir etwas erfahren und gelernt haben. Eine Erinnerung ohne belastendes Gefühl – das ist pure Weisheit. Seien wir also froh, dass unser Gehirn nicht vergisst und dass Verzeihen mit Vergessen rein gar nichts zu tun hat.“ Denn Weisheit ist schlicht das, was am Ende auch einfach Glück nennen können …

 

„Falsch gedacht!“ ist damit eine ebenso fundierte wie praxisnahe Lebensschule – und unterscheidet sich in seinem Ansatz fundamental von vielen Mythen und Glaubenssätzen, die Mentaltraining vielfach auszeichnen. Erfolg beginnt im Kopf, ja, zweifellos! Aber der zielführende Weg geht über die Fähigkeit, unser Denken gezielt und bewusst einzusetzen. Täuber nimmt den Leser in seinem neuen Buch mit auf eine spannende Reise in die Möglichkeiten der mentalen Intelligenz …

 

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11. April 2021

Per Molander: „Condorcets Irrtum. Warum nur ein starker Staat die Demokratie retten kann“

Westend Verlag, Frankfurt am Main 2021. ISBN 978-3-86489-241-7

 

Tiefgründig, umfassend, gesellschaftskritisch – Per Molanders Buch ist eine umfassende Aufarbeitung der gesellschaftspolitischen Gegenwart in Europa. Die großen Fragen unserer Zeit – insbesondere Fragen der Bildung, der Wirtschaft und Sozialethik – werden im Kontext zu den europäischen Wurzen der Aufklärung analysiert.

 

Im Hintergrund steht dabei letztlich immer die Frage der Menschlichkeit, die sich in den zentralen Momenten von Verantwortung und Moral manifestiert. Wie beeinflussen Wirtschaft und Ökonomie den moralischen Gehalt und sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft? Wenn weniger Kooperation ein Ergebnis wirtschaftlichen Handelns und ökonomischen Denkens ist, wie menschlich kann dann eine Gesellschaft, die auf diesen zentralen Grundfesten basiert, noch sein? Molander scheut sich darüber hinaus nicht, eine weitgehende ökonomische Freiheit als Gefahr für die Demokratie zu definieren und spricht zentrale Dogmen an, denen weite Teile der Gesellschaft anhängen, die aber auch durch beständige Wiederholung nichts an Wahrheitsgehalt gewinnen: beispielsweise, dass individuelle Fähigkeiten und bewusste Anstrengungen zwangsläufig zu materieller Unabhängigkeit oder gar Vermögen führen würden / könnten …

 

Molander greift in diesem Buch eine Vielfalt von Themen auf, zeichnet ein ebenso facettenreiches wie tiefgründiges Bild europäischer Gesellschaftsgeschichte und stellt folgerichtig eine Vielzahl dringlicher Fragen – komplexe Zusammenhänge, die der Klappentext des Buches wie folgt skizziert: Die Ideale der Aufklärung werden oft in der Parole der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, zusammengefasst. Dieser Wortlaut kommt uns heute ein wenig unzeitgemäß vor. „Freiheit“ ist von der politischen Rechten beschlagnahmt und wird in diesen Kreisen zumeist auf „ökonomische Freiheit“ reduziert. „Brüderlichkeit“ schließt die weibliche Hälfte der Bevölkerung aus. Eine modernisierte Version der Parole wäre „Rationalität, Gleichheit, Demokratie“. „Rationalität“ bezeichnet das Recht, im Prinzip alles in Frage zu stellen – philosophische und religiöse Dogmen, gesellschaftliche Institutionen -, und bewahrt damit die breitere Bedeutung des Freiheitsbegriffes. „Demokratie“ umfasst im weiteren Sinne allgemeine und gleiche Wahlen, Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichstellung von Frauen und Männern, Freiheit der Presse und andere Aspekte der liberalen Demokratie. Wenn wir diese Definition als Ausgangspunkt nehmen, wie steht es dann heute um die Ideale der Aufklärung?

 

Der Autor, Mathematiker und anerkannter Verteilungsexperte aus Schweden, sieht Staat und Demokratie heute massiv unter Beschuss und weist auf den eklatanten Mangel an Bildung hin, der Grundvoraussetzung einer funktionierenden Demokratie. Und differenziert auch hier zwischen gegenwärtiger plakativer Diskussionskultur und gesellschaftsimmanenten Notwendigkeiten: „Die kritische Einstellung war es ja, die Spinoza, Condorcet und Kant als wichtigsten Wesenszug der Aufklärung sahen, aber eine aufgeklärte, kritische Grundhaltung setzt Wissen voraus. Faktenresistenz und die Filterblasen des Populismus sind so etwas wie die kritische Haltung des kleinen Mannes. Alle Fakten zu leugnen, die nicht mit den eigenen verfestigten Vorstellungen übereinstimmen, ist eine einfache und wirksame Methode, mentale Stabilität zu erreichen, und wird als Strategie übrigens auch in Kreisen angewandt, die man nicht als populistisch klassifiziert.“

Obwohl Molanders Gedanken sich auch als eindeutige politische Botschaft einordnen lassen, bleibt die Basis seiner Überlegungen und Schlussfolgerungen stets die Wissenschaft –Wissenschaft, die auch die aktuellen politischen Entscheidungen maßgeblich mitbestimmt.  Noch scheint es zu früh, darauf zu hoffen, dass diese Entwicklung sich auch in den Jahren nach der Corona-Krise fortsetzen wird – wenngleich es den unverzichtbaren, auch verfassungsrechtlich gesicherten Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft entsprechen würde. „Die alte sozialdemokratische Idee, die Bevölkerung zur Bejahung von Internationalisierung und Strukturwandel zu bewegen, indem man das Netz der sozialen Sicherung ausbaut, (…), wird demnach durch die Forschung bestätigt.“

 

Die schonungslose Analyse des großen Irrtums der europäischen Aufklärung durch den Berater u.a. der Europäischen Kommission und Sozialexperten ist durchaus desillusionierend, enthält aber gleichzeitig einen der größten gesellschaftspolitischen Aufträge für die Ära nach Covid-19: „Für Condorcet war die Bildung ein zentrales Element für die gesamte Entwicklung der Gesellschaft und für die Verwirklichung seiner Vorstellung von Demokratie. Diese Erkenntnis war richtig. Sein Irrtum bestand darin, dass er die Anstrengungen unterschätzte, die unternommen werden müssen, um die Bevölkerung dauerhaft auf das Wissensniveau zu heben, das die Demokratie braucht, um gut zu funktionieren. Politikwissenschaftler veröffentlichen immer wieder besorgte Analysen zur allgemeinen Unwissenheit in zentralen politischen Fragen und der damit verbundenen Bedrohung durch die Demokratie.“ … Ein mehr als lesenswerter Titel!

 

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5. Februar 2021

Markus Hengstschläger: Die Lösungsbegabung. Gene sind nur unser Werkzeug, die Nuss knacken wir selbst!

Ecowin, Salzburg 2021. ISBN 978-3-7110-0279-2

 

Markus Hengstschläger, einer der renommiertesten Wissenschaftler Österreichs, ist eigentlich Genetiker. Er wirkte u.a. an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien. Er unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor – und spannt den thematischen Rahmen dabei weit über sein angestammtes Fachgebiet hinaus. Hengstschläger steht sowohl in seinen Vorträgen als auch in seinen Büchern für angewandtes Wissen und transportiert die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung dorthin, wo sie gebraucht werden und wirksam sein können. Ausgehend von dem aktuellen Wissen der Genetik setzt er sich dabei mit einem breiten gesellschaftsrelevanten Themenspektrum auseinander und gibt mit seinem soeben erschienenen Buch sozusagen eine naturwissenschaftlich basierte Gebrauchsanleitung, der Zukunft lösungsorientiert zu begegnen und das eigene Leben sinnvoll zu meistern. „Die Lösungsbegabung“ definiert Hengstschläger als ein Zusammenspiel verschiedener menschlicher Verhaltensweisen und Herangehensweisen, für deren Entfaltung die Gene nur ein Werkzeug sind, eines unter vielen. Facettenreich beschreibt der Autor die Idealmischung gerichteten und ungerichteten Handelns, um ebenso für die vorhersehbare wie für die unvorhersehbare Zukunft gerüstet zu sein – und orientiert sich dabei nicht zuletzt an den psychologischen Grundgesetzen der maslowschen Bedürfnispyramide, wenn er für ein Lebenskonzept eintritt, das er als „Mut aus Sicherheit“ beschreibt: ein Konzept, dessen Anwendung in Bildung und Forschung, in der Unternehmenskultur und im Privatleben, in der Medizin und im persönlichen Weltbild jedes Individuums Möglichkeiten kreiert, die eigenen und die gesellschaftlichen Potenziale auszuschöpfen, um die Zukunft kreativ zu gestalten und ihr lösungsorientiert zu begegnen. Kreativitätsprozesse und Bildung nehmen dabei einen weiten Raum in der Argumentation des Wissenschaftlers ein, der u.a. den Thinktank Academia Superior leitet, stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission ist, zehn Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung war und Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität ist.

In einer Welt, die sich immer schneller verändert und die die Menschheit vor immer umfassendere Probleme stellt, wie der Klimawandel, die Digitalisierung, der politische Populismus und nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie zeigen, müssen die Probleme jetzt angegangen werden, und dazu ist die Mitarbeit, die Kreativität und die Lösungsbegabung jedes einzelnen gefragt. Hengstschläger entwickelt Strategien, die es ermöglichen, Mut aus Sicherheit zu schöpfen und damit die Basis für jene Kreativität zu legen, die es braucht, um auch auf die unvorhersehbaren Aspekte der Zukunft vorbereitet zu sein.

Hengstschläger weiß, dass die Entfaltung von Kreativität und das ungerichtete Denken neuer Ziele und Möglichkeiten ein Höchstmaß individueller Freiheit voraussetzen – um gleichzeitig nicht zuletzt angesichts aktueller gesellschaftlicher Strömungen vehement einen Freiheitsbegriff zu definieren, demzufolge Freiheit keineswegs bedeutet, zu tun, was man will. Mit Verweis auf die berühmt gewordene „Rede über die Freiheit“ des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck mahnt er zugleich Verantwortung ein: „Die Freiheit des Individuums als Grundelement des in der Aufklärung wurzelnden Liberalismus kann eben nur so weit gehen, wie sie nicht die Freiheit anderer oder gar das Überleben des Planeten gefährdet.“ Hengstschläger betont wie seit Jahren so auch in „Die Lösungsbegabung“, dass „mit Freiheit und Autonomie Pflichten verbunden“ und zeigt die Unverzichtbarkeit bildungs- und gesellschaftspolitischer Notwendigkeiten auf, um ein Umfeld zu schaffen, in dem die Lösungsbegabung jedes Einzelnen zum unverzichtbaren Teil einer universellen Zukunftsbewältigung wird.

 

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12. Jänner 2021

Johannes Gutmann, Robert Rogner, Josef Zotter: Eine neue Wirtschaft. Zurück zum Sinn

edition a, Wien 2020. ISBN 978-3-99001-419-6

 

Drei Autoren – drei renommierte österreichische Unternehmer: Johannes Gutmann, Robert Rogner und Josef Zotter skizzieren in ihrem gemeinsamen Buch „Eine neue Wirtschaft. Zurück zum Sinn“ Lösungsansätze und Wege aus einer vielfältig wahrgenommenen und in weiten Teilen der Gesellschaft unumstrittenen Sinnkrise des dominierenden wirtschaftlichen Denkens und Handelns. Bei manchen ist es nur ein Gefühl, für andere liegt es auf der Hand: Irgendetwas scheint mit unserer Wirtschaft nicht zu stimmen. Sie macht wenige Reiche immer reicher, während sie den Rest der Menschheit unter wachsenden Druck setzt. Sie fördert Pandemien und zerstört den Planeten.

Gutmann, Rogner und Zotter haben für ihre eigene unternehmerische Tätigkeit längst Alternativen gefunden, und ihre Biographien unterscheiden sich durchaus vom klassischen Unternehmertum: Johannes Gutmann gründete 1988 das Unternehmen SONNENTOR, das auf die Herstellung und Vermarktung von Kräutern, Tees und Gewürzen aus biologischem Anbau spezialisiert ist und heute als Vorzeigeunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit und direktem Handel gilt. Robert Rogner leitete zehn Jahre lang das Rogner-Bad Blumau in der Steiermark, dessen Miteigentümer er war. Seit 2011 wirkt er als Vorstand des Institutes für Beziehungsethik, das sich mit der Sinnfindung von Unternehmen befasst. Josef Zotter ist Unternehmer und Chocolatier. 1987 gründete er das Zotter-Familienunternehmen, aus dem 1999 die weltberühmte Zotter Schokoladen Manufaktur entstand.

Ihr unternehmerisches Denken entspricht dabei keineswegs dem noch vorherrschenden Mainstream, sondern Gutmann, Rogner und Zotter zeigen Alternativen auf, bieten Hilfestellung, die notwendigen und richtigen Fragen zu stellen, und skizzieren mit ihrem ebenso visionären wie inspirierenden Denken Inhalte, aus denen heraus in jedem Einzelnen von uns eine neue Wirtschaft entstehen kann. Die Autoren zeigen zum einen mit ihren eigenen Biographien, zum anderen aber vor allem auch auf der Basis einer ganzheitlich geprägten Weltsicht, wie das eigene Denken, die eigene Überzeugung und das daraus erwachsende Selbstbewusstsein den Weg weisen können, in einer individuell erfolgreichen und gesellschaftlich wertvollen Art und Weise am Wirtschaftsleben teilzunehmen: als Mensch mit individuellen Stärken für andere Menschen mit eigenen individuellen Stärken, die einander ergänzen und letztlich fernab aufgeblähter Systeme real und im direkten Umfeld ihre Umsetzung finden. Gemeinsam appellieren die Autoren an ihre Leser und Leserinnen, zu einer bewussten Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zurückzufinden, und lenken den Blick dabei immer wieder auf die Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins. Den Sinn des eigenen Lebens zu erkennen und letztlich zu leben, wird hier zum Urgrund sozialen und wirtschaftlichen Handelns, bei dem nicht mehr Reichtum und Konsum die entscheidenden Messwerte darstellen, sondern ein selbstbestimmtes sowie von Würde erfülltes und geprägtes Leben. Der Mut zu Neuem und das Selbstbewusstsein, dem eigenen inneren Auftrag zu folgen, sind die entscheidenden Voraussetzungen, ein überholtes und in seiner Endzeit befindliches System zu erneuern und mit einer zukunftsweisenden Sinnhaftigkeit zu erfüllen. Wie das geht? „Wenn wir eines Tages nach Hause kommen mit dem Gefühl einen erfüllten Tag erlebt zu haben, können wir diesem Gefühl nachspüren und herausfinden, wo es seinen Anfang genommen hat. Wenn uns unerwartet etwas wundervolles passiert, können wir uns überlegen, was wir getan haben, um diesen scheinbaren Zufall zu ermöglichen. Wir müssen uns nur darauf einlassen, unsere Wirkung auf die Umwelt bis in die kleinsten Sätze, Worte, Gesten und Zeichen hinein zu beobachten und müssen mutig sein für Neues.“ So einfach scheint der Weg in eine künftige Gesellschaft, in der die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns ein Bewusstsein dafür schafft, nicht arbeiten zu müssen, sondern zu dürfen … und so einfach könnte er tatsächlich sein, wenn es gelingt, die kraftvolle Inspiration, die von den Gedanken der drei Autoren ausgeht, mit eigenen, individuellen Inhalten zu füllen ...

 

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10. Jänner 2021

Barbara Prainsack: Vom Wert des Menschen. Warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen.

Brandstätter Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-7106-0464-5

 

Im Umfeld der Covid-19-Krise ist das bedingungslose Grundeinkommen zu einem der viel diskutierten Themen unserer Zeit geworden – angesichts der realen Lebenssituation vieler Menschen erstmals unter vollkommen neuen Voraussetzungen. Dabei stoßen ideologisch begründete konträre Meinungen aufeinander: von der Überzeugung absoluter Notwendigkeit bis hin zur rigorosen Ablehnung – meist ungeachtet zahlreicher Stellungnahmen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Wissenschaft zu dieser Thematik, denn ein bedingungsloses Grundeinkommen ist mehr als eine wirtschaftspolitische Frage: Es ist der Schlüssel zu einem würdevollen Leben – unabhängig vom bezifferten Wert, den die Gesellschaft bereit ist, einem Menschen zuzugestehen, und mit weitreichenden positiven Folgen für das Wohlergehen der Gesellschaft und des einzelnen Individuums. 

„Vom Wert des Menschen“ von Barbara Prainsack ist eine ebenso ausführliche wie facettenreiche dialektische Auseinandersetzung mit der Thematik. Die Autorin, international renommierte Expertin für Technologiepolitik, erklärt verständlich zentrale Begriffe, deckt falsche Argumente auf und erhellt, wie die Umsetzung in Österreich, Deutschland und Europa gelingen kann. Ein Leitfaden für das Sozialsystem von morgen, bei dem eine Frage im Mittelpunkt steht: Wie viel ist der Mensch in Zeiten der Digitalisierung und tiefgreifender Umbrüche noch wert? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, stellt Barbara Prainsack die Sichtweise ganz unterschiedlicher Menschen aus den verschiedensten Gebieten dar. So entsteht schnell ein umfassender Überblick über die Vielzahl der Argumente und Meinungen, die die Autorin zugleich in einen größeren gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Kontext stellt. Dabei zeigt sich immer wieder – genauso wie in so vielen anderen Problembereichen unserer Zeit, dass die Wissenschaft der vorherrschenden gesellschaftlichen Meinung teils diametral entgegensteht. Es sind weitreichende Gedanken, die zum einen ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten, und die darüber hinaus echte Lösungsansätze für einige der größten Herausforderungen unserer Zeit bieten: „Ein Grundeinkommen würde also nicht nur die Möglichkeiten der sozialen und politischen Teilhabe erhöhen, sondern es wäre eine Art Pauschal-Abgeltung für jene Tätigkeiten, die Menschen zum Funktionieren unserer Gesellschaft beitragen“, schreibt die international ausgewiesene Expertin für Gesundheits-, Wissenschafts- und Technologiepolitik und verweist damit indirekt u.a. auf frauen- und familienpolitische Fragen und Probleme. Darüber hinaus spricht sie von einer neuen „Sinn-Ökonomie“, wenn sie die Thesen des amerikanischen Unternehmers Aaron Hurst wiedergibt: „Nun gebe es eine neue Triebfeder: die Suche nach Sinn und Selbstverwirklichung. Wenn die Grundbedürfnisse der Menschen erst befriedigt seien, argumentiert der Autor, ginge es vielen nicht mehr um ein höheres Gehalt oder um ein paar Tage mehr Urlaub. Es gehe darum, etwas Sinnvolles zu tun, um idealerweise die Welt ein kleines Stück besser zu machen.“ Sinnfragen versus Konsumrausch …

Barbara Prainsack ist Professorin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien und lehrte zuvor am King’s College in London. Zudem berät sie die europäische Kommission zu ethischen Fragen neuer Technologien und ist u.a. Mitglied der Academia Europaea. Für die renommierte Wissenschaftlerin ist ein solidarisch motiviertes, bedingungsloses und universelles Grundeinkommen „ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung von Armut, Unfreiheit und Ungerechtigkeit, die aus wirtschaftlichen Erwägungen toleriert werden und die aufgrund der Corona-Krise endlich ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt sind.“

 

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5. Jänner 2021

Heide Schmidt: Ich seh das so. Warum Freiheit, Feminismus und Demokratie nicht verhandelbar sind

Brandstätter Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-7106-0485-0

 

An vielen Stellen überraschend und inspirierend, an manchen zum Innehalten anregend und zum Widerspruch herausfordernd, aber immer kompromisslos und konsequent in der Argumentation: Das ist das neue Buch der Juristin und ehemaligen Politikerin Heide Schmidt, die über Jahre hinweg den Liberalismus in Österreich prägte und die innenpolitischen Diskussionen maßgeblich mitgestaltet hat. Nachdenklich und persönlich erzählt die Autorin aus ihrem Leben und thematisiert vor allem die großen Herausforderungen unserer Zeit: den Umgang mit den Menschen, die zu uns kommen, die Klimakrise, die Folgen der Corona-Pandemie, die Bildung unserer Kinder, das Erstarken des Populismus, die Angriffe auf den Rechtsstaat. „Ich seh das so“ ist ein überzeugtes Plädoyer für Feminismus und für ein bedingungsloses Grundeinkommen, vor allem aber Zeugnis einer leidenschaftlichen Demokratin, die die Grundprinzipien und Mechanismen dieser Staatsform nicht nur zu Recht verteidigt, sondern gleichzeitig über alles stellt. In der aktuellen Krise stellt sich dabei allerdings tatsächlich die Frage, ob und wo auch hier die Grenzen liegen. Stehen fundamentale demokratische Rechte wirklich über dem unverhandelbaren Wert des Lebens? Hat nicht hinter dem LEBEN schlicht ALLES zurückzustehen, weil Leben die ethische und reale Grundlage jeder Staatsform ist? Auch die zentrale Bedeutung dieser Fragen hat sich während der Corona-Krise aktuell wie im Brennglas offenbart. Heide Schmidt fasst den Mechanismus demokratischer Entscheidungsprozesse treffend zusammen und richtet den Blick sogleich auf ein Ideal, von dem die Gegenwart seit Jahrzehnten unverändert weit entfernt scheint: „Dabei wäre alles leicht kommunizierbar, würden Entscheidungsprozesse ehrlicher und transparenter ablaufen, würde die Politik nicht – mit heftiger Unterstützung der Medien – als Match des Gewinnens und Verlierens inszeniert werden, sondern als das verhandelnde Ringen um Ergebnisse.“ Verhandelndes Ringen, ja! – bis zu der einen alles entscheidenden Grenze: der Unverhandelbarkeit des Werts des Lebens … und bis hin zu der sich anschließenden Frage, auf welcher Basis dieses Ringen geschieht und wie demokratische Entscheidungen getroffen werden. Freilich, in dem Idealbild, das Heide Schmidts kritischen Überlegungen zur Gegenwart zugrundeliegt, mag diese Frage sich zu Recht nicht stellen. Aber entspricht unsere Gesellschaft tatsächlich diesem Ideal? Was braucht es, damit wir wirklich über die absolute Reife verfügen, dieses Ideal zu leben und den Gefahren einer Ochlokratie, die bereits die Antike erkannte, zu entgehen? Fragen, die heute aktueller denn je scheinen, wenn nicht einmal mehr demokratische Prozesse an sich außerhalb der Diskussion stehen. Welche Mechanismen die Demokratie braucht, um sich in letzter Konsequenz vor sich selbst zu schützen, wäre eine weitere sich anschließende Frage. Heide Schmidt endet jedenfalls mit einer versöhnlichen Botschaft der Hoffnung: „Es geht darum, nicht aufzugeben.“

 

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16. Dezember 2020

Dr. med. Alexander Kugelstadt: „DANN IST DAS WOHL PSYCHOSOMATISCH!". Wenn Körper und Seele SOS senden und die Ärzte einfach nichts finden.

Mosaik Verlag, München 2020. ISBN 978-3-442-39358-9

 

Atemnot, chronische Verdauungsprobleme, Depressionen – das sind nur einige der vielfältigen Symptome, deren Ursache trotz intensiver medizinischer Diagnostik oft ungeklärt bleibt. Menschen fühlen sich krank und wissen, dass irgendetwas in ihrem Organismus nicht stimmt – der Arzt des Vertrauens und oftmals viele weitere Fachärzte können aber keinerlei körperliche Ursache für die Beschwerden finden. Das Herz rast – aber mehrere Kardiologen bestätigen übereinstimmend, dass das Herz gesund ist. Dabei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, sondern um einen beträchtlichen Anteil an Patienten. Was tun? In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für mögliche psychosomatische Erkrankungen, die hinter derartigen Symptomen stehen, deutlich gestiegen, und die Medizin verfügt im psychotherapeutischen Bereich heute über zahlreiche evidenzbasierte Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen und gemeinsam einen Weg zurück zu Gesundheit von Psyche und Körper zu finden. Hinsichtlich der Selbstverständlichkeit, mit der Patienten dieses Angebot annehmen und mit der die Gesellschaft auf diese Thematik reagiert, besteht zweifellos noch Handlungsbedarf. Hier setzt das neue Buch von Dr. med. Alexander Kugelstadt an: In „Dann ist das wohl psychosomatisch!“ zeichnet der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein umfassendes Bild der Situation, wenn kein Arzt eine Ursache für die Schmerzen und Symptome des Patienten finden kann, und skizziert die vielfältigen Lösungsmöglichkeiten, mit denen die moderne Medizin psychosomatischen Krankheitsbildern heute begegnet. Bodenständig und praxisnah informiert der Mediziner, der mehrere Jahre an der Berliner Charité arbeitete und heute am Institut für psychogene Erkrankungen der AOK in Berlin tätig ist, über die möglicherweise psychischen Ursachen körperlicher Symptome. „Das Vorgehen in der psychosomatischen Medizin ist immer ein Spagat: auf der einen Seite Linderung zu verschaffen, auf der anderen Seite Symptome zu verstehen und Erklärungen aus dem Unbewussten zu heben.“ So fasst der renommierte Mediziner die Herausforderungen seines Fachs zusammen, dem er das Potenzial einer „Beziehungsmedizin“ zuspricht, die sich in der klinischen Atmosphäre anderer medizinischer Fachgebiete nur schwer entfalten kann. In einer leicht lesbaren und allgemein verständlichen Sprache verbindet er dabei immer wieder medizinische Fakten mit gesellschaftlichen Realitäten, vor allem aber erklärt er die Zusammenhänge der unterschiedlichen Ebenen und Regelsysteme des Organismus und warum psychosomatische Erkrankungen keine Sackgasse sein müssen. Mit kleinen Erste-Hilfe-Tipps für die alltägliche Problemsituation ist das Buch ebenso ein wertvoller Ratgeber wie mit einem profunden Einblick in die psychotherapeutische Praxis. Kugelstadt schildert den Ablauf einer Therapie und spricht über die bedingungslos notwendige Kooperation von Arzt und Patient und das besondere Verhältnis im Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Distanz, das einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren der Psychotherapie ist. „Dann ist das wohl psychosomatisch“ ist ein vertrauensschaffender Wegweiser für eine erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung und darüber hinaus ein Plädoyer für ein medizinisches Fachgebiet, das seine Randposition längst verlassen hat und das zunehmend in den Fokus ärztlichen Handelns rückt. Darüber hinaus leistet das Buch einen Beitrag dazu, psychischen Erkrankungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung die Relevanz zukommen zu lassen, die ihr Krankheitswert verlangt, um betroffenen Patienten die unerlässliche Hilfe zukommen zu lassen und das Gesundheitssystem nachfolgend durch eine Verringerung von Folgeschäden zu entlasten.

 

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25. November 2020

FLORIAN AIGNER: DIE SCHWERKRAFT IST KEIN BAUCHGEFÜHL. EINE LIEBESERKLÄRUNG AN DIE WISSENSCHAFT

Brandstätter Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-7106-0467-6

 

„100% frei von Unsinn, Aberglauben und Fake News“ – In seiner Liebeserklärung an die Wissenschaft hält Florian Aigner, was er verspricht: „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ ist vermutlich eines der aktuellsten und wichtigsten Bücher des Jahres 2020, in dem uns neben Covid-19 insbesondere die in einigen Teilen der Gesellschaft verbreitete Mischung aus esoterischem Aberglauben, pseudowissenschaftlichem Geplapper und lauthals propagierten Erkenntnissen tausender Hobby-Virologen (manchmal auch echter Virologen, die den Pfad wissenschaftlicher Best Practice verlassen haben) nahezu täglich fassungslos macht. In seinem neuen Buch lädt der Physiker und Wissenschaftspublizist Florian Aigner seine Leser auf eine spannende Reise in die Welt der Wissenschaft ein: Stets humorvoll und unterhaltsam berichtet er von den großen Sternstunden der älteren und jüngeren Wissenschaftsgeschichte, von den großen Erkenntnissen, die uns erst das Leben ermöglichen, das wir leben möchten, von den Herausforderungen, wissenschaftliche Thesen zu beweisen und gleichzeitig immer wieder kritisch zu hinterfragen. Spannend und brandaktuell der Einblick in wissenschaftsphilosophische Fragen, wenn Aigner konsequent erklärt, wie und wann evidenzbasierte Kritik angebracht, erwünscht und notwendig ist und wie sie sich demzufolge von wertlosem Unfug unterscheidet. Umfassend beschreibt der Autor, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert, spricht von ihren Möglichkeiten und Grenzen, von dem steten Fluss, in dem sich der evidenzbasierte Erkenntnisgewinn befindet und gerade durch die Veränderungen, die neue Erkenntnisse bewirken, seinen Wert findet.

Wer dies Buch gelesen und verstanden hat, ist gegen pseudowissenschaftlichen Schwachsinn immun – wer es nicht verstanden hat, sollte sich u.a. auch nicht anmaßen, über die wissenschaftlichen Grundlagen der aktuellen Krisenbewältigung mitdiskutieren zu wollen. Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage nach dem Schutz der Demokratie vor sich selbst: Wenn das hohe Gut der Meinungsfreiheit zur Legitimation eines Rechts auf eigene Fakten verkommt, befindet sich ein derart ausgehöhltes Demokratieverständnis in der Rolle rückwärts unterwegs Richtung Mittelalter ...

Insofern ist Aigners Werk über seinen unmittelbaren Inhalt hinaus ein Plädoyer für die Grundlagen einer funktionierenden Demokratie, denn „manche Meinungen sind fundiert und durch überprüfbare Fakten belegbar, manche Meinungen sind bloß ein vages Gefühl und manche Meinungen sind nichts als faktenverachtender Unsinn. Demokratie kann nur funktionieren, wenn wir zwischen diesen Kategorien unterscheiden. Dafür brauchen wir die Wissenschaft.“ Aigner zeichnet denn auch in weiten Teilen sehr bewusst ein menschheitsverbindendes Bild der Wissenschaft und stellt dabei insbesondere die Mathematik als die „Wissenschaft des Denkmöglichen“ in den Mittelpunkt. Ähnlich wie die Musik zeichnet er die Mathematik als die Wissenschaft, die keiner weiteren Sprache oder Definitionen bedarf, die allgemein verständlich und kulturübergreifend gültig ist. Mathematische Aussagen stehen außerhalb jeglicher politischer und ideologischer Diskussionen.

Wissenschaftsphilosophisch skizziert Aigner die Grundregeln logischen Denkens, die weit über den wissenschaftlichen Kontext hinaus allgemein verbindliche Lebensgrundlage sind. (Oder müssen wir heute bereits sagen „sein sollten“?) Der Physiker spricht über die Bedeutung des Messens und der Messbarkeit, über die eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit des Individuums, über die innere Logik und die Ansprüche der Wissenschaft an sich selbst. Dass die Homöopathie sich als degenerative Theorie dabei sozusagen selbst als gescheitert erklärt, erscheint angesichts des thematischen Füllhorns, das Aigner seinen Lesern offenbart, nur als kleines Detail am Rande.

In all diesen Themenbereichen stellt sich die Frage, wann wir endlich bereit sind, die gesellschaftlichen Konsequenzen zu ziehen. Am Ende plädiert der Autor denn auch entsprechend seiner umfassenden Arbeit als einer der großen Wissenschaftspublizisten unserer Zeit vehement dafür, wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um wirklich jede(n) an der weltumspannenden Arbeit der Wissenschaft teilhaben zu lassen. Zweifellos hat die Gesellschaft ein Recht darauf – aber ob es ausreicht in einer Welt, der es ganz offensichtlich nicht nur an einer uneingeschränkten und ausnahmslosen Akzeptanz von evidenzbasiertem Wissen mangelt, sondern zunehmend an einer noch weit tiefer liegenden und im menschlichen Sein verankerten – oder doch nicht so fest verankerten (?) – moralischen Integrität? Wissenschaft und Ethik sind die Eckpfeiler unserer Existenz. Werden diese Grundlagen negiert, ist unsere Existenz bedroht. Aigner leistet mit seinem neuen Buch einen wesentlichen Beitrag dazu, diese Formel im Bewusstsein zu stärken und unwiderruflich zu verankern. Die Lektüre ist ein MUSS im Jahr 2020!

 

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8. Oktober 2020

Sebastian Bohrn Mena: Besser essen. Wie wir über unseren Teller die Welt gestalten. Mit einem Vorwort von Jane Goodall

Goldegg Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-99060-179-2

 

Was wir auf unserem Teller haben, entscheidet mit über die Entwicklung der Welt. Sebastian Bohrn Mena, Ökonom und Publizist, der sich für Menschenrechte, Naturschutz und Tierwohl engagiert, ist insbesondere als Initiator des österreichischen Tierschutzvolksbegehrens einer großen Öffentlichkeit bekannt. Erst vor wenigen Tagen wurde ihm die Albert Schweitzer Medaille für humanitäre Verdienste verliehen. In seinem aktuellen Buch bietet er eine neue Perspektive für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Tieren und unserer Umwelt und macht Zusammenhänge sichtbar, die im gesellschaftlichen Alltag nicht unbedingt präsent sind. „Wenn wir im Restaurant ein Steak unbekannter Herkunft essen, essen wir auch den brandgerodeten Regenwald, das genmanipulierte Kraftfutter und das Leid der Tiere“, schreibt Bohrn Mena, der seinem eigenen Anspruch, den Leser zu informieren und dabei gleichzeitig verbindend zu wirken, durchgehend gerecht wird. Seiner Intention, Feindbilder zu überwinden und Brücken zu bauen, wird der Autor vollends gerecht, wenn er ein ungeschminktes Bild der realen bäuerlichen Existenz zeichnet und das enge Geflecht wirtschaftlicher Zusammenhänge beschreibt. Dabei bietet das Buch eine argumentationsreiche und umfassende Grundlage für selbstbestimmte Entscheidungen des Konsumenten, um letztlich zu einer packenden Vision eines umfassenden Wandels hin zu einer ökologisch-solidarischen Gesellschaft und einem leidenschaftlichen Appell, diesen unser Überleben sichernden Wandel GEMEINSAM zu vollziehen – fernab jeder ideologischen Parteipolitik als reife Zivilgesellschaft.

Sebastian Bohrn Mena zeigt, dass das unbewusste Konsumieren Kosten nach sich zieht, die Schäden an Tieren, Umwelt und Klima, den Niedergang der kleinbäuerlichen heimischen Landwirtschaft und die Verödung ländlicher Gebiete umfassen. „Für den Profit weniger Großkonzerne zahlen viele Menschen, Tiere und die Umwelt. Alles wird dem unbegrenzten Wirtschaftswachstum untergeordnet. Wenn wir noch länger die Augen vor dieser ungerechten Kostenaufteilung verschließen, wird die Last für unsere Nachkommen umso größer – doch wenn wir den Mut aufbringen, hinzusehen, können wir jetzt etwas dagegen unternehmen. Bohrn Mena appelliert an unsere Solidarität und macht klar: Als Individuum und im Kollektiv haben wir Macht, zu verändern und zu gestalten“, ist Bohrn Mena überzeugt. „Unsere Ernährung können wir in einer globalisierten und digitalisierten Welt unmittelbar steuern und entscheiden damit mit über die Entwicklung der Welt. Transparenz über Herkunft und Geschichte der Waren befähigt uns als mündige Konsumenten bewusste Kaufentscheidungen treffen. Mit vielen kleinen bewussten Handlungen können wir einen Beitrag zu einer anderen Welt leisten. Denn menschengemachte Probleme können vom Menschen gestoppt werden.“

Sebastian Bohrn Mena stellt in seinen Argumentationen viele einzelne Probleme in einen großen substantiellen Zusammenhang: in einer Sprache, die leicht zu lesen ist, mit wohldosierten Hintergrundinformationen, die das Gesagte belegen, ohne in eine wissenschaftliche Abhandlung zu rutschen. Dazu ist das Buch persönlich, feinsinnig und empathisch. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, schildert der Autor Momente des persönlichen Erlebens, betont den bedeutsamen Wert der eigenen unmittelbaren Erfahrungswelt, die das zu wecken vermag, was wirklich notwendig ist: MitGEFÜHL! Wir brauchen kein MitLEID, hervorgerufen durch abertausende Schocknachrichten in den (sozialen) Medien, sondern MitGEFÜHL mit der Natur und unseren Mitgeschöpfen. Dieses Mitgefühl entsteht, wenn wir mit anderen Lebewesen in Berührung kommen und die daraus entstehenden Empfindungen zulassen. „Es ist diese Form der Erfahrung, die zu einer inneren Veränderung führt“, ist Bohrn Mena überzeugt und appelliert, diese Veränderungen in uns über alle ideologischen und parteipolitischen Grenzen hinweg in die Welt zu tragen. „Danke, Sebastian, dass Sie dieses Buch geschrieben haben“ sagt denn auch niemand geringerer als die Forscherin und UN-Friedensbotschafterin Jane Goodall, deren Geleitwort am Beginn dieser inspirierenden Lektüre steht.

  

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28. September 2020

Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens.

Goldmann Verlag, München 2020. ISBN: 978-3-442-31561-1

 

Mit Richard David Precht widmet sich einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit einem der wichtigsten Themen für die Zukunft der Menschheit. In seinem aktuellen Buch mahnt der Vordenker, wahrscheinlich der einzige, der gegenwärtig dem klassischen Bild des Philosophen als Universalgelehrten entspricht, dass es angesichts des Tempos, mit dem der Einsatz künstlicher Intelligenz unsere Welt verändert, „höchste Zeit“ ist, „darüber nachzudenken, was Maschinen erlaubt sein darf – und was auf keinen Fall!“

Während die drohende Klimakatastrophe und der enorme Ressourcenverbrauch der Menschheit den Planeten zerstört, machen sich Informatiker und Ingenieure daran, die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz voranzutreiben, die alles das können soll, was wir Menschen auch können – nur vielfach »optimierter«. Ausgehend von völlig falschen Annahmen soll den Maschinen sogar eine menschenähnliche Moral einprogrammiert werden. Richard David Precht macht uns eindringlich klar, dass das nicht möglich ist. Denn unser Leben besteht nicht aus der Abfolge vorausberechneter Schritte. Wir sind viel mehr als das.

Dabei setzt Precht nicht nur Maßstäbe, sondern steckt das Themenfeld ab, das im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen stehen muss. Sprachlich und gedanklich feinst differenziert gelangt Precht über eine mehr oder weniger Generalabrechnung mit dem Silicon Valley zu einer eindringlichen Mahnung an die Menschheit und einem leidenschaftlichen Plädoyer für die liberale Demokratie, um letztlich konsequent die Sinnfrage menschlichen Lebens zu diskutieren. Die feinsinnige Unterscheidung zwischen Glück und Sinn, die differenzierte Argumentation, in der sprachliche Feinheiten die Gefahren vieler Entwicklungen – und vor allem jener, die sie vorantreiben – darstellen, und das bedingungs- und kompromisslose Statement, dass (menschliches) Leben nicht verrechenbar ist (im Übrigen auch eine der aktuellsten Thesen in Bezug auf die gegenwärtigen Corona-Diskussionen!), machen Prechts Essay zu einem zusammenfassenden Dokument der dringlichsten Fragen unserer Zeit, die schnell gelöst werden müssen – wenn wir sie noch als Menschen lösen wollen ...

Für Precht stehen angesichts der Entwicklungen und Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz nichts mehr und nichts weniger auf dem Spiel als die Menschenwürde: „Die perfekte, reibungslos funktionierende Logistik des Massenmords gilt uns als äußerste Form der Unmenschlichkeit. Und wenn zukünftig nicht mehr Menschen über den Lebenswert von Menschen richten, sondern Maschinen, ist der erste Grundrechtsartikel des [deutschen, Anm. d. Red.] Grundgesetzes das Papier nicht mehr wert, auf dem er steht.“

 

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8. September 2020

Marcus Wadsak: Klimawandel. Fakten gegen Fake & Fiction

Braumüller, Wien, ISBN 978-3-99100-303-8

 

Wer denkt beim Stichwort „Klimawandel“ noch an verzweifelte Eisbären auf dahinschmelzenden Eisschollen? Wir sind längst selbst davon betroffen. Hitzewellen, Dürren und sommerliche Tage im Spätherbst lassen keinen Zweifel mehr zu: Es wird immer heißer. Niemand hat diese Veränderungen unserer Umwelt genauer im Blick als der Wetterexperte Marcus Wadsak, Meteorologe sowie Radio- und Fernsehmoderator. Nach dem Studium der Meteorologie an der Universität Wien kam er zum ORF, war jahrelang Wetter-Anchor im Ö3-Wecker, moderiert seit 2004 das ZiB-Wetter und leitet seit 2012 die ORF-Wetterredaktion. 2019 wurde er zum Journalisten des Jahres in der Kategorie Wissenschaft gewählt. Er ist Gründungsmitglied von Climate without Borders.

 

Was passiert gerade mit unserem Planeten? Und vor allem: Was können wir tun, damit auch unsere Kinder und Enkel noch gut hier leben können? Dieses Buch ist eine kompakte Informationsquelle auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft – mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass ein Großteil der zitierten Daten sich spezifisch auf Österreich bezieht. Natürlich werden diese Veränderungen darüber hinaus in einen europäischen und internationalen Vergleich bzw. Kontext gestellt. Gleichzeitig erfährt der Leser, warum Österreich stärler betroffen ist als andere Teile der Welt. Ebenfalls mit aktuellem Österreich-Bezug formuliert Wadsak die Hoffnung, dass „man also endlich auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse Politik machen will“ und zeichnet einfache Handlungsmöglichkeiten in den verschiedensten Lebensbereichen auf, die jeder als seinen persönlichen Beitrag zum bestmöglichen Umgang mit dem unaufhaltsamen Klima-Veränderungen unmittelbar umsetzen kann.

 

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21. August 2020

Klaus Nüchtern, Thomas Walach (Hg.): „Unser Land. Wie wir Heimat herstellen“

Falter Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-85439-667-3

 

„Es geht darum, abseits von Sentimentalität und Abwehraggression danach zu fragen, welche Heimatangebote unser Land all jenen Menschen machen kann, die hier leben wollen.“ So erklären die Herausgeber die Intention dieses Sammelbands mit Beiträgen unterschiedlichster Autoren, die sich dem hochemotional besetzten Begriff Heimat aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. In analytischen – als herausragend sei hier stellvertretend die Analyse von Sybille Hamann erwähnt –, teils auch persönlichen Beiträgen treffen zwölf gedankliche Ansätze aufeinander, denen eine Aussage gemeinsam ist: Heimat ist nicht naturgegeben und unveränderlich, sondern etwas, das im Laufe eines Lebens aus vielerlei Aspekten der persönlichen Biographie entsteht. Eine Heimat zu haben setzt immer eine bewusste innere Einstellung und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Weltsicht voraus.

 

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9. August 2020

Dr. med. Petra Bracht, Prof. Dr. Claus Leitzmann: Klartext Ernährung. Die Antworten auf alle wichtigen Fragen. Wie Lebensmittel vorbeugen und heilen

Mosaik Verlag, München 2020. ISBN 978-3-442-39359-6

 

„Klartext Ernährung“ hält, was der Titel verspricht: Die bekannte Ernährungsmedizinerin Petra Bracht und der renommierte Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann sprechen absolut Klartext und erklären ebenso umfassend wie strukturiert und verständlich, warum eine pflanzlich basierte Ernährung das optimale Werkzeug ist, die Gesundheit des Menschen zu erhalten oder in vielen Fällen auch wieder herzustellen. Auf gut 600 Seiten teilen sie ihr medizinisches Wissen und ihre praxisorientierte Erfahrung mit ihren Lesern und Leserinnen. 600 Seiten, die vor allem auf Grund der kleingliedrigen Strukturierung des Inhalts leicht lesbar sind und die darüber hinaus auch nach der ersten Lektüre dauerhaft als umfassendes Nachschlagewerk zu speziellen Fragen dienen können.

Im ersten Teil informieren die Autoren über den Weg zu einer optimalen Ernährung, bevor sie sich im zweiten Teil einem notwendigen Basiswissen über den menschlichen Organismus, seine biologischen Mechanismen und sein Verdauungssystem widmen. Teil drei schließlich liefert detaillierte Infos zu einzelnen Lebemsmitteln und Nährstoffen. Damit bieten die Ernährungsmedizinerin und der -wissenschaftler dem Leser eine notwendige Orientierung in der Vielfalt einander oftmals widersprechender Ernährungsempfehlungen verschiedenster Quellen und leiten den Blick insbesondere auf das Potenzial einer gesunden Ernährung, den Organismus vor Krankheiten zu schützen und ein bewusstes Leben zu führen - und gleichzeitig gerade darauf eine neue Empfindung von Genuss zu schöpfen.

Petra Bracht und Claus Leitzmann räumen auf mit Ernährungstrends, die vielleicht Traditionen entsprechen oder bestimmten wirtschaftlichen Interessen dienlich sein mögen, die aber keineswegs den evolutionären Grundlagen des Menschen entsprechen und seiner Gesundheit dienen. Dabei mag manche Erkenntnis über tierische und pflanzliche Lebensmittel für den ein oder anderen überraschend sein, aber Fehlinterpretationen und Falschmeldungen gewinnen auch durch beständige Wiederholung nichts an Wahrheitsgehalt. Bracht und Leitzmann präsentieren Fakten – sachlich, informativ, wissenschaftsbasiert – und befreien die pflanzlich orientierte Ernährung damit zugleich von jeglichem überflüssigem alternativ anmutendem Ballast. Ernährung ist nicht in erster Linie eine philosophische, sondern eine biologische Frage, auf die die Natur- und Lebenswissenschaften heute mehr Antworten denn je geben können. Es sind die biologischen Grundlagen des Menschen, die eine vollwertige, pflanzliche Kost als seine optimale Ernährungsweise definieren, und es sind die Regulatorien biologischer und physikalischer Kreisläufe, die begründen, warum von dieser Form der menschlichen Ernährung alle Lebewesen und vor allem unser Planet profitieren. Das ist das Leitbild, unter dem die Autoren ihre Leser und Leserinnen in ein neues umfassendes Verstehen der Zusammenhänge begleiten. Auf der Basis von Praxis und Forschung spricht „Klartext Ernährung“ Klartext: Eine gesunde Ernährung und eine nachhaltige Lebensweise sind untrennbar miteinander verbunden und bedingen einander.

 

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15. Juli 2020

Sven Plöger: Zieht Euch warm an, es wird heiß! Den Klimawandel verstehen und aus der Krise für die Welt von morgen lernen.

Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2020. ISBN 978-3-86489-286-8

 

„Sven Plöger macht keine heiße Luft, sondern bewahrt angesichts der größten Herausforderung der Menschheit einen kühlen Kopf und seinen Humor. Der Meteorologe meines Vertrauens!“ sagt niemand geringerer als der Mediziner und Künstler Eckart von Hirschhausen über das Buch von Deutschlands bekanntesten Klima- und Wetterexperten über den Klimawandel als DIE Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Mit seiner ebenso sachlichen wie verständlichen, optimistischen wie mahnenden Betrachtung und Analyse des Klimawandels schaffte Sven Plöger es mit seinem neuen Buch auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Der Autor, der vor wenigen Wochen zudem mit dem NatureLife-Umweltpreis 2020 ausgezeichnet wurde, schreibt über die Zusammenhänge und Gründe, die zu Trockenheit, Waldschäden und Waldbränden, dann wieder zu Platzregen mit Hagel und Sturmböen führen – und deckt dabei hinsichtlich der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik immer wieder höchst stimmige Parallelen zur aktuellen Corona-Krise auf. Sven Plöger dramatisiert nicht, sondern erklärt die physikalischen Grundlagen des Klimawandels und entlässt den Leser mit der optimistischen Grundstimmung, dass das 1,5-Grad-Ziel – die Einsparung an CO2-Emissionen müssten dazu jedes Jahr so groß sein wie durch den Shutdown – absolut möglich wäre!

Der Diplom-Meteorologe zeigt in diesem Buch informativ und verständlich, wie unser Klimasystem funktioniert, skizziert Lösungsansätze, der Erderwärmung zu begegnen, und erkennt gerade die aktuelle Corona-Krise als echte Chance, die richtigen Weichen für unsere Zukunft auf diesem Planeten zu stellen. Mit Fakten und Anregungen zu diversen Themen unseres Lebensstils regt er zum Nachdenken an und skizziert dabei zugleich Wege zu einem gesünderen Leben – gesünder für uns und gesünder für unseren Planeten. Und er erklärt die menschlich-allzumenschlichen Gründe dafür, dass Veränderungen ein langer und steiniger Weg sind … Eine lohnende Lektüre – nicht zuletzt mit einem an einigen Stellen durchaus amüsanten und vor allem realitätsnahen Seitenblick auf Argumente und Kommunikationsformen der Klimawandelleugner, deren seit fast zwei Jahrzehnten immer gleichen Argumente der Autor geduldigst widerlegt und dabei gleichzeitig auf die wichtigsten Aspekte in der fachlichen und gesellschaftlichen Vermittlung dieser komplexen Thematik verweist: Nicht missionieren, sondern informieren lautet Plögers Devise – getragen von der Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema des Klimawandels Zeit braucht – und dass die Menschen auch heute absolut bereit sind, existentiellen Themen diese Zeit zu schenken, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse professionell und verständlich aufbereitet werden. Wer zu einem Thema wirklich etwas zu sagen hat, findet das Gehör der Gesellschaft – auch der Jugend, ist Sven Plöger überzeugt … und der aktuelle Erfolg seines Buchs scheint ihm dabei durchaus Recht zu geben!

 

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20. Juni 2020

Kurt Kotrschal: Sind wir Menschen noch zu retten?

Gefahren und Chancen unserer Natur

Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2020. ISBN 978-3-7017-3520-5

 

Das neue Buch von Kurt Kotrschal ist in gewisser Weise tröstlich - vor allem aber bietet es den Versuch einer Erklärung verschiedener Phänomene der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität, denen man dennoch trotz gewonnenem Metablick weiterhin unverändert mit Fassungslosigkeit begegnet. Oft genug mag man angesichts vollkommen unverständlicher, nicht nachvollziehbarer und scheinbar menschenunwürdiger Aktionen und Statements im Spektrum unserer Gesellschaft nahezu verzweifeln. Menschen sind von ihren biologischen Anlagen her vernunftbegabte Wesen, die sich ausschließlich in ihren kognitiven Fähigkeiten von anderen Säugetieren quantitativ (nicht qualitativ!) unterscheiden. Die Fähigkeiten zu reflektieren, logisch zu denken, rationale Entscheidungen zu treffen und das alles mittels Sprache hochdifferenziert zu kommunizieren, sind in der menschlichen Ausprägung einzigartig. Wie ist es nun möglich, dass ausgerechnet der Mensch mit diesen universalen biologischen Anlagen unfähig scheint, den öko-sozialen Problemen unserer Zeit angemessen zu begegnen und in einem allgemeinen Konsens Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und nachfolgend zu leben? Das neue Buch von Kurt Kotrschal beschreibt exakt diese Diskrepanz: „Tatsächlich steht der stammesgeschichtlich einzigartige geistige Höhenflug des Homo sapiens in einem absurd paradoxen Kontrast dazu, wie Menschen im Alltag funktionieren, was ihnen wichtig zu sein scheint. Ihr allzu oft irrational scheinendes Verhalten verursacht buchstäblich alle Probleme und Traumata von Mensch und Biosphäre. So kenne ich selbst Naturwissenschaftler, die Kupferarmbänder tragen, Horoskope lesen und homöopathische Globuli schlucken. (…) Menschen fällt es offenbar schwer, ihrer Ratio zu vertrauen, sie neigen stark zum Irrationalen.“

Die Begründung für diesen der menschlichen Natur offensichtlich immanenten tragischen Konflikt findet der Biologe in den evolutionären Wurzeln des Menschen und definiert den Menschen mit Blick auf die Stammesgeschichte einerseits als hochsoziales Wesen, das andererseits egoistisch seinen eigenen Vorteil wahren muss. Die vorrangige Aufgabe der Politik erkennt Kotrschal, 2010 als „Wissenschaftler des Jahres“ ausgezeichnet, in der Schaffung eines gesellschaftlichen Umfelds, das in der Lage ist, diese Gegensätze weitgehend zu entschärfen und gelangt in einer reichen, interdisziplinären Argumentationskette zu einem eindringlichen, gesellschaftspolitischen Plädoyer für die liberale Demokratie. Auf Basis des Wissens um die menschliche Natur ist sich Kurt Kotrschal sicher: Nur eine liberale Demokratie mit breiter Partizipation, Gleichstellung der Geschlechter und starker Gemeinwohlorientierung ist in der Lage, das Überleben des Menschen und des Planeten zu gewährleisten. Weder Patriarchat noch gewaltsame autoritäre Herrschaftsformen haben genug Lösungspotential, um die zahlreichen, auch radikalen Verhaltensänderungen auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene zu fördern, die heute notwendig sind. „Es braucht eine neue faktenorientierte, ,technokratische‘ Rationalität im besten Sinn, die aus der Einsicht über das Versagen und die negativen Auswirkungen der populistischen Politik an Bedeutung gewinnen wird. Der Schlüssel dafür liegt in der Bildung für beide Geschlechter in Balance zwischen technologischen und sozialen Inhalten, vor allem aber in einer gemeinwohlorientierten, demokratischen Organisation, die ja auch für die Natur des Menschen das Optimum darstellt.“

Lesenswert für all diejenigen, die nahezu täglich fassungslos Nachrichten und Statements verfolgen, deren Geist den humanistischen Idealen der Aufklärung diametral entgegensteht …

 

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7. Juni 2020

Marcus Täuber: Gedanken als Medizin. Wie Sie mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung mentale Selbstheilung aktivieren

Goldegg Verlag, Wien 2020. ISBN 978-3-99060-152-5

 

Die aktuelle Hirnforschung zeigt, dass Gedanken medizinisch wirken. Unser Kopf ist eng mit Immunabwehr, Entzündungen, Hormonen und Muskelspannungen verdrahtet. Wir können mit unserem Denken den Verlauf chronischer Erkrankungen verändern, Demenz verhindern und unsere Lebenserwartung um Jahre steigern.

„Gedanken als Medizin“ erklärt auf Basis der Neurowissenschaft, wie unser Denken und unser Mindset den Weg zu einem gesünderen Lebens weisen können, wie wir mit der Kraft unserer Gedanken Bluthochdruck verbessern, Schmerzen reduzieren und Entzündungsreaktionen hemmen können. Wie wir mit gezielt herbeigeführter Entspannung die Stressreaktionen unseres Körpers verringern und so einen langfristigen Schutz vor vielen Erkrankungen aufbauen können ... Ein gesundes Mindset hat wenig bis nichts mit positivem Denken zu tun. Täuber erklärt, warum das Klischee vom positiven Denken allein nicht schützt, welche Wirkung unsere Überzeugung hat, die Zügel unseres Lebens selbst fest in der Hand zu haben, und wie wir selbst mit der Software unserer Gedanken die Hardware unseres Gehirns so formen und gestalten können, dass am Ende bessere Ergebnisse – für unsere Gesundheit und unser gesamtes Dasein – herauskommen.  

Dr. Marcus Täuber ist promovierter Neurobiologe, Buchautor und Lehrbeauftragter an der Universität Wien sowie der Donau Universität Krems. In „Gedanken als Medizin“ stellt er über spannende Erkenntnisse der Hirnforschung hinaus die GAM-Meditation zur mentalen Aktivierung der Selbstheilung vor und zeigt, wie jede(r) durch Entspannung, Imagination und Spiritualität einen Zugang zu mehr Gesundheit finden kann. Den Anspruch seines Buches fasst er dabei selbst so zusammen: „Wissenschaft und Spiritualität sind keine Feinde. Ohne in die Welt von Auren und Engeln abzugleiten, lässt sich über die Hirnforschung verstehen, was Selbstheilung fördert und welchen Stellenwert unsere Gedanken haben.“

 

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